Genre-Guide: Was der Doom ist und was er macht | #59

Willkommen, Freunde draußen an den Radiogeräten! Heute zu einer Sendung, die zwar in unseren Genre-Guide gehört, die aber natürlich – wie alle anderen Guides auch – keine vollständige Darstellung sein kann. Heute geht es hier um den Doom.

Komm in meinen Sarg: Friends of Hell | #32

Lee Dorians Label Rise Above gehört zu den großartigsten dieser Welt. Dort finden sich Bands wie Uncle Acid and the Dead Beats, Purson, Blood Ceremony, Twin Temple, und Electric Wizard. Doom-, Stoner- und reine, echte Prog-Bands sind dort in einer Qualität zu finden wie nirgendwo sonst. Der Kenner guter Musik weiß das.

Es ist also kein Wunder, dass Friends of Hell dort schnell einen Hafen fanden, vor allem, weil die Musiker keine Unbekannten sind. Von einer Supergroup möchte ich aber dennoch nicht reden, obwohl manche das sicher nicht lassen können. Als ich zum ersten Mal von Friends of Hell und ihrer Besetzung hörte, hatte ich eigentlich das Gefühl, dass es zu schön ist, um wahr zu sein, wenn man bedenkt, was diesbezüglich bereits alles unwiederbringlich verloren ist.

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Benannt hat sich die Band nach dem zweiten Album der legendären Witchfinder General aus dem Jahr 1983 und besteht aus dem ehemaligen Electric-Wizard-Bassisten Tas Danazoglou – hier allerdings am Schlagzeug – und dem Reverend-Bizarre-Sänger Sami Hynninen alias Albert Witchfinder (derzeit bei Opium Warlords). Allein aus dieser Zusammensetzung kann man bereits erahnen, woher der Wind dröhnt.

Für die Gitarrenarbeit hat man sich dann noch den eher unbekannten Jondix von Mercury Gates geschnappt, der das Gewebe des zelebrierten Hammer-Horror-Dooms ebenfalls mit der Muttermilch aufgesaugt zu haben scheint. Qualitativ hochwertiges Riffing ist für den Doom absolut entscheidend und um ehrlich zu sein, überzieht Jondix das ganze Album damit und steht insofern seinen gigantischen Bandkollegen in nichts nach.

Der mit dem Bass stampft ist kein geringerer als Taneli Jarva, ehemals Impaled Nazarene und Sentenced und jetzt Hauptberuflich bei Diavolos zugange. Also gut, wahrscheinlich ist es dann eben doch eine Supergroup.

Wenn wir uns noch in der Mitte der 1980er Jahre befänden, würde jeder Fan, der im örtlichen Plattenladen auf der Suche nach einem vergrabenen Schatz in der Wühlkiste das selbstbetitelte Debütalbum von Friends of Hell gefunden hätte, es wahrscheinlich als einen Klassiker bezeichnen.

Heavy Metal kann als Treffpunkt dienen, der dazu beiträgt, wunderbare Freundschaften zwischen Fans zu schmieden, und die Freundschaften von Musikern tragen in der Regel zusätzlich dann auch die Musik – Friends of Hell kamen nicht durch einen Zufall zustande, denn die Saat wurde bereits vor fast 20 Jahren gelegt, als sich einige der Mitglieder zum ersten Mal trafen und lose über so ein Projekt sprachen. Namentlich spielten Jondix und Tas schon einmal zusammen in einer Doom-Band, die allerdings namenlos blieb

Dank der modernen Technologie war das dann alles viel einfacher aufzunehmen als je zuvor, und auf ihrem Debüt geben alle Beteiligten ohne geografische Rücksichtnahme ihr Bestes, mit einem besonderen Schwerpunkt auf dem, was die 80er Jahre dem Stil gebracht haben, da dieses Jahrzehnt durch die heutige Herangehensweise an das Genre zu oft an den Rand gedrängt wird.

Es ist klar, dass diese Jungs genau wissen, welchen Sound und welche Stimmung sie anstreben, und das zeigt sich gleich beim Opener Out With The Wolves. Der Hörer wird sofort mit Doom-/Proto-Metal-Riffs, Witchfinders unverwechselbarem Gesang und einem donnernden Bass überhäuft.

Shadow of the Impaler ist wie eine tickende Zeitbombe, die nur darauf wartet, zu explodieren, und beginnt mit den furchteinflößenden Schreien des Kult-Horrorfilms Atomic Hero -The Toxic Avenger von 1984, bevor sich ein ziemlich bedrohliches Riff von Gitarrist Jondix anschleicht, begleitet vom gleichmäßigem Stampfen des Bass, das den Eindruck erweckt, als würde sich etwas Schweres durch den Sumpf quälen.

In Into My Coffin öffnet sich die lange schmale Totenkiste, um ihr wahres dunkles Geheimnis zu enthüllen und beschwört etwas vom Geist früher Mercyful Fate herauf. Der Song ist eine grandiose Darstellung von Albert Witchfinders Jekyll-und Hyde-Gesangsstils.

Der Titeltrack Friends Of Hell ist das Herzstück des Albums und bietet weitere doomige Riffs von Jondix, einen schönen Aufbau der Spannung sowie einen eingängigen Refrain von Witchfinder, der ein altbekanntes Thema behandelt.

Gateless Gate bleibt auf dem heruntergeschraubten Tempo stehen und taucht weiter in den Doom-Nebel ein. Aber auch hier ist Albert Witchfinder an allen Ecken der Hauptakteur des Songs.

Evil They Call Us hat ein Riff und ein Tempo, das direkt aus der Ethereal Mirror/Carnival Bizarre-Ära von Cathedral übernommen wurde. Mit mehr Attitüde und einigen fanfarenartigen Einlagen bringt die Band die Blutgefäße weiter in Wallung, um den neugeborenen König auf den Thron zu setzen und mit eiserner Faust zu regieren, während Orion’s Beast wie eine Fortsetzung von Black Sabbaths Electric Funeral klingt.

Als wir uns zum Tanz des Makabren auf Belial’s Ball begeben, wird es ein Duell mit einer gefährlichen Falle. Man kann sich das Opfer selbst vorstellen, wie es 800 Fuß tief unter die Erdkruste fällt und keine Chance hat, sich zu befreien.

Wallachia schließt das Album ab, während Friends of Hell den etwas dunkleren progressiven Stil von italienischen Prog-Bands und Van der Graaf Generator wählen. Man hat das Gefühl, dass dieser blutige Krieg vorbei ist. Aber die Schlacht selbst hat gerade erst begonnen.

Bei allen Songs handelt es sich nicht um ausladende und endlose Doom-Tracks, die sich wie der Arsch einer Robbe dahinschleppen, während sie nach einem Ort sucht, an dem sie sich hinlegen und verdammt noch mal sterben kann; nein, die Tracks sind von einem fantastischem Mystizismus durchdrungen, während die Band zeigt, dass sie imstande ist, den ganzen Reiz von Candlemass, Pentagram und Witchfinder General quasi mühelos aus dem Ärmel zu schütteln. Darüber hinaus werden Doom-Fanatiker nicht gerade wenige Verweise auf andere Doom-Bands und ihr Werk bekommen, was dieses Album allein schon zu einer Schatztruhe macht.

Dies hier ist ein unbarmherziges und glänzendes Debüt, das die meisten wohl ziemlich überrumpelt hat. Friends of Hell sind eine Band, die dem Hörer zu verstehen gibt, dass Heavy Metal nicht nur ein Begriff ist, mit dem man willkürlich herumwedelt. Das hört sich nach einer etwas merkwürdigen Aussage an, aber um ehrlich zu sein wird der eigentliche Spirit heute nur noch selten wirklich zelebriert. Wenn diese Aussage jemanden vor den Kopf stößt: um so besser.

Es ist schön zu sehen, dass Rise Above Records immer noch stark ist. Und man kann sich vorstellen (und darauf hoffen), dass dort noch eine riesige Menge elektrischer Saft darauf wartet, in den kommenden Jahren in die richtigen Beutel gefüllt zu werden.

Das Album erschien am 18. März 2022

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Unser Intro wurde von transistor.fm erstellt.

Musen gegen Sirenen: Aptera – You Can’t Bury What Still Burns

Aptera aus Berlin sind bisher die erste Band, die nicht auf eine Anfrage zwecks Support geantwortet hat, aber das ist natürlich völlig in Ordnung. Ich würde wahrscheinlich auch nicht Hunz und Kunz antworten, und ein wenig Exaltiertheit schadet in der heutigen Zeit ja auch nicht. All das hält mich natürlich nicht davon ab, euch von einem Debüt zu berichten, das wirklich großartig ist und aus dem Wust der Veröffentlichungen heraussticht. Man könnte von echtem Heavy Metal sprechen und hätte damit nichts gesagt, weil ihr ja nur mal hören müsst, was man derzeit unter Heavy Metal versteht. Die Wurzeln von Aptera kann man allerdings als eine Melange verschiedener Stile begreifen. Die Band selbst spricht von einem Mix aus Sludge, Doom, Blues und klassischem Metal mit einer gehörigen Punk-Attitüde. Allerdings sprechen wir hier eher von einem Punk, den man auch bei Venom finden kann. Die böse Art nämlich, immer leicht am frühen Thrash entlang reitend. Die Doom-Anteile hingegen legen eine Atmosphäre nahe, wie sie von den allmächtigen Black Sabbath eingeführt wurde.

Die Musik ist allerdings nicht das einzige Interessante an der Band, denn auch wenn ihr Ground Zero wohl Berlin ist, handelt es sich hier um eine recht internationale Geschichte. Die Musikerinnen stammen aus Brasilien, Italien, Belgien und den Staaten und teilen sich wie folgt auf:

Michela Albizzati – guitar, vocals
Celia Paul – bass, vocals
Renata Helm – guitar, backing vocals
Sara Neidorf – drums

Der Titel “You Can’t Bury What Still Burns” ist nicht unbedacht gewählt, sondern als Hommage an all jene zu verstehen, die Unterwerfung nicht akzeptieren und die Saat der Rebellion zum Leben erwecken, die also durch Taten, wie klein sie auch sein mögen, Veränderungen in der herrschenden Erzählung herbeiführen. Man kann eine kämpferische Seele, einen lebendigen Traum, ein brennendes Herz nicht begraben. So die Erklärung der Band. Ripple Musik, wo die Scheibe erschienen ist, erklärt sogar das große Thema des Albums:

Jeder Track auf “You Can’t Bury What Still Burns” stellt zeitlose feministische Kämpfe durch verschiedene Mythen in Frage und dekonstruiert gleichzeitig etablierte Ideale der Frauenrolle in der heutigen Gesellschaft.

Tatsächlich könnte man die angesprochenen Mythen nicht besser nutzen. Das fängt bereits beim Bandnamen an. Aptera war, wie man überall nachlesen kann, eine antike Stadt im westlichen Kreta, und Schauplatz eines legendären Kampfes zwischen Sirenen und Musen, die schon immer zwei Gegensätze bildeten. Sirenen werden allgemein als zerstörerische Stimmen verstanden. Während die Stimme der Muse die Stimme des Lebens ist, bringt die Stimme der Sirene den Tod. Die Sirenen verloren den Kampf und aus den einstmals gefiederten, vogelartigen Wesen wurden Wassergeschöpfe, weil sie ihre Federn und Flügel verloren.

Leider konnte ich nirgendwo die Lyrics finden, aber bereits der zweite Song “Selkies” deutet einen Ausflug in die keltische und nordische Mythologie an. In den Volksmärchen geht es häufig um weibliche Selkies, die von jemandem, der ihr Robbenfell stiehlt und versteckt, zu Beziehungen mit Menschen gezwungen werden. Es handelt sich im Grunde um das Märchenmotiv des Schwanenmädchens.

Man sollte allerdings nicht den Fehler machen zu denken, es handle sich hier um Fantasy-Lyrics. Ganz im Gegenteil eignen sich Komplexe aus der Mythologie – ob nun griechisch oder keltisch – ganz hervorragend, um die menschlichen Belange bildkräftig darzustellen. Während ich die ganzen modern-gewollten und platten Gegenwartsbezüge in der Musik meide wie der Teufel das Weihwasser, besitzen die vier Musikerinnen hier nicht nur musikalisches Geschick, sondern auch Geist. Es kommt nämlich immer darauf an, wie man seine Themen in Szene setzt, und interessanterweise regiert hier der einzig wahre Oldschool-Vibe in einem zeitlosen Korsett. Die junge Band zeigt, dass es durchaus möglich ist, auch heute noch einen eigenen Stempel herzustellen. Voraussetzung: weder zu faul, zu uninspiriert oder einfach zu untalentiert zu sein.

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Vom Sumpf in die Apokalypse: Wo Fat – The Singularity

Ab und zu trifft man auf eine Band, die aus völlig unbekannten Gründen nach zwei Jahrzehnten bei Kennern zwar Kultstatus besitzt, aber es  es nie in die oberste Riege der von Kritikern anerkannten Meister geschafft zu haben scheint.

Seit ihrem ersten Album The Gathering Dark aus dem Jahr 2006 haben sie ihr Publikum mit urwüchsiger Schwere und hypnotischen Siebziger-Jahre-Grooves in ihren Bann gezogen, die den Hörer mit gewaltigen Riffs überfallen. Durchdrungen von einem reichen Erbe an Blues und Fuzz-Glückseligkeit hat die Band scheinbar dunkle Kräfte kanalisiert, um dennoch auf zahlreiche Festivals auf der ganzen Welt geladen zu werden und ein paar Top-Ten-Platzierungen zu ergattern. Dabei bewegt sich die Band stets auf dem schmalen Grat zwischen psychedelisch angehauchtem Space-Rock und Doom-Trademarks. Sie haben ihre sumpfiges Getöse mit großen, fetten Riffs immer mit unterschiedlichen Facetten und einem geschickten Songwriting ausbalanciert, was sie zu einem großartigen Hörerlebnis macht. Im Laufe von zwei Jahrzehnten haben sie dies zu immer anspruchsvolleren musikalischen Erkundungen verfeinert, die gleichermaßen aufwühlend und beruhigend sein können, je nachdem, was man als Hörer erwartet und wie sehr man sich in die Musik hinein begibt.

Als sich Wo Fat im Jahre 2003 gründeten, war es ihre Absicht, eine erdrückend schwere Musik zu kreieren, die aber dennoch den Vorgaben von Black Sabbath, Jimi Hendrix, ZZ Top und anderen Größen der 70er Jahre folgt. Eine Musik, die den Musikern also Improvisationsfreiheit gewährt und ihnen dennoch erlaubt, monolithische, verzerrte und schwere Riffs zu spielen, während sie der bluesigen Grundstimmung treu bleiben. Das hört sich verdammt nach Doom an und es ist fast schon eine logische Konsequenz, dass die Band aus Texas stammt.

Auf die Beine gestellt wurde die Band von dem Gitarristen Kent Stump, dem Schlagzeuger Michael Walter und dem Bassisten Tim Wilson. Seit 2016 spielt den Bass allerdings Zack Busby.

Nach sechs Jahren – also einer gefühlten Ewigkeit – kommt eine der unterbewertetsten Bands der schweren Musik (ich meine, wir reden hier von heavy und nicht von schnell) mit ihrem sechsten Album The Singularity um die Ecke und hat sich im Mai dann auch an die Spitze der Doom-Charts gesetzt. Obwohl es sich nicht um ein Konzeptalbum handelt, thematisiert das Album die Befürchtung, dass zunehmende Umweltkatastrophen und der unkontrollierte technologische Fortschritt die Menschheit auf einen Wendepunkt zusteuern lassen, an dem sie die Kontrolle über ihr eigenes Schicksal verliert. Das alles wird geliefert in einem progressiven und raffinierten Klanggebräu, das noch mehr musikalische Akzente setzt als im ohnehin nicht zu verachtenden Katalog der Band.

Alle Tracks des Albums überschreiten die Sieben-Minuten-Marke, wobei der Opener Orphans of the Singe und das abschließende instrumentale Space-Rock-Epos The Oracle vierzehn bzw. sechzehn Minuten erreichen. Der Eröffnungstrack beginnt mit einem leicht östlich angehauchten Intro, bevor der fette Südstaaten-Groove einsetzt. Die Band hält gerade lange genug inne, um Zack Busbys satte und funkige Bassarbeit hervorzuheben, um dann mit einem wiegenden Groove loszulegen, während Kent Stump das erste Kapitel des drohenden Untergangs bellt und singt. Eingängig und eindringlich zugleich, macht dieser gewaltige Auftakt Platz für die trippigere, langsamere und schwere zweite Hälfte des Songs, die mit fabelhafter Gitarrenarbeit aufwartet.

The Snows Of Banquo IV steht im Kontrast zu dieser Atmosphäre und ist um die stampfenden Drums und den donnernden Bass herum aufgebaut. Von hier aus geht es mit treibenden Riffs und einem klassischen Stoner-Galopp weiter, bevor der Song in einen gewaltigen Dampfhammer übergeht, der Geschichten über Katastrophen und andere moderne Apokalypsen in einem pulsierenden, hämmernden Beat erzählt.

Overworlder setzt dieses Thema fort und verbreitet echte Retro-Vibes. Mit einem weiteren funkigen Refrain und einem erstklassigen Solo sprengt die Band ein weiteres mal die Zehn-Minuten-Marke, von der keine einzige Sekunde langweilig wird. Wo Fat zeigen sich auf ihrem neuen Album als vollendete Songwriter. Auch The Unravelling sorgt mit großen Refrains, funkigen Grooves und manischer Gitarrenarbeit für einen weiteren Retro-Leckerbissen. The Witching Chamber ist ein neuneinhalbminütiges Fuzz-getränkter Ausbruch der eher psychedelischen und doomigen Elemente des Bandsounds.

Auf The Witching Chamber gibt die Band ihre besten Stoner- und Psyche-Jams zum Besten. Das typisch dicke, schwere und schleppende Stück hat immer noch einen ohrwurmartigen, mehrstimmigen Refrain, der sich im Gedächtnis festsetzt, bevor der Titeltrack mit hartem, tuckerndem Sound durchbricht, während Wo Fat noch einmal ihre ganze Macht ausspielen.

Mit dem abschließenden The Oracle begibt sich die Band mit einem sechzehnminütigen, epischen Instrumental auf eine ausgewachsene Space-Rock-Odyssee und zeigt die abgestimmte Chemie und die großartige Musikalität der Band. Das Hin und Her zwischen tiefen Südstaaten-Grooves und wiegenden, hypnotischen Momenten fasst im Grunde die gesamte Stimmung des Albums hervorragend zusammen, und The Singularity könnte tatsächlich der Höhepunkt einer Karriere mit einigen ohnehin wirklich hervorragenden Alben sein. Zeitweise düster und basslastig zeigen sich Wo Fat zusätzlich zu ihrer Voodoo- und Sumpfatmosphäre noch einmal von einer weiter gewachsenen Seite.

Bei sieben Songs in 76 Minuten könnte man meinen, dass die Gefahr besteht, dass das Album in den Bereich der unendlichen Nudelei abrutscht, aber das passiert nicht, schließlich verfügt das texanische Trio über einen immensen Umfang und eine Fülle von gottgleichen Stoner-Riffs, die jede neue Veröffentlichung zu einem echten Ereignis werden lassen. Für diese Jungs ist das Riff eine Kunstform für sich, die es wert ist, in einem Museum ausgestellt zu werden.

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Der endlose Ozean: Scarecrow – Scarecrow II

Bisher habe ich vierzehn Bands mit dem Namen Scarecrow gezählt und eine Menge mehr, die The Scarecrow heißen. Diejenigen, um die es hier heute geht, sind aus Perm in Russland (wo es immerhin nur zwei Bands mit diesem Namen gibt). Ihr zweites und limitiertes Album ist bereits 2021 bei Narcoleptica Productions erschienen, die irgendwo in Kasachstan sitzen und zwischen Black, Death und Grindcore auch etwas Doom pflegen. Ich denke, eine Spezialisierung in diesen Breitengraden ist auch weniger sinnvoll, obwohl ich zugeben muss, dass ich rein gar nichts über die dortigen Verhältnisse weiß.

Zu Scarecrow kam ich auch nur deshalb, weil mich die Band selbst kontaktiert hat. Das tun zwar eine Menge Bands, aber bei den meisten Zusendungen muss ich nicht mal reinhören um zu wissen, dass das nichts für mich ist. Scarecrow hatte ich allerdings auf meinen permanenten Wanderungen durch Bandcamp schon einmal kurz im Ohr und erinnerte mich daher, dass ich da ohnehin noch mal zurückkommen wollte. Was immer man landläufig so Doom nennt ist ja ein weites Feld, aber bleiben wir doch mal bei dem Begriff (den ich mir irgendwann im Herbst im Genre-Guide vornehmen werde, und das wird eine lange Geschichte, das kann ich euch sagen).

Doom muss nicht immer im mörderischen Schneckentempo vorgetragen werden. Ich selbst halte das für ein großes Missverständnis und selten für wirklich gelungen. Um was es primär geht, ist natürlich die Atmosphäre, weshalb man den Okkult Rock dort ebenso findet wie das Epische, ein melancholisch-eisiges Klima oder eine Wüstengegend mit vielen rostigen Pick-Ups, die zum Sterben unter sengender Sonne zurückgelassen wurden. Und auch wenn der Doom wahnsinnig vielseitig ist, weiß man doch in etwa, was man zu erwarten hat. Natürlich keine Speedmetal-Attacken.

Was Scarecrow hier aber machen, das ist erfrischend anders als alles, was man bereits kennt. Man läuft eine gewisse altbekannte Strecke entlang und plötzlich kommt die erste Überraschung. Dann noch eine. Und dann die nächste.

Alles beginnt mit einem bombastischen Orchesterstück. Viel zu lang für ein Intro und deshalb eher eine Ouvertüre, die mich fast schon an Michael Romeos jüngstes Werk War of the Worlds Pt 2 erinnert. Und tatsächlich werden Scarecrow beweisen, dass ihnen ein progressives Vorgehen nicht fremd ist (wenn sie auch rein gar nichts mit modernem Prog zu tun haben), ganz im Gegenteil ist die Scheibe äußerst abwechslungsreich und an manchen stellen sogar kühn zu nennen. Die Basis des Ganzen ist allerdings nichts Symphonisches, auch wenn man das zu Beginn vielleicht vermuten könnte, sondern klassischer Hard Rock und Heavy Metal der 70er Jahre. Natürlich sind andere Rezensenten sofort mit Black Sabbath bei der Hand, aber um ehrlich zu sein, höre ich hier mehr Led Zeppelin-Einflüsse, vor allem bei Sänger Artemis, der die hohen Register nutzt, um über die warme Produktion zu gleiten. Tatsächlich muss man sich an seine Stimme etwas gewöhnen, was allerdings nicht heißt, dass sie schlecht ist. Es ist hier so wie bei allen eigenständigen Stimmen: man braucht eine gewisse Anlaufzeit, weil sie doch sehr kunstvoll eingesetzt wird.

Neben Artemis haben wir Elijah am Bass, Vadim an den Drums und Max an der Gitarre. Wirklich aller Instrumente sind sehr gut abgemischt und die Band ist gut aufeinander abgestimmt.

Blizzard ist nach der orchestralen Einleitung dann der Song, der wie klassischer Doomrock beginnt, bevor der erste Break zeigt, dass die Band tatsächlich ein Bluesfundament ihr eigen nennt, aber die Dinge, die man gern den 70er Jahren zuspricht, für ihren ganz eigenen Stil umwandelt. Wir hören dann auch im dritten Song Magic Flower den Hauch einer Mundharmonika, eine folkloristischen Atmosphäre, in der Artemis auf die Robert-Plant-Screams zurückgreift, die absolut zu ihm passen.

Bevor jetzt hier ein falscher Eindruck entsteht: nein, das hier ist kein altertümlicher Sound, der in etwa so klingt wie 90% aller gängigen Retro-Bands. Das Überraschende ist die Vielfalt, die Scarecrow in ihren Stil integrieren. Dabei spielen sie auch mit vielen psychedelen Versatzstücken, mit kurzen Natursounds und an einer Stelle sogar mit quakenden Fröschen (The Mushroom Wizard).

Mit The Moors haben wir mit acht Minuten das längste Stück des Albums. An den Titeln seht ihr, dass der Band auch eine gewisse hippieske Attitüde nicht fremd ist, die Magie der Natur nimmt einen zentralen Raum ein, wie folgende Lyrics   zeigen:

Die unruhigen Schatten der vergangenen Tage
Verfolgen dich unaufhaltsam.
Blinde Ambitionen vernebeln langsam deinen Blick,
und lassen dich die Wahrheit nicht sehen.

Das Moor dringt in deinen Geist ein
Und schicken einen ewigen Schlaf,
Der Nebel der Phantasie macht dich blind,
Und zieht dich in die Tiefe!

Und wenn das noch nicht Bände spricht, dann vielleicht diese Passage hier aus The Mushroom Wizard:

Der Pilzzauberer lebt in den Sümpfen,
Der Pilzzauberer erzählt Märchen,
Der Pilzzauberer kennt den Weg,
Er zündet eine Pfeife an und lädt dich zum Bleiben ein.

The Moors ist ein höllisches Epos: warmes Akustikgitarren-Intro, doomiges Heavy-Riff, ätherische Keys: alle Zutaten sind da, und glücklicherweise erreichen wir in der Mitte des Songs einen weiteren Höhepunkt im 70er-Stil. Etwas von dem orchestralen Gefühl des Openers kehrt hier wohlüberlegt zurück und trägt zum Bombast bei.

Ein wenig Sabbath darfs dann allerdings doch sein.  Das Intro zu The Golden Times erinnert tatsächlich etwas an Orchid oder ähnliche Zwischenstücke der mächtigen Band aus Birmingham. Der Song fließt ruhig dahin, und der Gesang nimmt erneut Robert-Plant-Vibes an. Ein weiteres abwechslungsreiches Stück, bei dem man sich am besten entspannt zurücklehnt und die Fahrt genießt – bis das zunehmende Tempo uns mitteilt, dass wir gleich mit The Endless Ocean unser Ziel erreicht haben.

Die Bandbreite und der Umfang dieses Albums sind wirklich sehr beeindruckend. Scarecrow II ist ein akkurater Liebesbrief an die Giganten der Vergangenheit, während sich die Band leicht neben heutigen Größen wie Graveyard platzieren kann. Hier ist ein Album, das alte Ideen neu und eigenständig interpretiert und mit mutigen, überraschenden Erweiterungen verbindet.

Drei Hüte für ein Königreich: Gnome – King

Natürlich macht es besonders Spaß, über Bands zu schreiben, von denen man noch nie etwas gehört und die man gerade erst entdeckt hat. Tatsächlich stieß ich auf diese interessante Band aus Belgien, weil ich wieder einmal nach obskuren Dingen Ausschau hielt (einer Beschäftigung, der ich öfter nachgehe, als ich wahrhaben will). Fantastische Bestien und dubiose Könige sind natürlich ein fester Bestandteil meiner thematischen Küche. Manchmal mögen derartige Vorlieben ins Lächerliche abgleiten – und es kommt immer auf die Art des Lächerlichen an, die darüber entscheidet, ob etwas ins Töpfchen (das ich nachher in den Sumpf kippe) oder ins Kröpfchen wandert (wo es ungeahnte Blüten in der Magengegend treibt). Es sagt wahrscheinlich mehr über mich aus als über die Band, wenn ich bei drei bärtigen Männern mit roten Zipfelhüten verweile, um zu sehen, was da wohl dahinter stecken könnte. Tatsächlich bin ich jemand, der in jedes Kaninchenloch krabbelt, wenn da was glitzert. Und tatsächlich glitzern hier vor allem die Riffs an allen Ecken und Enden. Und zwar in einer Weise, die so originell ist, dass man weit gehen muss, um Vergleiche heranzuziehen. Manchmal heavy, manchmal komplex, an manchen Stellen brutal halten sie bereits an der nächsten Ecke eine neue Überraschung bereit. Da ist der Vergleich mit dem Kaninchenloch gar nicht so abwegig, denn wenn man die drei Burschen mit ihren Mützen in einem nebligen Garten stehen sieht, mag man zunächst an nichts Besonderes denken, aber irgendwie überkam mich dann doch das Gefühl von etwas Surrealem.

Tatsächlich haben Gnome ihr Debüt mit dem Titel “Father of Time” bereits 2018 hinter sich gebracht und ihr könnt mir glauben, wenn ich sage, dass ich sofort einen Podcast über die Band machen wollte. Aber ich habe den Juli bereits verplant, will aber auch nicht länger warten, um über dieses neue Kleinod des Powertrios zu sprechen, das am 6. Mai bei POLDERRECORDS erschienen ist. Hier sind drei Musiker, die ihre Instrumente in einer atemberaubenden Weise beherrschen, sich aber nicht mit der in dieser Kategorie üblichen Nabelschau aufhalten. Ich erinnere mich gern an Frank Zappa, der seine Fähigkeiten ja ebenfalls genüsslich in den Dienst des Seltsamen, Albernen, Schrägen und Lächerlichen stellte, und auch wenn Gnome musikalisch nichts mit Zappa zu tun haben, ist der Vergleich allein schon deshalb berechtigt, weil ein wirklich herausragendes Talent gar nicht anders kann, als albern zu sein.

Der erste Track “Ambrosius” ist sowohl ein Beweis für Gnomes musikalisches Können als auch für ihren Sinn für Humor, ein Song, der nur mit wenigen Riffs und einem rudimentären Text auskommt, aber einen Groove entwickelt, der einem noch tagelang im Kopf hängen bleibt. Die ansteckenden Gitarrenmotive, der donnernde Bass und das solide, geschäftige und direkte Schlagwerk werden mit einem spärlichen, aber hymnischen Gesang gepaart, der in ein schlammiges, harmonisches Gebrüll übergeht, wenn sich die Dynamik des Songs zu einem doomigen Finale verlangsamt.

Es folgt “Your Empire”, bei dem Oskar Logi von Vintage Caravan am Gesang aushilft. Die Dynamik des Songs ist etwas schriller als bei seinem Vorgänger und der Gesang etwas wortreicher und melodischer. Als nächstes folgt “Bulls of Bravik”, ein fröhliches Stück exzentrischen Heavy Progs, das zeigt, dass sich auch doomige und schwere Klänge dazu eignen, eine komplexes Spiel mit ihnen zu treiben. Im Text geht es um die namensgebenden “Bulls of Bravik. Du nimmst besser deine Beine in die Hand, sie riechen deine Angst und Magie, und sie kommen, um dir das Gesicht wegzufressen.” Ich liebe solche Lyrics.

Das Instrumentalstück “Antibeast” nimmt das progressive Element des vorherigen Stücks  und hebt sie auf eine andere Ebene. Die ständigen Wechsel von Tempo, Dynamik und Groove des lassen den Hörer glauben, am Ende mit einem ganz anderen Stück konfrontiert worden zu sein als es anfänglich schien. Das ist die hohe Kunst der Verwirrung. Man weiß nicht, wie einem geschieht und wie die Band das gemacht hat, aber sie hat. Und alles passt zusammen.

Der nächste Song “Wencleslas” ist ein mitreißender Up-Tempo-Sludge-Rocker, der den Unmut unserer Helden über einen bestimmten Monarchen beschreibt und dabei einige clevere kleine Wendungen aufweist. Hierzu gibt es ein witzige Video, wie überhaupt die Clips der Band das Gefühl vermitteln, dass sie eine Menge Vergnügen mit sich selbst haben. Das irritiert an manchen Stellen etwas, weil das filmische Material doch wirklich arg albern daher kommt. Ich glaube, man ist gar nicht mehr gewöhnt, dass man sich selbst vielleicht nicht allzu ernst nehmen sollte.

Es folgen zwei Instrumentalstücke, “Kraken Wanker” und “Stinth Thy Clep”, beide sind eine Mischung aus dunklem doomigem Getöse und verspieltem Stoner-Swagger, wobei ersteres mit keltischen Einflüssen und letzteres mit Prog-Metal-Texturen aufwartet (und einen Videoclip bekommen hat, in dem ein lustiger König in braunen Strumpfhosen tanzt). Gnome schließen “King” mit dem ehrgeizigen “Platypus Patrol” ab, einem mehr als elfminütigen Epos, in dem die Band ihre Vorliebe für Verspieltheit mit ein wenig Düsternis und Dunkelheit mildert und einen kurzen und unerwarteten Ausflug in einen drogengeschwängerten Trip  unternimmt.

Mit “King” hat es die Band geschafft,  ein Gleichgewicht zu finden zwischen ihrem Bedürfnis, als gute Musiker zu gelten, und dem ebenfalls starken Bedürfnis, die Sache bloß nicht zu ernst zu nehmen. Eine heutzutage ungleiche Mischung.

Leise rieselt der Schnee: Black Sabbath 4 | #15

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Im letzten Jahr erschien das Volume-4-Boxset von Black Sabbath kurz vor dem 50ten Jubiläum und erinnerte so an das Album der Band, das einen großen Wendepunkt einleitete. Viele Fans glauben, dass dieses drogengespeiste Werk die beste Platter der Ozzy-Ära ist. Ich würde dem allerdings widersprechen. Ozzy Osborne ist die Hälfte der Zeit etwas unverständlich und der Mix ist eher miserabel, was daran liegt, dass die Band selbst produzierte.

Tony Iommi hat oft davon berichtet, dass die Produktion des Albums sich auf 65.000 Dollar belief, die Kokainrechnung aber auf 75.000 Dollar. Interessanterweise zaubert ihm das auch heute noch ein Lächeln aufs Gesicht. Schillernd war ja natürlich auch, dass sie dieses Album in Los Angeles in den dortigen Record Plant Studios aufgenommen haben, das einzige Album, das sie in Originalbesetzung dort aufgenommen haben. Die Band hatte sich im Frühjahr 1972 in einer Villa in Bel-Air eingemietet und es ging um nicht weniger als den Nachfolger ihres bahnbrechenden und im Grunde härtesten aber auch einfachsten Albums “Master of Reality” vom Vorjahr.

Die Adresse des Anwesens lautete 773 Stradella Road. Die Familie Du Pont hatte einst dort gelebt, eine der reichsten Familien Amerikas, die 1802 mit Schießpulver anfingen und später den größten Chemiekonzern der Welt betrieben, und später lebte die Sexbombe Jaclyn Smith aus Drei Engel für Charlie einige Jahre später dort. Es ist also ein illustres Plätzchen

Es ist ohnehin erstaunlich, welches Tempo die Bands damals hatten. Black Sabbath schufen innerhalb von 2 Jahren vier bahnbrechende Alben – und mit einem solchen Output waren sie damals nicht alleine. Allein das zeigt den gewaltigen Unterschied zu heute. Damals war der Rock ‘n’ Roll-Zirkus noch wirklich voller Leben und viel mehr Metal als der Metal heute. Wir haben heute eine etwas betuliche Art auf alles zu blicken, aber man hat eigentlich wenig zu erzählen. Das war früher ganz anders. Und ich meine hier nicht die ganzen Drogengeschichten und Exzesse, sondern das Leben an sich, die Grundhaltung dem Leben gegenüber, das noch irgendwie erobert werden wollte. Die letzten Ausläufer habe ich ja gottseidank mitbekommen, und um so älter ich werde, weiß ich, was ich da eigentlich für einen Schatz in mir trage.

Über Black Sabbath zu sprechen ist immer etwas schwierig, weil man davon ausgehen kann, dass jeder die Geschichte der Band hinlänglich kennt. Da wurde ja kein Stein auf dem anderen gelassen und in schöner Regelmäßigkeit Interviews und Hintergründe durch die Musikzeitschriften gepeitscht. Das Interesse ist auch nach ihrem vermeintlichen Schwanengesang 2013 gewaltig, was kein Wunder ist für eine Band, die als Erfinder der wohl gewaltigsten Musikrichtung neben Jazz und Klassik gilt – dem Heavy Metal. Einzelheiten darüber erspare ich mir jetzt, weil ich immer wieder auf diese Begrifflichkeit eingehe und es dazu auch schon einige Sendungen von mir gibt. Natürlich sollte ich gerade die Protometall-Sendung, mit der 2019 auf diesem Kanal alles begann, noch einmal überarbeiten und neu präsentieren, aber das mache ich dann zu gegebener Zeit.

Kommen wir also zum Album. Nach dem Vorgängeralbum erholte sich die Band, indem sie sich eine Auszeit gönnte und sich von den Trends der Zeit inspirieren ließ. Während es in ihrem Umfeld viele Bands gab, die nur Hardrock spielten, wuchsen die Sabbath-Mitglieder mit Künstlern auf, die stilistisch ziemlich weit von der Musik entfernt waren, die sie selber spielten. Es gab in der Welt des Heavy Rock nicht viel anderes, das sie hätte beeinflussen können, und so ist es nicht überraschend, wenn andere Einflüsse in das Songwriting einfließen.

Iommi mag zwar der Erfinder des Heavy Metal sein, aber er wuchs als Fan von Frank Sinatra auf. Denkt man sich die Verstärker weg, hört man die Einflüsse der damaligen zeit sogar ziemlich genau. 1972 gab es einen großen Trend an Funkmusik, also Musik, die auf ein flottes Tempo und glatte, perkussiv-lastige Songs setzte, die das Publikum mitreißen sollten; geradeaus, aber voller Energie.

Während Sabbath auf ihren beiden Vorgängeralben kalt und düster waren, knüpft dieses Album nicht nur an das Debüt an, indem es Bill Ward wieder aufleben lässt, sondern auch, indem es warm und verspielt ist. Selten wird einem der echte Doom um die Ohren gehauen, stattdessen wird man mit raffinierten Mustern zum Grooven verleitet. Das lange Zwischenspiel von Wheels Of Confusion oder die fesselnde zweieinhalbminütige Coda mit dem Titel The Straightener sind der Beweis dafür, wie groovig das Album ist.

Auf Vol. 4 veränderte die Band also ihren Stil. Das war ganz klar die experimentelle Phase der Band, die erkannte, dass sie ihren Härtegrad nach den drei vorangegangenen Alben nicht mehr so ohne weiteres steigern konnten. Das Ergebnis war zwar immer noch ein schweres Alben, aber mit wesentlich vielseitigen progressiven Elementen bestückt. Die Songs sind sehr abwechslungsreich und trotz ihrer Kürze ziemlich komplex, was auf den ersten Blick gar nicht so scheint. Mit dem nächsten Album “Sabbath Bloody Sabbath” und dem definitiven Proto-Prog-Metal-Opus “Sabotage” baute die Band später ihren progressiveren Sound sogar noch weiter aus. Es gab noch andere Veränderungen, zum Beispiel die Klavierballade “Changes” oder das Orchester auf der eindringlichen Kokshymne “Snowblind”, wie sie das Album zunächst nennen wollten. Aber das US Label Warner Bros. sträubte sich dagegen, ein ganzes Album nach Kokain zu benennen, also klebten sie einfach nur die 4 drauf, weil ihnen interessanterweise nichts anfiel einfiel. Dabei wäre “Supernaut” eine gute Alternative oder auch “Wheels of Confusion”. Nach “Master of Reality” also “Wheels of Confusion”. Und konfus war ihr Zustand ja allemal. Hier dürfte tatsächlich der Niedergang der Band begonnen haben, der Bill Ward und Geezer Butler zu Alkoholikern und Junkies machte.

Es gibt Kubanische Rhythmuseinflüsse bei “Supernaut”, einem Stück mit einem so ansteckenden, kraftvollen Groove, von dem John Bonham von Led Zeppelin sagte, dass es sein Lieblingsstück sei. Es gab natürlich auch weiterhin die für Sabbath typischen wilden Gitarren und Ozzys geisterhaften Gesang, der hier ziemlich verwaschen klingt, aber jetzt auch vermehrt rhythmische Kontrapunkte wie sie im Jazz üblich sind. Tony Iommis Idee war es oft, die Heaviness der Band dadurch zu erreichen, dass es eben auch zurückgenommene Phasen gibt, damit die Heaviness überhaupt wirken kann. Vor allem hat er dieses Wechselspiel auch von Bill Ward gefordert und auf diesem Album ist der Schlagzeuger tatsächlich der wesentliche Part, obwohl drei der zehn Stücke gar kein Schlagzeug haben und zwei weitere nichts anderes als Standard sind, aber er treibt diese Songs mit seiner perfekten Mischung aus harten Schlägen und einer gewissen Finesse an. Die beiden Vorgängeralben waren entweder stromlinienförmig (Paranoid) oder eher simpel (Master Of Reality), auf diesem Album jedoch merkt man Bill Ward an, dass die Kompositionen seinen Fähigkeiten besser entgegenkommen. Im Jazz zum Beispiel steht das Einhalten des Taktes nicht im Vordergrund, sondern die Dynamik durch künstlerische Freiheiten auf die Band zu übertragen. In den vier besten Songs des Albums kommt dieses Konzept zum tragen: Snowblind, Cornucopia, Under the Sun und Wheels of Confusion.

Warum diese vier? Was macht sie besonders? … Diese vier Songs machen insgesamt dreiundzwanzig Minuten aus und drei von ihnen kommen erst später auf dem Album. Nichts sagt mehr über die Qualität eines Albums aus, als wenn die besten Songs in der hinteren Hälfte zu finden sind. Die meisten Bands platzieren ihre stärksten Songs natürlich im vorderen Teil des Albums, Sabbath widersetzte sich diesem Trend, indem sie ihre progressivsten Songs weiter hinten gruppieren. Jeder der genannten vier Songs unterscheidet sich noch einmal stark voneinander und verfolgt nicht das gleiche Konzept.

Der Untertitel vom letzten Song – Under the Sun – zum Beispiel trägt den Untertitel “Everyday Comes and Goes”. Das scheint zunächst willkürlich zu sein, hat aber einen Grund. In der Mitte gibt es ein 75 Sekunden langes Zwischenspiel, das schneller und schlagzeuglastiger ist als das Hauptthema, aber nicht nur eine eingeschobene Brücke ist, sondern aus einem Anfang, einer Mitte und einem Ende besteht, also eigentlich ein eigener kleiner Song in einem Song. Solche Momente haben auf dem Vorgängeralbum gefehlt. “Cornucopia” ist ein weiterer Song, der buchstäblich aus fünf verschiedenen Abschnitten besteht, und wieder ist jeder von ihnen drastisch anders. Das Eröffnungsriff ist nicht nur bösartiger als jede Sekunde des Master Of Reality-Albums.

Genau wie beim Debüt zeigt Volume 4 in hervorragender Weise die Bedeutung von Bill Ward für das, was Sabbath so einzigartig machte. Ward ist sehr ausdrucksstarker und flüssiger Schlagzeuger, der es damals verstand, selbst seine Wiederholungen mitreißend zu gestalten. Denn egal, wie schwer und metallisch Iommi und Geezer einen Song gestalten, Ward spielt so, dass es unmöglich ist, nicht mitzugrooven. Zu Songs wie “St. Vitus Dance” und “Supernaut” kann man buchstäblich auf dem Parkett tanzen, beide sind eigentlich nur wegen der Verzerrung der Saiteninstrumente sowas wie “Metal”. Saint Vitus Dance hat sogar etwas von Cabaret oder einer Burleske.

Es mag auf den ersten Blick offensichtlich sein oder auch nicht, aber man merkt schnell, dass Ward bei vielen der schnellsten Songs auf dieser Platte eine größere Rolle spielt als Geezer Butlers Bass. Das soll nicht heißen, dass Butler als Texter oder Halbgott der tiefen Töne nachlässt, aber nicht viel von dem, was hier abläuft, zeichnet sich durch irgendwelche glatten Bassläufe von Geezer aus. Dies ist vielleicht sein zurückhaltendes Album der Ozzy-Ära.

Insgesamt zeigt die Platte, dass mit Black Sabbath mehr los war als nur diese tonnenschweren Riffs abzuliefern.

Vol. 4 wurde im September 1972 veröffentlicht und zeigt auch eines der ikonischsten Albumcover von Sabbath: ein gelb-monochromes Bild von Ozzy, der eines der Fransenhemden trägt, die er jahrelang bevorzugte, und seine Arme zu einem Friedenszeichen ausbreitet. Eine eigentlich interessante Wahl, denn auch wenn Ozzy der Frontmann der Band war, ist es doch unbestreitbar Tony Iommi, der hinter Black Sabbath stand.

Vol. 4 enthält zwar Songs wie “Supernaut”, die von Kennern als Klassiker angesehen werden, aber “man hat nicht wirklich … diesen durchschlagenden Hit. Snowblind kommt dem vielleicht am nächsten, weil er einfach diesen großartigen Groove hat und mit diesem Killer-Riff einsteigt, und natürlich singen sie da über etwas, das ihnen zu der Zeit sehr am Herzen lag. Schnupfen bis der Winter kommt.

Einige Berichte besagen, dass Sabbath ihr nächstes Album, Sabbath Bloody Sabbath aus dem Jahr 1973, ebenfalls in Los Angeles aufnehmen wollte, aber dazu kam es nicht.

Schließlich nahmen sie Sabbath Bloody Sabbath in einem Schloss in England auf. Das ist dann aber eine andere Geschichte.

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