Epic-Sommer-Spezial (2) | #37

Guten Morgen, Freunde draußen an den Radiogeräten, wo immer ihr seid. Heute begrüße ich euch zu Song Nummer 2 unseres Juli-Sommer-Specials, in dem es um ein Mixtape von 14 Songs geht, die wir im Verlauf des ganzen Monats aufsammeln. Immer zwischen den regulären Veröffentlichungen hier im Podcast auf Work of Sirens stelle ich euch einen epischen Song vor – und das ist das eigentlich Besondere dieses Specials, dass es nämlich nicht primär um ein Album, sondern eben um einen Song geht. Während ich das hier aufnehme, weiß ich noch nicht, welches Wetter wir am heutigen Tag haben, hoffe aber, dass es weder zu heiß, noch zu regnerisch ist. Ihr könnt mir ja in die Kommentare schreiben, wo ihr euch gerade befindet und wie ihr euren Tag heute so gestaltet und wie das Wetter bei euch so ist.

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Heute habe ich den Song “Blackwing” von Thunder Rider augsgewählt, das ist zwar ein Hinweis auf das Wetter, aber das muss ja nichts heißen.

Wenn man den Begriff “Thunder Rider” hört, denkt man sofort an etwas, das nicht nur laut, grandios und bombastisch, sondern auch episch und mittelalterlich ist. Man denkt an gepanzerte Ritter in vollem Galopp oder an mongolische Reiter, die über die Steppe fegen. Aber es gab eben auch eine Band aus Montreal, Quebec, die diese Assoziationen hervorruft. Die Band legte 1989 ihr Debüt “Tales of Darkness and Light” vor, dem erst 2002 ein weiterer Versuch mit “Tales of Darkness and Light Volume 2” folge, bevor man nie wieder was von ihnen hörte.

Bei Thunder Rider handelt es sich um eine Mischung aus klassischem und epischem Metal mit gelegentlichen Doom-Einflüssen. Die Gruppe zeichnet sich durch die Art und Weise aus, in der sie ein Fundament aus dramatischem und melodischem Songwriting mit knackigen Gitarren und blitzartigen Leads, einer donnernden Rhythmusgruppe und orchestralen Keyboards mischt. Zu der erhabenen Umgebung tragen auch die regelmäßigen engelsgleichen Chorgesänge und die mittelalterliche Instrumentierung bei.

Wer Cirith Ungol, Warlord, Trouble, Omen und Manowar mag, wird bei Thunder Rider sicher auf seine Kosten kommen.

John Blackwing, der zufällig so heißt wie der heutige Song, ist ein begabter Multiinstrumentalist, der den Gesang, die Lead- und Rhythmusgitarre und die Flöte, die wir dann auch zu hören bekommen, beherrscht. Unterstützt wurde er von einer Vielzahl von Gitarristen, Keyboardern, Bassisten und Schlagzeugern, die zu zahlreich sind, um sie alle aufzuzählen. Allerdings hat sich im Laufe der Zeit die folgende Besetzung herauskristallisiert:

Pat Hammer – Drums
Bruce Corian – Guitars
John Blackwing – Vocals, Guitars, Keyboards, Flute
Roberto Deus – Keyboards
Luc Dufresne – Bass

Gesanglich bringt Blackwing eine tiefe und saubere Präsenz in den mittleren Tonlagen mit, die vor Emotionen und gelegentlichen Elementen des Opernhaften strotzt.

“Blackwing”, ein eindringliches, mittelalterlich angehauchtes Stück. Die Band setzt Keyboards ein, um die Atmosphäre des Songs zu verstärken, aber nicht, um die Hauptmelodie zu tragen; Die Band mag seltsam klingen, dabei sind die Riffs gar nicht so seltsam, es ist nur die Struktur und die Art und Weise, wie sie mit den Keyboard- und Gesangslinien interagieren, die den ungewöhnlich klingen lassen. Zum einen ist der Gitarrensound ziemlich sanft und dünn, und die Riffs werden zugunsten eines Keyboard-Interludes oder einiger atmosphärischer Leads oder so ausgelassen.

Thunder Rider haben als ganzes einige Ähnlichkeiten mit der obskuren Band Stormbringer (IL), da sie durchweg entspannte, lockere Leads verwenden, die ein Gefühl der Ruhe vermitteln, das gut zu den meisten Riffs passt, die typisch dunkel und spacig sind. An einigen Stellen setzen sie sogar eine Orgel ein und erinnert dann ein wenig an Hawkwind, von denen die Band vielleicht einen gewissen Einfluss hatte, aber wie ich schon sagte, ist es so weit von allem entfernt, was ich je gehört habe, dass es schwer zu sagen ist.

“Blackwing” ist ein galoppierendes Weltraumepos mit großartiger Bassarbeit und einer fantastischen Akustikpassage, in der John Blackwing düsterepisch singt (sogar ein Flötensolo ist eingebaut); es ist ein ziemlich atmosphärischer Song, der für den eigentlich erzählerischen Ton gut herausarbeitet, düster und spacig. Blackwing hört sich zwar nasal aber leidenschaftlich an, hat einen kräftigen bariton, der aber nie dröhnend wird, sondern aus einer gewissen Ferne an Ohr dring. Alles in allem waren Thunder Rider eine seltsame Band und das hat ihnen wahrscheinlich auch den Erfolg gekostet. das und die beginnenden 90ern.

Technisch gesehen ist das hier epischer Heavy Metal bezeichnen, aber es klingt wirklich nicht wie irgendeine andere Band, egal ob epischer Heavy Metal oder nicht. Es passiert fast nie, aber hin und wieder kommt eine Band mit einem Sound daher, der sich so sehr von allem anderen da draußen unterscheidet, dass es schwierig ist, herauszufinden, woher ihr Einfluss stammt oder in welches Genre sie gehört.

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Unser Intro wurde von transistor.fm erstellt.

Epic-Sommer-Spezial (1) | #36

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Den Auftakt machen wir heute mit Axehammer und dem Song “Lord of the Realm” von der gleichnamigen EP, die eigentlich ein Album hätte werden sollen, wenn nicht die Plattenfirma mitten in den Aufnahmen das Interesse an der Band verloren hätte, so dass sie auf einem halb fertigen Album sitzen blieb. Das war im Jahre 1987 und Axehammer lösten sich danach enttäuscht auf. Zehn Jahre später erschien die EP als Compilation dann aber doch auf Sentinel Steel Records, was zur Folge hatte, dass sich die Band neu zusammenschloss und 2005 dann ein ebenso gutes Debüt namens Windrider hinlegte, 2012 war dann nach dem zweiten Album “Marching on” auch schon wieder Schluss.

Passend zu unserem Thema im Juli spielen Axehammer natürlich US-Power-Metal, oder – wenn einem das besser gefällt – Epic Metal, denn Power Metal ist heutzutage kein Genre, unter dem man sich etwas Einheitliches vorstellen kann, ganz im Gegenteil wird da oft all das zusammengefasst, was in den 80er Jahren irgendwie nach Heavy Metal klang und aus Amerika kam. Tatsächlich aber sprechen wir hier von wilden Gitarrenriffs, vielen Tempowechseln und von Dungeaons & Dragons inspirierten Texten, wie sie kennzeichnend für Omen oder Attacker waren.

Die beiden herausragenden Aspekte von Axehammer sind das wahnsinnige Riffing und die dominante Stimme von Bill Ramp, der etwas tiefer klingt als viele seiner Kollegen aus dem Genre, aber gerade die Gitarrenarbeit ist eine der wichtigsten Aspekte des US-Power-Metal – und Axehammer waren da eine jener Bands, die zu den Besten gehörten. Jede Menge Obertöne, Einzelnotenläufe, atonale Melodien, usw. Und wenn wir uns den Song anhören, dann sehen wir, das die Band wirklich alles hätte werden können, aber manchen ist das Glück eben nicht holt, trotz harter Arbeit und trotz Können. Aber wenn der Support von der Plattenfirma versagt bleibt oder das Management nicht taugt oder andere Unbilden über einen hereinbrechen, dann wird’s nichts, egal wie gut du als band bist.

Die Band bestand aus Joe Aghassi an den Drums,  Jerome Vincent Watt an der Gitarre, Kit Carlson am Bass und Bill Ramp an den Vocals. Und bis auf Joe Aghassi, der noch bei New Eden gespielt hat, ist kein anderer Musiker mehr groß in Erscheinung getreten.

Mann, was für ein Album hätte das werden können, da fragt man sich wirklich “Was wäre wenn?”. Abschließend kann man sagen, dass dies einfach eines der besten Stücke des klassischen US Heavy Metal ist, das es gibt, und jeder Fan von Heavy Metal der alten Schule muss sich selbst einen Gefallen tun und diese Compilation aufspüren. das ist nicht ganz leicht, wie gesagt. Die ist schon lange out of print, und ob man sie irgendwann wieder re-released, das kann ich euch an dieser Stelle gar nicht sagen. Und es werden auch für die CD ordentliche Preise aufgerufen. Könnt ihr euch ja denken.

Lord Of The Realm ist eine Platte, die nach Zauberei und moosbewachsenen Wäldern riecht. Diejenigen, die das Glück haben, das Album zu erwerben, werden auch mit ein paar Demotracks gesegnet, darunter das rasselnde “Sword And Shield” und das ebenso gewaltige “Wings Of Fire”.

Natürlich sind Axehammer nicht jedermanns Sache, und manch einer mag diese Platte ein wenig altmodisch finden, aber für diejenigen, die in den schäbigen Kerkern vergangener Zeiten gelebt und geatmet haben, sind Axehammer und ihre Art von Fantasy-Battles ein zwingendes Erlebnis.

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Unser Intro wurde von transistor.fm erstellt.

Komm in meinen Sarg: Friends of Hell | #32

Lee Dorians Label Rise Above gehört zu den großartigsten dieser Welt. Dort finden sich Bands wie Uncle Acid and the Dead Beats, Purson, Blood Ceremony, Twin Temple, und Electric Wizard. Doom-, Stoner- und reine, echte Prog-Bands sind dort in einer Qualität zu finden wie nirgendwo sonst. Der Kenner guter Musik weiß das.

Es ist also kein Wunder, dass Friends of Hell dort schnell einen Hafen fanden, vor allem, weil die Musiker keine Unbekannten sind. Von einer Supergroup möchte ich aber dennoch nicht reden, obwohl manche das sicher nicht lassen können. Als ich zum ersten Mal von Friends of Hell und ihrer Besetzung hörte, hatte ich eigentlich das Gefühl, dass es zu schön ist, um wahr zu sein, wenn man bedenkt, was diesbezüglich bereits alles unwiederbringlich verloren ist.

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Benannt hat sich die Band nach dem zweiten Album der legendären Witchfinder General aus dem Jahr 1983 und besteht aus dem ehemaligen Electric-Wizard-Bassisten Tas Danazoglou – hier allerdings am Schlagzeug – und dem Reverend-Bizarre-Sänger Sami Hynninen alias Albert Witchfinder (derzeit bei Opium Warlords). Allein aus dieser Zusammensetzung kann man bereits erahnen, woher der Wind dröhnt.

Für die Gitarrenarbeit hat man sich dann noch den eher unbekannten Jondix von Mercury Gates geschnappt, der das Gewebe des zelebrierten Hammer-Horror-Dooms ebenfalls mit der Muttermilch aufgesaugt zu haben scheint. Qualitativ hochwertiges Riffing ist für den Doom absolut entscheidend und um ehrlich zu sein, überzieht Jondix das ganze Album damit und steht insofern seinen gigantischen Bandkollegen in nichts nach.

Der mit dem Bass stampft ist kein geringerer als Taneli Jarva, ehemals Impaled Nazarene und Sentenced und jetzt Hauptberuflich bei Diavolos zugange. Also gut, wahrscheinlich ist es dann eben doch eine Supergroup.

Wenn wir uns noch in der Mitte der 1980er Jahre befänden, würde jeder Fan, der im örtlichen Plattenladen auf der Suche nach einem vergrabenen Schatz in der Wühlkiste das selbstbetitelte Debütalbum von Friends of Hell gefunden hätte, es wahrscheinlich als einen Klassiker bezeichnen.

Heavy Metal kann als Treffpunkt dienen, der dazu beiträgt, wunderbare Freundschaften zwischen Fans zu schmieden, und die Freundschaften von Musikern tragen in der Regel zusätzlich dann auch die Musik – Friends of Hell kamen nicht durch einen Zufall zustande, denn die Saat wurde bereits vor fast 20 Jahren gelegt, als sich einige der Mitglieder zum ersten Mal trafen und lose über so ein Projekt sprachen. Namentlich spielten Jondix und Tas schon einmal zusammen in einer Doom-Band, die allerdings namenlos blieb

Dank der modernen Technologie war das dann alles viel einfacher aufzunehmen als je zuvor, und auf ihrem Debüt geben alle Beteiligten ohne geografische Rücksichtnahme ihr Bestes, mit einem besonderen Schwerpunkt auf dem, was die 80er Jahre dem Stil gebracht haben, da dieses Jahrzehnt durch die heutige Herangehensweise an das Genre zu oft an den Rand gedrängt wird.

Es ist klar, dass diese Jungs genau wissen, welchen Sound und welche Stimmung sie anstreben, und das zeigt sich gleich beim Opener Out With The Wolves. Der Hörer wird sofort mit Doom-/Proto-Metal-Riffs, Witchfinders unverwechselbarem Gesang und einem donnernden Bass überhäuft.

Shadow of the Impaler ist wie eine tickende Zeitbombe, die nur darauf wartet, zu explodieren, und beginnt mit den furchteinflößenden Schreien des Kult-Horrorfilms Atomic Hero -The Toxic Avenger von 1984, bevor sich ein ziemlich bedrohliches Riff von Gitarrist Jondix anschleicht, begleitet vom gleichmäßigem Stampfen des Bass, das den Eindruck erweckt, als würde sich etwas Schweres durch den Sumpf quälen.

In Into My Coffin öffnet sich die lange schmale Totenkiste, um ihr wahres dunkles Geheimnis zu enthüllen und beschwört etwas vom Geist früher Mercyful Fate herauf. Der Song ist eine grandiose Darstellung von Albert Witchfinders Jekyll-und Hyde-Gesangsstils.

Der Titeltrack Friends Of Hell ist das Herzstück des Albums und bietet weitere doomige Riffs von Jondix, einen schönen Aufbau der Spannung sowie einen eingängigen Refrain von Witchfinder, der ein altbekanntes Thema behandelt.

Gateless Gate bleibt auf dem heruntergeschraubten Tempo stehen und taucht weiter in den Doom-Nebel ein. Aber auch hier ist Albert Witchfinder an allen Ecken der Hauptakteur des Songs.

Evil They Call Us hat ein Riff und ein Tempo, das direkt aus der Ethereal Mirror/Carnival Bizarre-Ära von Cathedral übernommen wurde. Mit mehr Attitüde und einigen fanfarenartigen Einlagen bringt die Band die Blutgefäße weiter in Wallung, um den neugeborenen König auf den Thron zu setzen und mit eiserner Faust zu regieren, während Orion’s Beast wie eine Fortsetzung von Black Sabbaths Electric Funeral klingt.

Als wir uns zum Tanz des Makabren auf Belial’s Ball begeben, wird es ein Duell mit einer gefährlichen Falle. Man kann sich das Opfer selbst vorstellen, wie es 800 Fuß tief unter die Erdkruste fällt und keine Chance hat, sich zu befreien.

Wallachia schließt das Album ab, während Friends of Hell den etwas dunkleren progressiven Stil von italienischen Prog-Bands und Van der Graaf Generator wählen. Man hat das Gefühl, dass dieser blutige Krieg vorbei ist. Aber die Schlacht selbst hat gerade erst begonnen.

Bei allen Songs handelt es sich nicht um ausladende und endlose Doom-Tracks, die sich wie der Arsch einer Robbe dahinschleppen, während sie nach einem Ort sucht, an dem sie sich hinlegen und verdammt noch mal sterben kann; nein, die Tracks sind von einem fantastischem Mystizismus durchdrungen, während die Band zeigt, dass sie imstande ist, den ganzen Reiz von Candlemass, Pentagram und Witchfinder General quasi mühelos aus dem Ärmel zu schütteln. Darüber hinaus werden Doom-Fanatiker nicht gerade wenige Verweise auf andere Doom-Bands und ihr Werk bekommen, was dieses Album allein schon zu einer Schatztruhe macht.

Dies hier ist ein unbarmherziges und glänzendes Debüt, das die meisten wohl ziemlich überrumpelt hat. Friends of Hell sind eine Band, die dem Hörer zu verstehen gibt, dass Heavy Metal nicht nur ein Begriff ist, mit dem man willkürlich herumwedelt. Das hört sich nach einer etwas merkwürdigen Aussage an, aber um ehrlich zu sein wird der eigentliche Spirit heute nur noch selten wirklich zelebriert. Wenn diese Aussage jemanden vor den Kopf stößt: um so besser.

Es ist schön zu sehen, dass Rise Above Records immer noch stark ist. Und man kann sich vorstellen (und darauf hoffen), dass dort noch eine riesige Menge elektrischer Saft darauf wartet, in den kommenden Jahren in die richtigen Beutel gefüllt zu werden.

Das Album erschien am 18. März 2022

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Unser Intro wurde von transistor.fm erstellt.

Musen gegen Sirenen: Aptera – You Can’t Bury What Still Burns

Aptera aus Berlin sind bisher die erste Band, die nicht auf eine Anfrage zwecks Support geantwortet hat, aber das ist natürlich völlig in Ordnung. Ich würde wahrscheinlich auch nicht Hunz und Kunz antworten, und ein wenig Exaltiertheit schadet in der heutigen Zeit ja auch nicht. All das hält mich natürlich nicht davon ab, euch von einem Debüt zu berichten, das wirklich großartig ist und aus dem Wust der Veröffentlichungen heraussticht. Man könnte von echtem Heavy Metal sprechen und hätte damit nichts gesagt, weil ihr ja nur mal hören müsst, was man derzeit unter Heavy Metal versteht. Die Wurzeln von Aptera kann man allerdings als eine Melange verschiedener Stile begreifen. Die Band selbst spricht von einem Mix aus Sludge, Doom, Blues und klassischem Metal mit einer gehörigen Punk-Attitüde. Allerdings sprechen wir hier eher von einem Punk, den man auch bei Venom finden kann. Die böse Art nämlich, immer leicht am frühen Thrash entlang reitend. Die Doom-Anteile hingegen legen eine Atmosphäre nahe, wie sie von den allmächtigen Black Sabbath eingeführt wurde.

Die Musik ist allerdings nicht das einzige Interessante an der Band, denn auch wenn ihr Ground Zero wohl Berlin ist, handelt es sich hier um eine recht internationale Geschichte. Die Musikerinnen stammen aus Brasilien, Italien, Belgien und den Staaten und teilen sich wie folgt auf:

Michela Albizzati – guitar, vocals
Celia Paul – bass, vocals
Renata Helm – guitar, backing vocals
Sara Neidorf – drums

Der Titel “You Can’t Bury What Still Burns” ist nicht unbedacht gewählt, sondern als Hommage an all jene zu verstehen, die Unterwerfung nicht akzeptieren und die Saat der Rebellion zum Leben erwecken, die also durch Taten, wie klein sie auch sein mögen, Veränderungen in der herrschenden Erzählung herbeiführen. Man kann eine kämpferische Seele, einen lebendigen Traum, ein brennendes Herz nicht begraben. So die Erklärung der Band. Ripple Musik, wo die Scheibe erschienen ist, erklärt sogar das große Thema des Albums:

Jeder Track auf “You Can’t Bury What Still Burns” stellt zeitlose feministische Kämpfe durch verschiedene Mythen in Frage und dekonstruiert gleichzeitig etablierte Ideale der Frauenrolle in der heutigen Gesellschaft.

Tatsächlich könnte man die angesprochenen Mythen nicht besser nutzen. Das fängt bereits beim Bandnamen an. Aptera war, wie man überall nachlesen kann, eine antike Stadt im westlichen Kreta, und Schauplatz eines legendären Kampfes zwischen Sirenen und Musen, die schon immer zwei Gegensätze bildeten. Sirenen werden allgemein als zerstörerische Stimmen verstanden. Während die Stimme der Muse die Stimme des Lebens ist, bringt die Stimme der Sirene den Tod. Die Sirenen verloren den Kampf und aus den einstmals gefiederten, vogelartigen Wesen wurden Wassergeschöpfe, weil sie ihre Federn und Flügel verloren.

Leider konnte ich nirgendwo die Lyrics finden, aber bereits der zweite Song “Selkies” deutet einen Ausflug in die keltische und nordische Mythologie an. In den Volksmärchen geht es häufig um weibliche Selkies, die von jemandem, der ihr Robbenfell stiehlt und versteckt, zu Beziehungen mit Menschen gezwungen werden. Es handelt sich im Grunde um das Märchenmotiv des Schwanenmädchens.

Man sollte allerdings nicht den Fehler machen zu denken, es handle sich hier um Fantasy-Lyrics. Ganz im Gegenteil eignen sich Komplexe aus der Mythologie – ob nun griechisch oder keltisch – ganz hervorragend, um die menschlichen Belange bildkräftig darzustellen. Während ich die ganzen modern-gewollten und platten Gegenwartsbezüge in der Musik meide wie der Teufel das Weihwasser, besitzen die vier Musikerinnen hier nicht nur musikalisches Geschick, sondern auch Geist. Es kommt nämlich immer darauf an, wie man seine Themen in Szene setzt, und interessanterweise regiert hier der einzig wahre Oldschool-Vibe in einem zeitlosen Korsett. Die junge Band zeigt, dass es durchaus möglich ist, auch heute noch einen eigenen Stempel herzustellen. Voraussetzung: weder zu faul, zu uninspiriert oder einfach zu untalentiert zu sein.

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Werkschau: RIOT


Hallo Freunde draußen an den Radiogeräten, ich begrüße euch zur ersten Ausgabe eines neuen Formats, das allerdings schon länger geplant war, der Werkschau nämlich.

Riot wurde 1975 in New York City von Gitarrist Mark Reale und Schlagzeuger Peter Bitelli gegründet, die bereits seit ihrer Kindheit befreundet waren.

Hinzu kamen der Bassist Phil Feit und Guy Speranza am Gesang. Gemeinsam nahmen sie ein paar Demos auf, die das Interesse des Indie Labels Fire Sign Records auf sich zogen. Für das erste Demo hatten sie noch den Keyboarder Steve Costelleo, der aber schnell gegen den Gitarristen Louis Kouvaris ausgetauscht wurde.

Bassist Feit war ebenfalls nicht lange dabei und gegen Jimmy Iommi ausgetauscht und jetzt war man bereits für das erste Album Rock City. Auf dieser Scheibe sind dann auch noch die Spuren von beiden Bassisten zu hören, vor allem auch, weil man keine Zeit hatte, bereits vorhandene Tracks neu einzuspielen. Innerhalb von drei Monaten war das Debüt dann im Kasten. Es steht zwar überall zu lesen, dass es 1977 herauskam, aber in Wahrheit war es bereits 1976 erschienen und mit ihm war auch erstmals das Bandmaskottchen Tior zu sehen, eine Mischung aus Seehund und Mensch, zumindest war der Kopf auf dem Menschenrumpf der eines Seehunds.

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(Rock City)

Das Debüt ist schlichtweg großartig und eines der ersten echten Heavy Metal Alben aus Amerika. Das erste hatten 1973 Montrose herausgebracht – dazu gibt es bereits eine Sendung über den amerikanischen Heavy Metal der 70er Jahre – allerdings ohne Riot, obwohl ich die durchaus hätte erwähnen müssen, aber ich hatte da einen anderen Schwerpunkt.
Amerika war zu diesem Zeitpunkt allerdings noch nicht bereits für eine Band wie Riot – was auch einer der Gründe dafür gewesen sein mag, dass Montrose ab ihrem zweiten Album wesentlich abgeflachter auftraten. Die Plattenfirma wollte zum Schluss noch so etwas wie eine radiotaugliche Hitsingle von der Band haben und bekam das auch im Sinne von “This is what I get”, aber das wurde am Ende dann eben doch kein Hit.

Riot hatten von Beginn an ein Problem: sie waren ihrer Zeit um viele Jahre voraus, nicht nur in Amerika, sondern quasi überall. In England würde man so einen Sound erst vier Jahre später zu hören bekommen, und so konnte auch die hart rockende Jugend derzeit nichts mit Riot anfangen. Bis ein Radio-DJ in San Antonio die Platte in die Hände bekam, der bekannt dafür war, Bands ein weiteres Spektrum zu verleihen. Radios hatten damals eine ungeheure Macht, wie ich ja schon oft erwähnt habe. Durch Joe Anthony bekam die Band also Gelegenheit, im Süden eine kleine Tour zu starten, während der die Band beschloss, sich von Louie Kouvaris zu trennen, ohne ihm Gründe hierfür zu nennen. Ersetzt wurde er durch den Roadie der Band, Rick Ventura, der in diesem Jahr sein Debüt mit Riot Act vorgelegt hat, um dem alten Sound der 70er wieder zu huldigen. Eigentlich gibt es also mit Riot V und Riot Act jetzt zwei Bands, die sich auf das alte Erbe besinnen. Mit Ventura nahmen sie dann ihr zweites Album Narita auf, ein noch besseres Album als Rock City. Klasse Songwriting, großartige Solos. Auch Guy Speranza zeigt hier, warum er zu den besten Sängern seiner Zunft gehörte. Über Narita hatte ich schon einmal ausführlich gesprochen. jedoch noch nicht im Podcast, vielleicht hole ich das noch nach.

1979 brach in Großbritannien dann die NWOBHM los und der einflussreiche DJ Neal Kay wurde auf die Band aufmerksam, der sie in Großbritannien bekannt machte, wo die Fans importierte Exemplare von Rock City kauften.

(Narita)

In der Zwischenzeit war die Band bei Capital Records gelandet, weil die Plattenfirma eine Vorgruppe für Sammy Hagar suchte, und nachdem die erfolgreich über die Bühne gegangen war, bot Capital der Band einen weltweiten Vertrag an, ließ die Band allerdings fallen, als sie mit der Promotion von Hagar fertig waren.

Dann schmiss die Band – wieder ohne irgendeine Erklärung – Schlagzeuger Peter Bitelli raus. Für ihn kam Sandy Slavin hinter die Kessel, und weil man schon mal dabei war, ersetzte man auch noch den Bassisten Jimmy Iommi durch Kip Leming. Es gibt Vermutungen, dass hinter diesen plötzlichen Entscheidungen ihr undurchsichtiges Management stand, von dem man nie so recht wusste, wer eigentlich ganz genau dahinter stand, weil sie eigentlich ein ganzes Network an Managern hatten.

Irgendwie schien bei Riot von Beginn an irgendwie der Wurm drin zu sein. Man spielte als Vorgruppe von AC/DC und Molly Hatchett und stand 1979 doch kurz vor der Auflösung.

Arnell und Loeb hießen zum Beispiel zwei der Manager, die Narita bei so vielen Radiosendern wie möglich unterbrachten. Damit steigerten sie den Bekanntheitsgrad von Riot noch einmal, bis Capitol einwilligte, doch noch ein Album mit der Band aufzunehmen. Das führet zu Riots meistverkauftem Album “Fire Down Under”, ein wirklicher Meilenstein im Katalog der Band und eines der besten HM-Alben aller Zeiten. Tior haben wir diesmal in Großaufnahme im Bild, während hinter ihm alles in Flammen steht.

(Fire Down Under)

Vorher aber lehnte Capitol die Platte mit der Begründung ab, sie sei “kommerziell inakzeptabel”, was die Band in eine vertragliche Zwickmühle brachte, weil Capitol sich weigerte, die Band aus dem Vertrag zu entlassen. Am Ende einigte sich Elektra Records mit Capitol und veröffentlichte das Album, das sich dann auch in den Billboard-Charts platzierte.
1981 zeigten Riot den Briten, was eine richtige Harke ist, denn kaum ein Album der New Wave war derart stürmisch veranlagt.

Irgendwie hatten Riot stets das Zeitproblem. Sie kamen auf, als der Punk gerade in Mode kam und waren deshalb allein schon fehl am Platz, und als der Heavy Metal durchstartete, waren sie schon wieder auf einem anderen Level als ihre Kollegen, weil sie im Gegensatz zu ihnen ja schon ein paar Jährchen Erfahrung auf dem Buckel hatten.

Das merkte auch Guy Speranza. Trotz der massiven Unterstützung ihrer Fans, wollten die Labels nichts von ihnen wissen und alles, was die Band anging, war eine einzige Schleiferei, die nirgendwo hin führte. Die Band arbeitete hart, bekam aber kaum Geld. Im Grunde kamen sie nicht vom Fleck, auch wenn man das musikalisch überhaupt nicht merkte. Guy war es leid und verließ die Band. Etwas unglücklich war freilich der Zeitpunkt, weil Riot gerade mit Rush auf ihrer Moving Pictures-Tour unterwegs waren, als die Entscheidung fiel.

Zunächst mal war es natürlich eine Tragödie, diese für Riot prägnante Stimme zu verlieren. Wenn es um Ersatz für den Sängerposten ging, sind schon andere Bands gescheitert, aber Riot fand Rhett Forester, der zwar ein völlig andere Typ als Guy war, aber seine Sache dennoch gut machte, wie man auf dem Album “Restless Breed” von 1982 hören kann.

(Hard Lovin’ Man)

Forester brachte durch seinen anderen Gesangsstil auch einen anderen Sound in die Band, der aber dennoch einen vom 70er Jahre Hard Rock beeinflussten Heavy Metal repräsentierte. Erst mit dem 1983 erschienenen “Born im America” schienen Riot in den 80er Jahren angekommen zu sein und es gab auch ein Musikvideo zum Titeltrack, bei dem es primär um die Ablehnung jeglicher Autorität geht, wie sie später dann Twisted Sister oder auch Ronnie James Dio an den Tag legten.

Mittelpunkt ist natürlich ein problematisches Elternhaus und die Schule, wo alle Lehrer gefesselt werden und die Kids Zigaretten rauchen, Heavy Metal hören und eine Flagge mit Tior hissen. Zum Schluss reißt sich Rhett Forester das Gesicht herunter und ist in Wirklichkeit das Bandmaskottchen selbst. Das ganze Video natürlich im unnachahmlichen Stil der 80er.

(Born in America)

“Born in America” wurde von Steve Loeb, einem der Manager, selbst finanziert und bei Quality Records, einem unabhängigen kanadischen Label, veröffentlicht, weil Capitol schon wieder die Schnauze von der Band voll hatte und sich ganz auf ihren vielversprechenden neuen Act Quit Riot konzentrieren wollte, die gerade mit der Coverversion von “Cum on feel the Noize auf sich Aufmerksam machte. Es kam im Zuge dessen zu Verwechslungen zwischen Quit Riot und Riot, so dass die Band sich sogar gezwungen sah, auf der Rückseite von “Born in America” darauf hinzuweisen, dass die nicht Quiot Riot sind.

Lang ging das alles nicht mehr gut und im Zuge des ganzen Chaos löste sich die Band auf.

Mark Reale zog Kurzfristig nach San Antonio, Texas, wo er versuchte mit den ehemaligen S.A-Slayer-Musikern Steve Cooper, Don Van Stavern und Dave McClain eine neue Version der Band auf die Beine zu stellen. Als Sänger wollten sie unbedingt Harry ‘The Tyrant’ Conklin (Jag Panzer), weil der aber wiederholt wegen übermäßigem Alkoholkonsums bei Auftritten seine Stimme verlor, wurde auch daraus nichts. Also ging Reale wieder zurück nach New York, schnappte sich dort den Schlagzeuger Mark Edwards von Steeler und Sänger Tony Moore und hatte plötzlich eine interessante neue Bestetzung für das wohl glorreichste aller Riot-Alben: “Thundersteel”.

(Thundersteel)

Auf diesem Cover war zum ersten Mal nichts vom Maskottchen Tior zu sehen und überhaupt präsentieren sich Riot in einem völlig neuen musikalischen Gewand. Tatsächlich war auch Tony Moore ein absoluter Glücksgriff, der einer der besten USPM-Sänger überhaupt ist, aber nirgends weiter in Erscheinung getreten ist.

1988 war Metal vor allem durch sein Image bekannt, und wenn man diese Jungs allein danach beurteilt, sehen sie aus wie die Bastardsöhne von Motley Crue und Judas Priest. Aber wenn Tony Moore seine hohe Banshee-Stimme ins Mikrofon schmettert, klingt er wie ein verrückter Wikinger, der bereit ist, eine Armee verängstigter Römer zu enthaupten. Mark Reale, der einzige verbliebene Gründer der Band, schwingt seine Gitarre wie eine Streitaxt und fordert damit Leute wie K.K. Downing, Dave Murray und Ross the Boss heraus. Bobby Jarzombek, der am Schlagzeug vor allem für seine Arbeit für Rob Halfords Soloprojekt bekannt ist, liefert hier die Performance seines Lebens ab. Don Van Stavern sorgt für ein solides Bass-Gerüst, das es in jedem Song in sich hat.

Es war klar, dass sich Riot hier und auf dem nächsten Album “The Privilege of Power” sehr weit von ihrem ehemaligen Stil entfernt hatten, was ja auch klar sein dürfte, schließlich ist es eine ganz andere Band. “Privilege of Power” kam 1990 heraus und wagt mehr musikalische Experimente, an sie man sich erst einmal gewöhnen muss, obwohl das Album den Vorgaben von “Thundersteel” zu folgen versucht, mit einem Unterschied, Tior ist erneut auf dem Cover, auch wenn man ihn nicht gleich findet, weil er nur aus einem der zahlreichen Fernseher, vor dem eine Comic-Familie steht, heraus schaut.

(Black Leather)

Was vielleicht etwas irritierend ist, außer den zahlreichen Zwischenstücken, so dass man manchmal meint, in einem Hörspiel gelandet zu sein, ist das Bläserensemble Tower of Power, das manche Songs unterstützt, sehr prominent zum Beispiel in dem Song “Killer”. Das funktioniert zwar, wenn man es rein musikalisch betrachtet, wirkt aber für manche Ohren – für meine zum Beispiel – völlig deplatziert.

(Killer)

Trotzdem gibt es natürlich noch genug raum für Speedattacken und all dem, was man von Riot zu der Zeit erwartet. Es ist also kein völliger Flop. Und wieder schlug der Riot-Fluch zu. Es gab keinen Support des Labels und Tony Moore verließ dann 1992 die Band wegen Meinungsverschiedenheiten mit Manager/Produzent Steve Loeb. Auch am Bass gab es einen erneuten Wechsel. Don Van Stavern ging und Pete Perez kam.

Mark Reale rekrutierte für den Gesang Mike DiMeo, der in einer lokalen Band namens Josie Sang gespielt hatte, mit der Absicht, ein wieder mehr auf Hardrock ausgerichtetes Soloalbum aufzunehmen. Dazu holte er sich auch einen weiteren Gitarristen namens Mike Flyntz dazu.

Schließlich wurden diese Pläne fallen gelassen, und aus dem geplanten Soloprojekt wurde ein weiteres Riot-Album, das 1993 erschienene “Nightbreaker”, das ein Remake des Fire Down Under-Tracks “Outlaw” sowie Coverversionen von Deep Purple’s “Burn” und “A Whiter Shade of Pale” von Procol Harum enthielt.

Das war das bis dahin stabilste Line-Up und die Band nahm in der Folge sechs Album mit dieser Bestzung auf, ein schierer Rekord, obwohl man sagen muss, dass Schlagzeuger Bobby Jarzombek immer mal wieder aus- und wieder einstieg.

(Nightbreaker)

“Nightbreaker” kann man fast als Überbleibsel aus den glorreichen Tagen der traditionellen Metal-Szene der 80er Jahre betrachten, das zwar viel Abwechslung bietet, aber keine Innovation auf Kosten der Qualität sucht, wie es zu der zeit fast alle Bands taten, die hauptsächlich versuchten, auf den Groove-Metal-Zug aufzuspringen. Und auch die nächsten Alben sind solide und konsequent, wobei die Qualität dennoch etwas flackert.

“Brethren of the Long House” von 1995 ist sowohl ein Stück gute Unterhaltung als auch ein Kunstwerk, vollgepackt mit Speed-Metal-Klassikern, Midtempo-Riffmonstern, einem recht interessanten Gesangsarrangement und einem lyrischen Rückblick auf die Geschichte der Kämpfe zwischen vertriebenen europäischen Siedlern und den Ureinwohnern des heutigen Amerikas. Hier sitzt John Macaluso am Schlagzeug und donnert etwas besser als auf dem Vorgänger, die Double Bass klingt knackig und sauber.

Die Gitarren haben die richtige Balance zwischen hohen und tiefen Frequenzen, was dem Gitarrensound von Maidens Powerslave nicht allzu unähnlich ist. Die Keyboards, wenn sie eingesetzt werden, übertönen die anderen Instrumente nicht und auch ie Gesangsspuren sind klar definiert und überfluten nicht das gesamte Arrangement, wenn in den Refrains mehrere Stimmen übereinander gelegt werden.

(Bretheren)

1997 kehrte Bobby Jarzombek für das Album “Inishmore” zurück. Nachdem losen Thema der native Americans vom letzten Album hat dieses hier ein ebenso loses irisches Thema als Hauptkern.

Mark Reale und seine hartnäckigen Jungs marschierten tapfer durch die 90er Jahre und kamen nicht ein einziges Mal auf die Idee, vor dem grausamen und ebenso hartnäckigen Jahrzehnt zu kapitulieren. Es war der klassische Fall eines unbeweglichen Objekts gegen eine unaufhaltsame Farce. So beeindruckend der Widerstand von Riot auch war, in einer Zeit, in der so ziemlich jede Metal-Ikone sich selbst in die Vergessenheit kommerzialisierte, führte er doch zu einer Art Stillstand für die Band. Die meisten Riot-Alben der DiMeo-Ära klingen verdammt ähnlich. Nicht identisch, wohlgemerkt, aber hartnäckig an einem einzigen Kurs festhaltend. Vielleicht war das auch die Furcht, sich auch nur einen Schritt falsch zu bewegen in einer Zeit, in dem man sofort der musikalischen Orientierungslosigkeit anheim fallen konnte.

(Angel Eyes)

Inishmore ist nicht nur gut geschrieben und gut gespielt, sondern auch gut produziert. Die meisten Alben, die 1998 veröffentlicht wurden, sind, sowohl was das Songwriting als auch die Produktion angeht, eher Produkte ihrer Zeit. Welche Band wäre besser geeignet als Riot, um eine Ausnahme von dieser Regel zu machen?

1999 kam dann “Sons of Society”. Die Songs hier variieren von einem etwas orientalischen Intro über reine Heavy-Metal-Songs bis hin zu Songs, die ein wenig an der Hardrock-Kante liegen. Darüber hinaus sorgt die hervorragende Rhythmusgruppe, bestehend aus Bassist Pete Perez und Schlagzeuger Bobby Jarzombek, wie schon auf den Vorgängeralben für einen subtilen, progressiven Touch auf dem Album. Nicht falsch verstehen, es gibt keine unnötigen ungeraden Taktarten oder ähnliche Prog-Mätzchen, stattdessen schaffen sie wirklich interessante Brüche, sowohl melodisch als auch rhythmisch.

Mark Reale und Mike Flyntz werden eigentlich nie erwähnt, wenn es um die besten Gitarren Duos im Heavy Metal geht. Ich schätze, das liegt vor allem daran, dass man sie gar nicht kennt, weil man ja ohnehin gerne alles nur nachplappert, aber tatsächlich findet man selten ein echtes Gitarrenteam im reinsten Sinne des Wortes, die derart mit der Band verwoben sind und nicht nur für sich selbst vor sich hin schreddern wie hier. Was DiMeo betrifft, braucht man nur zu erwähnen, dass er zu dieser Zeit als Sänger für Deep Purple im Gespräch war, was dann ja nicht zustande kam, weil Ian Gillan zurückkehrte, was natürlich gut für Riot ist. Aber das zeigt, in welcher Liga sich Mike mit seinem kraftvollen Gesang bewegt.

Und noch einen Bonus gibt es: Tior ist wieder mal da. Diesmal gehüllt in den Mantel eines Zauberers und mit einer Laterne in der Hand sieht er aus wie die Tarotkarte des Eremiten.

(Sons of Society)

Nachdem Bobby Jarzombek Riot in Richtung Judas Priest verließ, kam Bobbi Rondinelli, um die Drums auf einem der schlechtesten Alben der Band einzuspielen. “Through the Storm” erschien 2002. Selbst wenn dieses Album in Fahrt kommt, merkt man, dass es nicht gerade die Muskeln spielen lässt. Eine Sache, die uns jedoch bekannt vorkommt, sind die unglaublichen Soli von Mark Reale. Sie sind nach wie vor so stark wie eh und je und bilden zusammen mit Mike Flyntz’ harmonisierendem Handwerk einen Taifun aus leuchtenden Versatzstücken. Aber schlussendlich wird das Album dadurch nicht gerettet.

(Through the Storm)

Bevor sich die Band in Riot V umbenannte, gab es 2006 noch “Army of One”. Wieder nahm ein neuer Schlagzeuger Platz, nämlich Frank Gilchrist. Das Album hat wieder mehr Punch zu verzeichnen und die Energie scheint zurück zu sein. Tior nimmt auf dem Cover wieder einen prominenten Platz ein und das ist ja gar kein schlechtes Zeichen. So ein Maskottchen kann manchmal Signale senden. Nach dem Album stieg Sänger Di Meo aus, um sich auf die Band The Lizards zu konzentrieren und Riot tourten einige Jahre mit Mike Tirelli am Mikrophon, bis 2011 unerwartetes geschah. Die gesamte Thundersteel-Besetzung fand wieder zusammen und Mike Flyntz blieb natürlich trotzdem, um Immortal Soul aufzunehmen.

(Immortal Soul)

“Immortal Soul” ist in jeder Hinsicht ein Meilenstein; es ist ein ausgeklügeltes Werk, in das die Zeit und die Geduld von Riot eingeflossen sind, und nicht nur eine wunderbare Sammlung meisterhafter Melodien. Das Album markiert fünf Jahre seit “Army of One” und ist das insgesamt vierzehnte Album der Gruppe.

Historisch gesehen sind Riot ein sehr merkwürdiges Phänomen, das fast die gleiche Bedeutung hat wie Manilla Road, obwohl es musikalisch vielleicht etwas zugänglicher ist.

Inmitten der soliden Mischung aus melodischen Hymnen und krachenden Riffmonstern findet sich ein geniales Maß an Raffinesse und Nuancen, das das Alter und die Erfahrung der Band widerspiegelt, aber viel mehr mit ihren jüngeren Tagen übereinstimmt als die zu dieser Zeit kursierenden Angebote von Priest und Maiden.

Traurigerweise hatte Mark Reale schon sein gesamtes Leben mit gesundheitlichen Problemen zu kämpfen, die sich jetzt zunehmend verstärkten, so dass er eigentlich nicht sehr viel am Album mitwirken konnte. Er verstarb 2012 und somit war Riot im Grunde Geschichte, schließlich war er der Mann, der Riot nicht nur gegründet hatte, sondern voll und ganz verkörperte.

Aber Mike Flyntz, Frank Gilchriest und Don Van Steveren beschlossen, das Erbe von Mark weiterzutragen, um eine neue Ära von Riot einzuleiten. Das war keine leichtfertige Entscheidung und die Band holte sich den Segen von Marks Vater ab. Zur Verstärkung holten sie sich den Gitarristen Nick Lee und den Sänger Michael Hall und gründeten Riot V. Seitdem haben sie zwei ziemlich gute Alben veröffentlicht, begonnen mit dem 2014er “Unleash the Fire”. Auf dem Cover haben wir einen runderneuerten und futuristischen Tior, der auf der Kreuzung zwischen der RealeStr und der Blood Street steht.

(mehr im Podcast)

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Unser Intro wurde von transistor.fm erstellt.

Der endlose Ozean: Scarecrow – Scarecrow II

Bisher habe ich vierzehn Bands mit dem Namen Scarecrow gezählt und eine Menge mehr, die The Scarecrow heißen. Diejenigen, um die es hier heute geht, sind aus Perm in Russland (wo es immerhin nur zwei Bands mit diesem Namen gibt). Ihr zweites und limitiertes Album ist bereits 2021 bei Narcoleptica Productions erschienen, die irgendwo in Kasachstan sitzen und zwischen Black, Death und Grindcore auch etwas Doom pflegen. Ich denke, eine Spezialisierung in diesen Breitengraden ist auch weniger sinnvoll, obwohl ich zugeben muss, dass ich rein gar nichts über die dortigen Verhältnisse weiß.

Zu Scarecrow kam ich auch nur deshalb, weil mich die Band selbst kontaktiert hat. Das tun zwar eine Menge Bands, aber bei den meisten Zusendungen muss ich nicht mal reinhören um zu wissen, dass das nichts für mich ist. Scarecrow hatte ich allerdings auf meinen permanenten Wanderungen durch Bandcamp schon einmal kurz im Ohr und erinnerte mich daher, dass ich da ohnehin noch mal zurückkommen wollte. Was immer man landläufig so Doom nennt ist ja ein weites Feld, aber bleiben wir doch mal bei dem Begriff (den ich mir irgendwann im Herbst im Genre-Guide vornehmen werde, und das wird eine lange Geschichte, das kann ich euch sagen).

Doom muss nicht immer im mörderischen Schneckentempo vorgetragen werden. Ich selbst halte das für ein großes Missverständnis und selten für wirklich gelungen. Um was es primär geht, ist natürlich die Atmosphäre, weshalb man den Okkult Rock dort ebenso findet wie das Epische, ein melancholisch-eisiges Klima oder eine Wüstengegend mit vielen rostigen Pick-Ups, die zum Sterben unter sengender Sonne zurückgelassen wurden. Und auch wenn der Doom wahnsinnig vielseitig ist, weiß man doch in etwa, was man zu erwarten hat. Natürlich keine Speedmetal-Attacken.

Was Scarecrow hier aber machen, das ist erfrischend anders als alles, was man bereits kennt. Man läuft eine gewisse altbekannte Strecke entlang und plötzlich kommt die erste Überraschung. Dann noch eine. Und dann die nächste.

Alles beginnt mit einem bombastischen Orchesterstück. Viel zu lang für ein Intro und deshalb eher eine Ouvertüre, die mich fast schon an Michael Romeos jüngstes Werk War of the Worlds Pt 2 erinnert. Und tatsächlich werden Scarecrow beweisen, dass ihnen ein progressives Vorgehen nicht fremd ist (wenn sie auch rein gar nichts mit modernem Prog zu tun haben), ganz im Gegenteil ist die Scheibe äußerst abwechslungsreich und an manchen stellen sogar kühn zu nennen. Die Basis des Ganzen ist allerdings nichts Symphonisches, auch wenn man das zu Beginn vielleicht vermuten könnte, sondern klassischer Hard Rock und Heavy Metal der 70er Jahre. Natürlich sind andere Rezensenten sofort mit Black Sabbath bei der Hand, aber um ehrlich zu sein, höre ich hier mehr Led Zeppelin-Einflüsse, vor allem bei Sänger Artemis, der die hohen Register nutzt, um über die warme Produktion zu gleiten. Tatsächlich muss man sich an seine Stimme etwas gewöhnen, was allerdings nicht heißt, dass sie schlecht ist. Es ist hier so wie bei allen eigenständigen Stimmen: man braucht eine gewisse Anlaufzeit, weil sie doch sehr kunstvoll eingesetzt wird.

Neben Artemis haben wir Elijah am Bass, Vadim an den Drums und Max an der Gitarre. Wirklich aller Instrumente sind sehr gut abgemischt und die Band ist gut aufeinander abgestimmt.

Blizzard ist nach der orchestralen Einleitung dann der Song, der wie klassischer Doomrock beginnt, bevor der erste Break zeigt, dass die Band tatsächlich ein Bluesfundament ihr eigen nennt, aber die Dinge, die man gern den 70er Jahren zuspricht, für ihren ganz eigenen Stil umwandelt. Wir hören dann auch im dritten Song Magic Flower den Hauch einer Mundharmonika, eine folkloristischen Atmosphäre, in der Artemis auf die Robert-Plant-Screams zurückgreift, die absolut zu ihm passen.

Bevor jetzt hier ein falscher Eindruck entsteht: nein, das hier ist kein altertümlicher Sound, der in etwa so klingt wie 90% aller gängigen Retro-Bands. Das Überraschende ist die Vielfalt, die Scarecrow in ihren Stil integrieren. Dabei spielen sie auch mit vielen psychedelen Versatzstücken, mit kurzen Natursounds und an einer Stelle sogar mit quakenden Fröschen (The Mushroom Wizard).

Mit The Moors haben wir mit acht Minuten das längste Stück des Albums. An den Titeln seht ihr, dass der Band auch eine gewisse hippieske Attitüde nicht fremd ist, die Magie der Natur nimmt einen zentralen Raum ein, wie folgende Lyrics   zeigen:

Die unruhigen Schatten der vergangenen Tage
Verfolgen dich unaufhaltsam.
Blinde Ambitionen vernebeln langsam deinen Blick,
und lassen dich die Wahrheit nicht sehen.

Das Moor dringt in deinen Geist ein
Und schicken einen ewigen Schlaf,
Der Nebel der Phantasie macht dich blind,
Und zieht dich in die Tiefe!

Und wenn das noch nicht Bände spricht, dann vielleicht diese Passage hier aus The Mushroom Wizard:

Der Pilzzauberer lebt in den Sümpfen,
Der Pilzzauberer erzählt Märchen,
Der Pilzzauberer kennt den Weg,
Er zündet eine Pfeife an und lädt dich zum Bleiben ein.

The Moors ist ein höllisches Epos: warmes Akustikgitarren-Intro, doomiges Heavy-Riff, ätherische Keys: alle Zutaten sind da, und glücklicherweise erreichen wir in der Mitte des Songs einen weiteren Höhepunkt im 70er-Stil. Etwas von dem orchestralen Gefühl des Openers kehrt hier wohlüberlegt zurück und trägt zum Bombast bei.

Ein wenig Sabbath darfs dann allerdings doch sein.  Das Intro zu The Golden Times erinnert tatsächlich etwas an Orchid oder ähnliche Zwischenstücke der mächtigen Band aus Birmingham. Der Song fließt ruhig dahin, und der Gesang nimmt erneut Robert-Plant-Vibes an. Ein weiteres abwechslungsreiches Stück, bei dem man sich am besten entspannt zurücklehnt und die Fahrt genießt – bis das zunehmende Tempo uns mitteilt, dass wir gleich mit The Endless Ocean unser Ziel erreicht haben.

Die Bandbreite und der Umfang dieses Albums sind wirklich sehr beeindruckend. Scarecrow II ist ein akkurater Liebesbrief an die Giganten der Vergangenheit, während sich die Band leicht neben heutigen Größen wie Graveyard platzieren kann. Hier ist ein Album, das alte Ideen neu und eigenständig interpretiert und mit mutigen, überraschenden Erweiterungen verbindet.

Missing Link: Anvil – Metal On Metal | #19

Die unbesungenen Paten des Thrash und Speed Metal stammen aus Toronto in Kanada, einem Ort, der nicht gerade für seine Metal-Szene bekannt ist.
“Metal On Metal” liegt genau zwischen dem klassischen Heavy Metal und dem, was sich dann als Thrash Metal herauskristallisieren sollte und hat sogar Berührungspunkte mit Power Metal.
Heute geht es hier um die Band ANVIL und um ihr zweites Album von 1982.

Unser Intro wurde von transistor.fm erstellt.

Befruchten wir die Göttin: Nightseeker – 3069: A Space-Rock-Sex-Odyssey | #16

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Heavy Metal. Lasst uns mal, bevor wir zum Thema kommen, über Heavy Metal reden. Einigen wir uns mal darauf, dass Heavy Metal in gewisser weise zeitlos ist. Das Genre steht abseits von Trends und Geschmacksschwankungen, ist entweder transzendent cool oder hoffnungslos lahm. Es ist eines dieser seltsamen Genres, in dem Bands alter und sich weiter entwickeln und in die Jahre kommen, ohne aber traurig und gebrechlich zu wirken, geschützt von einer Rüstung aus Denim and Leather, also Jeans und Leder. Es gab früher mal das Gerücht, dass picklige Teenager immer Led Zeppelin T-Shirts tragen. Dasselbe gilt aber auch für Iron-Maiden–Shirts, Black-Sabbath-Shirts, und über dem Bauchnabel abgeschnittene Motörhead-Shirts. Auf was ich hinaus möchte ist natürlich ein Klischee. Nachdem ist auch der Metalhead nicht in der Zeit gefangen. Er (oder sie, aber meistens er) trägt seine Garderobe bis ins Erwachsenenalter, wenn nicht sogar bis ins Grab. Und mit diesem Phänomen, das zunächst so ausschaut, als hätte es gar nichts mit dem zu tun, was wir heute in unserem Heavy Metal-Umfeld vorfinden, nähern wir uns unserem eigenen Thema eigentlich ganz gut an.

Was ich euch heute anbieten möchte verdient in gewisser Weise die Bezeichnung Kult. Es handelt sich dabei um das 2018 erschienene Album “3069 – A Space Rock Sex Odyssey” von der Band Nightseeker, erschienen auf dem kanadischen Independent-Label Royal Mountain Records, und ihr erkennt daran schon, dass es sich dann auch um eine kanadische Band handeln könnte, was tatsächlich der Fall ist. Um den angesprochenen Kultfaktor zu erklären, muss ich ein bisschen ausholen oder zumindest erst mal sagen, dass der Kult hauptsächlich Kanada und Nordamerika betrifft und auf einen Film von 2002 zurückgeht, mit dem Titel FUBAR, was ein Slang-Ausdruck ist für “Verarscht Jenseits aller Vorstellungskraft”. Mitschöpfer dieses mit billigsten Mitteln gedrehten Films war ein gewisser Paul Spence, der auch der Mann hinter Nightseeker ist – und darin geht es um zwei Typen namens Terry (gespielt von David Lawrende) und Dean (gespielt von Paul Spence), die ihre Zeit damit verbringen, verzweifelt zu versuchen, sich der Realität der Verantwortung als Erwachsene zu entziehen. Während ihre Freunde zur Ruhe kamen, zogen Terry und Dean durch die Straßen, johlten, heulten und soffen eine Dosen Old Style Pilsner nach der anderen im Stil des Dosenstechens. Das ist mittlerweile bei uns so vergessen wie vieles aus der guten alten Zeit, aber man nimmt dazu eine Dose, sticht unten ein Loch rein, legt den Mund über das Loch und reißt die Dose auf. Die Fließgeschwindigkeit erhöht sich dadurch immens – und im englischen Sprachraum wird dieses Ritual “shotgunning” genannt. Wenn ich das hier so ausführlich schildere, dann nur, weil es für die Haltung von Dean und Terry bezeichnend ist und ich später noch mal kurz darauf zurückkomme, wenn wir uns die Songs des Albums anschauen.

Fubar wurde von Lawrence und Spence während der Dreharbeiten komplett improvisiert und war ein krawallig komisches Porträt alternder Headbanger, das aber auf der ernsthafteren Seite auch etwas von der Belastung männlicher Freundschaften und der Zerbrechlichkeit der Männlichkeit einfing, vor allem weil Dean eines Tages Hodenkrebs bekommt. Das hört sich jetzt natürlich erst mal weniger lustig an, aber tatsächlich ist das ein entscheidenden Kriterium, um dem Film eine völlig durchgeknallte Richtung zu geben.

Vielleicht seht ihr schon, welchem Punkt wir uns nähern, nämlich Filmen wie Wayne’s World, Kings of Rock und natürlich und selbstverständlich This is Spinal Tap von 1984. Und wie letztgenannter Film handelt es sich bei FUBAR ebenfalls um eine Fake-Dokumentation oder besser, um eine Mockumentary.

Es gab dann 2010 sogar eine Fortsetzung, die einen bescheuerten deutschen Titel bekommen hat, nämlich “Beerfriends – zwei Prolos für ein Halleluja”. Deutsche Filmtitel sind ja immer wieder ein Thema für sich, aber völlig aus dem Zusammenhang gerissen und ohne Teil 1 war es eigentlich kein Wunder, dass den Film niemand kennt. Oder besser gesagt, niemand weiß, dass hier das Mastermind hinter der Platte, um die es ja eigentlich geht, steckt. Dean ist hier seit 5 Jahren krebsfrei, es gibt eine Menge cooler Songs etwa von Krokus, Black Sabbath mit Dio und Blue Cheer und ansonsten ist alles wie gehabt recht chaotisch.

2017 dann gab es eine TV-Serie mit dem Titel “Fubar Age of Internet” – und hier sind wir jetzt endlich bei der Band Nightseeker angekommen, deren musikalische Entwicklung hier im Mittelpunkt steht.

Terry und Dean bekommen hier mit 20-jähriger Verspätung einen Internetzugang. Das Konzept ist zwar einfach, aber irgendwie dann doch genial: Was wäre, wenn ein Headbanger ins Internet gehen würde? Für uns mag sich das alles irgendwie tatsächlich weltfremd anhören, aber es spricht einen wesentlichen Teil eines ganz bestimmten Klientels an. Diese Jungs kommen sozusagen aus einer Zeitschleife. Das Internet nämlich lässt Terry und Dean auf alles und jeden reagieren. Und Dean gibt dann auch auf Craiglist eine Anzeige für seine Band Nightseeker auf.

Aber während die Hauptprämisse der achtteiligen Serie Fubar: Age of Computer sicherlich amüsant war, hielt Spence sie für zu dünn, um die Serie zu tragen. Also rückte er Deans noch junge Musikkarriere als Bassist mit Falsettstimme in den Mittelpunkt, was ihn dazu veranlasste, eine Reihe echte von Songs für Nightseeker zu schreiben.

Die Songs auf 3069: A Space-Rock Sex Odyssey sind vielleicht nicht ganz so selbstbewusst albern wie die auf dem 1992er Album “Break Like the Wind” von Spinal Tap, aber sie haben doch einige Gemeinsamkeiten. Vor allem werden sie von Musikern mit herausragenden Fähigkeiten vorgetragen. Wie bei Spinal Tap rührt ein Großteil des Humors daher, dass ziemlich alberne Songs mit vollem musikalischen Können und großartigem Studioschliff präsentiert werden. Das Album klingt wirklich großartig und der Grund, warum es so lange gedauert hat, bis überhaupt etwas von Nightseeker zu hören war, lag genau daran, dass man ein gewisses Budget dafür haben wollte um eben nicht wie eine Garagenband zu klingen.

Die Handlung der Serie korrespondiert bereits mit der Story des Albums, auf dem es zusammengefasst um die Notwendigkeit geht, die Zukunft der Menschheit zu sichern, indem man die universelle Göttin mit Rock befruchtet und die Musik klingt wie viele klassische Konzeptalben der 80er Jahre. Viele Bands versuchen das derzeit, aber was vielen im Gegensatz zu Nightseeker fehlt, ist dieser ganz besondere Spirit, den man in sich tragen muss. Am Anfang beginnt alles mit diesem Typen, der ein katastrophales Ereignis in seiner Welt erlebt und plötzlich völlig allein ist, aber am Ende gegen einen Drachentöter kämpfen muss.

Weil er das nicht alleine kann, kommen seine Kumpels hinzu – das ist in diesem Fall die Band. Und dann trifft er diese Frau, die die Königin des Universums ist und am Ende geht alles gut aus. Alle Songs erzählen also ein Kapitel dieser Geschichte. In Fubar wurden Nightseeker als Garagen-Duo gegründet. Die Band macht auch einiges durch. Zum Beispiel sind die anderen drei Jungs in der Band alle Maurer; eines Tages stürzt bei der Arbeit ein Gerüst ein, als es sehr windig war, und sie hatten alle verschiedene Verletzungen und konnten ein Jahr lang nicht spielen, dann schlug auch noch ein Blitz in die Band ein. Aber irgendwann kam eben dieses Album heraus, das diesen ganz bestimmten Geist atmet, aber vielleicht ohne die Hintergründe gar nicht richtig einzuordnen ist.

Ich hatte am Anfang Spinal Tap erwähnt und hier schließt sich der Kreis.

Wie die meisten Musiker ist Spence ein besessener Fan des Klassikers This is Spinal Tap, wo es um eine desaströse Tour einer fiktiven britischen Heavy Metal Band geht, und es ist leicht zu erkennen, dass hier der Ausgangspunkt für Filme wie FUBAR zu finden ist.

(Interessant? Mehr von dieser Geschichte gibt’s im Podcast)

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Leise rieselt der Schnee: Black Sabbath 4 | #15

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Im letzten Jahr erschien das Volume-4-Boxset von Black Sabbath kurz vor dem 50ten Jubiläum und erinnerte so an das Album der Band, das einen großen Wendepunkt einleitete. Viele Fans glauben, dass dieses drogengespeiste Werk die beste Platter der Ozzy-Ära ist. Ich würde dem allerdings widersprechen. Ozzy Osborne ist die Hälfte der Zeit etwas unverständlich und der Mix ist eher miserabel, was daran liegt, dass die Band selbst produzierte.

Tony Iommi hat oft davon berichtet, dass die Produktion des Albums sich auf 65.000 Dollar belief, die Kokainrechnung aber auf 75.000 Dollar. Interessanterweise zaubert ihm das auch heute noch ein Lächeln aufs Gesicht. Schillernd war ja natürlich auch, dass sie dieses Album in Los Angeles in den dortigen Record Plant Studios aufgenommen haben, das einzige Album, das sie in Originalbesetzung dort aufgenommen haben. Die Band hatte sich im Frühjahr 1972 in einer Villa in Bel-Air eingemietet und es ging um nicht weniger als den Nachfolger ihres bahnbrechenden und im Grunde härtesten aber auch einfachsten Albums “Master of Reality” vom Vorjahr.

Die Adresse des Anwesens lautete 773 Stradella Road. Die Familie Du Pont hatte einst dort gelebt, eine der reichsten Familien Amerikas, die 1802 mit Schießpulver anfingen und später den größten Chemiekonzern der Welt betrieben, und später lebte die Sexbombe Jaclyn Smith aus Drei Engel für Charlie einige Jahre später dort. Es ist also ein illustres Plätzchen

Es ist ohnehin erstaunlich, welches Tempo die Bands damals hatten. Black Sabbath schufen innerhalb von 2 Jahren vier bahnbrechende Alben – und mit einem solchen Output waren sie damals nicht alleine. Allein das zeigt den gewaltigen Unterschied zu heute. Damals war der Rock ‘n’ Roll-Zirkus noch wirklich voller Leben und viel mehr Metal als der Metal heute. Wir haben heute eine etwas betuliche Art auf alles zu blicken, aber man hat eigentlich wenig zu erzählen. Das war früher ganz anders. Und ich meine hier nicht die ganzen Drogengeschichten und Exzesse, sondern das Leben an sich, die Grundhaltung dem Leben gegenüber, das noch irgendwie erobert werden wollte. Die letzten Ausläufer habe ich ja gottseidank mitbekommen, und um so älter ich werde, weiß ich, was ich da eigentlich für einen Schatz in mir trage.

Über Black Sabbath zu sprechen ist immer etwas schwierig, weil man davon ausgehen kann, dass jeder die Geschichte der Band hinlänglich kennt. Da wurde ja kein Stein auf dem anderen gelassen und in schöner Regelmäßigkeit Interviews und Hintergründe durch die Musikzeitschriften gepeitscht. Das Interesse ist auch nach ihrem vermeintlichen Schwanengesang 2013 gewaltig, was kein Wunder ist für eine Band, die als Erfinder der wohl gewaltigsten Musikrichtung neben Jazz und Klassik gilt – dem Heavy Metal. Einzelheiten darüber erspare ich mir jetzt, weil ich immer wieder auf diese Begrifflichkeit eingehe und es dazu auch schon einige Sendungen von mir gibt. Natürlich sollte ich gerade die Protometall-Sendung, mit der 2019 auf diesem Kanal alles begann, noch einmal überarbeiten und neu präsentieren, aber das mache ich dann zu gegebener Zeit.

Kommen wir also zum Album. Nach dem Vorgängeralbum erholte sich die Band, indem sie sich eine Auszeit gönnte und sich von den Trends der Zeit inspirieren ließ. Während es in ihrem Umfeld viele Bands gab, die nur Hardrock spielten, wuchsen die Sabbath-Mitglieder mit Künstlern auf, die stilistisch ziemlich weit von der Musik entfernt waren, die sie selber spielten. Es gab in der Welt des Heavy Rock nicht viel anderes, das sie hätte beeinflussen können, und so ist es nicht überraschend, wenn andere Einflüsse in das Songwriting einfließen.

Iommi mag zwar der Erfinder des Heavy Metal sein, aber er wuchs als Fan von Frank Sinatra auf. Denkt man sich die Verstärker weg, hört man die Einflüsse der damaligen zeit sogar ziemlich genau. 1972 gab es einen großen Trend an Funkmusik, also Musik, die auf ein flottes Tempo und glatte, perkussiv-lastige Songs setzte, die das Publikum mitreißen sollten; geradeaus, aber voller Energie.

Während Sabbath auf ihren beiden Vorgängeralben kalt und düster waren, knüpft dieses Album nicht nur an das Debüt an, indem es Bill Ward wieder aufleben lässt, sondern auch, indem es warm und verspielt ist. Selten wird einem der echte Doom um die Ohren gehauen, stattdessen wird man mit raffinierten Mustern zum Grooven verleitet. Das lange Zwischenspiel von Wheels Of Confusion oder die fesselnde zweieinhalbminütige Coda mit dem Titel The Straightener sind der Beweis dafür, wie groovig das Album ist.

Auf Vol. 4 veränderte die Band also ihren Stil. Das war ganz klar die experimentelle Phase der Band, die erkannte, dass sie ihren Härtegrad nach den drei vorangegangenen Alben nicht mehr so ohne weiteres steigern konnten. Das Ergebnis war zwar immer noch ein schweres Alben, aber mit wesentlich vielseitigen progressiven Elementen bestückt. Die Songs sind sehr abwechslungsreich und trotz ihrer Kürze ziemlich komplex, was auf den ersten Blick gar nicht so scheint. Mit dem nächsten Album “Sabbath Bloody Sabbath” und dem definitiven Proto-Prog-Metal-Opus “Sabotage” baute die Band später ihren progressiveren Sound sogar noch weiter aus. Es gab noch andere Veränderungen, zum Beispiel die Klavierballade “Changes” oder das Orchester auf der eindringlichen Kokshymne “Snowblind”, wie sie das Album zunächst nennen wollten. Aber das US Label Warner Bros. sträubte sich dagegen, ein ganzes Album nach Kokain zu benennen, also klebten sie einfach nur die 4 drauf, weil ihnen interessanterweise nichts anfiel einfiel. Dabei wäre “Supernaut” eine gute Alternative oder auch “Wheels of Confusion”. Nach “Master of Reality” also “Wheels of Confusion”. Und konfus war ihr Zustand ja allemal. Hier dürfte tatsächlich der Niedergang der Band begonnen haben, der Bill Ward und Geezer Butler zu Alkoholikern und Junkies machte.

Es gibt Kubanische Rhythmuseinflüsse bei “Supernaut”, einem Stück mit einem so ansteckenden, kraftvollen Groove, von dem John Bonham von Led Zeppelin sagte, dass es sein Lieblingsstück sei. Es gab natürlich auch weiterhin die für Sabbath typischen wilden Gitarren und Ozzys geisterhaften Gesang, der hier ziemlich verwaschen klingt, aber jetzt auch vermehrt rhythmische Kontrapunkte wie sie im Jazz üblich sind. Tony Iommis Idee war es oft, die Heaviness der Band dadurch zu erreichen, dass es eben auch zurückgenommene Phasen gibt, damit die Heaviness überhaupt wirken kann. Vor allem hat er dieses Wechselspiel auch von Bill Ward gefordert und auf diesem Album ist der Schlagzeuger tatsächlich der wesentliche Part, obwohl drei der zehn Stücke gar kein Schlagzeug haben und zwei weitere nichts anderes als Standard sind, aber er treibt diese Songs mit seiner perfekten Mischung aus harten Schlägen und einer gewissen Finesse an. Die beiden Vorgängeralben waren entweder stromlinienförmig (Paranoid) oder eher simpel (Master Of Reality), auf diesem Album jedoch merkt man Bill Ward an, dass die Kompositionen seinen Fähigkeiten besser entgegenkommen. Im Jazz zum Beispiel steht das Einhalten des Taktes nicht im Vordergrund, sondern die Dynamik durch künstlerische Freiheiten auf die Band zu übertragen. In den vier besten Songs des Albums kommt dieses Konzept zum tragen: Snowblind, Cornucopia, Under the Sun und Wheels of Confusion.

Warum diese vier? Was macht sie besonders? … Diese vier Songs machen insgesamt dreiundzwanzig Minuten aus und drei von ihnen kommen erst später auf dem Album. Nichts sagt mehr über die Qualität eines Albums aus, als wenn die besten Songs in der hinteren Hälfte zu finden sind. Die meisten Bands platzieren ihre stärksten Songs natürlich im vorderen Teil des Albums, Sabbath widersetzte sich diesem Trend, indem sie ihre progressivsten Songs weiter hinten gruppieren. Jeder der genannten vier Songs unterscheidet sich noch einmal stark voneinander und verfolgt nicht das gleiche Konzept.

Der Untertitel vom letzten Song – Under the Sun – zum Beispiel trägt den Untertitel “Everyday Comes and Goes”. Das scheint zunächst willkürlich zu sein, hat aber einen Grund. In der Mitte gibt es ein 75 Sekunden langes Zwischenspiel, das schneller und schlagzeuglastiger ist als das Hauptthema, aber nicht nur eine eingeschobene Brücke ist, sondern aus einem Anfang, einer Mitte und einem Ende besteht, also eigentlich ein eigener kleiner Song in einem Song. Solche Momente haben auf dem Vorgängeralbum gefehlt. “Cornucopia” ist ein weiterer Song, der buchstäblich aus fünf verschiedenen Abschnitten besteht, und wieder ist jeder von ihnen drastisch anders. Das Eröffnungsriff ist nicht nur bösartiger als jede Sekunde des Master Of Reality-Albums.

Genau wie beim Debüt zeigt Volume 4 in hervorragender Weise die Bedeutung von Bill Ward für das, was Sabbath so einzigartig machte. Ward ist sehr ausdrucksstarker und flüssiger Schlagzeuger, der es damals verstand, selbst seine Wiederholungen mitreißend zu gestalten. Denn egal, wie schwer und metallisch Iommi und Geezer einen Song gestalten, Ward spielt so, dass es unmöglich ist, nicht mitzugrooven. Zu Songs wie “St. Vitus Dance” und “Supernaut” kann man buchstäblich auf dem Parkett tanzen, beide sind eigentlich nur wegen der Verzerrung der Saiteninstrumente sowas wie “Metal”. Saint Vitus Dance hat sogar etwas von Cabaret oder einer Burleske.

Es mag auf den ersten Blick offensichtlich sein oder auch nicht, aber man merkt schnell, dass Ward bei vielen der schnellsten Songs auf dieser Platte eine größere Rolle spielt als Geezer Butlers Bass. Das soll nicht heißen, dass Butler als Texter oder Halbgott der tiefen Töne nachlässt, aber nicht viel von dem, was hier abläuft, zeichnet sich durch irgendwelche glatten Bassläufe von Geezer aus. Dies ist vielleicht sein zurückhaltendes Album der Ozzy-Ära.

Insgesamt zeigt die Platte, dass mit Black Sabbath mehr los war als nur diese tonnenschweren Riffs abzuliefern.

Vol. 4 wurde im September 1972 veröffentlicht und zeigt auch eines der ikonischsten Albumcover von Sabbath: ein gelb-monochromes Bild von Ozzy, der eines der Fransenhemden trägt, die er jahrelang bevorzugte, und seine Arme zu einem Friedenszeichen ausbreitet. Eine eigentlich interessante Wahl, denn auch wenn Ozzy der Frontmann der Band war, ist es doch unbestreitbar Tony Iommi, der hinter Black Sabbath stand.

Vol. 4 enthält zwar Songs wie “Supernaut”, die von Kennern als Klassiker angesehen werden, aber “man hat nicht wirklich … diesen durchschlagenden Hit. Snowblind kommt dem vielleicht am nächsten, weil er einfach diesen großartigen Groove hat und mit diesem Killer-Riff einsteigt, und natürlich singen sie da über etwas, das ihnen zu der Zeit sehr am Herzen lag. Schnupfen bis der Winter kommt.

Einige Berichte besagen, dass Sabbath ihr nächstes Album, Sabbath Bloody Sabbath aus dem Jahr 1973, ebenfalls in Los Angeles aufnehmen wollte, aber dazu kam es nicht.

Schließlich nahmen sie Sabbath Bloody Sabbath in einem Schloss in England auf. Das ist dann aber eine andere Geschichte.

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