Vom Sumpf in die Apokalypse: Wo Fat – The Singularity

Ab und zu trifft man auf eine Band, die aus völlig unbekannten Gründen nach zwei Jahrzehnten bei Kennern zwar Kultstatus besitzt, aber es  es nie in die oberste Riege der von Kritikern anerkannten Meister geschafft zu haben scheint.

Seit ihrem ersten Album The Gathering Dark aus dem Jahr 2006 haben sie ihr Publikum mit urwüchsiger Schwere und hypnotischen Siebziger-Jahre-Grooves in ihren Bann gezogen, die den Hörer mit gewaltigen Riffs überfallen. Durchdrungen von einem reichen Erbe an Blues und Fuzz-Glückseligkeit hat die Band scheinbar dunkle Kräfte kanalisiert, um dennoch auf zahlreiche Festivals auf der ganzen Welt geladen zu werden und ein paar Top-Ten-Platzierungen zu ergattern. Dabei bewegt sich die Band stets auf dem schmalen Grat zwischen psychedelisch angehauchtem Space-Rock und Doom-Trademarks. Sie haben ihre sumpfiges Getöse mit großen, fetten Riffs immer mit unterschiedlichen Facetten und einem geschickten Songwriting ausbalanciert, was sie zu einem großartigen Hörerlebnis macht. Im Laufe von zwei Jahrzehnten haben sie dies zu immer anspruchsvolleren musikalischen Erkundungen verfeinert, die gleichermaßen aufwühlend und beruhigend sein können, je nachdem, was man als Hörer erwartet und wie sehr man sich in die Musik hinein begibt.

Als sich Wo Fat im Jahre 2003 gründeten, war es ihre Absicht, eine erdrückend schwere Musik zu kreieren, die aber dennoch den Vorgaben von Black Sabbath, Jimi Hendrix, ZZ Top und anderen Größen der 70er Jahre folgt. Eine Musik, die den Musikern also Improvisationsfreiheit gewährt und ihnen dennoch erlaubt, monolithische, verzerrte und schwere Riffs zu spielen, während sie der bluesigen Grundstimmung treu bleiben. Das hört sich verdammt nach Doom an und es ist fast schon eine logische Konsequenz, dass die Band aus Texas stammt.

Auf die Beine gestellt wurde die Band von dem Gitarristen Kent Stump, dem Schlagzeuger Michael Walter und dem Bassisten Tim Wilson. Seit 2016 spielt den Bass allerdings Zack Busby.

Nach sechs Jahren – also einer gefühlten Ewigkeit – kommt eine der unterbewertetsten Bands der schweren Musik (ich meine, wir reden hier von heavy und nicht von schnell) mit ihrem sechsten Album The Singularity um die Ecke und hat sich im Mai dann auch an die Spitze der Doom-Charts gesetzt. Obwohl es sich nicht um ein Konzeptalbum handelt, thematisiert das Album die Befürchtung, dass zunehmende Umweltkatastrophen und der unkontrollierte technologische Fortschritt die Menschheit auf einen Wendepunkt zusteuern lassen, an dem sie die Kontrolle über ihr eigenes Schicksal verliert. Das alles wird geliefert in einem progressiven und raffinierten Klanggebräu, das noch mehr musikalische Akzente setzt als im ohnehin nicht zu verachtenden Katalog der Band.

Alle Tracks des Albums überschreiten die Sieben-Minuten-Marke, wobei der Opener Orphans of the Singe und das abschließende instrumentale Space-Rock-Epos The Oracle vierzehn bzw. sechzehn Minuten erreichen. Der Eröffnungstrack beginnt mit einem leicht östlich angehauchten Intro, bevor der fette Südstaaten-Groove einsetzt. Die Band hält gerade lange genug inne, um Zack Busbys satte und funkige Bassarbeit hervorzuheben, um dann mit einem wiegenden Groove loszulegen, während Kent Stump das erste Kapitel des drohenden Untergangs bellt und singt. Eingängig und eindringlich zugleich, macht dieser gewaltige Auftakt Platz für die trippigere, langsamere und schwere zweite Hälfte des Songs, die mit fabelhafter Gitarrenarbeit aufwartet.

The Snows Of Banquo IV steht im Kontrast zu dieser Atmosphäre und ist um die stampfenden Drums und den donnernden Bass herum aufgebaut. Von hier aus geht es mit treibenden Riffs und einem klassischen Stoner-Galopp weiter, bevor der Song in einen gewaltigen Dampfhammer übergeht, der Geschichten über Katastrophen und andere moderne Apokalypsen in einem pulsierenden, hämmernden Beat erzählt.

Overworlder setzt dieses Thema fort und verbreitet echte Retro-Vibes. Mit einem weiteren funkigen Refrain und einem erstklassigen Solo sprengt die Band ein weiteres mal die Zehn-Minuten-Marke, von der keine einzige Sekunde langweilig wird. Wo Fat zeigen sich auf ihrem neuen Album als vollendete Songwriter. Auch The Unravelling sorgt mit großen Refrains, funkigen Grooves und manischer Gitarrenarbeit für einen weiteren Retro-Leckerbissen. The Witching Chamber ist ein neuneinhalbminütiges Fuzz-getränkter Ausbruch der eher psychedelischen und doomigen Elemente des Bandsounds.

Auf The Witching Chamber gibt die Band ihre besten Stoner- und Psyche-Jams zum Besten. Das typisch dicke, schwere und schleppende Stück hat immer noch einen ohrwurmartigen, mehrstimmigen Refrain, der sich im Gedächtnis festsetzt, bevor der Titeltrack mit hartem, tuckerndem Sound durchbricht, während Wo Fat noch einmal ihre ganze Macht ausspielen.

Mit dem abschließenden The Oracle begibt sich die Band mit einem sechzehnminütigen, epischen Instrumental auf eine ausgewachsene Space-Rock-Odyssee und zeigt die abgestimmte Chemie und die großartige Musikalität der Band. Das Hin und Her zwischen tiefen Südstaaten-Grooves und wiegenden, hypnotischen Momenten fasst im Grunde die gesamte Stimmung des Albums hervorragend zusammen, und The Singularity könnte tatsächlich der Höhepunkt einer Karriere mit einigen ohnehin wirklich hervorragenden Alben sein. Zeitweise düster und basslastig zeigen sich Wo Fat zusätzlich zu ihrer Voodoo- und Sumpfatmosphäre noch einmal von einer weiter gewachsenen Seite.

Bei sieben Songs in 76 Minuten könnte man meinen, dass die Gefahr besteht, dass das Album in den Bereich der unendlichen Nudelei abrutscht, aber das passiert nicht, schließlich verfügt das texanische Trio über einen immensen Umfang und eine Fülle von gottgleichen Stoner-Riffs, die jede neue Veröffentlichung zu einem echten Ereignis werden lassen. Für diese Jungs ist das Riff eine Kunstform für sich, die es wert ist, in einem Museum ausgestellt zu werden.

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Host im Podcast "Work of Sirens"

Autor: Micky Winter

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