Klassiker: Rush – Moving Pictures (40th Anniversary) | #27

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Willkommen Freunde draußen an den Radiogeräten zu einer weiteren Ausgabe von Work of Sirens Heute vor 40 Jahren. Da passt es ziemlich gut, dass in den letzten Wochen zum Vorliegenden Album eine Anniversary-Edition erschienen ist. Moving Pictures von Rush.

Moving Pictures war das achte Studioalbum des kanadischen Trios Rush, und wurde am 12. Februar 1981 veröffentlicht. Die Anniversary-Edition kam allerdings erst im Februar diesen Jahres heraus, was daran liegt, dass solche Editionen natürlich immer erst vorbereitet werden müssen. Ich habe hier die Ausgabe mit 3 CDs vorliegen, der noch einmal neu remasterten Version des eigentlichen Albums plus eines lang ersehnten Konzertmitschnitts, zu dem ich im Anschluss was sagen werde, zusammen mit einem 24 seitigen Booklet mit unveröffentlichten Fotos und Linernotes aller möglichen Leute, darunter Les Claypool oder Neil Sanderson.

Es war das zweite Album, das im Le-Studio in Morin-Heights, Quebec, aufgenommen wurde, und es ist nach wie vor das erfolgreichste Album von Rush, das in Kanada Platz 1 und in Großbritannien und den USA Platz 3 erreichte. Es hat sich über fünf Millionen Mal verkauft und gilt als das beste Werk der Band überhaupt. Es gibt wahrscheinlich keinen Musikliebhaber, der die Scheibe nicht kennt.

Während “2112” das vielgeliebte Prog-Meisterwerk war und “Permanent Waves” den Durchbruchshit “The Spirit of Radio” beinhaltete, war es “Moving Pictures”, das Rush wirklich alle Aufmerksamkeit einbrachte.

Jetzt, vierzig Jahre nach der Veröffentlichung, ist es an der Zeit, das Album, das zu einem der wichtigsten in ihrem Katalog wurde, neu zu bewerten.

Wie oft betont wird, hatte sich die Band nach dem Led-Zeppelin-Stil ihres Debüts von 1974 bis zum Erscheinen dieses achten Albums im Jahr 1981 einen beneidenswerten Ruf als Prog-Metal-Helden erworben. Auf dem Vorgängeralbum hatte man begonnen, kürzere Songs zu schreiben, aber erst hier kam das zunehmend prägnante Songwriting so richtig zur Geltung.

Obwohl Rush bereits gegen Ende der Siebzigerjahre mit Synthesizern experimentiert hatten, begann die Band erst mit Permanent Waves von 1980, sie wirklich in ihre Musik einzubauen. Ab 1981 waren die Synthesizer ein fester Bestandteil des Sounds der Band. Die großen Swooshes und Swirls in “Tom Sawyer” zum Beispiel oder die auffälligeren Keyboards in “The Camera Eye”, wo Geddy Lee seine Keyboards in den rockigeren Sound der Band einbettete. Und auch der harte Rock kam nicht zu kurz. Das sechsminütige “Red Barchetta” zeigt Alex Lifesons beste Gitarrenarbeit neben Neil Pearts brillantem Erzählstil. Dann gibt es noch das beste Instrumentalstück aller Zeiten, “YYZ”, den Traum eines jeden Schlagzeugers, sowie ein Riff zum Sterben auf “Limelight”, der Biografie von Pearts Widerstand gegen die immer stärker werdenden Einmischungen, als die Popularität der Band immer weiter anstieg.

Kommt man zu Seite zwei, findet man “The Camera Eye”, die Beobachtungen von Peart über zwei Städte, New York und London. Mit einer Länge von fast 11 Minuten ist dies der letzte mehr als zehnminütige Song, den Rush aufnahmen, der regelmäßig als Live-Song angefordert wurde und schließlich 2010 auf der “Time Machine”-Tour wieder zum Leben erweckt wurde, als dieses Album in voller Länge gespielt wurde. Das Stück mäandert stellenweise leicht, behält aber dank Pearts und Lees treibender Rhythmusgruppe seine Richtung bei. Für mich ist es eine von Lees besten Darbietungen, der die clever ausgearbeiteten Texte hart bearbeitet, während Lifesons subtile Gitarrenarbeit einmal mehr seine Qualität unter Beweis stellt.

“Witch Hunt” ist auch heute noch von erschreckender Aktualität, denn die Botschaft von der Herrschaft des Pöbels, von Hass und Intoleranz gegenüber anderen beweist, dass der Mensch schon immer auf seine niedersten Instinkte zurückgegriffen hat. Der Song wurde in derselben Nacht aufgenommen, in der John Lennon erschossen wurde, und ist eine clevere Komposition, in der Pearts lyrische Zauberei ein Bild zeichnet, das an Brennen muss Salem von Stephen King erinnert. Interessanterweise spielt Hugh Syme die Synthesizer auf diesem Stück und die Publikumsgeräusche am Anfang wurden von der Band selbst aufgenommen, außerhalb des Studios, in verschiedenen Rauschzuständen! “Witch Hunt” ist Teil der “The Fear Trilogy”, die anderen Teile sind “The Weapon” auf Signals, “Part II” und “Part I” ist “The Enemy Within” auf Grace Under Pressure (man kann alle drei Stücke nacheinander auf dem Grace Under Pressure-Video von 1984 sehen und hören).

Das schnell geschriebene “Vital Signs” ist wahrscheinlich das am meisten umstrittene Stück auf dem Album. Sein Kaleidoskop von Stilen, einschließlich des abgehackten Reggae-Gefühls des Gitarrenriffs und der allgemeinen Stimmung des Songs, brauchte mehrere Jahre, um von der treuen Fangemeinde akzeptiert zu werden. Wenn man sich den Song heute anhört, kann man erkennen, wie entschlossen und hartnäckig Rush waren. Es war ihre Zeit, ihre Musik, und schließlich wurde ihnen Recht gegeben.

(mehr im Podcast)

Unser Intro wurden von transistor.fm erstellt.

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Befruchten wir die Göttin: Nightseeker – 3069: A Space-Rock-Sex-Odyssey | #16

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Heavy Metal. Lasst uns mal, bevor wir zum Thema kommen, über Heavy Metal reden. Einigen wir uns mal darauf, dass Heavy Metal in gewisser weise zeitlos ist. Das Genre steht abseits von Trends und Geschmacksschwankungen, ist entweder transzendent cool oder hoffnungslos lahm. Es ist eines dieser seltsamen Genres, in dem Bands alter und sich weiter entwickeln und in die Jahre kommen, ohne aber traurig und gebrechlich zu wirken, geschützt von einer Rüstung aus Denim and Leather, also Jeans und Leder. Es gab früher mal das Gerücht, dass picklige Teenager immer Led Zeppelin T-Shirts tragen. Dasselbe gilt aber auch für Iron-Maiden–Shirts, Black-Sabbath-Shirts, und über dem Bauchnabel abgeschnittene Motörhead-Shirts. Auf was ich hinaus möchte ist natürlich ein Klischee. Nachdem ist auch der Metalhead nicht in der Zeit gefangen. Er (oder sie, aber meistens er) trägt seine Garderobe bis ins Erwachsenenalter, wenn nicht sogar bis ins Grab. Und mit diesem Phänomen, das zunächst so ausschaut, als hätte es gar nichts mit dem zu tun, was wir heute in unserem Heavy Metal-Umfeld vorfinden, nähern wir uns unserem eigenen Thema eigentlich ganz gut an.

Was ich euch heute anbieten möchte verdient in gewisser Weise die Bezeichnung Kult. Es handelt sich dabei um das 2018 erschienene Album “3069 – A Space Rock Sex Odyssey” von der Band Nightseeker, erschienen auf dem kanadischen Independent-Label Royal Mountain Records, und ihr erkennt daran schon, dass es sich dann auch um eine kanadische Band handeln könnte, was tatsächlich der Fall ist. Um den angesprochenen Kultfaktor zu erklären, muss ich ein bisschen ausholen oder zumindest erst mal sagen, dass der Kult hauptsächlich Kanada und Nordamerika betrifft und auf einen Film von 2002 zurückgeht, mit dem Titel FUBAR, was ein Slang-Ausdruck ist für “Verarscht Jenseits aller Vorstellungskraft”. Mitschöpfer dieses mit billigsten Mitteln gedrehten Films war ein gewisser Paul Spence, der auch der Mann hinter Nightseeker ist – und darin geht es um zwei Typen namens Terry (gespielt von David Lawrende) und Dean (gespielt von Paul Spence), die ihre Zeit damit verbringen, verzweifelt zu versuchen, sich der Realität der Verantwortung als Erwachsene zu entziehen. Während ihre Freunde zur Ruhe kamen, zogen Terry und Dean durch die Straßen, johlten, heulten und soffen eine Dosen Old Style Pilsner nach der anderen im Stil des Dosenstechens. Das ist mittlerweile bei uns so vergessen wie vieles aus der guten alten Zeit, aber man nimmt dazu eine Dose, sticht unten ein Loch rein, legt den Mund über das Loch und reißt die Dose auf. Die Fließgeschwindigkeit erhöht sich dadurch immens – und im englischen Sprachraum wird dieses Ritual “shotgunning” genannt. Wenn ich das hier so ausführlich schildere, dann nur, weil es für die Haltung von Dean und Terry bezeichnend ist und ich später noch mal kurz darauf zurückkomme, wenn wir uns die Songs des Albums anschauen.

Fubar wurde von Lawrence und Spence während der Dreharbeiten komplett improvisiert und war ein krawallig komisches Porträt alternder Headbanger, das aber auf der ernsthafteren Seite auch etwas von der Belastung männlicher Freundschaften und der Zerbrechlichkeit der Männlichkeit einfing, vor allem weil Dean eines Tages Hodenkrebs bekommt. Das hört sich jetzt natürlich erst mal weniger lustig an, aber tatsächlich ist das ein entscheidenden Kriterium, um dem Film eine völlig durchgeknallte Richtung zu geben.

Vielleicht seht ihr schon, welchem Punkt wir uns nähern, nämlich Filmen wie Wayne’s World, Kings of Rock und natürlich und selbstverständlich This is Spinal Tap von 1984. Und wie letztgenannter Film handelt es sich bei FUBAR ebenfalls um eine Fake-Dokumentation oder besser, um eine Mockumentary.

Es gab dann 2010 sogar eine Fortsetzung, die einen bescheuerten deutschen Titel bekommen hat, nämlich “Beerfriends – zwei Prolos für ein Halleluja”. Deutsche Filmtitel sind ja immer wieder ein Thema für sich, aber völlig aus dem Zusammenhang gerissen und ohne Teil 1 war es eigentlich kein Wunder, dass den Film niemand kennt. Oder besser gesagt, niemand weiß, dass hier das Mastermind hinter der Platte, um die es ja eigentlich geht, steckt. Dean ist hier seit 5 Jahren krebsfrei, es gibt eine Menge cooler Songs etwa von Krokus, Black Sabbath mit Dio und Blue Cheer und ansonsten ist alles wie gehabt recht chaotisch.

2017 dann gab es eine TV-Serie mit dem Titel “Fubar Age of Internet” – und hier sind wir jetzt endlich bei der Band Nightseeker angekommen, deren musikalische Entwicklung hier im Mittelpunkt steht.

Terry und Dean bekommen hier mit 20-jähriger Verspätung einen Internetzugang. Das Konzept ist zwar einfach, aber irgendwie dann doch genial: Was wäre, wenn ein Headbanger ins Internet gehen würde? Für uns mag sich das alles irgendwie tatsächlich weltfremd anhören, aber es spricht einen wesentlichen Teil eines ganz bestimmten Klientels an. Diese Jungs kommen sozusagen aus einer Zeitschleife. Das Internet nämlich lässt Terry und Dean auf alles und jeden reagieren. Und Dean gibt dann auch auf Craiglist eine Anzeige für seine Band Nightseeker auf.

Aber während die Hauptprämisse der achtteiligen Serie Fubar: Age of Computer sicherlich amüsant war, hielt Spence sie für zu dünn, um die Serie zu tragen. Also rückte er Deans noch junge Musikkarriere als Bassist mit Falsettstimme in den Mittelpunkt, was ihn dazu veranlasste, eine Reihe echte von Songs für Nightseeker zu schreiben.

Die Songs auf 3069: A Space-Rock Sex Odyssey sind vielleicht nicht ganz so selbstbewusst albern wie die auf dem 1992er Album “Break Like the Wind” von Spinal Tap, aber sie haben doch einige Gemeinsamkeiten. Vor allem werden sie von Musikern mit herausragenden Fähigkeiten vorgetragen. Wie bei Spinal Tap rührt ein Großteil des Humors daher, dass ziemlich alberne Songs mit vollem musikalischen Können und großartigem Studioschliff präsentiert werden. Das Album klingt wirklich großartig und der Grund, warum es so lange gedauert hat, bis überhaupt etwas von Nightseeker zu hören war, lag genau daran, dass man ein gewisses Budget dafür haben wollte um eben nicht wie eine Garagenband zu klingen.

Die Handlung der Serie korrespondiert bereits mit der Story des Albums, auf dem es zusammengefasst um die Notwendigkeit geht, die Zukunft der Menschheit zu sichern, indem man die universelle Göttin mit Rock befruchtet und die Musik klingt wie viele klassische Konzeptalben der 80er Jahre. Viele Bands versuchen das derzeit, aber was vielen im Gegensatz zu Nightseeker fehlt, ist dieser ganz besondere Spirit, den man in sich tragen muss. Am Anfang beginnt alles mit diesem Typen, der ein katastrophales Ereignis in seiner Welt erlebt und plötzlich völlig allein ist, aber am Ende gegen einen Drachentöter kämpfen muss.

Weil er das nicht alleine kann, kommen seine Kumpels hinzu – das ist in diesem Fall die Band. Und dann trifft er diese Frau, die die Königin des Universums ist und am Ende geht alles gut aus. Alle Songs erzählen also ein Kapitel dieser Geschichte. In Fubar wurden Nightseeker als Garagen-Duo gegründet. Die Band macht auch einiges durch. Zum Beispiel sind die anderen drei Jungs in der Band alle Maurer; eines Tages stürzt bei der Arbeit ein Gerüst ein, als es sehr windig war, und sie hatten alle verschiedene Verletzungen und konnten ein Jahr lang nicht spielen, dann schlug auch noch ein Blitz in die Band ein. Aber irgendwann kam eben dieses Album heraus, das diesen ganz bestimmten Geist atmet, aber vielleicht ohne die Hintergründe gar nicht richtig einzuordnen ist.

Ich hatte am Anfang Spinal Tap erwähnt und hier schließt sich der Kreis.

Wie die meisten Musiker ist Spence ein besessener Fan des Klassikers This is Spinal Tap, wo es um eine desaströse Tour einer fiktiven britischen Heavy Metal Band geht, und es ist leicht zu erkennen, dass hier der Ausgangspunkt für Filme wie FUBAR zu finden ist.

(Interessant? Mehr von dieser Geschichte gibt’s im Podcast)

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Klassiker | Voivod – War and Pain | #5


Allein das Cover lädt ein zu einer gemütlichen Gartenparty auf dem Gelände irgendwo in der Nähe eines havarierten Kernreaktors. Niemand hatte 1984 einen derartigen Kometeneinschlag auf dem Schirm, die NASA muss gepennt haben. Vier Jungs mit den liebreizenden Namen Away, Piggy, Blacky und Snake aus irgendwo im Niemandsland nördlich von Quebec in Kanada packten ihre Visionen von Science-Fiction-Vampiren und ließen eine postapokalyptische Stimmung auf die Menschheit los. Entstanden ist der erste Klassiker der außerweltlichen VOIVOD, der gerne mal im Katalog der Band übergangen wird. Heute nicht, denn heute werfe ich mich in den Vortex von Zeit und Raum und bin erneut bereit für War and Pain.

Was es sonst noch gibt: Abschweifungen zu Werbeclips aus alter Zeit und Schauma-Shampoo.