Genre-Guide: Vampiric Black Metal | #33


Hallo Freunde draußen an den Radiogeräten, ich hoffe, ihr habt Hammer und Pfahl in Griffnähe oder zumindest ein Glas Rotwein. Seht ihr, ich beginne die Sendung geradewegs mit einem ganzen Batzen von Klischees, aber ihr seht zumindest, worum es uns heute gehen soll. Um den Vampir. Es wäre natürlich völlig unmöglich, das Thema des Vampirs in der Musik erschöpfend zu bearbeiten, deshalb grenzen wir das ganze etwas ein und sprechen über das Vampirthema im Black Metal, das in letzter Zeit um sich greift, über Vampiric Black Metal, und wir entreißen den Vampir damit auch ganz bewusst dem Gothic Sektor, wo er ja lange Zeit fast schon ausschließlich zu finden war, sieht man mal von den ganzen Fantasy-Romanzen ab. Natürlich ist der Vampir im Black Metal jetzt auch nicht der allerneuste Schrei, aber so wie er im Moment angenommen wird, kann man fast schon sagen, dass dieses Wesen der Nacht endlich wieder zu seinem angestammten Recht kommt.

Lesen

Es mag vielleicht ein wenig willkürlich erscheinen, aber ich habe euch heute drei Alben mitgebracht, die dieses Feld ganz gut abdecken, eines davon aus dem letzten Jahr und zwei aus den aktuellen Veröffentlichungen. Namentlich Sumerian Tombs mit dem gleichnamigen Album, Order of Nosferat, mit dem Album Nachtmusik und schließlich Krvna mit Sempinfernus.

Vampire haben eine umstrittene Geschichte. Einige behaupten, dass diese Kreaturen “so alt wie die Welt” seien. Das würde zum Ansatz von Sumerian Tombs passen, die uns musikalisch durch die dortigen Gräberfelder schicken, aber – wie sie in Interviews betonen – mehr fiktional als faktisch. Wobei – Fakten und Vampire? Ein merkwürdiges Zusammentreffen beider Wörter. Was wissen wir also über die Wahrheit der Vampire?

Aber neuere Erkenntnisse deuten darauf hin, dass unser Glaube an Vampire und Untote im 18. Jahrhundert geboren wurde, da erschienen nämlich die ersten Berichte über dieses Phänomen. Im Jahr 1732 taucht der Begriff überhaupt laut Gothic-Experten Roger Luckhurst zum ersten Mal auf. Es gibt aber archäologische Entdeckungen von ungewöhnlichen Bestattungen, die nahe legen, dass der Glaube an Vampire und Wiedergänger bereits vor 1500 präsent gewesen sein muss.

Zum Beispiel wird in der polnischen Stadt Kamien Pomorski eine Vampirleiche ausgestellt, die 500 Jahre alt sein soll. Das zumindest haben Archäologen bestätigt. Durch ihre Knochen war wohl ein Pfahl gerammt, damit die Leiche den Sarg nicht verlassen kann und im Mund hatte sie einen Stein, um das Blutsaugen zu verhindern. 500 Jahre ist ziemlich alt, aber in Bulgarien wurden noch ältere diese abweichenden Bestattungen entdeckt. Wie nahe dran sind wir aber wirklich an den Sumerian Tombs? Naja, so sehr fiktional sind Vampire in dieser ersten menschlichen Hochzivilisation gar nicht.

Vampire haben schon immer die menschliche Angst vor dem Tod repräsentiert. Das lässt sich durch die Jahrhunderte zurück bis in den Nahen Osten und die südlichen Regionen Asiens verfolgen.

Im babylonischen Epos Gilgamesh, genauer gesagt in der sechsten Tafel, die der Göttin Ishtar gewidmet ist, wird eine Kreatur beschrieben, die “in der Lage ist, anderen das Leben zu nehmen, um ihr eigenes zu bewahren”. Darüber hinaus gab es alte griechische ländliche Legenden über Männer und Frauen, die Blut tranken, um sich jung zu halten, es gab ja noch keine vernünftige Drogerie. Und auf den Gilgamesh-Epos spielt die Band in ihren Texten auch an, wenn zum Beispiel im Song Light of Death von Irkalli die Rede ist.

Irkalli ist die Unterwelt, aus der es keine Rückkehr gibt. Wer das Portal zur Unterwelt durchschreitet, muss auf der Straße der Knochen reisen, wo es sieben Tore gibt, die man durchschreiten muss, bevor man die Stadt der Toten erreicht. An jedem Tor wartet ein Wächter, der eine Gebühr für den Durchgang erhebt und verhindert, dass man den falschen Weg einschlägt. In dieser Unterwelt befindet sich eine große Wüste der Angst, die von den lebenden Geistern der Toten bevölkert wird, die sich nach dem Leben sehnen, das sie verloren haben.

Die Stadt der Toten erscheint wie ein eigener Stadtstaat, der von den wandelnden Toten bewohnt wird. In den Hallen der Stadt essen diese Geister nur bittere Asche und wohnen in Gebäuden aus Lehm. Von hier aus regieren die Göttin Ereshkigal und ihr Gemahl, der Totengott Nergal das Reich. Ireshkigal wird dann im Song The Key – Bloodmeditation besungen.

Tatsächlich werden Sumerian Tombs ihren geschwärzten Schatten über die Erde, was sich schon auf der im letzten Jahr erschienenen EP “As Sumer Thrones At Night” abzeichnete. Weit weg vom phantastischen oder romantischen Vampirismus einer Anne Rice oder auch Bram Stoker haben wir es hier mit einer wahren blutrünstigen Quelle zu tun, die eben viel älter, primitiver und bösartiger ist.

Das zeigt ich schon zu Beginn mit dem plötzlich einsetzenden von “Bloodspells of the Ancient”; dem unmittelbaren Losbrechen aller Instrumente gleichzeitig, begleitet von einem gewaltigen Schrei. Und von jetzt an bebt alles der unausweichlichen Verdammnis entgegen, was nicht ohne melancholie vorgetragen wird, episch sogar, trotz seiner rasenden Geschwindigkeit, bei der die Melodieführung wie hinter einer Nebelwand verschwimmt, begleitet von zeitweise fast tribelartigen Perkussionsinstrumenten und harschen Gesängen, die sich alle stetig zu einem Höhepunkt des allgegenwärtigen Bösen aufbauen. Tomb Lurker ist dann zu Beginn und immer wieder mittendrin von einem ähnlichen Element der Bedächtigkeit besessen und wechselt sich mit Wellen einer nahezu brennenden und eindringlichen Klangwand ab.

Während ein Großteil des Albums bis zu diesem Punkt eine etwas “modernere” Klangfarbe verwendet hat, die gekonnt in glühende dämonische Flammen gehüllt ist, scheint “Altars of the Past” eher auf einen treibenden, schneidenden, schwedisch klingenden Klassizismus hinzuweisen, wobei das geschmackvolle Klavier nichts von dieser sengenden Atmosphäre wegnimmt. The Key – Bloodmeditation schreitet anschließend selbstbewusst mit einer schrecklichen, grandiosen Ausstrahlung vorbei, mündet in den blutgetränkten Ritus des kurzen Transcending the Veil, bis ich das abschließende Vampiric Dominance über die unglückliche, karge Tundra erhebt, um das letzte bisschen Hoffnung mit einer episch majestätischen Meisterleistung von unbeirrbarer, wunderschöner infernalischer Souveränität wegzuspülen.

SUMERIAN TOMBS haben uns einen gewaltigen Wälzer des Black Metal geschenkt, indem sie zeitgenössische schwere Wärme und epische Dichte mit traditionelleren Elementen wilder und dreister dämonischer Orthodoxie verbinden. Darüber hinaus dient die Band (zusammen mit den australischen KRVNA, zum Beispiel, deren Album Sempinfernus wir uns glleich anschauen) eindeutig dazu, die Fähigkeit dessen, was man als “vampirischen” Black Metal bezeichnen könnte, neu zu definieren, indem sie den Begriff von kitschig-romantischen Tropen befreit und ihn auf Archetypen anwendet, die deutlich dunkler, schwerer und bombastischer sind.

Order of Nosferat

Das dritte Album der deutsch-finnischen Band Order of Nosferat wurde nicht ohne Spannung erwartet, obwohl es erst ein Jahr her ist, dass die Band sage und schreibe gleich zwei Alben veröffentlicht hat. Seit März gibt’s jetzt “Nachtmusik” und der Name ist Programm. Hört man den Bandnamen, den Titel des Albums und sieht sich dann auch noch das Cover an, auf dem kein geringerer als Nosferatu selbst geschmackvoll stilisiert das schwarze Album schmückt, kann man sich vor Freude auf die nächste schlaflose Nacht gar nicht mehr retten.

Die Band besteht aus Count Revenant, der in nicht gerade wenige andere sehr empfehlenswerte Projekte eingebunden ist, darunter Sarkrista, die im letzten Jahr ja ebenfalls erst mit Sworn to Profound Heresy zwar nicht ihr bestes, aber auch kein schlechtes Album veröffentlicht haben.

Dann haben wir Sarastus und Slagmark. Zugegeben sind die Bands musikalisch nicht wirklich auseinanderzuhalten, bei Oder of Nosferat ist das aber anders. Dem deutschen Vokalisten, Gitarristen, Bassgitarristen und Keyboarder steht mit dem Finnen Anzillu ein hervorragender Drummer zur Verfügung, der unter anderem bei Serpentfyre trommelt, aber meiner Meinung nach ebenfalls an keinem besserer Projekt beteiligt ist. Irgendwie scheinen die beiden auch zu wissen, dass sie hier etwas Besonderes machen, wenn man sich allein den qualitativen Output anschaut. Mit was wir es hier zu tun haben ist vampirischer Black Metal, wie er gerade ja seine dunkle Blüte erlebt.

Der treffende Titel “Nachtmusik” ist einsamen Nachtwanderern und jenen gewidmet, die in schlafloser Verzweiflung verharren. Manchmal trauriger und wütender als seine beiden nicht zu verachtenden Vorgänger, wandelt Nachtmusik auf dem schmalen Grat zwischen Fiebertraum und erhabener Lähmung; der Black Metal ist schmutziger und rauer, während die oft isolierten Synthesizer- und Klaviersegmente dem Gesamtbild des Albums eine verwundete Dunkelheit angedeihen lassen.

Es kommt natürlich immer darauf an, was von von Black Metal erwartet – auch wenn es um Vampire geht. Black Funeral aus Amerika haben dieses Thema bereits seit 1995 am Start, aber um ehrlich zu sein glaube ich, dass es eine für meine Verhältnisse vernünftige Umsetzung erst in jüngster Zeit gibt, wie zum Beispiel auch Krvna aus Australien letztes Jahr mit ihrem Album Sempinfernus gezeigt haben.

Natürlich bleiben Order of Nosferat ihrer vampirischen Vision immer treu, und Nachtmusik lässt sich gut mit vampirischen Pionieren wie Black Funeral aus Amerika sowie Vlad Tepes aus Frankreich, Mütiilation, Funeral, Blessed in Sin oder einer Reihe von Bands aus dem Umfeld der Black Legions oder Concilium vergleichen. Doch mit der willkommenen Integration düsterer Zwischenspiele und noch dezenterer Keyboard-Schichtungen baut das Duo seine eigene, glaubhaft eigenwillige Version von VAMPIRIC BLACK METAL weiter aus. Und genau wie die beiden Vorgänger-LPs fühlen sich Order of Nosferat weiterhin vertraut und nostalgisch an, und genau das ist der Punkt; Black Metal hat es nicht nötig, etwas anderes zu sein als das, was er bereits ist… oder besser gesagt war. Und dasselbe gilt für die Bezeichnung “Vampir”, bevor sie von Zirkusclowns und Freaks an der Leine ruiniert wurde. Lichter aus mit Nachtmusik!

Krvna

Krvna kommen zwar aus Australien, aber ihr Herz scheint direkt aus Transsilvanien zu stammen, wie Mastermind Krvna Vatra erklärt: “Dieses Album war ein Weg, diesen alten Glauben an Vampire wieder zu stärken und ins Licht zu rücken, nachdem es einige Kräfte gab, die ihn und andere dunkle Aspekte der Balkan-Kultur ständig weiter abgebaut haben.”

Diese reichhaltigen konzeptionellen Gefühle werden auf jeden Fall durch den soliden rasanten Black Metal des Debüts untermauert. Dabei handelt es sich um eine offensichtlich traditionelle Ausrichtung, die eine klare Mission verfolgt.

Die Produktion ist relativ ausgefeilt, was den vampirischen Black Metal angeht. Das hat mehr mit Dawns Slaughersun oder in jüngerer Zeit mit Tempestarii oder The Kryptik aus Rio de Janeiro gemein als mit Mütiilation. Das Schlagzeug bietet ein konstantes Sperrfeuer aus fließenden Blast-Beats und Crash-Becken, die weniger rhythmisch als vielmehr lineare Wände aus klanglicher Energie sind.

Die Gitarren bieten einfache, sich entwickelnde Tremolo-Riffs, die durch sehr traditionelle, melodische Gitarrenleads und subtile Keyboardarbeit ergänzt werden. Der Gitarrensound ist eher hoch, aber die Überlagerung verschiedener, sich ergänzender Tracks öffnet die Musik und lässt den Hörer in die ehrgeizige Bandbreite dieses Albums eintauchen. Der Gesang sitzt weiter hinten im Mix und wirkt wie eine bösartige Präsenz, die wir trotz ihrer offensichtlichen Anwesenheit nie ganz bewusst verinnerlichen.

Alle Songs erreichen ihren Grad an Komplexität und Tiefe durch die schiere Anhäufung von einzelnen Elementen, die alle in einem berauschenden Tempo vorgetragen werden, und dadurch ihre elegante Einfachheit verdeckt. Die Riffs sind relativ geradlinig und bestehen aus kleinen linearen Notenclustern mit wiederum kleinen Variationen, die in jeden Zyklus eingearbeitet werden. Die Riffs werden überwiegend mit Tremolo-Gitarren gespielt, die – zusammen mit den fließenden Blast-Beats und Fills, die darunter liegen – grundlegende Polyrhythmen erzeugen, während sich die einzelnen Komponenten übereinander schichten. Grundlegende Leadgitarrenarbeit oder in einigen Fällen eine Keyboardlinie verstärken dieses Gefühl von leicht abweichenden Zyklen, die sich alle zu einem größeren Wandteppich von cineastischer Tragweite zusammenfügen.

Es ist ein höchst effektiver Kompositionsansatz, der dem manchmal etwas nüchtern wirkenden Black Metal mehr Leben einhaucht. Aber auf  Sempinfernus haben Krvna bewiesen, dass sie Meister der subtilen Kunst des Arrangements sind. Noch wichtiger aber sind die ausgeprägten melodischen Linien, die sich von ihrem starr-schnellen Fundament lösen und einen unverwechselbaren und einnehmenden Charakter zeigen.

[collapse]

Unser Intro wurde von transistor.fm erstellt.

Review | Amorphis – Halo | #13

Lesen

Über das neue Album von Amorphis zu sprechen ist für mich eine viel schwierigere Aufgabe als gedacht. Ihr neues, das manche als den Abschluss einer Trilogie sehen, bestehend aus Under the red cloud von 2015, Queen of Time von 2018 und eben dem am 11. Februar erschienenen Halo habe ich immer wieder aufgeschoben und stattdessen lieber wieder und wieder gehört. Ich muss dazu sagen, dass ich Amorphis zwar immer wahrgenommen habe, aber nie damit gerechnet hätte, dass mich eines Tages eine Scheibe dieser Band so maßlos überrollen würde.

Da war zunächst das Video zu “The Moon”, das bereits ende letzten Jahres zu sehen war und alles schien für mich nach Business as usual aus. Der Song war eben von Amorphis und enthielt alles, was man so erwartet. Aber darüber hinaus eben auch nichts anderes. Erst als das Album dann vorlag, war mir sofort klar, dass es zumindest in meiner musikalischen Welt selten vorkommt, dass ich so fassungslos bin. Und das ist so geblieben, so oft ich die Scheibe auch höre. Jetzt könnte man ja meinen, ich sei ein bisschen abgeklärter als manch anderer, der mit jedem guten Album sofort das Album des Jahres ausruft. Da sind wir ja ohnehin im rein subjektiven Bereich. Es gibt keine Waage, die erklärt, warum irgendetwas besser sein soll als etwas anderes. Und so ist es natürlich auch hier. Ich habe meine Erfahrung, meinen Geschmack – und der kann sich durchaus laufend ändern. Ob etwas gut ist oder nicht entscheide ich weder nach Zeitgeist noch Underground noch Genre, das kommt eher wie bei den meisten aus dem Hinterhalt.

Amorphis sind eine Band, die sich im Laufe der Zeit massiv verändert hat, wenn wir jetzt mal vom Debüt The Karelian Isthmus ausgehen, und die länger als andere Bands nach ihrem Stil gesucht haben. Erst mit dem Einstieg von Tomi Joutsen auf dem Album Eclipse von 2006 haben sie den dann gefunden und von Album zu Album weiterentwickelt. Das ist eine Formel aus melodischem, Manchmal psychedelischem, oft folkigem, sporadisch rockenden, auf seltsame weise progressivem Heavy Metal, dem ein warmes, melancholisches Gefühl innewohnt. Hinzu kommen natürlich noch die Texte, die fast immer von bedeutenden finnischen Lyrikern geschrieben werden, hauptsächlich Pekka Kainulainen, eine finnische Berühmtheit. Und diese Lyriks, teilweise angelehnt an das berühmte finnische Epos Kalevala (Kaleh Vala), das ja auch Tolkien maßgeblich zu seinem Herrn der Ringe inspiriert hat, passen so unfassbar gut zu den tiefen, gewaltigen und endlosen Hooks von Joutsens Refrains und dem melodischen Spiel von Gitarrist Esa Holopainen, dass einem sofort die Spucke wegbleibt.

Ich habe in letzter zeit viele Rezensionen gelesen und auch gehört- und auch wenn das Album erwartungsgemäß überall gut aufgenommen wurde, gab es kaum die Höchstnoten, an denen man meiner Meinung nach überhaupt nicht vorbei kommt, wenn man auch nur irgendetwas von Musik versteht. Aber da sind wir natürlich wieder beim Subjektiven. Und einer musikalischen Mentalität. Von dem her kann ich zwar manchmal verblüfft sein, kann mir aber vorstellen, dass es andere mir gegenüber eben auch sind. Für mich ist die ganze Welt ein einziges Paradox. Und jetzt versteht mich nicht falsch, ich habe bis jetzt kein einziges Album von Amorphis über den Klee gelobt, dabei haben sie eine Menge großartiger Sachen gemacht. Queen of Time wurde als ihr Opus Magnum ausgerufen – und es gefällt mir, kann aber nur einen weiteren Entwicklungsschritt zu Halo hin bedeuten. Das liegt daran, dass Queen of Time oftmals den Fokus verliert, während Halo von der ersten Note an einen Faden aufnimmt und ihn bis zum Schluss nicht mehr verliert, auch wenn die Schlussnummer My Name ist Night noch aus der Aufnahmesession von Queen of Time stammt. Die Songs wurden vom Produzenten Jens Bogren zusammengestellt und auch das ist perfekt gelungen. Irgendwo stand, dass sie bis zu 46 Songs für das Album geschrieben hatten – und sieht man vom letzten Song ab, der ein Duett mit Petronella Nettermal ist – sind davon schließlich nur 10 auf das Album gekommen, und ich würde fast wetten, dass die anderen Nummern auch nicht gerade um vieles schlechter waren, aber vermutlich nicht diese unfassbare Kompaktheit, die das Album verströmt, unterstützt hätten, was natürlich reine Vermutung bleibt. Man glaubt gerade, man hat es mit einem Konzeptalbum zu tun, was nicht der Fall ist, auch wenn das Totenreich der finnischen Mythologie Tuonela eine bedeutende Rolle spielt, wo die Seelen der Toten als schattenhafte Geister herumwandern, ob gut oder böse. Das Schicksal ist für alle gleich. Dort gabs dann ein Bier, das die Erinnerung an das Leben auslöscht, was an den griechischen Fluss Lethe erinnert.

Überhaupt ist die finnische Mythologie eine der Interessantesten überhaupt und auch wenn ich mit Folklore oft genug meine Probleme habe, ist das bei Amorphis überhaupt nicht der Fall, weil sie zwar omnipräsent aber nicht aufdringlich ist. Oder eben, weil sie was bestimmtes in mir auslöst.

Das 14. Studioalbum also ist es, was mich so früh im Jahr schon fast festlegt. Ich sage fast, weil ja noch einige Hämmer ins haus stehen, aber ich kann mir nicht vorstellen, wie dieser geniale Brocken übertrumpft werden könnte. Ich sehe das nicht, selbst wenn ich meine Fantasielampe anschalte. Erschienen ist das Album zum ersten mal auf Atomic Fore Records, und auch das markiert natürlich einen bestimmten abschnitt, entweder das ende eines alten oder den Beginn eines neuen. Hört sich an, als wäre es das gleiche, aber das ende von was altem ist nicht schon der beginn von was neuem, weil das neue ja erst danach beginnen würde, nach dem ende. Wie auch immer. neues Lael, neues Album.

Kommen wir nochmal zurück zu “The Moon”, der im Album an dritter Stelle erscheint. Der beginnt mit dieser vertrauten Amorphis-Art, die schnelle eine düstere, meditative Atmosphäre aufbaut, und dann, um die 20-Sekunden-Marke herum, dringt ein wunderbar warmes, melodisches Riff mit einer gezupften Akustik im Schlepptau aus den Lautsprechern. Der Text beschäftigt sich mit er frühen Existenz der Erde und der Ankunft der ersten Menschen. Wie gesagt ist das alles stark an die finnische Folklore angelehnt, wenn auch nicht immer aus dem Nationalepos entnommen. Zumindest diesmal nicht. Trotzdem entsteht bei jedem Song ein tieferes Gefühl über die ohnehin schon überragende Musik hinaus.

“Halo” beginnt mit dem vorhersehbar erdrückenden Opener “Northwards”, dessen dröhnende Keyboards, Folk-Melodien, keinen Zweifel daran lassen, wohin die Reise geht. verfeinert wird der Track mit einem Solo auf der Hammond-Orgel und den überragend arrangierten Chören, die das ganze Album wie eine Nebelwand begleiten, die gerade mal dann zu sehen ist, wenn man auf eine Lichtung tritt oder auf dem Gipfel eines Berges zum stehen kommt.

Was folgt, ist genau das, was man von Amorphis in diesem Stadium ihrer Karriere erwarten kann – Folk-inspirierter Progressive Death Metal mit vielen Anspielungen auf die Acid-Rock- und Prog-Ära alter Tage, Hooks ohne Ende, und Momente, die am Rande der Symphonik schwanken. An dieser klanglichen Identität wurde Jahrzehnte akribisch gearbeitet, das passiert nicht einfach. Und hier ist jetzt der definitive Ertrag all dessen, was Amorphis verkörpern.

[collapse]