Barbarische Grandiosität: IRONHAWK – Ritual of the Warpath

Manchmal scheint es, als wäre das, was man früher unter Heavy Metal verstand, mittlerweile so weit fort von seinen Ursprüngen, dass man ihn als alter Fan gar nicht mehr erkennen kann. Versteht mich nicht falsch, es ist schön zu sehen, wie lebendig die dreihundert Milliarden Subgenres sind, aber während mir in den 80ern nahezu alles gefallen hat, was überhaupt das Dunkel der Welt erblickte, ist es jetzt eher umgekehrt. Das ist nicht weiter besorgniserregend, weil noch genügend übrig bleibt, aber so etwas seltenes wie Ironhawk passiert dann doch nicht alle Tage, trotz unzähliger Bemühungen. Hätte man mir die Platte unter anderen Umständen untergejubelt, hätte ich mich ernsthaft gefragt, ob ich in den 8oer Jahren nicht etwas verpasst hatte, ein Jahrzehnt, das momentan lebendiger scheint als damals, als wir den schieren Guss ewiger Klassiker für selbstverständlich hielten.

Das liegt natürlich daran, dass mittlerweile fast jeder klassische Sound mit diesem Siegel versehen wird. Ich scheine einer der wenigen zu sein, die das anderes sehen. Ich kann beim besten Willen äußerst selten wirklich einen 80er-Sound entdecken, auch wenn sich gerade Myriaden von Bands darum bemühen. Hier ist das allerdings anders.

Während wir “Ritual of the Warpath” damals einfach als Thrash bezeichnet hätten, muss man heute von Black/Speed/Thrash reden – oder gleich von Metal Punk, sonst verwechselt man die Sache vielleicht mit Kreator oder irgendeinem anderen hochproduzierten Scheiß, der heute als Thrash “in der Mitte der Gesellschaft” angekommen ist. Tatsächlich erinnern mich Ironhawk daran, warum ich mich einst in den unendlichen Weiten des Metal pudelwohl gefühlt hatte und wie Black Metal klang, bevor die Leute anfingen, ihn falsch zu verstehen, oder versöhnlicher ausgedrückt: bevor er anders interpretiert wurde.

“Ritual of the Warpath” hat das rhythmische Rückgrat des Hardcore-Punks in eine fantastische Metal-Rüstung gepackt und verschwendet keine Zeit, um mit rostigen Messer bewaffnet aus dem Höllentor zu stürmen, nichts als Aufruhr im Gepäck.

“The Final Crusade” beginnt mit hoch lodernden Flammen und die Gitarren wüten im brodelnden Wahnsinn. Presslufthämmer werden auf die Eingeweide angesetzt und die Drums wechseln von wilden Punk-Beats zu einem auf Kolben gleitenden Vortrieb. Eine kakophonische Symphonie.

Von da an halten Ironhawk die Energie im roten Bereich und widmen sich fast gänzlich dem Chaos und der Zerstörung. Aber obwohl der Sound düster und rumpelig, und der Schwung grundsätzlich höllisch ist, gibt es einen unverkennbar dreisten Trotz in der Musik, eine Art von barbarischer Grandiosität.

“Sanctimony” und “Doomsday Rider” orientieren sich stark an der Formel des Bathory-Debüts. Auf der anderen Seite stehen die eher von  wilder Attitüde geprägten Tracks, die aus den unheilvollsten Tiefen des Rock n’ Roll schöpfen. “Signal to Oblivion” und “Dark Age” erweisen sich trotz ihres knackigen Wahnsinns als krachende Perlen, während das fiese “Into the Circle” Venom in ihrer wildesten Form zeigt.

Ein ganzes Jahrzehnt haben die Australier Simön Slaughter an der Gitarre und Vyvyan Bästerd an den Drums gemeinsam mit Ange Upstart am Bass gebraucht, um ihr Debüt einzurotzen. Die Dame am Bass hat bei Tarot und The Wizar’d bereits gezeigt, was sie dem Instrument abverlangen kann und ist erst jüngst zur Band gestoßen.

In der Zwischenzeit haben sich die anderen beiden mit ihrem damaligen Bassisten an Motörhead abgearbeitet und so lange improvisierte Coverversionen gespielt, bis sich ihr ursprünglicher Sound herauskristallisierte, der jetzt aus den Kellern einer vergangenen Zeit heraufrasselt und eigentlich beweist, wie einflussreich der tosende Rock ‘n’ Roll auf den ungeschliffenen Heavy Metal war und ist.

“Ritual of the Warpath” geht dabei weit über die Erwartungen hinaus, die man aufgrund der beiden EP’s von 2014 und 2017 haben konnte. Bereits die ersten Höreindrücke sind leicht dazu angetan, die Nostalgieausbrüche zurückzubringen, denn das Entlangrasen an der Schnittstelle aus NWOBHM und Hardcore-Punk hat man seit Mitter der 80er so nicht mehr gehört, also zu einer Zeit, da jede Band begeistert in unbekanntes Land aufgebrochen ist, um ihre Möglichkeiten zu erkunden. Interessant daran ist, dass sich das Album trotz der archaischen Brocken, die sich aus frühen Bathory (aber rasender!), Venom (aber tighter!) und dem deutschen Speed/Thrash-Lager, das nur kurze Zeit wirklich zur Unsterblichkeit beitrug, zusammensetzen, zu keiner Zeit wie ein x-beliebiger Aufguss anfühlt. Ironhawk sind weit davon entfernt, sich zum opportunistischen Bodensatz zu gesellen.

Der größte Reiz dieser Platte liegt für mich darin, dass sie sich anhört, als wären alle Musiker eingefleischte Fans einer Zeit, die eigentlich nicht wiedererweckt werden kann, während sie gleichzeitig darauf achten, die Dinge zwar in die Richtung alter Schule zu lenken, ohne dabei aber jemals in den reinen Thrash abzudriften, der sich etwas später dann eindeutig klassifizieren ließ. Sie tun die meiste Zeit nichts anderes, als mit Kreissägen-Riffs auf sich aufmerksam zu machen, eingängige Refrains fehlen völlig,  genauso wie blitzende Gitarrensalven, weshalb wir umso mehr auf eine gute Rhythmusgitarre angewiesen sind, die den größten Teil der Musik trägt. Für diese Art Vortrag eine ideale Fixierung, auch wenn die meisten davon wahrscheinlich schnell einen Brummschädel bekommen werden.

Natürlich gibt es diese kreischenden, disharmonischen Lead-Einsprengsel, wie man sie aus der ersten Black-Metal-Welle kennt, aber diese Irrlichter wirklich Solos zu nennen, verbietet sich von selbst. Fast alle Songs rasen in etwas über drei Minuten über die Ziellinie, aber Ironhawk wechseln durchaus ihre Tempi. Einige der Songs sind düster, andere grausam und unbarmherzig, und wieder andere sind ausgelassen und verrückter als die vorherigen. Was sich nicht ändert, ist die teuflisch ansteckende Natur der Riffs und die absolut brodelnde Wildheit des Gesangs, der mit gefletschten Zähnen aus einer mordlüsternen Kehle dringt.

Aufgrund des Charakters dieser Veröffentlichung gibt es keine kreativen Überraschungen, außer solchen, die man von einer Band dieser Art erwarten darf. Zum Beispiel gibt es den obligatorischen langsamen, düsteren Monolithen des bösen Venom-Metals in Form von “Eternal Winter”, dessen Abstammung sich bis zu “In League with Satan”, “7 Gates of Hell” usw. zurückverfolgen lässt. “Escape from the Void”, ist purer Black Metal der alten Schule, der mit rohem Riffing und teuflischer Atmosphäre aufwartet. Man glaubt sogar, sich zu verhören, denn im Hintergrund mischt sich in den Höllenlärm ein Keyboard ein und kriecht durch den heißgekochten Dunst.

Und dann ist da noch der abschließende Titeltrack, der nicht nur der längste Song des Albums ist, sondern auch noch ein Instrumental. Eine mutige Entscheidung, doch tatsächlich funktioniert auch das, denn auch hier wird mehr auf Urgewalt gesetzt als auf instrumentalistische Musikalität, was hier – ich kann es nur wiederholen – ein echter teuflischer Segen ist.

Wie auch immer, dieses Album erfüllt alle Kriterien, die ich von dieser Art von Musik erwarte. Einzigartiger Gesang ohne repetitiven Tonfall, ein oder zwei mörderisch brummende Gitarrentöne, eine versierte und doch chaotische Rhythmusgruppe und ein unverkennbar brutales Cover  – all das macht diese Platte wirklich interessant.

Staff | Die Alben des Monats | Juni ’22

In Zukunft werden wir euch im Zuge unserer OLD NEWS  auch unsere Alben des Monats präsentieren können. Die Sache ist im Grunde ganz einfach. Bevor Tom und Krempe die monatliche Sendung aufzeichnen, fragen sie den Rest des Teams nach ihren Highlights für den zurückliegenden Monat. And here we go.

Khold
Tobias Naumann: KHOLD – SVARTSYN

Kreator
Tom Lubowski: KREATOR – HATE ÜBER ALLES

Aspera
Krempe: APTERA – YO CAN’T BURY WHAT STILL BURNS (Review vorhanden)

Schandmaul
Felix Katz: SCHANDMAUL – KNÜPPEL AUS DEM SACK

Black Oath
Matz Lang: BLACK OATH – EMETH, TRUTH AND DEATH

Kryptograf – The Eldorado Spell

Inspiriert vom schweren Sound der späten 60er Jahre, werden die vier alten Seelen von Kryptograf euch mit ihrem kollektiven Gesang, zerstörerischen Riffs und einfallsreichem Songwriting verhexen. – Pressetext

Kryptograf sind:
Vegard Strand – Gitarre/Gesang
Odd Erlend Mikkelsen – Gitarre/Gesang
Eirik Arntsen – Schlagzeug/Gesang
Eivind Standal Moen – Bass

Ist euch eigentlich schon einmal aufgefallen, dass immer, wenn eine Band eine 70er-Jahre-Schlagseite aufweist, in fast allen Rezensionen von Black Sabbath gesprochen wird, ganz egal, ob das nun stimmt oder nicht? Ist es nicht seltsam und gleichzeitig eine Blamage, dass diese ganze Rezensenten nur diese eine Band aus den 70ern zu kennen scheinen, obwohl es deren buchstäblich Hunderte gibt und sich die zu besprechenden Bands eigentlich nie nach Sabbath anhören?

Nun, ihr seht wohin die Reise geht. In ein Gebiet des doomigen Proto-Metal, der ja nun beileibe nicht mehr so überraschend und unberechenbar sein sollte, wie es immer noch den Eindruck macht. Andauernd muss man erst einmal von einer Band sprechen, die “das Rad nicht neu erfindet” (was mich betrifft, brauche ich kein neues Rad, sondern gute Musik), man fühlt sich genötigt, mit dem Wort “retro” um sich zu schmeißen und den Leuten erst mal klar machen, dass gute Musik fast schon per Definition “retro” ist. Wie 99 Prozent aller “Retro-Bands” hören sich auch Kryptograf aus Bergen in Norwegen nicht wie Black Sabbath an. Ich hoffe, ich habe mich klar ausgedrückt. Trotzdem: Natürlich steht die Band auch auf Black Sabbath, wie sie ja auf Bandcamp verkündet. Aber wer täte das schließlich nicht? (oh, ich weiß natürlich, dass es solcherlei Leute gibt, aber die treiben sich ja wohl nicht hier herum, oder?) Doch was ist mit Pentagram, Witchcraft, Uncle Acid, Motorpsycho?

Auch wenn die Band vielleicht nicht unbedingt progressiv ist, so bringt sie dennoch gelegentlich einen progressiven Ansatz in ihre musikalische Landschaft mit ein. Bei “The Eldorado Spell” handelt es sich um ihr zweites Album und ich muss gestehen, dass mir nicht nur das Debüt der Band, sondern zunächst mal auch diese Veröffentlichung im Februar durch die Lappen gegangen ist, obwohl es sich um ein Album handelt, das meinen sofortigen Jagdinstinkt auslöst: Keine “originellen” Experimente, sondern ein Bekenntnis zu Einflüssen aus einer Zeit, die noch mit echter Musik um die Ecke kam. Wer das genauso sieht, wird den Stil von Kryptograf kennen und lieben.

Und so ist dann auch das goldene Zeitalter der Musik – eben die 70er – natürlich das allumfassende Fundament dieser Band, die gleich im ersten Song mit flammendem psychedelischem Hard Rock die Marschrichtung vorgibt. Energiegeladen und mit Folkeinflüssen, ohne die eine okkulte Note schlecht umzusetzen ist, mit einer majestätischen Vielfalt versehen, steht hier die Blume der Unterwelt “Asphodel” im Fokus.

Es ist offensichtlich, dass die Band für manche vielleicht zu sehr in der Vergangenheit wildert – die Gitarren haben hier nicht den für das moderne Ohr gewohnten Biss, aber die Riffs – das sind großartige Doom-Brocken, auch wenn sie aufgrund der zurückgenommenen, aber rauchigen Gitarre, erst mal gar nicht so klingen. Der Gesang gleitet sanft mit der Musik dahin, besonders im Refrain. Der Bass sticht allerdings auf dem gesamten Album hervor und hat nach meinem Geschmack einen perfekten Ton.

Der nächste Song ist “Cosmic Suicide”. Die Riffs, die zum Refrain führen, werfen ein weites Netz mit einem mittelschnellen Groove aus, aber es ist der Refrain, der den Song so großartig macht. Er ist so eingängig, dass er sich tagelang im Kopf festsetzen kann, nicht zuletzt, weil er der geradlinigste Song des Albums ist.

Die Gesangseffekte bei “Lucifer’s Hand” verpassen dem Song eine düstere Stimmung, besonders in der letzten Hälfte, wo die Riffs am fleischigsten sind.

Tatsächlich bringt der Sound der Band auch das Stoner-Feeling der 70er im großen Umfang mit, und wenn “Creeping Willow” aus den Lautsprechern dröhnt, hat man das Zeitalter der Liebe und des Friedens widerwillig hinter sich gelassen, und der okkulte Rocksound von Black Widow durchdringt jede Note, wobei die aggressive Wucht der Musik durch die akustische Schlichtheit des folgenden “Across The Creek” kontrapunktiert wird, das die ländliche Idylle von Led Zeppelins “Bron-Yr-Aur” heraufbeschwört.

Der Titeltrack baut sich mit einem psychedelischen Intro auf, wobei die Gitarren nach etwas mehr als einer Minute zum Einsatz kommen. Dieser Song ist etwas trippiger als die anderen, und bei “The Spiral” wird alles an Fuzz in die Waagschale geworfen, was die Band für ihren Sound zur Verfügung hat. Der Song ist bergig und eine schöne Abwechslung nach dem eher bekifften Titeltrack. Der Mittelteil ist überraschend lebhaft und die Gesangsharmonien verbinden sich gut mit den galoppierenden Riffs. Danach gräbt sich die Band mit dreckigen Riffs und einem harten Groove tief in die Erde. Dieser Song bringt das Album definitiv wieder in Schwung.

“When The Witches” ist ein guter, seltsamer Track, der einen musikalischen Acid-Trip zwischen schwere Passagen schiebt, ein dreckiger, bluesiger Schleifer, der mit seinen ausgedehnten, trippigen Soli nach einem herrlich bekifften Peter Green von Fleetwood Mac schreit.

“Wormwood” ist das zweite Intermezzo, das zum Schlusstrack “The Well” führt. Eigentlich sind diese Zwischenspiele heute aus der Mode gekommen, weil man es gewohnt ist, von Höhepunkt zu Höhepunkt zu rasen. Oft wird gar nicht verstanden, dass derartige Interludien durchaus ihren Zweck erfüllen, wenn sie an die richtige Stelle gesetzt werden. Und in dieser ruhige Introspektion reist die Band zurück in die Londoner West End Clubs der späten Sechziger, wo sich unter der Obhut chemischer Substanzen die Jazzvagabunden auf das Wassermannzeitalter vorbereiteten.

Im Gegensatz dazu ist es dann gerade der letzte Track, der wenig Zeit verschwendet, um auf den Punkt zu kommen, mit einem rockigen Intro, das mit seiner verschwommenen Gesangslinien in eine ebensolche Atmosphäre übergeht – dieser Song ist eine wahre Verschmelzung der Stile, die auf dem Album präsentiert werden. Und der Refrain ist gewaltig, ein weiterer Ohrwurm, der sich einschleicht und nicht mehr weggeht.

Wer die neuesten und  experimentellsten musikalischen Erkundungen sucht, für den ist “The Eldorado Spell” nicht das richtige Album. Wer aber einfach nur den Sound von Acts wie Graveyard schätzt und seine Musikbibliothek mit unbestreitbarer Klasse füllen möchte, für den sind Kryptograf genau das Richtige.  Klar, “The Eldorado Spell” mag vielleicht nicht perfekt sein, aber es ist ein gut ausbalanciertes Old-School-Doom-Album, das den alten Göttern huldigt und allein schon dafür gebührt ihm alle Ehre.

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Valley Of The Sun – The Chariot

PRESSEMITTEILUNG: “Es gibt eine schwelende Brutstätte des Rock ‘n’ Roll an einem der unwahrscheinlichsten Orte: Ohio. Vor einiger Zeit kam der Teufel, um seine Saat im ganzen Staat auszustreuen und gönnte jeder Stadt ihre eigenen Hohepriester höllischer Riffs. Die Gemeinde der Rock’n’Roll-Kirche von Cincinnati wird von Valley Of The Sun bewacht, und sie sind eine gut gepflegte Herde. Ein Riff nach dem anderen wird mit der Wut, bestehend aus Feuer und Schwefel von der Kanzel geschleudert, also kommt alle zum Rock’n’Roll-Revival, bringt eure Opfergabe mit und macht euch bereit, gesalbt zu werden!

In den letzten zehn Jahren haben Valley Of The Sun die Bühnen in ganz Europa und Nordamerika zum Glühen gebracht, drei Alben mit hochoktanigem Rock ‘n’ Roll veröffentlicht und dabei Tausende von treuen Fans gewonnen. Jetzt haben sie mit ihrem bisher überzeugendsten Album The Chariot die Weltherrschaft im Visier. Ein dynamisches Feuerwerk an lautstarken Riffs, mitreißenden Melodien und wütenden Rhythmen, serviert im Cincinnati-Stil, mit einem kühlen Bier als Begleiter. Hört euch die Platte noch heute an und seit dabei, und ihr werdet sehen, warum im Valley Of The Sun alles glanzvoller ist als anderswo … ” (Übers. von Micky Winter)

Was ich vor allem anderen schätze, sind fette Riffs, die von oben nach unten tropfen (ja, es gibt auch Riffs, die den umgekehrten Weg gehen, aber das ist eine Geschichte für einen anderen Ort). Und wenn dann eine Band daherkommt, die ihre Wüstenangelegenheiten mit dem Geist des echten Rock ‘n’ Roll erledigt, bin ich jemand, der die Band nicht nur mit einem Ohr belohnt, sondern noch ein zweites oben drauf legt. Natürlich sucht jeder sofort nach Vergleichen und stöbert vermutlich in der Kiste, in der zum Beispiel auch Audioslave neben einem Haufen ähnlichen Zeug liegt, das heute keiner mehr gebrauchen kann, das aber zu schade ist, um es endgültig zu entsorgen.

Was damit gemeint ist: The Chariot ist der perfekte Rückgriff auf die 90er Jahre, aber mit einem frischen Anstrich, der es für die düsteren modernen Zeiten, in denen wir leben, noch attraktiver macht. Wer auf dreckigen Rock ‘n’ Roll, hochoktanigen Heavy Rock oder Stoner Rock mit Muskeln steht, findet hier eine Bank. Es mag schon sein, dass Ryan Ferrier seine Gesangslinien etwas nach Layne Staley klingen lässt, aber er hat genug modernen Bluesrock in seiner Kehle, um mit einem eigenen Stil im Einklang mit den mächtigen Riffs zu singen.

Mit “Sweet Sands” eröffnet das Album mit einem coolen, von Jimi Hendrix inspirierten Lick und gibt dem Album einen psychedelischen Start, bevor ein hymnisches Riff ausbricht, das Giganten aufwecken könnte. Hier können wir die Einzigartigkeit von Ferriers Gesang wirklich hören, mehr noch als auf den vorherigen Alben der Band.

“Images” bietet einen fast walzenden Groove, bei dem die Band alles daran setzt, schiere Kraft und Emotionen zu bieten, und leitet über zu “Devil I’ve Become”, das mit stampfenden Drums und prasselnden Riffs, die einem sofort um den Schädel fliegen, noch einen draufsetzt. Der Titeltrack “The Chariot” eröffnet mit einem langsamen, vom Refrain durchtränkten psychedelischen Intro, das dem Hörer etwas Erholung vom wilden Beginn bietet. In diesem Song kommen die wirklichen Stoner-Einflüsse zum Vorschein, mit melancholischen Leadgitarrenmelodien und himmlischen Harmonien, die über den donnernden Riffs schweben.

“Headlights” fühlt sich an wie ein punkiger, bluesiger Soundtrack zu Bildern unendlich staubiger Pisten. Düster und dreckig, ein schnörkelloser, knallharter Rocker, der auch gar nichts weiter sein will. “As We Decay” ist eine düstere Ballade in der Mitte des Albums, die einige der subtileren Blues-Licks nutzt, um hallgetränkte akustische Akkorde zu begleiten. “The Flood” ist ein Song mit frecher Attitüde, zu dem man selbstbewusst die Straße hinunterstolzieren kann, weil einen alle am Arsch lecken können,  während der Albumabschluss “Colosseum” ein monolithischer Song ist, der in vier Minuten Riffs, Harmonien und Melodien jener Sorte vereint, die einem das Gefühl geben, die eigene Seele sei von nun an in den Klauen der endlosen Wüste verloren.

Auf dem ganzen Album wird sandiger Wüstenschotter durch den Verstärker geblasen, denn tatsächlich hat die Band aus Cincinatti diese schmutzigen Wurzeln bereits in ihren Anfängen bewiesen. Seit ihrer Gründung im Jahr 2010 hat die Band schon einige Besetzungswechsel durchgemacht. Nach zwei EPs und mittlerweile vier Alben ist Ryan Ferrier nach wie vor das einzige Gründungsmitglied und übernimmt die Rolle des Sängers und Gitarristen. Chris Sweeney springt am Bass und an den Keyboards ein und hat auch an “Old Gods” (2019) mitgearbeitet. Josh Pilot (Gitarre) und Lex Vegas (Schlagzeug) sind Neuzugänge in der Band und machen  somit The Chariot zu ihrem Debütalbum.

In dem, was im Wesentlichen eine hymnische Neuerfindung ihrer selbst ist, triefen einige der Riffs auf diesem neuen Album vor Wildheit und Zielstrebigkeit, während die bereits erwähnte satte, staubige Kante diesem Album wirklich seinen Charakter verleiht.

The Chariot ist ein echtes Wohlfühlalbum, das beim Hören einfach grenzenlose Freude bereitet. Mit Elementen von psychedelischem Stoner und modernem Bluesrock,  gibt es an jeder Ecke Überraschungen. Der energiegeladene, adrenalinhaltige, pumpende Rock n’ Roll ist von Anfang bis Ende höchst unterhaltsam und all jenen zu empfehlen, die ihre Seele vom Teufel bekommen haben, der ja bekanntlich auf diese Musik steht.

Label: Ripple Music | Fuzzorama Records
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Bei uns kauft man die CD am besten bei KOZMIK ARTIFACTZ.

Musen gegen Sirenen: Aptera – You Can’t Bury What Still Burns

Aptera aus Berlin sind bisher die erste Band, die nicht auf eine Anfrage zwecks Support geantwortet hat, aber das ist natürlich völlig in Ordnung. Ich würde wahrscheinlich auch nicht Hunz und Kunz antworten, und ein wenig Exaltiertheit schadet in der heutigen Zeit ja auch nicht. All das hält mich natürlich nicht davon ab, euch von einem Debüt zu berichten, das wirklich großartig ist und aus dem Wust der Veröffentlichungen heraussticht. Man könnte von echtem Heavy Metal sprechen und hätte damit nichts gesagt, weil ihr ja nur mal hören müsst, was man derzeit unter Heavy Metal versteht. Die Wurzeln von Aptera kann man allerdings als eine Melange verschiedener Stile begreifen. Die Band selbst spricht von einem Mix aus Sludge, Doom, Blues und klassischem Metal mit einer gehörigen Punk-Attitüde. Allerdings sprechen wir hier eher von einem Punk, den man auch bei Venom finden kann. Die böse Art nämlich, immer leicht am frühen Thrash entlang reitend. Die Doom-Anteile hingegen legen eine Atmosphäre nahe, wie sie von den allmächtigen Black Sabbath eingeführt wurde.

Die Musik ist allerdings nicht das einzige Interessante an der Band, denn auch wenn ihr Ground Zero wohl Berlin ist, handelt es sich hier um eine recht internationale Geschichte. Die Musikerinnen stammen aus Brasilien, Italien, Belgien und den Staaten und teilen sich wie folgt auf:

Michela Albizzati – guitar, vocals
Celia Paul – bass, vocals
Renata Helm – guitar, backing vocals
Sara Neidorf – drums

Der Titel “You Can’t Bury What Still Burns” ist nicht unbedacht gewählt, sondern als Hommage an all jene zu verstehen, die Unterwerfung nicht akzeptieren und die Saat der Rebellion zum Leben erwecken, die also durch Taten, wie klein sie auch sein mögen, Veränderungen in der herrschenden Erzählung herbeiführen. Man kann eine kämpferische Seele, einen lebendigen Traum, ein brennendes Herz nicht begraben. So die Erklärung der Band. Ripple Musik, wo die Scheibe erschienen ist, erklärt sogar das große Thema des Albums:

Jeder Track auf “You Can’t Bury What Still Burns” stellt zeitlose feministische Kämpfe durch verschiedene Mythen in Frage und dekonstruiert gleichzeitig etablierte Ideale der Frauenrolle in der heutigen Gesellschaft.

Tatsächlich könnte man die angesprochenen Mythen nicht besser nutzen. Das fängt bereits beim Bandnamen an. Aptera war, wie man überall nachlesen kann, eine antike Stadt im westlichen Kreta, und Schauplatz eines legendären Kampfes zwischen Sirenen und Musen, die schon immer zwei Gegensätze bildeten. Sirenen werden allgemein als zerstörerische Stimmen verstanden. Während die Stimme der Muse die Stimme des Lebens ist, bringt die Stimme der Sirene den Tod. Die Sirenen verloren den Kampf und aus den einstmals gefiederten, vogelartigen Wesen wurden Wassergeschöpfe, weil sie ihre Federn und Flügel verloren.

Leider konnte ich nirgendwo die Lyrics finden, aber bereits der zweite Song “Selkies” deutet einen Ausflug in die keltische und nordische Mythologie an. In den Volksmärchen geht es häufig um weibliche Selkies, die von jemandem, der ihr Robbenfell stiehlt und versteckt, zu Beziehungen mit Menschen gezwungen werden. Es handelt sich im Grunde um das Märchenmotiv des Schwanenmädchens.

Man sollte allerdings nicht den Fehler machen zu denken, es handle sich hier um Fantasy-Lyrics. Ganz im Gegenteil eignen sich Komplexe aus der Mythologie – ob nun griechisch oder keltisch – ganz hervorragend, um die menschlichen Belange bildkräftig darzustellen. Während ich die ganzen modern-gewollten und platten Gegenwartsbezüge in der Musik meide wie der Teufel das Weihwasser, besitzen die vier Musikerinnen hier nicht nur musikalisches Geschick, sondern auch Geist. Es kommt nämlich immer darauf an, wie man seine Themen in Szene setzt, und interessanterweise regiert hier der einzig wahre Oldschool-Vibe in einem zeitlosen Korsett. Die junge Band zeigt, dass es durchaus möglich ist, auch heute noch einen eigenen Stempel herzustellen. Voraussetzung: weder zu faul, zu uninspiriert oder einfach zu untalentiert zu sein.

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Vom Sumpf in die Apokalypse: Wo Fat – The Singularity

Ab und zu trifft man auf eine Band, die aus völlig unbekannten Gründen nach zwei Jahrzehnten bei Kennern zwar Kultstatus besitzt, aber es  es nie in die oberste Riege der von Kritikern anerkannten Meister geschafft zu haben scheint.

Seit ihrem ersten Album The Gathering Dark aus dem Jahr 2006 haben sie ihr Publikum mit urwüchsiger Schwere und hypnotischen Siebziger-Jahre-Grooves in ihren Bann gezogen, die den Hörer mit gewaltigen Riffs überfallen. Durchdrungen von einem reichen Erbe an Blues und Fuzz-Glückseligkeit hat die Band scheinbar dunkle Kräfte kanalisiert, um dennoch auf zahlreiche Festivals auf der ganzen Welt geladen zu werden und ein paar Top-Ten-Platzierungen zu ergattern. Dabei bewegt sich die Band stets auf dem schmalen Grat zwischen psychedelisch angehauchtem Space-Rock und Doom-Trademarks. Sie haben ihre sumpfiges Getöse mit großen, fetten Riffs immer mit unterschiedlichen Facetten und einem geschickten Songwriting ausbalanciert, was sie zu einem großartigen Hörerlebnis macht. Im Laufe von zwei Jahrzehnten haben sie dies zu immer anspruchsvolleren musikalischen Erkundungen verfeinert, die gleichermaßen aufwühlend und beruhigend sein können, je nachdem, was man als Hörer erwartet und wie sehr man sich in die Musik hinein begibt.

Als sich Wo Fat im Jahre 2003 gründeten, war es ihre Absicht, eine erdrückend schwere Musik zu kreieren, die aber dennoch den Vorgaben von Black Sabbath, Jimi Hendrix, ZZ Top und anderen Größen der 70er Jahre folgt. Eine Musik, die den Musikern also Improvisationsfreiheit gewährt und ihnen dennoch erlaubt, monolithische, verzerrte und schwere Riffs zu spielen, während sie der bluesigen Grundstimmung treu bleiben. Das hört sich verdammt nach Doom an und es ist fast schon eine logische Konsequenz, dass die Band aus Texas stammt.

Auf die Beine gestellt wurde die Band von dem Gitarristen Kent Stump, dem Schlagzeuger Michael Walter und dem Bassisten Tim Wilson. Seit 2016 spielt den Bass allerdings Zack Busby.

Nach sechs Jahren – also einer gefühlten Ewigkeit – kommt eine der unterbewertetsten Bands der schweren Musik (ich meine, wir reden hier von heavy und nicht von schnell) mit ihrem sechsten Album The Singularity um die Ecke und hat sich im Mai dann auch an die Spitze der Doom-Charts gesetzt. Obwohl es sich nicht um ein Konzeptalbum handelt, thematisiert das Album die Befürchtung, dass zunehmende Umweltkatastrophen und der unkontrollierte technologische Fortschritt die Menschheit auf einen Wendepunkt zusteuern lassen, an dem sie die Kontrolle über ihr eigenes Schicksal verliert. Das alles wird geliefert in einem progressiven und raffinierten Klanggebräu, das noch mehr musikalische Akzente setzt als im ohnehin nicht zu verachtenden Katalog der Band.

Alle Tracks des Albums überschreiten die Sieben-Minuten-Marke, wobei der Opener Orphans of the Singe und das abschließende instrumentale Space-Rock-Epos The Oracle vierzehn bzw. sechzehn Minuten erreichen. Der Eröffnungstrack beginnt mit einem leicht östlich angehauchten Intro, bevor der fette Südstaaten-Groove einsetzt. Die Band hält gerade lange genug inne, um Zack Busbys satte und funkige Bassarbeit hervorzuheben, um dann mit einem wiegenden Groove loszulegen, während Kent Stump das erste Kapitel des drohenden Untergangs bellt und singt. Eingängig und eindringlich zugleich, macht dieser gewaltige Auftakt Platz für die trippigere, langsamere und schwere zweite Hälfte des Songs, die mit fabelhafter Gitarrenarbeit aufwartet.

The Snows Of Banquo IV steht im Kontrast zu dieser Atmosphäre und ist um die stampfenden Drums und den donnernden Bass herum aufgebaut. Von hier aus geht es mit treibenden Riffs und einem klassischen Stoner-Galopp weiter, bevor der Song in einen gewaltigen Dampfhammer übergeht, der Geschichten über Katastrophen und andere moderne Apokalypsen in einem pulsierenden, hämmernden Beat erzählt.

Overworlder setzt dieses Thema fort und verbreitet echte Retro-Vibes. Mit einem weiteren funkigen Refrain und einem erstklassigen Solo sprengt die Band ein weiteres mal die Zehn-Minuten-Marke, von der keine einzige Sekunde langweilig wird. Wo Fat zeigen sich auf ihrem neuen Album als vollendete Songwriter. Auch The Unravelling sorgt mit großen Refrains, funkigen Grooves und manischer Gitarrenarbeit für einen weiteren Retro-Leckerbissen. The Witching Chamber ist ein neuneinhalbminütiges Fuzz-getränkter Ausbruch der eher psychedelischen und doomigen Elemente des Bandsounds.

Auf The Witching Chamber gibt die Band ihre besten Stoner- und Psyche-Jams zum Besten. Das typisch dicke, schwere und schleppende Stück hat immer noch einen ohrwurmartigen, mehrstimmigen Refrain, der sich im Gedächtnis festsetzt, bevor der Titeltrack mit hartem, tuckerndem Sound durchbricht, während Wo Fat noch einmal ihre ganze Macht ausspielen.

Mit dem abschließenden The Oracle begibt sich die Band mit einem sechzehnminütigen, epischen Instrumental auf eine ausgewachsene Space-Rock-Odyssee und zeigt die abgestimmte Chemie und die großartige Musikalität der Band. Das Hin und Her zwischen tiefen Südstaaten-Grooves und wiegenden, hypnotischen Momenten fasst im Grunde die gesamte Stimmung des Albums hervorragend zusammen, und The Singularity könnte tatsächlich der Höhepunkt einer Karriere mit einigen ohnehin wirklich hervorragenden Alben sein. Zeitweise düster und basslastig zeigen sich Wo Fat zusätzlich zu ihrer Voodoo- und Sumpfatmosphäre noch einmal von einer weiter gewachsenen Seite.

Bei sieben Songs in 76 Minuten könnte man meinen, dass die Gefahr besteht, dass das Album in den Bereich der unendlichen Nudelei abrutscht, aber das passiert nicht, schließlich verfügt das texanische Trio über einen immensen Umfang und eine Fülle von gottgleichen Stoner-Riffs, die jede neue Veröffentlichung zu einem echten Ereignis werden lassen. Für diese Jungs ist das Riff eine Kunstform für sich, die es wert ist, in einem Museum ausgestellt zu werden.

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Der endlose Ozean: Scarecrow – Scarecrow II

Bisher habe ich vierzehn Bands mit dem Namen Scarecrow gezählt und eine Menge mehr, die The Scarecrow heißen. Diejenigen, um die es hier heute geht, sind aus Perm in Russland (wo es immerhin nur zwei Bands mit diesem Namen gibt). Ihr zweites und limitiertes Album ist bereits 2021 bei Narcoleptica Productions erschienen, die irgendwo in Kasachstan sitzen und zwischen Black, Death und Grindcore auch etwas Doom pflegen. Ich denke, eine Spezialisierung in diesen Breitengraden ist auch weniger sinnvoll, obwohl ich zugeben muss, dass ich rein gar nichts über die dortigen Verhältnisse weiß.

Zu Scarecrow kam ich auch nur deshalb, weil mich die Band selbst kontaktiert hat. Das tun zwar eine Menge Bands, aber bei den meisten Zusendungen muss ich nicht mal reinhören um zu wissen, dass das nichts für mich ist. Scarecrow hatte ich allerdings auf meinen permanenten Wanderungen durch Bandcamp schon einmal kurz im Ohr und erinnerte mich daher, dass ich da ohnehin noch mal zurückkommen wollte. Was immer man landläufig so Doom nennt ist ja ein weites Feld, aber bleiben wir doch mal bei dem Begriff (den ich mir irgendwann im Herbst im Genre-Guide vornehmen werde, und das wird eine lange Geschichte, das kann ich euch sagen).

Doom muss nicht immer im mörderischen Schneckentempo vorgetragen werden. Ich selbst halte das für ein großes Missverständnis und selten für wirklich gelungen. Um was es primär geht, ist natürlich die Atmosphäre, weshalb man den Okkult Rock dort ebenso findet wie das Epische, ein melancholisch-eisiges Klima oder eine Wüstengegend mit vielen rostigen Pick-Ups, die zum Sterben unter sengender Sonne zurückgelassen wurden. Und auch wenn der Doom wahnsinnig vielseitig ist, weiß man doch in etwa, was man zu erwarten hat. Natürlich keine Speedmetal-Attacken.

Was Scarecrow hier aber machen, das ist erfrischend anders als alles, was man bereits kennt. Man läuft eine gewisse altbekannte Strecke entlang und plötzlich kommt die erste Überraschung. Dann noch eine. Und dann die nächste.

Alles beginnt mit einem bombastischen Orchesterstück. Viel zu lang für ein Intro und deshalb eher eine Ouvertüre, die mich fast schon an Michael Romeos jüngstes Werk War of the Worlds Pt 2 erinnert. Und tatsächlich werden Scarecrow beweisen, dass ihnen ein progressives Vorgehen nicht fremd ist (wenn sie auch rein gar nichts mit modernem Prog zu tun haben), ganz im Gegenteil ist die Scheibe äußerst abwechslungsreich und an manchen stellen sogar kühn zu nennen. Die Basis des Ganzen ist allerdings nichts Symphonisches, auch wenn man das zu Beginn vielleicht vermuten könnte, sondern klassischer Hard Rock und Heavy Metal der 70er Jahre. Natürlich sind andere Rezensenten sofort mit Black Sabbath bei der Hand, aber um ehrlich zu sein, höre ich hier mehr Led Zeppelin-Einflüsse, vor allem bei Sänger Artemis, der die hohen Register nutzt, um über die warme Produktion zu gleiten. Tatsächlich muss man sich an seine Stimme etwas gewöhnen, was allerdings nicht heißt, dass sie schlecht ist. Es ist hier so wie bei allen eigenständigen Stimmen: man braucht eine gewisse Anlaufzeit, weil sie doch sehr kunstvoll eingesetzt wird.

Neben Artemis haben wir Elijah am Bass, Vadim an den Drums und Max an der Gitarre. Wirklich aller Instrumente sind sehr gut abgemischt und die Band ist gut aufeinander abgestimmt.

Blizzard ist nach der orchestralen Einleitung dann der Song, der wie klassischer Doomrock beginnt, bevor der erste Break zeigt, dass die Band tatsächlich ein Bluesfundament ihr eigen nennt, aber die Dinge, die man gern den 70er Jahren zuspricht, für ihren ganz eigenen Stil umwandelt. Wir hören dann auch im dritten Song Magic Flower den Hauch einer Mundharmonika, eine folkloristischen Atmosphäre, in der Artemis auf die Robert-Plant-Screams zurückgreift, die absolut zu ihm passen.

Bevor jetzt hier ein falscher Eindruck entsteht: nein, das hier ist kein altertümlicher Sound, der in etwa so klingt wie 90% aller gängigen Retro-Bands. Das Überraschende ist die Vielfalt, die Scarecrow in ihren Stil integrieren. Dabei spielen sie auch mit vielen psychedelen Versatzstücken, mit kurzen Natursounds und an einer Stelle sogar mit quakenden Fröschen (The Mushroom Wizard).

Mit The Moors haben wir mit acht Minuten das längste Stück des Albums. An den Titeln seht ihr, dass der Band auch eine gewisse hippieske Attitüde nicht fremd ist, die Magie der Natur nimmt einen zentralen Raum ein, wie folgende Lyrics   zeigen:

Die unruhigen Schatten der vergangenen Tage
Verfolgen dich unaufhaltsam.
Blinde Ambitionen vernebeln langsam deinen Blick,
und lassen dich die Wahrheit nicht sehen.

Das Moor dringt in deinen Geist ein
Und schicken einen ewigen Schlaf,
Der Nebel der Phantasie macht dich blind,
Und zieht dich in die Tiefe!

Und wenn das noch nicht Bände spricht, dann vielleicht diese Passage hier aus The Mushroom Wizard:

Der Pilzzauberer lebt in den Sümpfen,
Der Pilzzauberer erzählt Märchen,
Der Pilzzauberer kennt den Weg,
Er zündet eine Pfeife an und lädt dich zum Bleiben ein.

The Moors ist ein höllisches Epos: warmes Akustikgitarren-Intro, doomiges Heavy-Riff, ätherische Keys: alle Zutaten sind da, und glücklicherweise erreichen wir in der Mitte des Songs einen weiteren Höhepunkt im 70er-Stil. Etwas von dem orchestralen Gefühl des Openers kehrt hier wohlüberlegt zurück und trägt zum Bombast bei.

Ein wenig Sabbath darfs dann allerdings doch sein.  Das Intro zu The Golden Times erinnert tatsächlich etwas an Orchid oder ähnliche Zwischenstücke der mächtigen Band aus Birmingham. Der Song fließt ruhig dahin, und der Gesang nimmt erneut Robert-Plant-Vibes an. Ein weiteres abwechslungsreiches Stück, bei dem man sich am besten entspannt zurücklehnt und die Fahrt genießt – bis das zunehmende Tempo uns mitteilt, dass wir gleich mit The Endless Ocean unser Ziel erreicht haben.

Die Bandbreite und der Umfang dieses Albums sind wirklich sehr beeindruckend. Scarecrow II ist ein akkurater Liebesbrief an die Giganten der Vergangenheit, während sich die Band leicht neben heutigen Größen wie Graveyard platzieren kann. Hier ist ein Album, das alte Ideen neu und eigenständig interpretiert und mit mutigen, überraschenden Erweiterungen verbindet.

Drei Hüte für ein Königreich: Gnome – King

Natürlich macht es besonders Spaß, über Bands zu schreiben, von denen man noch nie etwas gehört und die man gerade erst entdeckt hat. Tatsächlich stieß ich auf diese interessante Band aus Belgien, weil ich wieder einmal nach obskuren Dingen Ausschau hielt (einer Beschäftigung, der ich öfter nachgehe, als ich wahrhaben will). Fantastische Bestien und dubiose Könige sind natürlich ein fester Bestandteil meiner thematischen Küche. Manchmal mögen derartige Vorlieben ins Lächerliche abgleiten – und es kommt immer auf die Art des Lächerlichen an, die darüber entscheidet, ob etwas ins Töpfchen (das ich nachher in den Sumpf kippe) oder ins Kröpfchen wandert (wo es ungeahnte Blüten in der Magengegend treibt). Es sagt wahrscheinlich mehr über mich aus als über die Band, wenn ich bei drei bärtigen Männern mit roten Zipfelhüten verweile, um zu sehen, was da wohl dahinter stecken könnte. Tatsächlich bin ich jemand, der in jedes Kaninchenloch krabbelt, wenn da was glitzert. Und tatsächlich glitzern hier vor allem die Riffs an allen Ecken und Enden. Und zwar in einer Weise, die so originell ist, dass man weit gehen muss, um Vergleiche heranzuziehen. Manchmal heavy, manchmal komplex, an manchen Stellen brutal halten sie bereits an der nächsten Ecke eine neue Überraschung bereit. Da ist der Vergleich mit dem Kaninchenloch gar nicht so abwegig, denn wenn man die drei Burschen mit ihren Mützen in einem nebligen Garten stehen sieht, mag man zunächst an nichts Besonderes denken, aber irgendwie überkam mich dann doch das Gefühl von etwas Surrealem.

Tatsächlich haben Gnome ihr Debüt mit dem Titel “Father of Time” bereits 2018 hinter sich gebracht und ihr könnt mir glauben, wenn ich sage, dass ich sofort einen Podcast über die Band machen wollte. Aber ich habe den Juli bereits verplant, will aber auch nicht länger warten, um über dieses neue Kleinod des Powertrios zu sprechen, das am 6. Mai bei POLDERRECORDS erschienen ist. Hier sind drei Musiker, die ihre Instrumente in einer atemberaubenden Weise beherrschen, sich aber nicht mit der in dieser Kategorie üblichen Nabelschau aufhalten. Ich erinnere mich gern an Frank Zappa, der seine Fähigkeiten ja ebenfalls genüsslich in den Dienst des Seltsamen, Albernen, Schrägen und Lächerlichen stellte, und auch wenn Gnome musikalisch nichts mit Zappa zu tun haben, ist der Vergleich allein schon deshalb berechtigt, weil ein wirklich herausragendes Talent gar nicht anders kann, als albern zu sein.

Der erste Track “Ambrosius” ist sowohl ein Beweis für Gnomes musikalisches Können als auch für ihren Sinn für Humor, ein Song, der nur mit wenigen Riffs und einem rudimentären Text auskommt, aber einen Groove entwickelt, der einem noch tagelang im Kopf hängen bleibt. Die ansteckenden Gitarrenmotive, der donnernde Bass und das solide, geschäftige und direkte Schlagwerk werden mit einem spärlichen, aber hymnischen Gesang gepaart, der in ein schlammiges, harmonisches Gebrüll übergeht, wenn sich die Dynamik des Songs zu einem doomigen Finale verlangsamt.

Es folgt “Your Empire”, bei dem Oskar Logi von Vintage Caravan am Gesang aushilft. Die Dynamik des Songs ist etwas schriller als bei seinem Vorgänger und der Gesang etwas wortreicher und melodischer. Als nächstes folgt “Bulls of Bravik”, ein fröhliches Stück exzentrischen Heavy Progs, das zeigt, dass sich auch doomige und schwere Klänge dazu eignen, eine komplexes Spiel mit ihnen zu treiben. Im Text geht es um die namensgebenden “Bulls of Bravik. Du nimmst besser deine Beine in die Hand, sie riechen deine Angst und Magie, und sie kommen, um dir das Gesicht wegzufressen.” Ich liebe solche Lyrics.

Das Instrumentalstück “Antibeast” nimmt das progressive Element des vorherigen Stücks  und hebt sie auf eine andere Ebene. Die ständigen Wechsel von Tempo, Dynamik und Groove des lassen den Hörer glauben, am Ende mit einem ganz anderen Stück konfrontiert worden zu sein als es anfänglich schien. Das ist die hohe Kunst der Verwirrung. Man weiß nicht, wie einem geschieht und wie die Band das gemacht hat, aber sie hat. Und alles passt zusammen.

Der nächste Song “Wencleslas” ist ein mitreißender Up-Tempo-Sludge-Rocker, der den Unmut unserer Helden über einen bestimmten Monarchen beschreibt und dabei einige clevere kleine Wendungen aufweist. Hierzu gibt es ein witzige Video, wie überhaupt die Clips der Band das Gefühl vermitteln, dass sie eine Menge Vergnügen mit sich selbst haben. Das irritiert an manchen Stellen etwas, weil das filmische Material doch wirklich arg albern daher kommt. Ich glaube, man ist gar nicht mehr gewöhnt, dass man sich selbst vielleicht nicht allzu ernst nehmen sollte.

Es folgen zwei Instrumentalstücke, “Kraken Wanker” und “Stinth Thy Clep”, beide sind eine Mischung aus dunklem doomigem Getöse und verspieltem Stoner-Swagger, wobei ersteres mit keltischen Einflüssen und letzteres mit Prog-Metal-Texturen aufwartet (und einen Videoclip bekommen hat, in dem ein lustiger König in braunen Strumpfhosen tanzt). Gnome schließen “King” mit dem ehrgeizigen “Platypus Patrol” ab, einem mehr als elfminütigen Epos, in dem die Band ihre Vorliebe für Verspieltheit mit ein wenig Düsternis und Dunkelheit mildert und einen kurzen und unerwarteten Ausflug in einen drogengeschwängerten Trip  unternimmt.

Mit “King” hat es die Band geschafft,  ein Gleichgewicht zu finden zwischen ihrem Bedürfnis, als gute Musiker zu gelten, und dem ebenfalls starken Bedürfnis, die Sache bloß nicht zu ernst zu nehmen. Eine heutzutage ungleiche Mischung.