Genre-Guide: Was der Doom ist und was er macht | #59

Willkommen, Freunde draußen an den Radiogeräten! Heute zu einer Sendung, die zwar in unseren Genre-Guide gehört, die aber natürlich – wie alle anderen Guides auch – keine vollständige Darstellung sein kann. Heute geht es hier um den Doom.

Im Schatten eines alten Geistes: Peth – Merchant of Death | #35

Gewöhnlich werde ich kaum von Bands angelockt, von denen ich den Eindruck habe, sie wollen überhaupt nicht, dass man ihre Musik wahrnimmt. Bei den Texanern PETH ist es nicht nur so, dass sie ihr Debüt Merchant of Death auf dem Vinyl-Only-Label Electric Valley veröffentlicht haben, das man sich – bei allen fairen Preisen – aus Amerika importieren lassen muss, was dann allerdings ordentlich zu Buche schlägt. Sie haben noch nicht mal irgendeinen Hinweis auf Bandcamp hinterlassen, wer denn eigentlich die Instrumente spielt und wer die Jungs überhaupt sind. Tatsächlich wird die Minimierung der Formate ein immer größeres Problem, weil immer öfter auf einen Download hingewiesen wird. Ich selbst trage das nicht mit und ignoriere die Bands dann einfach. Weil ich es aber genau wissen wollte, habe ich die Band kontaktiert und siehe da – sie haben mir bestätigt, dass es eine CD geben wird. Und während ich darauf warte, kann ich das Brett, das sie hier geliefert haben, in aller Ruhe als genusssüchtiger Holzwurm genießen. Um euch daran teilhaben zu lassen, müssen wir allerdings zunächst einen kleinen Exkurs in Richtung Texas unternehmen.

Musik aus dem Lone Star

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Texas ist von jeher bekannt für seinen heavy Underground. Eine Sache, die insbesondere Zentraltexas schon immer ausgezeichnet hat, ist natürlich der Rock & Roll. Das hat schon damals in den 60ern begonnen, als hier Roky Erickson mit seinen Thirteen Floor Elevators den Grundstein für das legte, was dann als Psychedelic Rock die Welt erschütterte, zumindest einen gewissen Teil der Welt. Bands aus Texas haben in der Regel einen einzigartigen Groove, einen einzigartigen Sound und ihren eigenen Sinn für Schrägheit und psychedelische Momente, der nur dort zu finden ist. Was den donnernden, zeitgenössischen Underground angeht, sind u.a. Wo Fat eine Klasse für sich, und sowohl Mothership als auch Duel haben sich bereits einen Namen gemacht. Dass Pantera oder ZZ Top dort ihre Hütten stehen haben, ist ja ebenfalls bekannt.

Da ist es nicht verwunderlich, dass irgendwann eine Band wie PETH daherkommt und die 70er Jahre in Texas neu zum Leben erweckt! Verwunderlich ist nur, wie konsequent sie das auch umsetzen können.

Die vier Texaner traten mitten in der Pandemie, also 2020, in Lago Vista zusammen und haben mit einer wilden Mischung aus frühem Proto-Metal der 70er Jahre und schweren Psych/Okkult-Rock-Soundscapes etwas geschaffen, das bereits viele Bands versucht, aber kaum erreicht haben: nämlich wirklich so zu klingen, als seien sie durch ein Zeitfenster von 1971 hier her geschossen worden. Dabei kann man ihnen natürlich vorwerfen, in einem Konglomerat aus Black Sabbath, Venom, Blue Cheer, Pentagram, ZZ Top und anderen Pionieren zu schwelgen und gar nichts eigenes auf der Pfanne zu haben. Man kann es aber auch aus einer anderen Perspektive betrachten und Merchant of Death als die beste Zusammenfassung des Proto-Metal betrachten, die es jemals gab. Es ist nicht immer das nie Dagewesene der beste Scheiß, manchmal ist das Gekonnte weitaus besser als der Krampf, der verzweifelt versucht, anders zu sein, denn seien wir mal ehrlich: Es wird nichts Neues unter der Sonne auftauchen und uns alle mit staunenden Gesichtern zurücklassen. Wer das glaubt, nimmt sich die Freude an wirklich guten Songs. Und was ist ein guter Song? Nun, meistens ist ein guter Song ein ehrlicher Song. PETH versuchen gar nicht zu kaschieren, wessen Kind sie sind. Als bestes Beispiel dient hier der Titeltrack, dessen Riff man leicht als Rip-Off von Black Sabbaths “The Wizard” identifizieren kann. Oder aber es ist eine unverhohlene Hommage. PETH tun hier ihr Bestes, um Tony “The Iron Man” Iommis frühen Sound zu replizieren (wie übrigens auf dem ganzen Album). Das ist zwar unmöglich, aber diese Jungs kommen der Sache näher als irgendeine andere Band, die ich kenne.

Das ganze Album bietet teils bedrohliche Aggression, teils atemberaubende Rhythmen, hält sich aber von der modernen, glänzenden Klangästhetik völlig fern und klingt deshalb noch nicht mal gewollt auf 70er Jahre getrimmt, wie viele andere Bands des Genres. Mit bösartigen Gitarrenharmonien, einer explosiven Bass- und Schlagzeugsektion und zwei umwerfenden Sängern tragen PETH dazu bei, den alten Geist und die alte Lebensart zu bewahren und gleichzeitig die neue Ära des Rock ‘n’ Roll für nachfolgende Generationen einzuleiten, falls die überhaupt begreift, was um sie herum geschieht.

Das hier ist Proto-Metal mit einem Hauch von frühem 80er-Jahre-Thrash! Den Bandcamp-Fotos nach zu urteilen sind PETH mit einer Doppelgitarren-Attacke gerüstet, und beide Gitarristen beherrschen den Sound der frühen 70er Jahre perfekt. Alles ist warm, flockig und verdammt knackig, wie gleich der mitreißende Opener Dwarvenaught beweist, ein volles Bash-Fest im Stil von Vol. 4, das am Ende eben durch seine Twin-Gitarren-Attacken durchaus den angesprochenen Thrash berührt.

Auch die Rhythmusgruppe macht sich positiv bemerkbar, denn der Schlagzeuger hat seinen texanischen Swing, der immer etwas hinter dem Beat liegt, definitiv bereits als Kind im Kakao gehabt.

Die texanische Verrücktheit zeigt sich dann noch einmal bei Amok, wo Anklänge an schrägen Garage-Rock wohlwollend verpackt werden, während sich Wellen von Riffs im Stile von Sabbaths Sabotage-Ära zusammen mit einer ziemlich aggressiven Basslinie durch die Lautsprecher ergießen. Abolish The Overseer ist dann tatsächlich ein Lehrstück in Sachen Proto-Metal, okkulter Verrücktheit und aggressiver Riff-Manie. Der Gesang bei Merchant Of Death und insbesondere bei Amok wechselt zwischen einem okkulten Bobby Liebling-Geheul und einem seltsamen Screamin’ Jay Hawkins-Nuscheln.

Das grimmige, dreckige Intro-Riff von Let Evil In lässt die Gesichter sofort schmelzen, bevor es wieder dem exzentrischen, sprechenden Gesang Platz macht und dann in das kolossale Hauptriff zurückschwingt und den Hörer mit einem Sperrfeuer aus grandios verzerrten Riffs, Leads und einer alles niederreißenden Rhythmuskakophonie überrollt.

Stoned Wizard ist dann ein brennendes, brutzelndes Doom-Fest.

Das Album schließt mit Karmic Debt, das einen trippigen, düsteren Abschluss andeutet, bevor es sich zu einem epischen Riff-Monster steigert, während die seltsam nuschelnden Vocals wieder auftauchen und PETH sich zu einem entspannten, texanischen Jam hinreißen lassen, um den Song und das Album zu beenden. Alles in allem ist Merchant of Death ein mörderisches, schweres, knackiges, schräges Album, das umso lobenswerter ist, als es sich um ein Debüt handelt. Die Jungs haben bei der Entwicklung dieser Klänge definitiv nicht herumgealbert, denn die Songs sind gut geschrieben und gut gespielt und weisen unfassbar viele Schichten auf. Und auch klanglich ist das Ding ein Monster, das den Geschmack all jener trifft, die bis heute nicht überwunden haben, dass die 70er vorbei sind.

Dem Sumpf sei dank scheint es jedoch mittlerweile so zu sein, dass “Proto-Metal” praktisch zu einem eigenen Subgenre von Stoner und Doom geworden ist, da viele Bands heutzutage versuchen, nicht nur Sabbath, sondern auch Dust, Captain Beyond und alle anderen acidartigen Klänge der späten 60er und frühen 70er Jahre zu konservieren, genauso wie Bands in den 90ern versucht haben, Kyuss und Fu Manchu zu kopieren. Merchant of Death gelingt es, den Sound und das Feeling dieser Ära mit einer großzügigen Dosis texanischer Schrägheit und Crunch im Stil von ZZ Top und dem üblichen Swing zu erzeugen.

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Unser Intro wurde von transistor.fm erstellt.

Label: Electric Valley Records

Band: Peth auf Bandcamp

Kryptograf – The Eldorado Spell

Inspiriert vom schweren Sound der späten 60er Jahre, werden die vier alten Seelen von Kryptograf euch mit ihrem kollektiven Gesang, zerstörerischen Riffs und einfallsreichem Songwriting verhexen. – Pressetext

Kryptograf sind:
Vegard Strand – Gitarre/Gesang
Odd Erlend Mikkelsen – Gitarre/Gesang
Eirik Arntsen – Schlagzeug/Gesang
Eivind Standal Moen – Bass

Ist euch eigentlich schon einmal aufgefallen, dass immer, wenn eine Band eine 70er-Jahre-Schlagseite aufweist, in fast allen Rezensionen von Black Sabbath gesprochen wird, ganz egal, ob das nun stimmt oder nicht? Ist es nicht seltsam und gleichzeitig eine Blamage, dass diese ganze Rezensenten nur diese eine Band aus den 70ern zu kennen scheinen, obwohl es deren buchstäblich Hunderte gibt und sich die zu besprechenden Bands eigentlich nie nach Sabbath anhören?

Nun, ihr seht wohin die Reise geht. In ein Gebiet des doomigen Proto-Metal, der ja nun beileibe nicht mehr so überraschend und unberechenbar sein sollte, wie es immer noch den Eindruck macht. Andauernd muss man erst einmal von einer Band sprechen, die “das Rad nicht neu erfindet” (was mich betrifft, brauche ich kein neues Rad, sondern gute Musik), man fühlt sich genötigt, mit dem Wort “retro” um sich zu schmeißen und den Leuten erst mal klar machen, dass gute Musik fast schon per Definition “retro” ist. Wie 99 Prozent aller “Retro-Bands” hören sich auch Kryptograf aus Bergen in Norwegen nicht wie Black Sabbath an. Ich hoffe, ich habe mich klar ausgedrückt. Trotzdem: Natürlich steht die Band auch auf Black Sabbath, wie sie ja auf Bandcamp verkündet. Aber wer täte das schließlich nicht? (oh, ich weiß natürlich, dass es solcherlei Leute gibt, aber die treiben sich ja wohl nicht hier herum, oder?) Doch was ist mit Pentagram, Witchcraft, Uncle Acid, Motorpsycho?

Auch wenn die Band vielleicht nicht unbedingt progressiv ist, so bringt sie dennoch gelegentlich einen progressiven Ansatz in ihre musikalische Landschaft mit ein. Bei “The Eldorado Spell” handelt es sich um ihr zweites Album und ich muss gestehen, dass mir nicht nur das Debüt der Band, sondern zunächst mal auch diese Veröffentlichung im Februar durch die Lappen gegangen ist, obwohl es sich um ein Album handelt, das meinen sofortigen Jagdinstinkt auslöst: Keine “originellen” Experimente, sondern ein Bekenntnis zu Einflüssen aus einer Zeit, die noch mit echter Musik um die Ecke kam. Wer das genauso sieht, wird den Stil von Kryptograf kennen und lieben.

Und so ist dann auch das goldene Zeitalter der Musik – eben die 70er – natürlich das allumfassende Fundament dieser Band, die gleich im ersten Song mit flammendem psychedelischem Hard Rock die Marschrichtung vorgibt. Energiegeladen und mit Folkeinflüssen, ohne die eine okkulte Note schlecht umzusetzen ist, mit einer majestätischen Vielfalt versehen, steht hier die Blume der Unterwelt “Asphodel” im Fokus.

Es ist offensichtlich, dass die Band für manche vielleicht zu sehr in der Vergangenheit wildert – die Gitarren haben hier nicht den für das moderne Ohr gewohnten Biss, aber die Riffs – das sind großartige Doom-Brocken, auch wenn sie aufgrund der zurückgenommenen, aber rauchigen Gitarre, erst mal gar nicht so klingen. Der Gesang gleitet sanft mit der Musik dahin, besonders im Refrain. Der Bass sticht allerdings auf dem gesamten Album hervor und hat nach meinem Geschmack einen perfekten Ton.

Der nächste Song ist “Cosmic Suicide”. Die Riffs, die zum Refrain führen, werfen ein weites Netz mit einem mittelschnellen Groove aus, aber es ist der Refrain, der den Song so großartig macht. Er ist so eingängig, dass er sich tagelang im Kopf festsetzen kann, nicht zuletzt, weil er der geradlinigste Song des Albums ist.

Die Gesangseffekte bei “Lucifer’s Hand” verpassen dem Song eine düstere Stimmung, besonders in der letzten Hälfte, wo die Riffs am fleischigsten sind.

Tatsächlich bringt der Sound der Band auch das Stoner-Feeling der 70er im großen Umfang mit, und wenn “Creeping Willow” aus den Lautsprechern dröhnt, hat man das Zeitalter der Liebe und des Friedens widerwillig hinter sich gelassen, und der okkulte Rocksound von Black Widow durchdringt jede Note, wobei die aggressive Wucht der Musik durch die akustische Schlichtheit des folgenden “Across The Creek” kontrapunktiert wird, das die ländliche Idylle von Led Zeppelins “Bron-Yr-Aur” heraufbeschwört.

Der Titeltrack baut sich mit einem psychedelischen Intro auf, wobei die Gitarren nach etwas mehr als einer Minute zum Einsatz kommen. Dieser Song ist etwas trippiger als die anderen, und bei “The Spiral” wird alles an Fuzz in die Waagschale geworfen, was die Band für ihren Sound zur Verfügung hat. Der Song ist bergig und eine schöne Abwechslung nach dem eher bekifften Titeltrack. Der Mittelteil ist überraschend lebhaft und die Gesangsharmonien verbinden sich gut mit den galoppierenden Riffs. Danach gräbt sich die Band mit dreckigen Riffs und einem harten Groove tief in die Erde. Dieser Song bringt das Album definitiv wieder in Schwung.

“When The Witches” ist ein guter, seltsamer Track, der einen musikalischen Acid-Trip zwischen schwere Passagen schiebt, ein dreckiger, bluesiger Schleifer, der mit seinen ausgedehnten, trippigen Soli nach einem herrlich bekifften Peter Green von Fleetwood Mac schreit.

“Wormwood” ist das zweite Intermezzo, das zum Schlusstrack “The Well” führt. Eigentlich sind diese Zwischenspiele heute aus der Mode gekommen, weil man es gewohnt ist, von Höhepunkt zu Höhepunkt zu rasen. Oft wird gar nicht verstanden, dass derartige Interludien durchaus ihren Zweck erfüllen, wenn sie an die richtige Stelle gesetzt werden. Und in dieser ruhige Introspektion reist die Band zurück in die Londoner West End Clubs der späten Sechziger, wo sich unter der Obhut chemischer Substanzen die Jazzvagabunden auf das Wassermannzeitalter vorbereiteten.

Im Gegensatz dazu ist es dann gerade der letzte Track, der wenig Zeit verschwendet, um auf den Punkt zu kommen, mit einem rockigen Intro, das mit seiner verschwommenen Gesangslinien in eine ebensolche Atmosphäre übergeht – dieser Song ist eine wahre Verschmelzung der Stile, die auf dem Album präsentiert werden. Und der Refrain ist gewaltig, ein weiterer Ohrwurm, der sich einschleicht und nicht mehr weggeht.

Wer die neuesten und  experimentellsten musikalischen Erkundungen sucht, für den ist “The Eldorado Spell” nicht das richtige Album. Wer aber einfach nur den Sound von Acts wie Graveyard schätzt und seine Musikbibliothek mit unbestreitbarer Klasse füllen möchte, für den sind Kryptograf genau das Richtige.  Klar, “The Eldorado Spell” mag vielleicht nicht perfekt sein, aber es ist ein gut ausbalanciertes Old-School-Doom-Album, das den alten Göttern huldigt und allein schon dafür gebührt ihm alle Ehre.

Kryptograf | Bandcamp
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Leise rieselt der Schnee: Black Sabbath 4 | #15

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Im letzten Jahr erschien das Volume-4-Boxset von Black Sabbath kurz vor dem 50ten Jubiläum und erinnerte so an das Album der Band, das einen großen Wendepunkt einleitete. Viele Fans glauben, dass dieses drogengespeiste Werk die beste Platter der Ozzy-Ära ist. Ich würde dem allerdings widersprechen. Ozzy Osborne ist die Hälfte der Zeit etwas unverständlich und der Mix ist eher miserabel, was daran liegt, dass die Band selbst produzierte.

Tony Iommi hat oft davon berichtet, dass die Produktion des Albums sich auf 65.000 Dollar belief, die Kokainrechnung aber auf 75.000 Dollar. Interessanterweise zaubert ihm das auch heute noch ein Lächeln aufs Gesicht. Schillernd war ja natürlich auch, dass sie dieses Album in Los Angeles in den dortigen Record Plant Studios aufgenommen haben, das einzige Album, das sie in Originalbesetzung dort aufgenommen haben. Die Band hatte sich im Frühjahr 1972 in einer Villa in Bel-Air eingemietet und es ging um nicht weniger als den Nachfolger ihres bahnbrechenden und im Grunde härtesten aber auch einfachsten Albums “Master of Reality” vom Vorjahr.

Die Adresse des Anwesens lautete 773 Stradella Road. Die Familie Du Pont hatte einst dort gelebt, eine der reichsten Familien Amerikas, die 1802 mit Schießpulver anfingen und später den größten Chemiekonzern der Welt betrieben, und später lebte die Sexbombe Jaclyn Smith aus Drei Engel für Charlie einige Jahre später dort. Es ist also ein illustres Plätzchen

Es ist ohnehin erstaunlich, welches Tempo die Bands damals hatten. Black Sabbath schufen innerhalb von 2 Jahren vier bahnbrechende Alben – und mit einem solchen Output waren sie damals nicht alleine. Allein das zeigt den gewaltigen Unterschied zu heute. Damals war der Rock ‘n’ Roll-Zirkus noch wirklich voller Leben und viel mehr Metal als der Metal heute. Wir haben heute eine etwas betuliche Art auf alles zu blicken, aber man hat eigentlich wenig zu erzählen. Das war früher ganz anders. Und ich meine hier nicht die ganzen Drogengeschichten und Exzesse, sondern das Leben an sich, die Grundhaltung dem Leben gegenüber, das noch irgendwie erobert werden wollte. Die letzten Ausläufer habe ich ja gottseidank mitbekommen, und um so älter ich werde, weiß ich, was ich da eigentlich für einen Schatz in mir trage.

Über Black Sabbath zu sprechen ist immer etwas schwierig, weil man davon ausgehen kann, dass jeder die Geschichte der Band hinlänglich kennt. Da wurde ja kein Stein auf dem anderen gelassen und in schöner Regelmäßigkeit Interviews und Hintergründe durch die Musikzeitschriften gepeitscht. Das Interesse ist auch nach ihrem vermeintlichen Schwanengesang 2013 gewaltig, was kein Wunder ist für eine Band, die als Erfinder der wohl gewaltigsten Musikrichtung neben Jazz und Klassik gilt – dem Heavy Metal. Einzelheiten darüber erspare ich mir jetzt, weil ich immer wieder auf diese Begrifflichkeit eingehe und es dazu auch schon einige Sendungen von mir gibt. Natürlich sollte ich gerade die Protometall-Sendung, mit der 2019 auf diesem Kanal alles begann, noch einmal überarbeiten und neu präsentieren, aber das mache ich dann zu gegebener Zeit.

Kommen wir also zum Album. Nach dem Vorgängeralbum erholte sich die Band, indem sie sich eine Auszeit gönnte und sich von den Trends der Zeit inspirieren ließ. Während es in ihrem Umfeld viele Bands gab, die nur Hardrock spielten, wuchsen die Sabbath-Mitglieder mit Künstlern auf, die stilistisch ziemlich weit von der Musik entfernt waren, die sie selber spielten. Es gab in der Welt des Heavy Rock nicht viel anderes, das sie hätte beeinflussen können, und so ist es nicht überraschend, wenn andere Einflüsse in das Songwriting einfließen.

Iommi mag zwar der Erfinder des Heavy Metal sein, aber er wuchs als Fan von Frank Sinatra auf. Denkt man sich die Verstärker weg, hört man die Einflüsse der damaligen zeit sogar ziemlich genau. 1972 gab es einen großen Trend an Funkmusik, also Musik, die auf ein flottes Tempo und glatte, perkussiv-lastige Songs setzte, die das Publikum mitreißen sollten; geradeaus, aber voller Energie.

Während Sabbath auf ihren beiden Vorgängeralben kalt und düster waren, knüpft dieses Album nicht nur an das Debüt an, indem es Bill Ward wieder aufleben lässt, sondern auch, indem es warm und verspielt ist. Selten wird einem der echte Doom um die Ohren gehauen, stattdessen wird man mit raffinierten Mustern zum Grooven verleitet. Das lange Zwischenspiel von Wheels Of Confusion oder die fesselnde zweieinhalbminütige Coda mit dem Titel The Straightener sind der Beweis dafür, wie groovig das Album ist.

Auf Vol. 4 veränderte die Band also ihren Stil. Das war ganz klar die experimentelle Phase der Band, die erkannte, dass sie ihren Härtegrad nach den drei vorangegangenen Alben nicht mehr so ohne weiteres steigern konnten. Das Ergebnis war zwar immer noch ein schweres Alben, aber mit wesentlich vielseitigen progressiven Elementen bestückt. Die Songs sind sehr abwechslungsreich und trotz ihrer Kürze ziemlich komplex, was auf den ersten Blick gar nicht so scheint. Mit dem nächsten Album “Sabbath Bloody Sabbath” und dem definitiven Proto-Prog-Metal-Opus “Sabotage” baute die Band später ihren progressiveren Sound sogar noch weiter aus. Es gab noch andere Veränderungen, zum Beispiel die Klavierballade “Changes” oder das Orchester auf der eindringlichen Kokshymne “Snowblind”, wie sie das Album zunächst nennen wollten. Aber das US Label Warner Bros. sträubte sich dagegen, ein ganzes Album nach Kokain zu benennen, also klebten sie einfach nur die 4 drauf, weil ihnen interessanterweise nichts anfiel einfiel. Dabei wäre “Supernaut” eine gute Alternative oder auch “Wheels of Confusion”. Nach “Master of Reality” also “Wheels of Confusion”. Und konfus war ihr Zustand ja allemal. Hier dürfte tatsächlich der Niedergang der Band begonnen haben, der Bill Ward und Geezer Butler zu Alkoholikern und Junkies machte.

Es gibt Kubanische Rhythmuseinflüsse bei “Supernaut”, einem Stück mit einem so ansteckenden, kraftvollen Groove, von dem John Bonham von Led Zeppelin sagte, dass es sein Lieblingsstück sei. Es gab natürlich auch weiterhin die für Sabbath typischen wilden Gitarren und Ozzys geisterhaften Gesang, der hier ziemlich verwaschen klingt, aber jetzt auch vermehrt rhythmische Kontrapunkte wie sie im Jazz üblich sind. Tony Iommis Idee war es oft, die Heaviness der Band dadurch zu erreichen, dass es eben auch zurückgenommene Phasen gibt, damit die Heaviness überhaupt wirken kann. Vor allem hat er dieses Wechselspiel auch von Bill Ward gefordert und auf diesem Album ist der Schlagzeuger tatsächlich der wesentliche Part, obwohl drei der zehn Stücke gar kein Schlagzeug haben und zwei weitere nichts anderes als Standard sind, aber er treibt diese Songs mit seiner perfekten Mischung aus harten Schlägen und einer gewissen Finesse an. Die beiden Vorgängeralben waren entweder stromlinienförmig (Paranoid) oder eher simpel (Master Of Reality), auf diesem Album jedoch merkt man Bill Ward an, dass die Kompositionen seinen Fähigkeiten besser entgegenkommen. Im Jazz zum Beispiel steht das Einhalten des Taktes nicht im Vordergrund, sondern die Dynamik durch künstlerische Freiheiten auf die Band zu übertragen. In den vier besten Songs des Albums kommt dieses Konzept zum tragen: Snowblind, Cornucopia, Under the Sun und Wheels of Confusion.

Warum diese vier? Was macht sie besonders? … Diese vier Songs machen insgesamt dreiundzwanzig Minuten aus und drei von ihnen kommen erst später auf dem Album. Nichts sagt mehr über die Qualität eines Albums aus, als wenn die besten Songs in der hinteren Hälfte zu finden sind. Die meisten Bands platzieren ihre stärksten Songs natürlich im vorderen Teil des Albums, Sabbath widersetzte sich diesem Trend, indem sie ihre progressivsten Songs weiter hinten gruppieren. Jeder der genannten vier Songs unterscheidet sich noch einmal stark voneinander und verfolgt nicht das gleiche Konzept.

Der Untertitel vom letzten Song – Under the Sun – zum Beispiel trägt den Untertitel “Everyday Comes and Goes”. Das scheint zunächst willkürlich zu sein, hat aber einen Grund. In der Mitte gibt es ein 75 Sekunden langes Zwischenspiel, das schneller und schlagzeuglastiger ist als das Hauptthema, aber nicht nur eine eingeschobene Brücke ist, sondern aus einem Anfang, einer Mitte und einem Ende besteht, also eigentlich ein eigener kleiner Song in einem Song. Solche Momente haben auf dem Vorgängeralbum gefehlt. “Cornucopia” ist ein weiterer Song, der buchstäblich aus fünf verschiedenen Abschnitten besteht, und wieder ist jeder von ihnen drastisch anders. Das Eröffnungsriff ist nicht nur bösartiger als jede Sekunde des Master Of Reality-Albums.

Genau wie beim Debüt zeigt Volume 4 in hervorragender Weise die Bedeutung von Bill Ward für das, was Sabbath so einzigartig machte. Ward ist sehr ausdrucksstarker und flüssiger Schlagzeuger, der es damals verstand, selbst seine Wiederholungen mitreißend zu gestalten. Denn egal, wie schwer und metallisch Iommi und Geezer einen Song gestalten, Ward spielt so, dass es unmöglich ist, nicht mitzugrooven. Zu Songs wie “St. Vitus Dance” und “Supernaut” kann man buchstäblich auf dem Parkett tanzen, beide sind eigentlich nur wegen der Verzerrung der Saiteninstrumente sowas wie “Metal”. Saint Vitus Dance hat sogar etwas von Cabaret oder einer Burleske.

Es mag auf den ersten Blick offensichtlich sein oder auch nicht, aber man merkt schnell, dass Ward bei vielen der schnellsten Songs auf dieser Platte eine größere Rolle spielt als Geezer Butlers Bass. Das soll nicht heißen, dass Butler als Texter oder Halbgott der tiefen Töne nachlässt, aber nicht viel von dem, was hier abläuft, zeichnet sich durch irgendwelche glatten Bassläufe von Geezer aus. Dies ist vielleicht sein zurückhaltendes Album der Ozzy-Ära.

Insgesamt zeigt die Platte, dass mit Black Sabbath mehr los war als nur diese tonnenschweren Riffs abzuliefern.

Vol. 4 wurde im September 1972 veröffentlicht und zeigt auch eines der ikonischsten Albumcover von Sabbath: ein gelb-monochromes Bild von Ozzy, der eines der Fransenhemden trägt, die er jahrelang bevorzugte, und seine Arme zu einem Friedenszeichen ausbreitet. Eine eigentlich interessante Wahl, denn auch wenn Ozzy der Frontmann der Band war, ist es doch unbestreitbar Tony Iommi, der hinter Black Sabbath stand.

Vol. 4 enthält zwar Songs wie “Supernaut”, die von Kennern als Klassiker angesehen werden, aber “man hat nicht wirklich … diesen durchschlagenden Hit. Snowblind kommt dem vielleicht am nächsten, weil er einfach diesen großartigen Groove hat und mit diesem Killer-Riff einsteigt, und natürlich singen sie da über etwas, das ihnen zu der Zeit sehr am Herzen lag. Schnupfen bis der Winter kommt.

Einige Berichte besagen, dass Sabbath ihr nächstes Album, Sabbath Bloody Sabbath aus dem Jahr 1973, ebenfalls in Los Angeles aufnehmen wollte, aber dazu kam es nicht.

Schließlich nahmen sie Sabbath Bloody Sabbath in einem Schloss in England auf. Das ist dann aber eine andere Geschichte.

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Genre-Guide | Okkult Rock | #9


In der heutigen Sendung geht es um eine kleine Einführung in den Okkult Rock. Ein Genre, das jeder irgendwie kennt, über das aber viel zu selten gesprochen wird. Tatsächlich hat sich diese interessante Spielart erst in der heutigen Zeit so richtig etabliert. Was aber die modernen Bands des Genres betrifft, muss ich euch noch etwas vertrösten. Hier und heute schauen wir uns erst einmal die Anfänge und das Milieu des Genres etwas genauer an.