Bärtige Zauberer und bunte Gewänder: Hällas – Isle of Wisdom | #34

Willkommen Freunde draußen an den Radiogeräten zu einer neuen Folge unserer Reviews hier im Podcast Work of Sirens, wo wir über Hard Rock, Heavy Metal, Classic Rock und Prog Rock sprechen – all diese Themen, die wirklich wichtig sind in einer Zeit, wo Musik keine Rolle mehr spielt, außer für euch und für mich.

Heute habe ich das dritte Album der schwedischen Band Hällas für euch. Isle of Wisdom genannt und – wie man so schön oder unschön sagt – im Retro-Bereich angesiedelt, wobei die Jungs ihren Stil wesentlich treffender Adventure Rock nennen. Wieder ein neuer Begriff im Wust der Begrifflichkeiten, mag man zunächst denken, aber wenn man sich das Konzept hinter Hällas anschaut, dann ist Adventure Rock nicht einfach nur ein neues Gimmick, sondern trifft genau das, was Hällas machen.

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Im Mittelpunkt der Alben steht der Ritter Hällas, dem es bestimmt ist, an einem Religionskrieg in einem alternativen Universum teilzunehmen, der aber so besorgt um seine Zukunft ist, dass er sich auf die Suche nach dem Astralseher macht, der den Legenden zufolge die Sterne, die Zukunft und die Vergangenheit kontrolliert. Die Geschichte spielt in den Ländern von Semyra, die von einer tyrannischen Königin regiert werden. Auf der Suche nach Antworten verliert Hällas den Bezug zur Realität, und der verlorene Sinn für die Gegenwart führt zu seinem unvermeidlichen Untergang. Es gibt viele Drehungen und Wendungen, die auf der selbstbetitelten EP von 2015 begannen und sich dann über Excerpts from a Future von 2017 bis hin zu Conundrum von 2020 als eine Trilogie zusammenfassen lassen. Die Texte sind absichtlich recht vage gehalten, so dass der Hörer sie unterschiedlich interpretieren kann und hoffentlich in der Lage ist, die Lücken zu füllen und so sein eigenes Abenteuer zu erschaffen, während er zuhört. Ähnlich wie bei einem Rollenspiel. Das ist also der Kern und ihr seht, dass Adventure Rock nicht einfach nur aus der Luft gegriffen ist.

An manchen Stellen klingt die Band wie eine Mischung aus Gentle Giant und Rainbow, mit Anklängen an die von Yes abgeleitete Band Starcastle und vielleicht noch mit einer Prise Deep Purple. Für diejenigen, die nicht so sehr in die heiligen Riten des Progressive Rock eingeweiht sind, kann man das so übersetzen: jede Menge Orgeln, die von triumphalen, hornartigen Synthesizern umspielt werden, während die Instrumente eine Kombination aus fantastischer und beschwörender, abenteuerlicher Rockmusik mit einer ordentlichen Portion Boogie spielen. Diese Art von progressiven Rock hat seine Wurzeln sowohl in der subtilen Komplexität bestimmter Rockbands der 70er Jahre wie etwa Uriah Heep als auch im offenen zur Schau getragenen Bombast.

Das ist vielleicht die größte Verbindung zwischen der Musik von Hällas und dem Heavy Metal, insbesondere dem traditionellen Heavy Metal. Was tun viele epische Metalbands anderes als die Pracht der üppig und grelle bemalten Taschenbuchcover der Science Fiction und Fantasyliteratur, die es zwischen den glorreichen 50ern bis zu den 70ern gab, heraufzubeschwören? Das taten viele Prog-Band auch schon immer, mit Erzählungen über bärtige Zauberer in großartigen Gewändern in fremden und bizarren Welten, angefüllt mit Mysterien und Rätseln im Zentrum des Psychoversums.

Getreu dieser Form ist Isle of Wisdom selbst eine Fortsetzung von Hällas’ eigener düsterer Geschichte über Zauberer in Form einer übergreifenden Konzept-Suite.

Bei den triumphalen Refrains, den mitreißenden Melodien und dem steten Angriff der Gitarren und der Orgel, untermauert von einer sich ständig bewegenden Rhythmusgruppe, ist es schwer, sich nicht wie der intergalaktische mittelalterliche Ritter HÄLLAS selbst zu fühlen, der in die vielen Ecken des Universums reist.

Die Band versteht es, eine fesselnde und großartige Geschichte zu erschaffen, in die man eintauchen kann und die einem große Freude bereitet. Mit Tommy Alexanderssons einzigartiger Stimme, der die edlen, poetischen Texte singt, hat Isle Of Wisdom einen herzerwärmenden Charme und eine Unschuld, die einen in die Zeit zurückversetzt, als man noch ein Kind war, als alles ein Abenteuer war und die Fantasie noch nicht von modernen Turbulenzen beeinträchtigt wurde. HÄLLAS strahlen eine solche Wärme aus, dass diese Einladung, sich ihnen in ihrem eigenen Rollenspiel anzuschließen, von jedem mit Freude angenommen wird.

Der Retro-Charakter des Albums, vom Songwriting bis zur Produktion ist grandioser umgesetzt als bei vergleichbaren Bands – wobei es gar nicht so leicht ist, tatsächlich vergleichbares zu finden. Im letzten Jahr hatte ich an dieser Stelle Wobbler aus Norwegen auf dem Schirm, aber danach wird’s dünn.

Das liegt zum Teil daran, dass die Band das Album im Riksmixningsverket Studio in Stockholm produziert hat. Das Studio beherbergt einige der einzigartigen Synthesizer, die von ABBA benutzt wurden, und HÄLLAS hatten wieder einmal die für Bands recht seltene Gelegenheit, sie zu benutzen. Das taten sie auch, und zwar ausgiebig. Der vielschichtige Synthesizer-Sound des Albums ist glitzernd, glamourös und reichlich extravagant. Zusammen mit dem 1970er-Jahre-Vibe des restlichen Albums haben HÄLLAS mit diesem Album Retro-Rock-Starruhm erlangt.

In einem Album, das vor lauter Glanz nur so strotzt, sticht jeder Song hervor und hinterlässt auf irgendeine Art und Weise einen unauslöschlichen Eindruck beim Hörer. Birth Into Darkness ist ein tonangebender, beeindruckender Opener, umhüllt von Synthesizern und Geheimnissen. Mit Alexanderssons leidenschaftlichem Gesang, der sich zwischen die dynamischen, melodischen Riffs von Alexander Moraitis und Marcus Petersson schiebt, ist es die perfekte Art, dieses illustre Abenteuer zu beginnen. Earl’s Theme nimmt sich ein wenig zurück und nutzt Chorelemente und synthetische Bläsersätze, um eine episch packende Atmosphäre zu schaffen, in der es darum geht, das Böse abzuwehren und einem edlen Führer zu folgen. Gallivants (Of Space) ist das Juwel in der Krone des Albums, mit grandiosen Melodien, tapferen Riffs und wirbelnden Synthesizern von Nicklas Malmqvist. Es vereint alle Elemente, die Isle Of Wisdom so fesselnd machen, und es ist klar, dass dies der große Höhepunkt dieses Kapitels von HÄLLAS’ Abenteuern ist. Das abschließende The Wind That Carries The World ist eine epische Demonstration der Virtuosität und des unglaublichen Songwritings der Band und lässt einen verzweifelt nach mehr dürsten, während es in der Schwärze des Alls verklingt.

HÄLLAS haben etwas Magisches geschaffen, indem sie ihrer Fantasie freien Lauf gelassen haben, und es steckt eine beträchtliche Menge an Liebe, Freude und Kreativität in diesem Album. Isle Of Wisdom ist von Anfang bis Ende ein großartiges, unterhaltsames und fesselndes Album, und es wäre dumm, sich dieses außergewöhnliche Abenteuer entgehen zu lassen.

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Unser Intro wurde von transistor.fm erstellt.

First Wave Of Swedish Heavy Metal: Heavy Load | #24

Hallo Freunde draußen an den Radiogeräten zu einer weiteren Ausgabe von Work of Sirens – Heute vor 40 Jahren.

Eigentlich hat die heutige Sendung etwas mehr mit der ehemaligen Rubrik der Kultalben zu tun. Da habe ich mir immer drei obskure Alben, die halbwegs zueinander passen, geschnappt und deren Geschichte erzählt. Der heutige Anlass ist zwar definitiv Death and Glory von heavy Load, aber um die Band besser einordnen zu können, muss man sich auch etwas die schwedische Szene zu dieser zeit anschauen.

Heute ist klar, dass die besten schwedischen Bands im Extreme-Metal tätig sind. Zum Beispiel entwickelte sich Stockholms roher Death und Powermetal einst die Basis einer wachsenden Szene. Die daraus resultierende Innovation beeinflusste die Metal-Musik nicht nur in Schweden, sondern weltweit.

Im Oktober 1982 war davon allerdings noch nichts zu merken, da erschien das zweite Album der legendären schwedischen Band Heavy Load mit dem unmissverständlichen Titel “Death or Glory” – lässt man jetzt mal die EP “Metal Conquest” beiseite. Und das wollen wir uns heute mal näher anschauen.

Das Besondere daran war unter anderem, dass die Band da bereits ihr eigenes Label namens Thunderload Records inne hatte, beziehungsweise die beiden Brüder Styrbjörn und Ragne Wahlquist, die auch die Band im Jahre 1975 gegründet hatten. Ihr seht also – Schweden – 1975. Das muss eine der ersten Heavy Metal Bands da oben gewesen sein, und so ist es auch.

Aber auch Schweden hatte bereits vorher eine Band, die man getrost dem Proto-Metal zuordnen kann, auch wenn man Heavy Load zu recht als wirklich erste schwedische Heavy Metal Band bezeichnen kann. Die Rede ist von Neon Rose, die zwischen 1974 und 1975 immerhin drei Alben herausbrachte, die allerdings international auf keine große Resonanz stießen. Eigentlich unverständlich, wie ihr anhand des Songs “Love Rock” gleich sehen werdet.

(Song Neon Rose)

Das ist also Schweden in den 70er Jahren, noch kaum beleckt von harten Klängen, geschweige denn von Wikinger-Themen. Wenn man sich vorstellt, dass Schweden heute neben den USA und England als wichtigster musikalischer Markt gilt, ist das Tempo der Aufholjagd völlig erstaunlich. Im Gegensatz zu Großbritannien hatte der Punk in Schweden keinen direkten Einfluss aus den Heavy Metal, obwohl die Bands dort natürlich ebenfalls mitbekamen, was sich Ende der 70er auf der Insel langsam herauskristallisierte.

Stattdessen hatten Proto-Metal-Bands wie Deep Purple, Rainbow und Whitesnake einen großen Einfluss auf die schwedischen Musiker, vor allem auf die der melodischen Sorte, und Melodie ist ja tatsächlich ein traditionelles schwedisches Element in fast allen musikalischen Genres. 1978 nahm auch dort der Heavy Metal langsam Formen an, als nämlich die Walquist-Brüder mit dem Bassisten Dan Molén im Schlepptau Heavy Loads Debütalbum “Full Speed at High Level” veröffentlichten und sich dadurch mit dem Rest der damaligen Proto-Metal-Welt vereinte, doch ihre unabhängige Plattenfirma ging in Konkurs, und erst drei Jahre später tauchten sie unter ihrem eigenen Label Thunderload Records mit der EP Metal Conquest wieder auf, begleitet von den neuen Mitgliedern Eddie Malm (Gitarre) und Torbjorn Ragnesjo (Bass).

Das Debüt mag zwar aus heutiger Sicht mit einem rudimentären Songwriting und zweifelhaften Fähigkeiten in Sachen Arrangement aufwarten, man darf aber nicht vergessen, dass dieses Debüt auf dem Höhepunkt der Abba-Manie erschien und es vorher eigentlich keinen Heavy Metal in Schweden gab. Außer Judas Priest kann man weit und breit keine anderen Vorbilder zu dieser Zeit ausmachen. Beachtenswert ist jedoch das Wikinger-Thema in dem Song “Sons of Northern Light”. Da schien also bereits etwas im Busch zu sein, auch wenn bereits vorher Bands wie Led Zeppelin auch schon Wikinger-Themen hatten, war das hier doch etwas ganz anderes.

Und vier Jahre später, also 1982 erschien dann mit “Death or Glory” ein Diamant von einem Album, das Heavy Load auf die europäische Bühne gebracht hat, bzw. ganz Schweden mit ihm.

Roh, episch, rau und melodisch zugleich, hat Death or Glory ein ähnliches Feeling wie die britischen New-Wave-Bands, aber natürlich mit einem schwedischen Twist. Das Album ist nicht nur wegen seines musikalischen Wertes wichtig, sondern weil es die Wiege der schwedischen Metalszene darstellt, ein Album, das die Messlatte für jede nachfolgende Band gesetzt hat. Und ich spreche jetzt bewusst nicht von Bathory oder Candlemass, die eine ganz andere Baustelle sind, sondern von dem, was man dann auch gleich als die “Erste Welle des schwedischen Heavy Metal” bezeichnet hat. Der Begriff tauchte mitte der 80er Jahre in verschiedenen Musikzeitschriften auf – ich konnte aber nicht rausfinden, wo tatsächlich zum ersten Mal, und nennt sich im Original “Första Vågen Av Svensk Heavy Metal”.

Dazu gehörten dann bald Gruppen wie 220 Volt, Axewitch, Torch, Europe, Overdrive , Gotham City und sogar Oz, auch wenn das eigentlich eine finnische Band ist, aber 1983 umsiedelte, weil sie hofften, dort durch die schwedische First Wave mehr Aufmerksamkeit zu bekommen.

Und ähnlich wie bei der NWOBHM handelt es sich eher um eine breite Gruppe von Bands, die keinem bestimmten Sound zugeordnet werden können. Das wird zwar bei der NWOBHM immer so dargetsellt, stimmt aber eigentlich gar nicht. Wobei wir hier sicher noch einmal etwas gezielter einsteigen, um das zu klären.

Klar sind bei Heavy Load die überladenen Tropen wie übertriebene Männlichkeit, Schwerter und Wikinger alle schon voll da, was wenig überraschend zu vielen Vergleichen mit Manowar führt. Aber die Schweden waren eben schon 5 Jahre früher dran. Weiterhin interessant ist die Tatsache, dass ende der 70er in Skandinavien keineswegs ein Bewusstsein über eine heidnische Tradition existierte. Ragne Wahlquist hat einst gesagt, dass ihnen in der Schule der Lehrer versuchte, den Kindern zu erklären, dass Wikinger kleine Männer waren, die den ganzen Tag das Feld mit Lederkappen auf dem Kopf pflügten.

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Review: Watain – The Agony & Ecstasy of Watain | #21

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Die satanischen Black-Metal-Urgesteine Watain veröffentlichen am 29. April ihr siebtes Album “The Agony and Ecstasy of Watain”, das auch gleichzeitig das erste bei Nuclear Blast ist. Damit öffnen sie eindeutig ein neues Kapitel in ihrem dunklen Schaffen. Und das ist der Zahl 7 höchst angemessen.

Tatsächlich könnte man sogar so weit gehen und das Album als Summe aller Tatsachen im Watain-Kosmos betrachten.

Für viele sind Watain die Verkörperung des Black-Metal-Ethos, da sie sich nicht nur in ihrer Musik, sondern in ihrem ganzen Wesen dem Ziel verschrieben haben, ein Portal in eine andere Welt zu bieten, aber sie sind auch berüchtigt dafür, an vielen Stellen Kontroversen auszulösen.

Es ist zwar richtig, dass Eric Danielsen in fast jedem Interview, das er führt oft die gewöhnlichen Black-Metal-Standartsprüche von sich gibt, und damit könnte der Fall an sich erledigt sein. Aber was, wenn sich dazu die Musik an der grenze zur Genialität bewegt? Und dann sagt Eric manchmal doch Sätze wie diese über das neue Album:

“Der Wortlaut und das Thema des Titels laufen letztlich auf die einfache Idee hinaus, dass wir immer mit emotionalen Extremen arbeiten. Wir haben schon immer mit den zwei Gegensätzen Dunkelheit und Licht gearbeitet. Man hat diese furiose wilde Seite, aber auch diese heilige, transzendente Seite. Das ist es, was Black Metal meiner Meinung nach ausmacht. Es ist das Zusammentreffen von existenziellem Horror, dem Kampf ums Leben und der magischen, spirituellen, gottähnlichen Seite der Menschheit.”

Das ist deshalb ein interessanter Ansatz, weil er vom üblichen Bösewicht-Geschwafel abweicht, das meiner Meinung nach argumentativ ohnehin auf völlig tönernen Beinen steht. Eric ist also alles andere als ein Dummkopf, und vielleicht kommt es auch immer darauf an, welche Kapazitäten der Interviewer hat. Ich habe noch ein weiteres Beispiel dafür:

“Wir haben Watain immer als etwas von der Welt Getrenntes betrachtet. Wir haben die Band gegründet, weil wir einen Platz in der Welt haben wollten, der nicht wie alles andere ist, eine eigene Realität. Wir lassen uns so wenig wie möglich vom Geschehen um uns herum inspirieren. Ich denke, man könnte sagen, Watain ist eine Art Zufluchtsort. Der kann einen wirklich durch die dunkelsten Zeiten bringen, wenn man in seinem Leben keinen anderen Zufluchtsort hat, und mit Watain haben wir das irgendwie zum zentralen Aspekt unseres Lebens gemacht. Diesen Zufluchtsort. Chaos und Aufruhr sind eine Konstante in der menschlichen Geschichte.”

Auf dem neuen Album haben wir 10 Tracks mit epischen, brutalen und gelegentlich melodischen Black Metal-Ausflügen. bekannt ist ja bereits die erste Single “The Howling”, die gerade genug Groove hat, um ein Gefühl von drohendem Unheil zu erzeugen. Und Songs wie “Serimosa” bieten einen anderen und grandioseren Ansatz, bei dem der grimmige Gesang eine äußerst bedrückende Atmosphäre erzeugt. Was wir hier finden ist kein geradliniges Lärmfeuerwerk, wie man es vielleicht von traditionellerem Black Metal erwarten würde, aber Watain ist über jegliche Art von Normalität längst hinaus. Tatsächlich unterstreicht Eric in seinen vorhin genannten Zitaten die Absicht der Musik, einen Schutzwall gegen die echten Wölfe vor unseren Türen zu bieten.

Und Eric erklärt sogar den Begriff:

‘Serimosa’ erzählt von der elektrisierenden Vorstellung der Ankunft einer großen Macht. Das Auftreten von Rissen im Damm, der die Flut des großen Meeres aufhält. Ein Besucher aus dem Jenseits, der die Schwelle zur materiellen Welt überschreitet. Genau wie “Watain” ist “Serimosa” der Begriff einer Macht unbekannten Ursprungs, die in die Welt kommt und keine Geschichte hat, und der man sich mit Ehrfurcht nähern sollte. Das Wort hat seine sprachliche Wurzel im lateinischen Wort Seri (“Serum”), zusammen mit Dolorosa (“Schmerz”), Nebulosa (“Sternennebel”) und Lacrimosa (“tränenreich”), so als ob diese Wörter und ihre Bedeutungen in einem gesprochen würden.

Das ist natürlich alles starker Tobak und führt weit über die Musik hinaus in ein spirituelles und philosophisches Register, dem man sich widmen kann, aber nicht muss. Tatsächlich ist es so, dass durch jeden einzelnen Ton auf diesem Album auch so klar wird, dass hier eine ganz besondere Macht am Walten ist. Solche Klänge fabriziert man nicht durch Zufall oder einfach nur, weil man gute Musiker um sich hat.

Und das ist ein Punkt, der sich von allen bisherigen Veröffentlichungen der Band unterscheidet. Watain haben das Album zum ersten Mal live eingespielt. Eigentlich bestehen Watain ja nur aus drei Leuten: Eric Danielson an Gesang und Bass, Hakan Jonsson an den Drums und Pelle Forsberg an der Gitarre. Diesmal aber machte Hakan die Aufnahmen nicht mit, stattdessen war das gesamte Live-Ensemble im Studio, mit Emil Svensson am Schlagzeug und zusätzlich Hampus Eriksson an der Gitarre und Alvaro Lillo am Bass, also seit 2014 ein eingespieltes Team. es wurde also keines der Instrumente separat aufgenommen. Dadurch entsteht natürlich ein absolut intensives Gefühl, tatsächlich sollte Heavy Metal ganz genau so gespielt werden. Ich habe zu Beginn lange darüber nachgedacht, warum das Album so eine unglaubliche Wucht hat. Hier ist die Antwort. Und natürlich auch, dass die drei Kernmitglieder, die am Songwriting beteiligt sind, auch wenn Eric den Löwen bzw Wolfsanteil ausführt, schon als Teenager im schwedischen Uppsala zusammenkamen. Man darf ja nicht vergessen, dass es heute fast keine Band mehr gibt, sondern nur noch Projekte, denen jede echte Band von vornherein haushoch überlegen ist. Wir sprechen hier von 1998, also einer Zeit, da die zweie Black-Metal-Welle langsam am versiegen war.

Die größten Bands waren Dimmu Borgir und Cradle of Filth. Man könnte sogar so weit gehen und behaupten, dass Watain eine Gegenreaktion auf diese Bands war, die damit das wieder zurück bringen wollte, was einstmals als echter Black Metal galt: das ernsthafte satanische und extreme Thema. Solche Aussagen erfordern natürlich immer auch die Frage nach dem, wer denn tatsächlich eine definitive Formel für den Black Metal kennt. Auch das ist ja mehr als alles andere eine Glaubensfrage. Für Cronos zum Beispiel waren die ganzen norwegischen Kids gar kein Black Metal, wie er ihn verstand. Ihm fehlte das Augenzwinkern und der Witz und er hätte es lieber gesehen, wenn Euronymus diesen Begriff nicht verwendet hätte sondern stattdessen sowas wie Norse Metal. Das steht natürlich im völligen Kontrast zu dem, was Eric ausdrücken will. Watain sind so sehr versucht, durch ein Gefühl von Chaos eine größere individuelle Freiheit zu erlangen.

Aber um ehrlich zu sein, höre ich auf dem Album nicht viel Chaos, sondern ein perfektes Zusammenspiel von Gleichgesinnten, die eine Klanglandschaft errichten, die schlichtweg atemberaubend ist.

Black Cunt und Leper’s Grace sind weitere grandiose Stücke, die auf dem ganzen Album ohnehin nicht abreißen. Es ist ja nicht nur das Wechselspiel, die Dynamik, der Kontrast zwischen Raserei und epischen Momenten, die hier sofort ins Ohr gehen, es sind die unzähligen kleinen Details. Manche davon entdeckt man überhaupt erst auf dem Kopfhörer, aber auch diejenigen, die offensichtlich sind, wie eben in Black Cunt das spezielle Lead, das überraschend auftaucht, oder später im vorletzten Song Funeral Winter, als eine ganz bestimmte Gitarrensequenz erst zum Schluss hin fast schon verschwendet wird. Überhaupt strotzen Watain hier voller spielerischer Finesse und Inspiration. Keiner wird ihnen in diesem Jahr in Sachen Black Metal auch nur ansatzweise nahe kommen können. Mit diesem Album haben sie sich endgültig in ihr eigenes Genre verzogen.

Not Son Nor Man Nor God teilt das Album sozusagen in der Mitte mit einem disharmoischen Klavierchord, Donnerrumpeln und einem melodischen, wehmütigen, kurzen Gitarrenlead, bevor dann mit Before the Cataclysm mit sieben Minuten das längste Stück des Albums angestimmt wird und den eigentlichen Höhepunkt des Albums vorbereitet. Diese Anordnung ist gar nicht so leicht zu fassen, aber an dieser Stelle wirkt Before the Cataclysm wirklich wie ein Ouvertüre mit seinen ständigen Wechseln, dem eingefügten klassischen Heavy-Metal-Riff, das immer wieder von der epischen Atmosphäre verschluckt und eingefangen wird und zum Schluss sogar eine typisch nordische Skala auf der Gitarre auspackt. Inhaltlich beschäftigt sich Eric hier intensiver mit dem Tod als gewöhnlich. Das bezieht natürlich auch auf seinen Freund Selim Lemouchi, der sich 2013 das Leben genommen hat, aber auch auf andere Todesfälle, die in letzter Zeit im privaten Umfeld zu bewältigen waren.

Das Stück ist fast schon progressiv und rutscht nahtlos in die Einleitung zu We Remain, auf dem dann Farida Lemouchi ihre gnadenlos geniale Stimme auspackt, bevor Eric das Thema übernimmt. Überhaupt ist auch Eric hier wie auf dem ganzen Album in einer außergewöhnlich guten stimmlichen Verfassung und passt sein Krächzen oder Kreischen der jeweiligen emotionalen Struktur der Songs besser an als jeder andere seiner Zunft. Lyrisch dreht sich der Song um die fünf elementaren Flügel des Pentagramms und die Geheimnisse, die in diesem alten Symbol stecken. Es ist ein Song über vergessene Dinge, an die man sich erinnern sollte, über die Suche nach Wahrheiten, die verloren gegangen sind, über die ewig brennende Flamme, die die Dunkelheit vergangener Zeiten erhellt, über das Vergehen von Äonen und unseren streitbaren Platz darin.

Ich bin mit dieser Besprechung ziemlich früh unterwegs, so dass ich mir nicht vorher ansehen konnte, was andere über dieses Album denken, kann mir aber durchaus denken, dass manche diese unvergleichliche Spielfreude ebenso verdammen wie jene, die ein bisschen was von Musik verstehen, davor auf die Knie gehen werden. Und natürlich alles dazwischen. Ich weiß nicht, ob wir nicht allesamt zu satt sind, um überhaupt noch zu bemerken, wenn etwas außergewöhnliches um uns herum passiert.

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Unser Intro wurde von transistor.fm erstellt.

Review | Ghost – Impera | #12


Der immer weiter anschwellende Erfolg von Ghost zeigt unter anderem, wie sehr das Bedürfnis nach Zugehörigkeit und Identifikation in einer völlig sinnentleerten Welt vorhanden ist. Auf den ersten Blick mag das alles nach Bubblegum mit einer Prise Horrorkino aussehen, aber in Wirklichkeit weiß Tobias Forge genau, was er tut. Der Mann hinter Ghost verfolgt einen strukturierten musikalischen Masterplan, und wie es aussieht, funktioniert der ganz hervorragend.

Wer aber jetzt glaubt, dass deshalb alles in Butter ist, der lässt sich vielleicht von der offensichtlichen musikalischen Leistung des neuen Albums blenden – was nur allzu leicht verständlich ist. Ich selbst habe hier und da  trotzdem ein paar kritische Worte parat.