Supergroup auf Abwegen: Asia I #51

Heute kommen wir auf ein Album zu sprechen, das in diesen Tagen 40 Jahre alt wurde, genauer: am 8. März 1982. Es handelt sich um das Debüt der Supergroup Asia, das auf Geffen-Records veröffentlicht wurde und gehört allein schon deshalb zu den Errungenschaften der 80er Jahre, weil darauf der Hit “Heat of the Moment” enthalten ist.

Auch wenn Asia auf vielen Seiten als Progrock gelistet wird, handelt es sich zwar um eine Supergroup mit vier talentierten und bekannten Prog-Musikern, die für einige der wichtigsten und brillantesten Seiten der Rockmusik verantwortlich sind, aber um keine Prog-Band im engeren Sinne.

Unser Intro wurde von transistor.fm erstellt.

Sons of Satan: Venom

Willkommen Freunde draußen an den Radiogeräten zu einer weiteren Ausgabe eines Specials hier im Podcast Work of Sirens, die aber ebenso gut in unsere Kultalben gehört. Einigen von euch wird aufgefallen sein, dass es eine solche Sendung bereits auf dem Youtube-Kanal gab, und tatsächlich ist dem so. Der Hintergrund ist der, das ich tatsächlich schon damals einige sogenannte Schlüsselsendungen gemacht habe, und wenn ich diese noch einmal überarbeite und im Podcast anbieten, dann hat das etwas damit zu tun, dass Work of Sirens in großen Teilen aufeinander aufbaut und am Ende wie ein Kompendium aufgebaut sein wird. Es steckt also ein größerer Plan dahinter als gegenwärtig ersichtlich ist. Es lohnt sich also, dran zu bleiben und den Kanal weiter zu verfolgen. Und viele Podcast-Hörer haben den Youtube-Kanal nie verfolgt, das sind sogar die meisten.

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Heute kommt also ein weiteres Puzzle-Teil hinzu. Es geht um Venom und um ihre drei Alben Welcome to Hell, Black Metal und At War with Satan, die zu Beginn der 80er Jahre ihr Höllenlicht auf die Erde warfen. Wenn ich von Venom spreche, dann wirklich nur in ihrer Urbesetzung. Ich bin im Bilde, was Venom mit Cronos heute machen und was Mantas mit seinen Venom Inc. heute macht, interessiere mich aber nicht groß für ihr modernen Schaffen. Das ist keine eigentliche Ablehnung und hat noch nicht mal was mit Qualität zu tun, aber bei beiden Bands ist der Geist verschwunden, der mal in der Band wohnte. Und selbst Venom könnten heute nicht mehr Venom sein, selbst wenn die Urbesetzung wieder zusammen käme, was nie der Fall sein wird. Die Musiker haben sich nichts zu sagen und es ist vielleicht zu vergleichen mit Pink Floyd, wo David Gilmore und Roger Waters sich wahrscheinlich nie wieder versöhnen werden, wobei ich immer davon ausgehe, dass es doch eines Tages möglich sein wird. Bei Venom allerdings ist es gar nicht notwendig, weil die zwei Venoms, die heute existieren, ja durchaus erfolgreich miteinander konkurrieren und viele jüngere Bands froh sind, vielleicht sogar beide einmal Live gesehen zu haben. Die können dann sagen: ich habe Venom Live gesehen, wenn ich alter Snob sage: nein, ihr habt nur einen Schatten von dem gesehen, was einmal war. Dazu reichen die Videos aus alten Tagen, um sich davon zu überzeugen. Ich hab die Band am 19. Oktober 1985 in Nürnberg in der Hemmerleinhalle gesehen, die man dort damals auch Behämmerten-Halle nannte, weil dort die kopfschüttelnden Kuttenträger eines ihrer Paradiese fand. Ein Jahr vorher waren sie mit Metallica als Vorband unterwegs, aber in dem Jahr waren Exodus dabei, die hatten gerade ihr Debüt fertig.

Venom mögen die Stagenames nicht erfunden haben, aber wenn ich von Conrad Lant, Jeff Dunn und Anthony Bray spreche, dann wissen die meisten erst mal nicht, wen ich meine. Sage ich aber Cronos, Mantas und Abaddon, dann sind das die legendären Namen, die wirklich jeder Metal-Fan parat hat und sofort mit Venom verknüpft. Wenn ich heute von Venom spreche, dann spreche ich nicht nur über eine Band sondern speziell über ein Phänomen, das damals keiner für möglich gehalten hätte. Heute kennen wir alles, wir haben musikalisch sämtliche Extreme ausgelotet und waren dabei, kurz gesagt: es haut uns diesbezüglich nichts mehr vom Hocker. Von dem er ist es schwer, sich eine Zeit vorzustellen, in der es Venom noch nicht gab, in der die härtesten Bands Motörhead und Judas Priest hießen. Als Motörhead 1977 auf der Bildfläche erschien, hat man sie als die schlechteste Band der Welt bezeichnet. Es sind also auch hier Parallelen zwischen Venom und Motörhead da. Und als im Dezember 1981 “Welcome to Hell” erschien, hatten Venom Motörhead als schlechteste Band der Welt abgelöst. Das lag natürlich an der geräuschkulisse. Venom wollten gar nichts anderes als Lärm erzeugen – wir sprechen da von 1979. Wir sprechen noch nicht mal von der NWOBHM, die es da noch nicht gab, die sich da erst formiert hat. Viele Bands standen in den Startlöchern – und wir reden von Newcastle upon Tyne. Das ist die nördlichste englische Stadt, fast an der schottischen Grenze gelegen. Und da ist so ein spezielles Völkchen unterwegs, die werden Geordies genannt. Geordie ist einerseits der Dialekt, den man in Newcastle spricht, wird aber auch angewandt auf die Einwohner. Und Geordie sagt dem ein oder anderen vielleicht was in Verbindung mit Brian Johnson. denn bevor der zu ACDC ging war er Sänger der Band Geordie. Und Brian Johnson ist zum Beispiel einer der Berühmtheiten aus Newcastle. Ein anderer wäre Sting und dann gibts noch den Eric Burdon von den Animals. Nur um einige zu nenne, es gibt viel viel mehr. Und viele der NWOBHM Bands dann später – wie Raven, wie War Fare, wie Tygers of Pan Tang – wahrscheinlich die ruhmreichste Band aus Newcastle – die kamen alle aus dieser Ecke des Landes. Und Tygers of Pan Tang waren auch die erste Band der zukünftigen Bewegung, die 1979 bereits ihre Single “Don’t toch me there” veröffentlicht hatten. Und 1979 gab es auch das berühmte Neat-Records noch nicht, war aber in dem Jahr dann gegründet worden.

Manchmal muss eine Band zur richtigen Zeit am richtigen Ort sein, um den Impact zu haben, den sie dann hat. Anders kann man sich vieles nicht erklären. es mag heute einige Bands geben, die sich anhören wie Venom, die aber heute niemals die Aufmerksamkeit bekommen werden wie es damals – 1979, 1980 der Fall war. Die Zeit war reif. Das ist das eine. Du hast da ein bestimmtes Völkchen in Newcastle. Da ist alles vielleicht ein bisschen rauer, da spuckt man eher, wenn man spricht – man muss sich nur mal die Interviews mit Cronos aus der Zeit anschauen. Das ist ein fast schon schottischer Dialekt, so ein Küstendialekt. Das ist alles in allem also ein etwas raues Klima. Man spricht ja gern von Birmingham und Liverpool und in London von den Kunststudenten und dem Londoner Punk. Aber man vergisst dabei, dass es eben weitaus mehr Orte gibt, die besondere Spezifikationen ausprägen und die NWOBHM wäre ohne Newcastle mit Sicherheit wesentlich armseliger gewesen.

Conrad Lant war wie wir alle bereits in jungen ein leidenschaftlicher Musikhörer und träumte davon, eine Band zu gründen. Dazu zählten natürlich die zu der Zeit üblichen Verdächtigen. Die Rolling Stones, Elvis Presly, eben das Zeug, das bei den Eltern vielleicht im Regal steht. Dann wurde das schnell ausgetauscht gegen T-Rex, gegen David Bowie, gegen Led Zeppelin, also da kam dann schon die eigene Generation ins Spiel. Und dann bist du so ein Typ und hast eine Vision. Klar, du musst eben auch der Typ dazu sein, denn von einer Band haben wir wahrscheinlich alle mal geträumt. Cronos war so ein Typ. Ein Großmaul, der sein Erweckungserlebnis dann fast schon folgerichtig durch den Punk bekam. Namentlich die Sex Pistols. Als die 1977 auftauchten – da wäre es fast schon ein Wunder gewesen, wenn jemand wie Cronos da nicht steil gegangen wäre. Die Sex Pistols haben gezeigt, dass man Rock N Roll wieder zur Basis zurückführen kann und muss. Weg mit dem ganzen Artifiziellen und wieder rebellisch sein. Cronos schwärmte also von den Pistols, aber obwohl Venom natürlich vom Punkt beeinflusst waren, was Mantas immer verleugnet hat – der hat sich für Punk ohnehin nie interessiert und war und ist ein großer Judas Priest Fan und bevorzugt Alice Cooper und solche Klassiker wie auch Kiss – während Cronos seine Vorliebe für Doc Martens als Beweis für sein Punker-Dasein ins Feld führt – aber Mantas sagt, dass er Cronos immer nur von Kate Bush hat sprechen hören und nie von Punk oder den Sex Pistols. Das Interessante ist natürlich – wenn man die Geschichte von Venom verfolgt – es gibt unzählige Interviews mit allen Musikern – da sind Fakten enthalten, aber da werden viele Dinge verzerrt dargestellt – Cronos nennt Mantas zum Beispiel gar nicht mehr beim Namen und nennt ihn nur “den Gitarristen” – und in jedem Interview steht durch die ganzen Streitigkeiten dann auch eine etwas andere Version der Dinge. Mantas sitzt gerade an einem Venom-Buch und wir können sicher sein, dass wir seine Sicht der Dinge bald auch in Druckform vorliegen haben. Aber es ist ja auch so, dass sich die Jungs an viele Dinge überhaupt nicht mehr erinnern.

Das Interessante an Venom ist – also es gibt viele interessante Fakten zu Venom – aber eines der interessanten Dinge an Venom ist – dass hier eine Band, die immer dazu herhalten muss, den Black Metal erfunden zu haben – ihre ersten Gehversuche in einer Kirche machten, und zwar in der Newcastle Westgate Road Church Hall. Davon gibt es auch grottenschlechte Aufnahmen noch mit ihrem Sänger Clive Archer, Venom waren überhaupt mal zu fünft, denn Cronos spielte da noch gar nicht Bass sondern Gitarre, während ein gewisser Alan Winston noch den Bass bediente. Clive Archer, der sich den Künstlernamen Jesus Christ zulegte, war zwar ein merkwürdiger Typ, aber gar kein schlechter Sänger. Das kann man auf dem “Demon” genannten Demo hören, wo Songs wie “Sons of Satan”, “In League with Satan”. “Angel Dust” oder “Live like an Angel, die like a Devil” eindeutig noch die Hard Rock-Einflüsse der 70er Jahre erkennen lassen. Das bestätigt dann auch das, was Mantas in seinen Interviews sagt, dass Venom eine Rock n Roll Band im Sinne von Motörhead waren.

Es ist also ausschließlich auf das zweite Album von Venom, das den Namen Black Metal trägt, zurückzuführen, dass sich ein ganzes Genre danach benannt hat, wobei da Euronymous von Mayhem die treibende Kraft dahinter war. Die Jungs von Venom waren damit nicht immer einverstanden, die sogenannten Väter des Black Metal zu sein, auch wenn Cronos es toll fand, was die jungen Leute in Norwegen Anfang der 90er musikalisch so trieben und als neue Generation in einer Welt, die da schon nicht mehr zu schocken war, noch mal ne Schippe drauf legten. Und es ist ganz klar, dass ohne die Kirchenbrände, Selbstmorde und Morde der Black Metal nie derart in den Fokus der Öffentlichkeit gelangt wäre. Wer hätte gedacht, dass aus einem verbalen Unfall von Cronos, der sich dagegen verweht hat, Heavy Metal zu sein, solang ein Song wie Michael Jacksons Beat it in den Metal-Charts des englischen Magazins Kerrang auf Platz 1 ist, nur weil Eddie Van Halen darauf Gitarre spielt, fast sämtliche Genres, die wir heute kennen, ihren Namen bekamen. Cronos sagte wörtlich: wenn das Heavy Metal ist, dann sind wir etwas anderes, dann sind wir Power Metal, Speed Metal oder Black Metal, aber kein Heavy Metal.

Aber natürlich ist es für Venom auch eine Ehre, sozusagen am Beginn des ganzen Extreme Metal zu stehen, und es stimmt zumindest ein bisschen, dass Venom den Black Metal aufs Feld führten, und hätten Motörhead in den 70ern über Satan gesungen statt über Glücksspiele, Frauen und Whisky, dann wären wahrscheinlich sie die Erfinder des Black Metal, weil ja viele Genres oft nur von den Lyrics abgeleitet werden. Und tatsächlich sind Motörhead ja der eigentliche Beginn des Extreme Metal, aber Venom hatten natürlich auch durch ihr martialisches Auftreten die Nase vorn.

Und wenn ich vorhin sagte, dass man zur richtgen Zeit am richtigen Ort sein muss, dann dreht sich tatsächlich vieles um Chronos, der damals eine Ausbildung zum audiovisuellen Ingenieur gemacht hat Impulse-Studio gemacht, das dann später zu Neat gehörte. Dort bediente er die Bandmaschine und versuchte von Anfang an, seine damalige Band Dwarf Star ins Studio zu schleußen, um ein Demo aufzunehmen. Von Anfang an spukten Cronos diese satanischen Themen im Kopf herum. Das kritisierte er etwa bei Black Sabbath, die ihm da zu wenig weit gingen. Solche Band blieben alle schön in diesem Hammer-Horror-Klischee, gingen aber eigentlich nie weiter. Das sieht man auch ganz gut an Alice Cooper mit seiner Horror-Show und an Arthur Brown, der ein bißchen unterhaltsamen Voodoo beimischte, aber alles in allem blieb alles doch recht harmlos. Und Cronos dachte daran, dass jemand dieses Korn aufnehmen könnte und die teuflischen Themen endlich mal wirklich aufs Parkett bringen sollte. Bei seiner Zeit bei Impulse traf er auf viele Bands, die kein Interesse daran hatten, was eigenes zu machen, sondern immer nur klingen wollten wie eine andere Band. Lass uns klinegn wie Iron Maiden, lass uns klingen wie Saxon. Solche Sachen waren für Cronos völlig unverständlich und er vermisste den Geist des wahren Heavy Metal. Und tatsächlich vermutet man, dass es über 500 Bands der NWOBHM gab, von denen es viele nicht mal auf ein Album brachten, und die meisten davon hören sich tatsächlich ziemlich austauschbar an und kommen auch aus dem 70er Hard Rock nicht hinaus, der vielleicht ein bisschen punkiger und stümperhafter gespielt wird, aber auch nicht mehr.

Und wäre Cronos nicht bei Neat gewesen und wäre nicht so hartnäckig dran geblieben, dann wäre es auch mit Venom nix geworden und vielleicht hätten wir dann nicht mal Bathory bekommen oder alles erst ein paar Jahre später. Der Dickschädel aus Newcastle wurde zwar ständig ignoriert, aber er schob unzählige Überstunden und bequatschte die Tontechniker, ihn ein Demo aufnehmen zu lassen, aber das kam für Neat überhaupt nicht infrage. Zeit war pures Geld in so einem Studio und man wollte den Launen eines Lehrlings nicht nachgeben.

Mit den Dwarf Stars wäre das auch ganz sicher nichts geworden, aber Cronos lernte auf einer privaten Party dann eben Jeff Dunn alias Mantas kennen und der Stein kam ins Rollen. Jeff erzählte von seiner Band Guillotine, von der Cronos behauptet, es sei eine Judas Priest Tribute-Band gewesen, was Mantas selbstverständlich leugnet, aber die zwei können auch zusammen im Regen stehen und einer von ihnen würde behaupten, es scheine die Sonne. Klar hatte Mantas eine Flying V und hätte gerne gespielt wie KK Downing, aber er sagte ja selbst, dass Guillotine mal versuchten hätten “The Ripper” von Priest zu covern, was kläglich in die Hose ging, weil sie das Zeug nicht spielen konnten. Das ist zumindest glaubhaft. Heute ist Mantas ein recht passabler Gitarrist, aber da liegt sicher harte Arbeit drin. Mantas war nie einer, dem das in die Wiege gelegt worden war – und konnte garantiert damals keine Solis von Priest nachspielen.

Ein weiterer Meilenstein im Erfolg von Venom war sicher Geoff Barton, der den Begriff der NWOBHM im Sounds Magazine zum ersten Mal verwendete und der später dann das erste Demo von Venom auf seinem Schreibtisch fand. Selbst sagte er, er konnte seinen Ohren nicht trauen und alle Kollegen hätten fluchtartig das Büro verlassen, und zwar nicht aus Protest, sondern aus Angst um ihr Leben. So wörtlich Geoff Barton. Und so unglaublich es sich anhört, der war ein Befürworter von Venom, auch wenn keiner wusste, warum eigentlich. Das ging so weit, dass Neat Records glaubten, Venom hätten ihn bestochen, weil der ihr Demo im Sounds so hoch bewertet hat, nämlich mit 5 von 5 Sternen. Und in seiner Review hat er Neat indirekt dazu aufgefordert, mit Venom eine Platte zu machen.

Ihr seht also, da sind einige wichtige Faktoren zusammen gekommen. Erstens die richtige Zeit, man hatte die NWOBHM noch vor sich, die Plätze sind noch nicht alle besetzt. Man hat eine eigene Idee, nämlich Chaos und Angst zu verbreiten und satanische Themen zu verwenden. Man hat einen der größten Musikkritiker der damaligen Zeit auf seiner Seite, und man hat jemanden, der in einem Studio arbeitet.

Schaut man sich alte Bilder der frühen Band an, als Clive Archer noch Sänger war, dann wird sofort jedem klar, wo die Kids der 90er ihre Inspiration her hatten, sich Schminke ins Gesicht zu tunken. Sicher, da sind auch Kiss, Arthur Brown und Alice Cooper nicht ganz unschuldig, aber besagte Bilder mit Venom als Vierer passen wie angegossen zur frühen BM Bewegung in Norwegen. Vor allem, weil Clive auch noch gerne an einem Messer lutscht und es so aussehen lässt, als schneide er sich in die Zunge. Ausgestiegen ist er dennoch, weil ihm Venoms Ausrichtung nicht in den Kram passte. Zwar war er ein Horror-Film-Fan, aber er stand ebenfalls eher auf Judas Priest und ließ den Venom-Lärm links liegen, um in einer Blues-Band zu singen, wo er auch noch heute hobbymäßig zugange ist. Im Grunde speiste sich Venom aus drei Bands. Clive Archer war mit Schlagzeuger Abaddon befreundet und Sänger bei Oberon, Cronos hatte seine Dwarf Stars und Mantas Guillotine. Allerdings hatten sie den Namen Venom angenommen, weil ein Typ, der immer bei ihnen im Proberaum herumhing, ihn vorschlug. Keine große Sache also. Verewigt wurde das dann durch ein weißes Motorrad, auf dem Mantas auf der Rückseite des Black-Metal-Albums sitzt. Diese Maschine gehörte also dem Namensgeber.

Clive hatte wohl endgültig die Schnauze voll, als die Band ausgerechnet in seinem Vorgarten ihre Pyrotechnik ausprobierte und quasi den ganzen Garten in die Luft jagte. Venom ohne Pyrotechnik sind ja ebenfalls überhaupt nicht zu denken. Die haben da eine Menge Schaden angerichtet und es ist ein Wunder, dass da niemand ums Leben kam. Vor allem, weil von Sicherheit überhaupt nie die Rede war. Weil sie kein Geld hatten, besorgten sie sich alte Landminen und füllten Eisenrohre mit allen möglichen Dingen oder besorgten sich auf Flohmärkten alte ausgediente Kanonen und derlei Späße. Die Sprengwirkung von diesen Dingen wirklich einzuschätzen war quasi unmöglich. Als sie mal in einem Gemeindezentrum probten, ist das Dach eingestürzt, als sie die Pyros zündeten. Und auch auf späteren Live-Auftritten ging regelmäßig was schief. Sie haben unzählige Löcher in die Bühnen gebrannt, Theatervorhänge standen in Flammen und Geschosse sind durch die Luft geflogen und in die Wand geknallt. es war sicherlich ein absolutes Risiko, damals einen Auftritt von Venom zu besuchen, aber das war damals natürlich niemandem klar. Den Veranstaltern vielleicht, denn in England wollte Venom niemand auftreten lassen, nachdem sie die Demos gehört hatten. Also gingen sie den Weg über das Ausland. In Belgien zum Beispiel spielten sie und dadurch wurde ein Plattenverkäufer in Amerika auf die Band aufmerksam und bestellte bei Neat einen ganzen Karton des ersten Albums. Und so passte wieder mal alles zusammen.

Wäre dem nicht so, dann wären Venom nicht eine der 10 einflussreichsten Bands aus Großbritannien, und das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen und sich anschauen, was die Insel musikalisch hervorgebracht hat. Da sind die Beatles, The Who, Rolling Stones, Queen, Led Zeppelin, Black Sabbath, Fleetwood Mac … eine schier unglaubliche Liste .. und dann sind da Venom.

Wirklich keiner konnte ahnen, was da geschah, als 1981 Welcome to Hell rauskam. Der Witz an der Sache ist, dass Venom das Album gar nicht in dem Bewusstsein aufgenommen hatten, jetzt ein Album einzuspielen, denn sie dachten, sie würden von Neat ins Studio geschickt, um ein Demo aufzunehmen. Die erste Singe “In League with Satan” war nämlich so unerwartet erfolgreich, weil Geoff Barton im Sounds nicht müde wurde, darauf hinzuweisen, dass es hier eine Band gibt, die völlig anders klingt als alles, was man je gehört hat und dass die Musiker auch völlig irre sind. Und das will man als Pubertierender doch hören: eine Band, die vom Satan singt und Live alles in die Luft jagt und nur Lärm fabriziert. Klasse! Das ist unsere Band. Neat fragte die Band also, ob sie noch mehr Songs hätten und das hatten sie natürlich und spielten die innerhalb von drei Tagen ein. Wider erwarten pappten Neat dann auf diese Demos einfach einen Deckel drauf und brachten die Sachen als Album raus. Und auch wenn die Band natürlich erst mal entsetzt war, ist es wahrscheinlich genau dieser rohe Demosound, der die Platte zum absoluten Kultobjekt machte. Was beim zweiten Album der Titel war, das war hier der unverhohlene Rumpelcharakter. Und natürlich sind beide Alben Klassiker, das steht außer Frage. Black Metal klingt dann halt besser, aber Welcome to Hell hat einen nicht zu überbietenden Charm, der wieder mal von einem Zufall abhing, weil man ja ganz anders an die Aufnahmen herangeht, viel unbekümmerter eben.

Der Erfolg des Albums war überwältigend und für alle im Grunde unbegreiflich und ein Jahr später kam dann Black Metal raus und man könnte fast sagen, der Rest ist Geschichte. Venom werden für alle Zeiten am Beginn einer neuen Musikrichtung stehen, auch wenn im Grunde fraglich bleibt, was Black Metal in seinem Kern eigentlich sein soll. Man darf eben nicht vergessen, dass Venom immer eine Rock N Roll band waren, die alles mit einem Augenzwinkern taten, mit jugendlicher Unbeschwertheit eben, während anfangs der BM ja auch gerade dafür geeignet war, ziemlich gestörte Persönlichkeiten anzulocken. Wahrscheinlich ist es das noch, aber in der Zwischenzeit ist es dann doch darüberhinaus ein wahrhaft ernstzunehmendes musikalisch und künstlerisch wertvolles Genre geworden. Nimmt man es ganz genau, waren Venom sogar die erste Black N Roll Band, ein weiterer Begriff, der sich im Laufe der Zeit für all jene BM Bands eingebürgert hat, die tatsächlich wieder mehr Back to the Roots gehen wollten.

Während allerdings Cronos und Abaddon das Rockstarleben in vollen Zügen genossen, distanzierte sich Mantas immer mehr von der Band, der überhaupt keine Lust auf Exzesse hatte. Irgendwann in jungen Jahren mal in seiner Kotze aufgewacht, hatte er kein Interesse an einer Wiederholung. Aber das brachte natürlich den Spaltpilz in die Band und die Auswirkungen waren dann auf dem vierten Album Possessed zu hören, das an sich keine schlechten Songs enthält, die aber kaum geprobt wurden und quasi von Cronos im Alleingang hingehuddelt wurden. Mantas war da schon halb raus. Der Rest ist bekannt, 1987 kam Calm before the Storm, Mantas war raus, zwei Gitarristen kamen dazu: Mike Hickey und James Clare. Und 1989 ging das Spiel in die andere Richtung, Cronos war wieder drin, brachte Tony Dolan und Al Barnes mit rein und Cronos war draußen, was quasi schon die Version von Venom Inc. war. Und seitdem ist die Fangemeinde diesbezüglich gespalten, weil es ja immer auch darum geht, welche der beiden Bands das wahre Venom-Erbe verwalten. Für mich tun das weder Venom mit Cronos noch Venom Inc. mit Mantas. Das hat alles nichts mehr mit dem zu tun, warum ich eigentlich ein Venom-Fan bin. Die damaligen Songs strotzen nur so vor Kreativität, auch wenn man sie aus einem gewissen musikalischen Snobismus heraus belächeln mag. Alles nur Lärm und Krach. Was anderes haben Venom auch nie behauptet. Aber es ist eben eine der kreativsten Arten, um Krach und Halligalli zu machen. Der Charm, den die Band damals ausstrahlte fängt auch den Zeitgeist hervorragend ein. Und wenn man jetzt etwas weiter denkt, dann sind Bathory und Hellhamer direkt von Venom abhängig. Obwohl Quorthon einer der wenigen Musiker war, die behaupteten, nicht von Venom beeinflusst zu sein, was natürlich völliger Quatsch ist, wenn man sich die Sache mal genauer anschaut. Während Tom Warrior in die andere Richtung ging und Venom sogar übertreffen wollte, was ihm ja auch gelungen ist. Nicht nur mit Hellhammer, sondern spätestens mit Celtic Frost. Das war der gleiche Gedanke, den Cronos damals in Bezug auf Black Sabbath hatte und den Mayhem dann in Bezug auf den ganzen Rest hatten.

Wir müssen noch ein paar Worte über das dritte Album von 1984 verlieren: At War With Satan.

Im Laufe der Jahre wurde viel über Venoms chaotische und punkige Herangehensweise an die härteste Musik, die man sich vorstellen kann, gesagt, und ich habe heute meinen Teil dazu beigetragen, aber es lohnt sich, daran zu erinnern, dass At War With Satan viel mehr zu bieten hatte als einen dreiminütigen Auswurf voller hässlichem Lärm aus den Tiefen von Satans Rachen.

Einzigartig für die NWOBHM-Ära ist hier schon der Titeltrack des Albums, ein einziges, 20-minütiges Epos, das, obwohl es die technischen Fähigkeiten der Band hörbar bis an die Grenze ausreizte, eine kühne und innovative Erklärung der böswilligen Absicht dahinter darstellte, allen zu zeigen, dass man sich auch genüsslich im musikalischen Größenwahn zurecht findet. Das Album verwirrte sicherlich viele Venom-Fans der damaligen Zeit und nach wie vor ist es das Album der klassischen Besetzung, das am meisten polarisiert. Dennoch ist es natürlich ein Klassiker, und für nicht gerade wenige das beste Venom-Album überhaupt, missverstanden vielleicht, das mag sein, aber ein Klassiker. Was viele Leute nicht mehr wissen ist, dass Venom eine der ersten Bands in den 80ern war, die der Zensur angeblich besorgter Inquisitoren zum Opfer fielen. Dieses Album verärgerte all die richtigen Leute, während es gleichzeitig den Ruf seiner Schöpfer untermauerte, Heavy Metal in ein dunkleres, schmutzigeres und spürbar verrückteres Territorium zu führen, als es sich irgendjemand zu dieser Zeit auch nur erträumt hatte. Die Platte wurde überall aus den Regaln genommen und verkaufte sich deshalb auch nicht besonders, was aber – und dass muss ich betonen – nichts mit dem Ende von Venom zu tun hatte. Denen war sowas herzlich egal.

Der ausufernde Titeltrack ist natürlich das offensichtliche Herzstück: Seine oft unbeholfenen Übergänge von einem streitlustigen Riff zum nächsten zeigen die Grenzen der musikalischen Fähigkeiten von Venom auf, aber die schiere Kühnheit und Unbekümmertheit des Ganzen stellt sicher, dass At War With Satan 20 Minuten abenteuerliche, unausstehliche Brillanz bietet, es sei denn, man ist allergisch gegen Rohheit und lockere Angeberei.

Auch der Rest des Albums ist verdammt großartig – von der stampfenden Metal-Wut von “Rip Ride” und “Genocide” bis hin zum absurden Thrash von “Women Leather And Hell” und dem Tumult des treffend betitelten “Aaaaaarrghh” mögen Venom die Geduld von Metal-Fans mit einer Vorliebe für ausgefeiltere, professionellere Kost mutwillig auf die Probe gestellt haben, aber bei Gott, sie haben einen erheiternden und freudig idiotischen Lärm gemacht. Mit dem Zusatz Satan.

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Nie wieder Seancen: Uriah Heep – Demons and Wizards | #26

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Willkommen, Freunde draußen an den Radiogeräten, zu einer weiteren Folge von Work of Sirens – Heute vor 50 Jahren, die Klassiker-Besprechung. Heute dreht sich alles um Uriah Heep und ihr Album Demons and Wizards mit dem wunderbaren Cover von Roger Dean, der unter anderem auch die Cover für YES gezeichnet hat. Es war das vierte Album von Uriah Heep, das im Mai 1972 auf Bronze Records erschienen ist.

Uriah Heep ist eine dieser besonderen Bands, die jeder kennt und die auch immer erwähnt wird, wenn es um die Entwicklung im Heavy Metal geht, dem sogenannten Proto-Metal. Da stehen dann solche Größen wie Deep Purple, Led Zeppelin und natürlich Black Sabbath. Aber oft genug werden Uriah Heep dann auch weggelassen, denn irgend etwas machten sie dann doch anders als ihr Kollegen. Ihre ersten drei Alben waren bereits ziemlich gute Vertreter ihrer Art, aber mit Demons and Wizards bekamen sie erstmals die Aufmerksamkeit, die sie verdienten. Es gab ja viele Bands, die damals an Härte und Lautstärke zulegten und bei der Presse reichlich unbeliebt waren, allen voran wahrscheinlich Led Zeppelin und Black Sabbath, aber auch Grand Funk Railroad können ein Lied davon singen, wie es ist, regelmäßig zerrissen zu werden, was den Fans aber immer schon reichlich egal war. Daran kann man erkenne, dass Musikjournallie und Musikliebhaber nicht immer aus dem gleichen Lager stammen. Die Musikmagazine der damaligen Zeit waren eine Katastrophe, hatten reihenweise katastrophale Fehleinschätzungen vorzuzeigen. Led Zeppelin waren langweilig, Black Sabbath hörten sich angeblich an wie Cream, nur schlimmer. Und zum Debüt von Uriah Heep schrieb eine Kritikerin: Sollte diese Band es schaffen, muss ich mir das Leben nehmen. Ich frage mich, ob die Dame, die das damals geschrieben hat, noch lebt, denn Uriah Heep haben es nicht nur geschafft – was immer mit diesem Schaffen gemeint sein könnte – aber sie waren eine der größten Bands der 70er Jahre.

Trotzdem darf man nicht verschweigen, dass Uriah Heep dennoch eine der unterbewertetsten Bands überhaupt ist, sehr zum Verdruss ihrer Fans. Natürlich hat man heute eine ganz andere Draufsicht auf die Musikgeschichte, aber zu der Zeit, als Uriah Heep eben groß waren – und mit Demon and Wizards wurden sie groß – hieß Größe immer noch die zweite Reihe. Sie erreichten nie den Erfolg von Deep Purple oder von Led Zeppelin. Trotzdem war die Band natürlich in den Billboard Charts vertreten, bei den Fans beliebt, was ihre erfolgreichen Konzerte beweisen, aber es fehlte immer etwas zum ganz großen Deal, und das trotz der herausragenden Besetzung, die heute Kultstatus besitzt, und trotz des Einflusses auf das, was dann später Epic Metal oder zum Power Metal wurde, mit diesem operalen Gesang von David Byron, Mick Box an der Gitarre, der ja auch noch heute das Schiff über Wasser hält und sozusagen der letzte der alten Garde bei Uriah Heep ist. Ken Hensley, leider 2020 verstorben, an der Orgel und den Keyboards, der den klassischen Sound der Band maßgeblich kreierte, Lee Kerslake an den Drums, ebenfalls 2020 verstorben, und Gary Thain am Bass. Kerslake und Hensley hatten zuvor noch gemeinsam in der Band Toe Fat gespielt, die sozusagen einer der Vorläufer von Uriah Heep waren, deren selbstbetiteltes Debüt von 1970 ebenfalls absolut zu empfehlen ist.

Und wer jetzt denkt, Uriah Heep würden keine Musik mehr machen oder das ist so ein Fossil aus den 70ern, der irrt, denn Uriah Heep waren nie weg und sie aber all die Jahre hindurch herausragende Alben gemacht, und sie klingen natürlich anders als zu ihrer Hochzeit, aber dieser klassische Hammondorgel-getriebene Heavy Rock, der ist immer noch da, und die Fans lieben das neue Material genauso wie sie das alte lieben. Ähnlich geht’s ja Deep Purple, wobei ich persönlich der Meinung bin, dass die neuen Uriah Heep-Scheiben noch einen Ticken besser sind als die neueren Deep Purple-Sachen, aber das ist natürlich eine völlig persönliche Sache. Gerade was die Hammond-Orgel betrifft gab es ja immer schon einen direkten Vergleich zwischen den beiden Bands, Kensley gegen Lord. Und da haben Uriah Heep mit ihren vorausweisenden, epischen Momenten das Rennen für nicht gerade wenige Liebhaber dieser dröhnenden Orgeln für sich entschieden.

Auf Demons and Wizards war die klassische Heep-Besetzung zum ersten Mal komplett, zwei neue Musiker fanden Weg zur Band. Das war Gary Thain am Bass und Lee Kerslake am Schlagzeug, ein völlig neues Rhythmus-Fundament also, das ziemlich viel änderte. Plötzlich stand da ein absolut zuverlässiges Powerhouse hinter dem Rest der Band und es dürfte jedem zu diesem Zeitpukt klar geworden sein, dass sie hier ihre klassische Besetzung beieinander hatten. Sie tourten mit ihrem neuen Album durch die ganze USA und hatte dabei einige merkwürdige Erlebnisse.

Anfang der 70er Jahre wimmelte es in Amerika vor seltsamen Leuten, teils übrig geblieben von der gescheiterten Counter Culture, also den Hippies, Sekten hatten Hochkonjunktur und Mick Box erzählte einst dem Classic Rock Magazine, dass es in Detroit war, wo es eine ganz bestimmte Sekte gab, die sich The Jaggers nannte. Der Anführer dieser Jaggers lief mit weiß geschminktem Gesicht herum und mit einem schwarzen Mantel und gab sich mysteriös, was damals ja eh zum guten Ton gehörte, aber das besondere an diesem Typen war, dass er von Mick Jagger besessen war. Damals konnte man von allem besessen sein, von Persönlichkeiten, von seinem Hund, von Blumen. Mick Box bekam also in seinem Hotel in Detroit Besuch von diesem Jagger, der plötzlich ins einem Zimmer stand und ihn aufforderte, die Tür zu verschließen. Mach die Tür zu, die Leute dürfen nicht wissen, dass ich am Leben bin, die meisten Leute denken, ich sei tot. Eigentlich eine traumatisierende Geschichte, die damals aber gang und gäbe war. In jeder Stadt gab es eben diese mystischen Sekten, Rock N Roll Sekten, Leute mit kirschrot geschminkten Lippen, die versuchten, Geistreisen zu veranstalten und auf die Band zukamen und ihnen erklärten: Wir haben eure Botschaften verstanden.

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Leise rieselt der Schnee: Black Sabbath 4 | #15

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Im letzten Jahr erschien das Volume-4-Boxset von Black Sabbath kurz vor dem 50ten Jubiläum und erinnerte so an das Album der Band, das einen großen Wendepunkt einleitete. Viele Fans glauben, dass dieses drogengespeiste Werk die beste Platter der Ozzy-Ära ist. Ich würde dem allerdings widersprechen. Ozzy Osborne ist die Hälfte der Zeit etwas unverständlich und der Mix ist eher miserabel, was daran liegt, dass die Band selbst produzierte.

Tony Iommi hat oft davon berichtet, dass die Produktion des Albums sich auf 65.000 Dollar belief, die Kokainrechnung aber auf 75.000 Dollar. Interessanterweise zaubert ihm das auch heute noch ein Lächeln aufs Gesicht. Schillernd war ja natürlich auch, dass sie dieses Album in Los Angeles in den dortigen Record Plant Studios aufgenommen haben, das einzige Album, das sie in Originalbesetzung dort aufgenommen haben. Die Band hatte sich im Frühjahr 1972 in einer Villa in Bel-Air eingemietet und es ging um nicht weniger als den Nachfolger ihres bahnbrechenden und im Grunde härtesten aber auch einfachsten Albums “Master of Reality” vom Vorjahr.

Die Adresse des Anwesens lautete 773 Stradella Road. Die Familie Du Pont hatte einst dort gelebt, eine der reichsten Familien Amerikas, die 1802 mit Schießpulver anfingen und später den größten Chemiekonzern der Welt betrieben, und später lebte die Sexbombe Jaclyn Smith aus Drei Engel für Charlie einige Jahre später dort. Es ist also ein illustres Plätzchen

Es ist ohnehin erstaunlich, welches Tempo die Bands damals hatten. Black Sabbath schufen innerhalb von 2 Jahren vier bahnbrechende Alben – und mit einem solchen Output waren sie damals nicht alleine. Allein das zeigt den gewaltigen Unterschied zu heute. Damals war der Rock ‘n’ Roll-Zirkus noch wirklich voller Leben und viel mehr Metal als der Metal heute. Wir haben heute eine etwas betuliche Art auf alles zu blicken, aber man hat eigentlich wenig zu erzählen. Das war früher ganz anders. Und ich meine hier nicht die ganzen Drogengeschichten und Exzesse, sondern das Leben an sich, die Grundhaltung dem Leben gegenüber, das noch irgendwie erobert werden wollte. Die letzten Ausläufer habe ich ja gottseidank mitbekommen, und um so älter ich werde, weiß ich, was ich da eigentlich für einen Schatz in mir trage.

Über Black Sabbath zu sprechen ist immer etwas schwierig, weil man davon ausgehen kann, dass jeder die Geschichte der Band hinlänglich kennt. Da wurde ja kein Stein auf dem anderen gelassen und in schöner Regelmäßigkeit Interviews und Hintergründe durch die Musikzeitschriften gepeitscht. Das Interesse ist auch nach ihrem vermeintlichen Schwanengesang 2013 gewaltig, was kein Wunder ist für eine Band, die als Erfinder der wohl gewaltigsten Musikrichtung neben Jazz und Klassik gilt – dem Heavy Metal. Einzelheiten darüber erspare ich mir jetzt, weil ich immer wieder auf diese Begrifflichkeit eingehe und es dazu auch schon einige Sendungen von mir gibt. Natürlich sollte ich gerade die Protometall-Sendung, mit der 2019 auf diesem Kanal alles begann, noch einmal überarbeiten und neu präsentieren, aber das mache ich dann zu gegebener Zeit.

Kommen wir also zum Album. Nach dem Vorgängeralbum erholte sich die Band, indem sie sich eine Auszeit gönnte und sich von den Trends der Zeit inspirieren ließ. Während es in ihrem Umfeld viele Bands gab, die nur Hardrock spielten, wuchsen die Sabbath-Mitglieder mit Künstlern auf, die stilistisch ziemlich weit von der Musik entfernt waren, die sie selber spielten. Es gab in der Welt des Heavy Rock nicht viel anderes, das sie hätte beeinflussen können, und so ist es nicht überraschend, wenn andere Einflüsse in das Songwriting einfließen.

Iommi mag zwar der Erfinder des Heavy Metal sein, aber er wuchs als Fan von Frank Sinatra auf. Denkt man sich die Verstärker weg, hört man die Einflüsse der damaligen zeit sogar ziemlich genau. 1972 gab es einen großen Trend an Funkmusik, also Musik, die auf ein flottes Tempo und glatte, perkussiv-lastige Songs setzte, die das Publikum mitreißen sollten; geradeaus, aber voller Energie.

Während Sabbath auf ihren beiden Vorgängeralben kalt und düster waren, knüpft dieses Album nicht nur an das Debüt an, indem es Bill Ward wieder aufleben lässt, sondern auch, indem es warm und verspielt ist. Selten wird einem der echte Doom um die Ohren gehauen, stattdessen wird man mit raffinierten Mustern zum Grooven verleitet. Das lange Zwischenspiel von Wheels Of Confusion oder die fesselnde zweieinhalbminütige Coda mit dem Titel The Straightener sind der Beweis dafür, wie groovig das Album ist.

Auf Vol. 4 veränderte die Band also ihren Stil. Das war ganz klar die experimentelle Phase der Band, die erkannte, dass sie ihren Härtegrad nach den drei vorangegangenen Alben nicht mehr so ohne weiteres steigern konnten. Das Ergebnis war zwar immer noch ein schweres Alben, aber mit wesentlich vielseitigen progressiven Elementen bestückt. Die Songs sind sehr abwechslungsreich und trotz ihrer Kürze ziemlich komplex, was auf den ersten Blick gar nicht so scheint. Mit dem nächsten Album “Sabbath Bloody Sabbath” und dem definitiven Proto-Prog-Metal-Opus “Sabotage” baute die Band später ihren progressiveren Sound sogar noch weiter aus. Es gab noch andere Veränderungen, zum Beispiel die Klavierballade “Changes” oder das Orchester auf der eindringlichen Kokshymne “Snowblind”, wie sie das Album zunächst nennen wollten. Aber das US Label Warner Bros. sträubte sich dagegen, ein ganzes Album nach Kokain zu benennen, also klebten sie einfach nur die 4 drauf, weil ihnen interessanterweise nichts anfiel einfiel. Dabei wäre “Supernaut” eine gute Alternative oder auch “Wheels of Confusion”. Nach “Master of Reality” also “Wheels of Confusion”. Und konfus war ihr Zustand ja allemal. Hier dürfte tatsächlich der Niedergang der Band begonnen haben, der Bill Ward und Geezer Butler zu Alkoholikern und Junkies machte.

Es gibt Kubanische Rhythmuseinflüsse bei “Supernaut”, einem Stück mit einem so ansteckenden, kraftvollen Groove, von dem John Bonham von Led Zeppelin sagte, dass es sein Lieblingsstück sei. Es gab natürlich auch weiterhin die für Sabbath typischen wilden Gitarren und Ozzys geisterhaften Gesang, der hier ziemlich verwaschen klingt, aber jetzt auch vermehrt rhythmische Kontrapunkte wie sie im Jazz üblich sind. Tony Iommis Idee war es oft, die Heaviness der Band dadurch zu erreichen, dass es eben auch zurückgenommene Phasen gibt, damit die Heaviness überhaupt wirken kann. Vor allem hat er dieses Wechselspiel auch von Bill Ward gefordert und auf diesem Album ist der Schlagzeuger tatsächlich der wesentliche Part, obwohl drei der zehn Stücke gar kein Schlagzeug haben und zwei weitere nichts anderes als Standard sind, aber er treibt diese Songs mit seiner perfekten Mischung aus harten Schlägen und einer gewissen Finesse an. Die beiden Vorgängeralben waren entweder stromlinienförmig (Paranoid) oder eher simpel (Master Of Reality), auf diesem Album jedoch merkt man Bill Ward an, dass die Kompositionen seinen Fähigkeiten besser entgegenkommen. Im Jazz zum Beispiel steht das Einhalten des Taktes nicht im Vordergrund, sondern die Dynamik durch künstlerische Freiheiten auf die Band zu übertragen. In den vier besten Songs des Albums kommt dieses Konzept zum tragen: Snowblind, Cornucopia, Under the Sun und Wheels of Confusion.

Warum diese vier? Was macht sie besonders? … Diese vier Songs machen insgesamt dreiundzwanzig Minuten aus und drei von ihnen kommen erst später auf dem Album. Nichts sagt mehr über die Qualität eines Albums aus, als wenn die besten Songs in der hinteren Hälfte zu finden sind. Die meisten Bands platzieren ihre stärksten Songs natürlich im vorderen Teil des Albums, Sabbath widersetzte sich diesem Trend, indem sie ihre progressivsten Songs weiter hinten gruppieren. Jeder der genannten vier Songs unterscheidet sich noch einmal stark voneinander und verfolgt nicht das gleiche Konzept.

Der Untertitel vom letzten Song – Under the Sun – zum Beispiel trägt den Untertitel “Everyday Comes and Goes”. Das scheint zunächst willkürlich zu sein, hat aber einen Grund. In der Mitte gibt es ein 75 Sekunden langes Zwischenspiel, das schneller und schlagzeuglastiger ist als das Hauptthema, aber nicht nur eine eingeschobene Brücke ist, sondern aus einem Anfang, einer Mitte und einem Ende besteht, also eigentlich ein eigener kleiner Song in einem Song. Solche Momente haben auf dem Vorgängeralbum gefehlt. “Cornucopia” ist ein weiterer Song, der buchstäblich aus fünf verschiedenen Abschnitten besteht, und wieder ist jeder von ihnen drastisch anders. Das Eröffnungsriff ist nicht nur bösartiger als jede Sekunde des Master Of Reality-Albums.

Genau wie beim Debüt zeigt Volume 4 in hervorragender Weise die Bedeutung von Bill Ward für das, was Sabbath so einzigartig machte. Ward ist sehr ausdrucksstarker und flüssiger Schlagzeuger, der es damals verstand, selbst seine Wiederholungen mitreißend zu gestalten. Denn egal, wie schwer und metallisch Iommi und Geezer einen Song gestalten, Ward spielt so, dass es unmöglich ist, nicht mitzugrooven. Zu Songs wie “St. Vitus Dance” und “Supernaut” kann man buchstäblich auf dem Parkett tanzen, beide sind eigentlich nur wegen der Verzerrung der Saiteninstrumente sowas wie “Metal”. Saint Vitus Dance hat sogar etwas von Cabaret oder einer Burleske.

Es mag auf den ersten Blick offensichtlich sein oder auch nicht, aber man merkt schnell, dass Ward bei vielen der schnellsten Songs auf dieser Platte eine größere Rolle spielt als Geezer Butlers Bass. Das soll nicht heißen, dass Butler als Texter oder Halbgott der tiefen Töne nachlässt, aber nicht viel von dem, was hier abläuft, zeichnet sich durch irgendwelche glatten Bassläufe von Geezer aus. Dies ist vielleicht sein zurückhaltendes Album der Ozzy-Ära.

Insgesamt zeigt die Platte, dass mit Black Sabbath mehr los war als nur diese tonnenschweren Riffs abzuliefern.

Vol. 4 wurde im September 1972 veröffentlicht und zeigt auch eines der ikonischsten Albumcover von Sabbath: ein gelb-monochromes Bild von Ozzy, der eines der Fransenhemden trägt, die er jahrelang bevorzugte, und seine Arme zu einem Friedenszeichen ausbreitet. Eine eigentlich interessante Wahl, denn auch wenn Ozzy der Frontmann der Band war, ist es doch unbestreitbar Tony Iommi, der hinter Black Sabbath stand.

Vol. 4 enthält zwar Songs wie “Supernaut”, die von Kennern als Klassiker angesehen werden, aber “man hat nicht wirklich … diesen durchschlagenden Hit. Snowblind kommt dem vielleicht am nächsten, weil er einfach diesen großartigen Groove hat und mit diesem Killer-Riff einsteigt, und natürlich singen sie da über etwas, das ihnen zu der Zeit sehr am Herzen lag. Schnupfen bis der Winter kommt.

Einige Berichte besagen, dass Sabbath ihr nächstes Album, Sabbath Bloody Sabbath aus dem Jahr 1973, ebenfalls in Los Angeles aufnehmen wollte, aber dazu kam es nicht.

Schließlich nahmen sie Sabbath Bloody Sabbath in einem Schloss in England auf. Das ist dann aber eine andere Geschichte.

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Die Hütte brennt: Deep Purple – Machine Head | #11

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Machine Head von Deep Purple ist eines jener Alben, das seine Standfestigkeit unter Rockfans in der ganzen Welt wohl für alle Zeiten behaupten wird. Eines jener Alben, das in keiner Sammlung eines ernstzunehmenden Musikliebhabers fehlt. Es ist bei weitem nicht das einzige Album von Deep Purple, wo das zutrifft, aber heute – 50 Jahre nach erscheinen – klingt Machine Head noch immer genauso frisch wie eh und je, was nicht jeder Klassiker von sich behaupten kann. Das sechste Album von Deep Purple wurde im Dezember 1971 aufgenommen und erschien am 25. März auf Purple Records. Und obwohl es als eines der Wegbereiter des Heavy Metal gilt – neben In Rock und dem davor erschienenen Fireball – geht es hier noch nicht um schneller, lauter, schwerer, sondern verbleibt im harten Rock. Anders wie tatsächlich In Rock von 1970, das eine aggressivere Kante zeigt. Aber das war ja auch das erste Album der sogenannten MkII-Besetzung, wo sich Deep Purple zum ersten Mal selbst gefunden hatten, nachdem sie bereits drei Alben veröffentlicht hatten, die zwar nicht schlecht sind, aber noch am Tasten waren. Interessanterweise war Richie Blackmoore von Anfang an klar, dass die Band ein härteres Konzept brauchte, wenn sie sich entwickeln wollte. Mit Ian Gillan und Roger Glover hatten Jon Lord, Richie Blackmoore und Ian Paice dann 1969 die Truppe zusammen, die die legendärste Formation von Deep Purple bildete und 4 Alben einspielte, bevor dann David Coverdale und Glenn Hughes ein neues Zeitalter einläuteten. Die MkII-Besetzung kam dann in den 80ern noch einmal zusammen, um Perfect Strangers und The House of Blue Light einzuspielen und dann sogar noch einmal in den 90ern um The Battle Rages on zu veröffentlichen. Das waren alles auch keine schlechten Phasen der Band, aber die 4 Alben der 70er – das sind die eigentlichen Klassiker in dieser Besetzung, eben auch deshalb, weil man der Konkurrenz meilenweit voraus war, während man später nur sich selbst als Maßstab hatte, während die Musikwelt bereits ein ganz anderes Level erreicht hatte.

Die Geschichte der Entstehung von Machine Head ist hinlänglich bekannt und wird im Song Smoke on the Water auch erzählt. Die Band kam im Dezember 1971 nach Montreux in die Schweiz, um im dortigen Casino zu spielen und dann auf der nächsten Platte ihrem Live-Sound so nahe wie möglich zu kommen, denn diese ungebändigte Kraft, die Purple auf der Bühne hatte, wurde in den Alben kaum sichtbar. Das lag vor allem auch daran, dass die Studioaufnahmen eine kontrollierte Sache waren, während live jeder dieser überragenden Musiker von der Dynamik und der Konkurrenz zu den Bandkollegen, das äußerste aus sich rausholte. Das war zwar gleichzeitig der Grund, warum die Band in dieser Besetzung nicht lange überlebte, aber das, was sie uns hinterlassen hat, ist nicht weniger als Musikgeschichte. Alle Bands hatten damals ihre Problematiken, die wenig mit der heutigen musikalischen Herangehensweise zu tun hat, aber eben auch der Grund dafür sind, warum die 70er als das Musikjahrzehnt schlechthin gelten.

Auf den ersten Blick ist Machine Head zwar ein gutes Album, bietet aber eigentlich nichts außergewöhnlich Neues. Weder sind die Gitarren so verzerrt wie die von Tony Iommi, noch hat das Album die furiosen Parts von In Rock. Nur Highway Star und Pictures of Home bringen etwas Tempo in die Sache, und selbst die Blues-Einflüsse von Maybe I’m a Leo und Lazy sind zwar etwas hektisch, aber nie im Übermaß, so dass man sagen kann, dass das Album die individuellen Fähigkeiten jedes einzelnen Musikers in den Vordergrund stellt und keiner versucht, den anderen zu übertrumpfen, wie das oft Live der Fall war. Und von diesen Fähigkeiten ist das ganze Album voll. Aber es sollte eben kurioserweise jene später im Jahr erschienene Live-Scheibe sein, die Machine Head in den Olymp katapultierte. Das lag also nicht allein an Smoke on the Water, diesem völlig überspielten aber auch gleichzeitig brillanten Song, den wir ohne den Casinobrand (zu dem wir gleich kommen) nicht bekommen hätten. Die Rede ist natürlich von Made in Japan, bei dem sich viele einig sind, dass es das beste Live-Album aller Zeiten ist. Und noch früh im Jahrzehnt. Deep Purple wollten das eigentlich gar nicht machen. Es war noch nicht die Zeit, wo jede Band ihr Live Set anbieten musste, wenn sie was auf sich hielt. Die 70er Jahre waren das Jahrzehnt der Livealben. Und maßgeblichen Anteil daran hatte Made in Japan, das sprichwörtlich durch die Decke ging und Deep Purple neben Led Zeppelin zur größten Band der 70er machte.

Warum Deep Purple in die Schweiz gingen, hat viel mit der damaligen Steuerpolitik in Großbritannien zu tun. Fast alle großen Bands hatten Probleme mit den immensen Steuern damals, die aber nur griffen, wenn die Musik auch im Land produziert wurde. Die ganze Sache war in Wirklichkeit natürlich viel komplizierter als ich das jetzt sage, aber im Grunde läuft es darauf hinaus, das man in England nicht produzieren konnte, wenn an sein Geld behalten wollte.

Purple mietete sich das allseits beliebte mobile Studio der Rolling Stones und machte sich auf in die Stadt, die hauptsächlich für ihr überragendes Jazzfestival bekannt ist. Davon gibt’s in der Schweiz mehrere, in Liechtensteig, wo ich kurze Zeit gewohnt habe, gab es auch eines, aber das ist natürlich nichts gegen Montreux, das am Genfersee liegt und seit den 60ern für alle Bands ein wichtiger Platz war, um dort zu spielen. Eigentlich ist Montreux ein ziemlich verschlafener Ort, aber Rockbands mögen das… White Lake, wo das Woodstock-Festival stattfand, war ja ebenfalls die Ruhe selbst, bevor Horden von Hippies dort einfielen.

Jetzt könnte man sagen, natürlich brannte das Casino ab, als Frank Zappa mit seinen Mothers dort spielte, aber der eigentliche Grund war, weil ein Fan mit einer Leuchtpistole geschossen hat. Damals war das Casino fast vollständig aus Holz gebaut und Ende der Geschichte. Aber das Casino war riesig, es bestand aus Restaurants, einer Disco und allen möglichen anderen Annehmlichkeiten, und so war natürlich das Feuer riesig und der Rauch gewaltig. Da fällt einem nichts anderes ein als ein Lied darüber zu schreiben.

Machine Head ist, trotz des bekannten Riffs von Smoke on the Water, kein wirklich spezielles Gitarrenalbum geworden, obwohl Blackmoore einige großartige Parts einstreut, aber die meiste Zeit lässt er tatsächlich den anderen viel Platz für ihre Entfaltung. Am Innovativsten ist er Highway Star, mit dem das Album beginnt. Es mag ein bisschen verwundern, dass man da heute von einem Speed Metal-Standard spricht, aber man darf hier die Zeit nicht aus den Augen lassen. Natürlich ist der Song nicht mit dem heutigen Speed Metal zu vergleichen, aber die Absicht ist da.

Die spiralförmigen Melodien wurden später von vielen Trad- und Power-Metal-Bands aufgegriffen, und die Soli im weiteren Verlauf des Songs verwenden einige ungewöhnliche Notenmuster, die sich als weitaus einprägsamer erweisen als die übliche Rock-Skalen.

Und weil Richie sich etwas zurückhält, hört man Roger Glover und Jon Lord viel mehr im Vordergrund als sonst. Vor allem der Bass tritt ungewöhnlich oft hervor. Da ist natürlich das offensichtliche Bassolo in Pictures of Home, aber auch in Lazy fällt die Bassarbeit angenehm auf. Sie swingt und hallt in verschiedenen Mustern und pendelt sich dann in stabileren Rhythmen ein.

Und auch wenn Glovers Arbeit hier herausragend ist, erinnert uns Jon Lords Spiel immer wieder daran, was wir an ihm verloren haben. Alles, was Purple so besonders macht, ist hier auf feine Weise zu hören. Vor allem auch Ian Paice am Schlagzeug, der allein schon dadurch ein Glücksfall ist, weil er zwar eine Neigung zum Rockbeat hat, aber die Flexibilität eines Jazzschlagzeugers besitzt. Am Wirkungsvollsten ist das bei Lazy zu hören. Er spielt nichts ultrakomplexes, aber er klingt nicht wie ein Roboter, was sie meisten der heutigen Schlagzeuger tun, ihr Können mal unbenommen, aber gutes Schlagzeugspiel wird nicht durch Geschwindigkeit und ständige Wechsel definiert. Jede Phrase, die er spielt, fügt dem Song etwas mehr hinzu, von den schnellen Fills in Space Truckin‘ bis zu den Drum-Solo-Abschnitten in Pictures of Home. Er ist auch sehr PRÄZISE – ja, präzise ist ein weiteres Wort, das perfekt zu seinem Stil passt.

Und was ist mit dem Songwriting? Nun, bei In Rock komponierte die Band progressivere Songs, mit langen Soloabschnitten, vielen Tempowechseln und so weiter. Bei Machine Head sind die Stücke einfacher und eingängiger, aber auch großartig. Die Songs sind in zwei Kategorien eingeteilt: die mittelschnellen, zu denen Stücke wie Never Before und Smoke on the Water gehören, und die schnelleren, wie Space Truckin‘ oder Highway Star.

(mehr im Podcast)

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