Kryptograf – The Eldorado Spell

Inspiriert vom schweren Sound der späten 60er Jahre, werden die vier alten Seelen von Kryptograf euch mit ihrem kollektiven Gesang, zerstörerischen Riffs und einfallsreichem Songwriting verhexen. – Pressetext

Kryptograf sind:
Vegard Strand – Gitarre/Gesang
Odd Erlend Mikkelsen – Gitarre/Gesang
Eirik Arntsen – Schlagzeug/Gesang
Eivind Standal Moen – Bass

Ist euch eigentlich schon einmal aufgefallen, dass immer, wenn eine Band eine 70er-Jahre-Schlagseite aufweist, in fast allen Rezensionen von Black Sabbath gesprochen wird, ganz egal, ob das nun stimmt oder nicht? Ist es nicht seltsam und gleichzeitig eine Blamage, dass diese ganze Rezensenten nur diese eine Band aus den 70ern zu kennen scheinen, obwohl es deren buchstäblich Hunderte gibt und sich die zu besprechenden Bands eigentlich nie nach Sabbath anhören?

Nun, ihr seht wohin die Reise geht. In ein Gebiet des doomigen Proto-Metal, der ja nun beileibe nicht mehr so überraschend und unberechenbar sein sollte, wie es immer noch den Eindruck macht. Andauernd muss man erst einmal von einer Band sprechen, die “das Rad nicht neu erfindet” (was mich betrifft, brauche ich kein neues Rad, sondern gute Musik), man fühlt sich genötigt, mit dem Wort “retro” um sich zu schmeißen und den Leuten erst mal klar machen, dass gute Musik fast schon per Definition “retro” ist. Wie 99 Prozent aller “Retro-Bands” hören sich auch Kryptograf aus Bergen in Norwegen nicht wie Black Sabbath an. Ich hoffe, ich habe mich klar ausgedrückt. Trotzdem: Natürlich steht die Band auch auf Black Sabbath, wie sie ja auf Bandcamp verkündet. Aber wer täte das schließlich nicht? (oh, ich weiß natürlich, dass es solcherlei Leute gibt, aber die treiben sich ja wohl nicht hier herum, oder?) Doch was ist mit Pentagram, Witchcraft, Uncle Acid, Motorpsycho?

Auch wenn die Band vielleicht nicht unbedingt progressiv ist, so bringt sie dennoch gelegentlich einen progressiven Ansatz in ihre musikalische Landschaft mit ein. Bei “The Eldorado Spell” handelt es sich um ihr zweites Album und ich muss gestehen, dass mir nicht nur das Debüt der Band, sondern zunächst mal auch diese Veröffentlichung im Februar durch die Lappen gegangen ist, obwohl es sich um ein Album handelt, das meinen sofortigen Jagdinstinkt auslöst: Keine “originellen” Experimente, sondern ein Bekenntnis zu Einflüssen aus einer Zeit, die noch mit echter Musik um die Ecke kam. Wer das genauso sieht, wird den Stil von Kryptograf kennen und lieben.

Und so ist dann auch das goldene Zeitalter der Musik – eben die 70er – natürlich das allumfassende Fundament dieser Band, die gleich im ersten Song mit flammendem psychedelischem Hard Rock die Marschrichtung vorgibt. Energiegeladen und mit Folkeinflüssen, ohne die eine okkulte Note schlecht umzusetzen ist, mit einer majestätischen Vielfalt versehen, steht hier die Blume der Unterwelt “Asphodel” im Fokus.

Es ist offensichtlich, dass die Band für manche vielleicht zu sehr in der Vergangenheit wildert – die Gitarren haben hier nicht den für das moderne Ohr gewohnten Biss, aber die Riffs – das sind großartige Doom-Brocken, auch wenn sie aufgrund der zurückgenommenen, aber rauchigen Gitarre, erst mal gar nicht so klingen. Der Gesang gleitet sanft mit der Musik dahin, besonders im Refrain. Der Bass sticht allerdings auf dem gesamten Album hervor und hat nach meinem Geschmack einen perfekten Ton.

Der nächste Song ist “Cosmic Suicide”. Die Riffs, die zum Refrain führen, werfen ein weites Netz mit einem mittelschnellen Groove aus, aber es ist der Refrain, der den Song so großartig macht. Er ist so eingängig, dass er sich tagelang im Kopf festsetzen kann, nicht zuletzt, weil er der geradlinigste Song des Albums ist.

Die Gesangseffekte bei “Lucifer’s Hand” verpassen dem Song eine düstere Stimmung, besonders in der letzten Hälfte, wo die Riffs am fleischigsten sind.

Tatsächlich bringt der Sound der Band auch das Stoner-Feeling der 70er im großen Umfang mit, und wenn “Creeping Willow” aus den Lautsprechern dröhnt, hat man das Zeitalter der Liebe und des Friedens widerwillig hinter sich gelassen, und der okkulte Rocksound von Black Widow durchdringt jede Note, wobei die aggressive Wucht der Musik durch die akustische Schlichtheit des folgenden “Across The Creek” kontrapunktiert wird, das die ländliche Idylle von Led Zeppelins “Bron-Yr-Aur” heraufbeschwört.

Der Titeltrack baut sich mit einem psychedelischen Intro auf, wobei die Gitarren nach etwas mehr als einer Minute zum Einsatz kommen. Dieser Song ist etwas trippiger als die anderen, und bei “The Spiral” wird alles an Fuzz in die Waagschale geworfen, was die Band für ihren Sound zur Verfügung hat. Der Song ist bergig und eine schöne Abwechslung nach dem eher bekifften Titeltrack. Der Mittelteil ist überraschend lebhaft und die Gesangsharmonien verbinden sich gut mit den galoppierenden Riffs. Danach gräbt sich die Band mit dreckigen Riffs und einem harten Groove tief in die Erde. Dieser Song bringt das Album definitiv wieder in Schwung.

“When The Witches” ist ein guter, seltsamer Track, der einen musikalischen Acid-Trip zwischen schwere Passagen schiebt, ein dreckiger, bluesiger Schleifer, der mit seinen ausgedehnten, trippigen Soli nach einem herrlich bekifften Peter Green von Fleetwood Mac schreit.

“Wormwood” ist das zweite Intermezzo, das zum Schlusstrack “The Well” führt. Eigentlich sind diese Zwischenspiele heute aus der Mode gekommen, weil man es gewohnt ist, von Höhepunkt zu Höhepunkt zu rasen. Oft wird gar nicht verstanden, dass derartige Interludien durchaus ihren Zweck erfüllen, wenn sie an die richtige Stelle gesetzt werden. Und in dieser ruhige Introspektion reist die Band zurück in die Londoner West End Clubs der späten Sechziger, wo sich unter der Obhut chemischer Substanzen die Jazzvagabunden auf das Wassermannzeitalter vorbereiteten.

Im Gegensatz dazu ist es dann gerade der letzte Track, der wenig Zeit verschwendet, um auf den Punkt zu kommen, mit einem rockigen Intro, das mit seiner verschwommenen Gesangslinien in eine ebensolche Atmosphäre übergeht – dieser Song ist eine wahre Verschmelzung der Stile, die auf dem Album präsentiert werden. Und der Refrain ist gewaltig, ein weiterer Ohrwurm, der sich einschleicht und nicht mehr weggeht.

Wer die neuesten und  experimentellsten musikalischen Erkundungen sucht, für den ist “The Eldorado Spell” nicht das richtige Album. Wer aber einfach nur den Sound von Acts wie Graveyard schätzt und seine Musikbibliothek mit unbestreitbarer Klasse füllen möchte, für den sind Kryptograf genau das Richtige.  Klar, “The Eldorado Spell” mag vielleicht nicht perfekt sein, aber es ist ein gut ausbalanciertes Old-School-Doom-Album, das den alten Göttern huldigt und allein schon dafür gebührt ihm alle Ehre.

Kryptograf | Bandcamp
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Bärtige Zauberer und bunte Gewänder: Hällas – Isle of Wisdom | #34

Willkommen Freunde draußen an den Radiogeräten zu einer neuen Folge unserer Reviews hier im Podcast Work of Sirens, wo wir über Hard Rock, Heavy Metal, Classic Rock und Prog Rock sprechen – all diese Themen, die wirklich wichtig sind in einer Zeit, wo Musik keine Rolle mehr spielt, außer für euch und für mich.

Heute habe ich das dritte Album der schwedischen Band Hällas für euch. Isle of Wisdom genannt und – wie man so schön oder unschön sagt – im Retro-Bereich angesiedelt, wobei die Jungs ihren Stil wesentlich treffender Adventure Rock nennen. Wieder ein neuer Begriff im Wust der Begrifflichkeiten, mag man zunächst denken, aber wenn man sich das Konzept hinter Hällas anschaut, dann ist Adventure Rock nicht einfach nur ein neues Gimmick, sondern trifft genau das, was Hällas machen.

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Im Mittelpunkt der Alben steht der Ritter Hällas, dem es bestimmt ist, an einem Religionskrieg in einem alternativen Universum teilzunehmen, der aber so besorgt um seine Zukunft ist, dass er sich auf die Suche nach dem Astralseher macht, der den Legenden zufolge die Sterne, die Zukunft und die Vergangenheit kontrolliert. Die Geschichte spielt in den Ländern von Semyra, die von einer tyrannischen Königin regiert werden. Auf der Suche nach Antworten verliert Hällas den Bezug zur Realität, und der verlorene Sinn für die Gegenwart führt zu seinem unvermeidlichen Untergang. Es gibt viele Drehungen und Wendungen, die auf der selbstbetitelten EP von 2015 begannen und sich dann über Excerpts from a Future von 2017 bis hin zu Conundrum von 2020 als eine Trilogie zusammenfassen lassen. Die Texte sind absichtlich recht vage gehalten, so dass der Hörer sie unterschiedlich interpretieren kann und hoffentlich in der Lage ist, die Lücken zu füllen und so sein eigenes Abenteuer zu erschaffen, während er zuhört. Ähnlich wie bei einem Rollenspiel. Das ist also der Kern und ihr seht, dass Adventure Rock nicht einfach nur aus der Luft gegriffen ist.

An manchen Stellen klingt die Band wie eine Mischung aus Gentle Giant und Rainbow, mit Anklängen an die von Yes abgeleitete Band Starcastle und vielleicht noch mit einer Prise Deep Purple. Für diejenigen, die nicht so sehr in die heiligen Riten des Progressive Rock eingeweiht sind, kann man das so übersetzen: jede Menge Orgeln, die von triumphalen, hornartigen Synthesizern umspielt werden, während die Instrumente eine Kombination aus fantastischer und beschwörender, abenteuerlicher Rockmusik mit einer ordentlichen Portion Boogie spielen. Diese Art von progressiven Rock hat seine Wurzeln sowohl in der subtilen Komplexität bestimmter Rockbands der 70er Jahre wie etwa Uriah Heep als auch im offenen zur Schau getragenen Bombast.

Das ist vielleicht die größte Verbindung zwischen der Musik von Hällas und dem Heavy Metal, insbesondere dem traditionellen Heavy Metal. Was tun viele epische Metalbands anderes als die Pracht der üppig und grelle bemalten Taschenbuchcover der Science Fiction und Fantasyliteratur, die es zwischen den glorreichen 50ern bis zu den 70ern gab, heraufzubeschwören? Das taten viele Prog-Band auch schon immer, mit Erzählungen über bärtige Zauberer in großartigen Gewändern in fremden und bizarren Welten, angefüllt mit Mysterien und Rätseln im Zentrum des Psychoversums.

Getreu dieser Form ist Isle of Wisdom selbst eine Fortsetzung von Hällas’ eigener düsterer Geschichte über Zauberer in Form einer übergreifenden Konzept-Suite.

Bei den triumphalen Refrains, den mitreißenden Melodien und dem steten Angriff der Gitarren und der Orgel, untermauert von einer sich ständig bewegenden Rhythmusgruppe, ist es schwer, sich nicht wie der intergalaktische mittelalterliche Ritter HÄLLAS selbst zu fühlen, der in die vielen Ecken des Universums reist.

Die Band versteht es, eine fesselnde und großartige Geschichte zu erschaffen, in die man eintauchen kann und die einem große Freude bereitet. Mit Tommy Alexanderssons einzigartiger Stimme, der die edlen, poetischen Texte singt, hat Isle Of Wisdom einen herzerwärmenden Charme und eine Unschuld, die einen in die Zeit zurückversetzt, als man noch ein Kind war, als alles ein Abenteuer war und die Fantasie noch nicht von modernen Turbulenzen beeinträchtigt wurde. HÄLLAS strahlen eine solche Wärme aus, dass diese Einladung, sich ihnen in ihrem eigenen Rollenspiel anzuschließen, von jedem mit Freude angenommen wird.

Der Retro-Charakter des Albums, vom Songwriting bis zur Produktion ist grandioser umgesetzt als bei vergleichbaren Bands – wobei es gar nicht so leicht ist, tatsächlich vergleichbares zu finden. Im letzten Jahr hatte ich an dieser Stelle Wobbler aus Norwegen auf dem Schirm, aber danach wird’s dünn.

Das liegt zum Teil daran, dass die Band das Album im Riksmixningsverket Studio in Stockholm produziert hat. Das Studio beherbergt einige der einzigartigen Synthesizer, die von ABBA benutzt wurden, und HÄLLAS hatten wieder einmal die für Bands recht seltene Gelegenheit, sie zu benutzen. Das taten sie auch, und zwar ausgiebig. Der vielschichtige Synthesizer-Sound des Albums ist glitzernd, glamourös und reichlich extravagant. Zusammen mit dem 1970er-Jahre-Vibe des restlichen Albums haben HÄLLAS mit diesem Album Retro-Rock-Starruhm erlangt.

In einem Album, das vor lauter Glanz nur so strotzt, sticht jeder Song hervor und hinterlässt auf irgendeine Art und Weise einen unauslöschlichen Eindruck beim Hörer. Birth Into Darkness ist ein tonangebender, beeindruckender Opener, umhüllt von Synthesizern und Geheimnissen. Mit Alexanderssons leidenschaftlichem Gesang, der sich zwischen die dynamischen, melodischen Riffs von Alexander Moraitis und Marcus Petersson schiebt, ist es die perfekte Art, dieses illustre Abenteuer zu beginnen. Earl’s Theme nimmt sich ein wenig zurück und nutzt Chorelemente und synthetische Bläsersätze, um eine episch packende Atmosphäre zu schaffen, in der es darum geht, das Böse abzuwehren und einem edlen Führer zu folgen. Gallivants (Of Space) ist das Juwel in der Krone des Albums, mit grandiosen Melodien, tapferen Riffs und wirbelnden Synthesizern von Nicklas Malmqvist. Es vereint alle Elemente, die Isle Of Wisdom so fesselnd machen, und es ist klar, dass dies der große Höhepunkt dieses Kapitels von HÄLLAS’ Abenteuern ist. Das abschließende The Wind That Carries The World ist eine epische Demonstration der Virtuosität und des unglaublichen Songwritings der Band und lässt einen verzweifelt nach mehr dürsten, während es in der Schwärze des Alls verklingt.

HÄLLAS haben etwas Magisches geschaffen, indem sie ihrer Fantasie freien Lauf gelassen haben, und es steckt eine beträchtliche Menge an Liebe, Freude und Kreativität in diesem Album. Isle Of Wisdom ist von Anfang bis Ende ein großartiges, unterhaltsames und fesselndes Album, und es wäre dumm, sich dieses außergewöhnliche Abenteuer entgehen zu lassen.

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Unser Intro wurde von transistor.fm erstellt.