Musen gegen Sirenen: Aptera – You Can’t Bury What Still Burns

Aptera aus Berlin sind bisher die erste Band, die nicht auf eine Anfrage zwecks Support geantwortet hat, aber das ist natürlich völlig in Ordnung. Ich würde wahrscheinlich auch nicht Hunz und Kunz antworten, und ein wenig Exaltiertheit schadet in der heutigen Zeit ja auch nicht. All das hält mich natürlich nicht davon ab, euch von einem Debüt zu berichten, das wirklich großartig ist und aus dem Wust der Veröffentlichungen heraussticht. Man könnte von echtem Heavy Metal sprechen und hätte damit nichts gesagt, weil ihr ja nur mal hören müsst, was man derzeit unter Heavy Metal versteht. Die Wurzeln von Aptera kann man allerdings als eine Melange verschiedener Stile begreifen. Die Band selbst spricht von einem Mix aus Sludge, Doom, Blues und klassischem Metal mit einer gehörigen Punk-Attitüde. Allerdings sprechen wir hier eher von einem Punk, den man auch bei Venom finden kann. Die böse Art nämlich, immer leicht am frühen Thrash entlang reitend. Die Doom-Anteile hingegen legen eine Atmosphäre nahe, wie sie von den allmächtigen Black Sabbath eingeführt wurde.

Die Musik ist allerdings nicht das einzige Interessante an der Band, denn auch wenn ihr Ground Zero wohl Berlin ist, handelt es sich hier um eine recht internationale Geschichte. Die Musikerinnen stammen aus Brasilien, Italien, Belgien und den Staaten und teilen sich wie folgt auf:

Michela Albizzati – guitar, vocals
Celia Paul – bass, vocals
Renata Helm – guitar, backing vocals
Sara Neidorf – drums

Der Titel “You Can’t Bury What Still Burns” ist nicht unbedacht gewählt, sondern als Hommage an all jene zu verstehen, die Unterwerfung nicht akzeptieren und die Saat der Rebellion zum Leben erwecken, die also durch Taten, wie klein sie auch sein mögen, Veränderungen in der herrschenden Erzählung herbeiführen. Man kann eine kämpferische Seele, einen lebendigen Traum, ein brennendes Herz nicht begraben. So die Erklärung der Band. Ripple Musik, wo die Scheibe erschienen ist, erklärt sogar das große Thema des Albums:

Jeder Track auf “You Can’t Bury What Still Burns” stellt zeitlose feministische Kämpfe durch verschiedene Mythen in Frage und dekonstruiert gleichzeitig etablierte Ideale der Frauenrolle in der heutigen Gesellschaft.

Tatsächlich könnte man die angesprochenen Mythen nicht besser nutzen. Das fängt bereits beim Bandnamen an. Aptera war, wie man überall nachlesen kann, eine antike Stadt im westlichen Kreta, und Schauplatz eines legendären Kampfes zwischen Sirenen und Musen, die schon immer zwei Gegensätze bildeten. Sirenen werden allgemein als zerstörerische Stimmen verstanden. Während die Stimme der Muse die Stimme des Lebens ist, bringt die Stimme der Sirene den Tod. Die Sirenen verloren den Kampf und aus den einstmals gefiederten, vogelartigen Wesen wurden Wassergeschöpfe, weil sie ihre Federn und Flügel verloren.

Leider konnte ich nirgendwo die Lyrics finden, aber bereits der zweite Song “Selkies” deutet einen Ausflug in die keltische und nordische Mythologie an. In den Volksmärchen geht es häufig um weibliche Selkies, die von jemandem, der ihr Robbenfell stiehlt und versteckt, zu Beziehungen mit Menschen gezwungen werden. Es handelt sich im Grunde um das Märchenmotiv des Schwanenmädchens.

Man sollte allerdings nicht den Fehler machen zu denken, es handle sich hier um Fantasy-Lyrics. Ganz im Gegenteil eignen sich Komplexe aus der Mythologie – ob nun griechisch oder keltisch – ganz hervorragend, um die menschlichen Belange bildkräftig darzustellen. Während ich die ganzen modern-gewollten und platten Gegenwartsbezüge in der Musik meide wie der Teufel das Weihwasser, besitzen die vier Musikerinnen hier nicht nur musikalisches Geschick, sondern auch Geist. Es kommt nämlich immer darauf an, wie man seine Themen in Szene setzt, und interessanterweise regiert hier der einzig wahre Oldschool-Vibe in einem zeitlosen Korsett. Die junge Band zeigt, dass es durchaus möglich ist, auch heute noch einen eigenen Stempel herzustellen. Voraussetzung: weder zu faul, zu uninspiriert oder einfach zu untalentiert zu sein.

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Vom Sumpf in die Apokalypse: Wo Fat – The Singularity

Ab und zu trifft man auf eine Band, die aus völlig unbekannten Gründen nach zwei Jahrzehnten bei Kennern zwar Kultstatus besitzt, aber es  es nie in die oberste Riege der von Kritikern anerkannten Meister geschafft zu haben scheint.

Seit ihrem ersten Album The Gathering Dark aus dem Jahr 2006 haben sie ihr Publikum mit urwüchsiger Schwere und hypnotischen Siebziger-Jahre-Grooves in ihren Bann gezogen, die den Hörer mit gewaltigen Riffs überfallen. Durchdrungen von einem reichen Erbe an Blues und Fuzz-Glückseligkeit hat die Band scheinbar dunkle Kräfte kanalisiert, um dennoch auf zahlreiche Festivals auf der ganzen Welt geladen zu werden und ein paar Top-Ten-Platzierungen zu ergattern. Dabei bewegt sich die Band stets auf dem schmalen Grat zwischen psychedelisch angehauchtem Space-Rock und Doom-Trademarks. Sie haben ihre sumpfiges Getöse mit großen, fetten Riffs immer mit unterschiedlichen Facetten und einem geschickten Songwriting ausbalanciert, was sie zu einem großartigen Hörerlebnis macht. Im Laufe von zwei Jahrzehnten haben sie dies zu immer anspruchsvolleren musikalischen Erkundungen verfeinert, die gleichermaßen aufwühlend und beruhigend sein können, je nachdem, was man als Hörer erwartet und wie sehr man sich in die Musik hinein begibt.

Als sich Wo Fat im Jahre 2003 gründeten, war es ihre Absicht, eine erdrückend schwere Musik zu kreieren, die aber dennoch den Vorgaben von Black Sabbath, Jimi Hendrix, ZZ Top und anderen Größen der 70er Jahre folgt. Eine Musik, die den Musikern also Improvisationsfreiheit gewährt und ihnen dennoch erlaubt, monolithische, verzerrte und schwere Riffs zu spielen, während sie der bluesigen Grundstimmung treu bleiben. Das hört sich verdammt nach Doom an und es ist fast schon eine logische Konsequenz, dass die Band aus Texas stammt.

Auf die Beine gestellt wurde die Band von dem Gitarristen Kent Stump, dem Schlagzeuger Michael Walter und dem Bassisten Tim Wilson. Seit 2016 spielt den Bass allerdings Zack Busby.

Nach sechs Jahren – also einer gefühlten Ewigkeit – kommt eine der unterbewertetsten Bands der schweren Musik (ich meine, wir reden hier von heavy und nicht von schnell) mit ihrem sechsten Album The Singularity um die Ecke und hat sich im Mai dann auch an die Spitze der Doom-Charts gesetzt. Obwohl es sich nicht um ein Konzeptalbum handelt, thematisiert das Album die Befürchtung, dass zunehmende Umweltkatastrophen und der unkontrollierte technologische Fortschritt die Menschheit auf einen Wendepunkt zusteuern lassen, an dem sie die Kontrolle über ihr eigenes Schicksal verliert. Das alles wird geliefert in einem progressiven und raffinierten Klanggebräu, das noch mehr musikalische Akzente setzt als im ohnehin nicht zu verachtenden Katalog der Band.

Alle Tracks des Albums überschreiten die Sieben-Minuten-Marke, wobei der Opener Orphans of the Singe und das abschließende instrumentale Space-Rock-Epos The Oracle vierzehn bzw. sechzehn Minuten erreichen. Der Eröffnungstrack beginnt mit einem leicht östlich angehauchten Intro, bevor der fette Südstaaten-Groove einsetzt. Die Band hält gerade lange genug inne, um Zack Busbys satte und funkige Bassarbeit hervorzuheben, um dann mit einem wiegenden Groove loszulegen, während Kent Stump das erste Kapitel des drohenden Untergangs bellt und singt. Eingängig und eindringlich zugleich, macht dieser gewaltige Auftakt Platz für die trippigere, langsamere und schwere zweite Hälfte des Songs, die mit fabelhafter Gitarrenarbeit aufwartet.

The Snows Of Banquo IV steht im Kontrast zu dieser Atmosphäre und ist um die stampfenden Drums und den donnernden Bass herum aufgebaut. Von hier aus geht es mit treibenden Riffs und einem klassischen Stoner-Galopp weiter, bevor der Song in einen gewaltigen Dampfhammer übergeht, der Geschichten über Katastrophen und andere moderne Apokalypsen in einem pulsierenden, hämmernden Beat erzählt.

Overworlder setzt dieses Thema fort und verbreitet echte Retro-Vibes. Mit einem weiteren funkigen Refrain und einem erstklassigen Solo sprengt die Band ein weiteres mal die Zehn-Minuten-Marke, von der keine einzige Sekunde langweilig wird. Wo Fat zeigen sich auf ihrem neuen Album als vollendete Songwriter. Auch The Unravelling sorgt mit großen Refrains, funkigen Grooves und manischer Gitarrenarbeit für einen weiteren Retro-Leckerbissen. The Witching Chamber ist ein neuneinhalbminütiges Fuzz-getränkter Ausbruch der eher psychedelischen und doomigen Elemente des Bandsounds.

Auf The Witching Chamber gibt die Band ihre besten Stoner- und Psyche-Jams zum Besten. Das typisch dicke, schwere und schleppende Stück hat immer noch einen ohrwurmartigen, mehrstimmigen Refrain, der sich im Gedächtnis festsetzt, bevor der Titeltrack mit hartem, tuckerndem Sound durchbricht, während Wo Fat noch einmal ihre ganze Macht ausspielen.

Mit dem abschließenden The Oracle begibt sich die Band mit einem sechzehnminütigen, epischen Instrumental auf eine ausgewachsene Space-Rock-Odyssee und zeigt die abgestimmte Chemie und die großartige Musikalität der Band. Das Hin und Her zwischen tiefen Südstaaten-Grooves und wiegenden, hypnotischen Momenten fasst im Grunde die gesamte Stimmung des Albums hervorragend zusammen, und The Singularity könnte tatsächlich der Höhepunkt einer Karriere mit einigen ohnehin wirklich hervorragenden Alben sein. Zeitweise düster und basslastig zeigen sich Wo Fat zusätzlich zu ihrer Voodoo- und Sumpfatmosphäre noch einmal von einer weiter gewachsenen Seite.

Bei sieben Songs in 76 Minuten könnte man meinen, dass die Gefahr besteht, dass das Album in den Bereich der unendlichen Nudelei abrutscht, aber das passiert nicht, schließlich verfügt das texanische Trio über einen immensen Umfang und eine Fülle von gottgleichen Stoner-Riffs, die jede neue Veröffentlichung zu einem echten Ereignis werden lassen. Für diese Jungs ist das Riff eine Kunstform für sich, die es wert ist, in einem Museum ausgestellt zu werden.

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Drei Hüte für ein Königreich: Gnome – King

Natürlich macht es besonders Spaß, über Bands zu schreiben, von denen man noch nie etwas gehört und die man gerade erst entdeckt hat. Tatsächlich stieß ich auf diese interessante Band aus Belgien, weil ich wieder einmal nach obskuren Dingen Ausschau hielt (einer Beschäftigung, der ich öfter nachgehe, als ich wahrhaben will). Fantastische Bestien und dubiose Könige sind natürlich ein fester Bestandteil meiner thematischen Küche. Manchmal mögen derartige Vorlieben ins Lächerliche abgleiten – und es kommt immer auf die Art des Lächerlichen an, die darüber entscheidet, ob etwas ins Töpfchen (das ich nachher in den Sumpf kippe) oder ins Kröpfchen wandert (wo es ungeahnte Blüten in der Magengegend treibt). Es sagt wahrscheinlich mehr über mich aus als über die Band, wenn ich bei drei bärtigen Männern mit roten Zipfelhüten verweile, um zu sehen, was da wohl dahinter stecken könnte. Tatsächlich bin ich jemand, der in jedes Kaninchenloch krabbelt, wenn da was glitzert. Und tatsächlich glitzern hier vor allem die Riffs an allen Ecken und Enden. Und zwar in einer Weise, die so originell ist, dass man weit gehen muss, um Vergleiche heranzuziehen. Manchmal heavy, manchmal komplex, an manchen Stellen brutal halten sie bereits an der nächsten Ecke eine neue Überraschung bereit. Da ist der Vergleich mit dem Kaninchenloch gar nicht so abwegig, denn wenn man die drei Burschen mit ihren Mützen in einem nebligen Garten stehen sieht, mag man zunächst an nichts Besonderes denken, aber irgendwie überkam mich dann doch das Gefühl von etwas Surrealem.

Tatsächlich haben Gnome ihr Debüt mit dem Titel “Father of Time” bereits 2018 hinter sich gebracht und ihr könnt mir glauben, wenn ich sage, dass ich sofort einen Podcast über die Band machen wollte. Aber ich habe den Juli bereits verplant, will aber auch nicht länger warten, um über dieses neue Kleinod des Powertrios zu sprechen, das am 6. Mai bei POLDERRECORDS erschienen ist. Hier sind drei Musiker, die ihre Instrumente in einer atemberaubenden Weise beherrschen, sich aber nicht mit der in dieser Kategorie üblichen Nabelschau aufhalten. Ich erinnere mich gern an Frank Zappa, der seine Fähigkeiten ja ebenfalls genüsslich in den Dienst des Seltsamen, Albernen, Schrägen und Lächerlichen stellte, und auch wenn Gnome musikalisch nichts mit Zappa zu tun haben, ist der Vergleich allein schon deshalb berechtigt, weil ein wirklich herausragendes Talent gar nicht anders kann, als albern zu sein.

Der erste Track “Ambrosius” ist sowohl ein Beweis für Gnomes musikalisches Können als auch für ihren Sinn für Humor, ein Song, der nur mit wenigen Riffs und einem rudimentären Text auskommt, aber einen Groove entwickelt, der einem noch tagelang im Kopf hängen bleibt. Die ansteckenden Gitarrenmotive, der donnernde Bass und das solide, geschäftige und direkte Schlagwerk werden mit einem spärlichen, aber hymnischen Gesang gepaart, der in ein schlammiges, harmonisches Gebrüll übergeht, wenn sich die Dynamik des Songs zu einem doomigen Finale verlangsamt.

Es folgt “Your Empire”, bei dem Oskar Logi von Vintage Caravan am Gesang aushilft. Die Dynamik des Songs ist etwas schriller als bei seinem Vorgänger und der Gesang etwas wortreicher und melodischer. Als nächstes folgt “Bulls of Bravik”, ein fröhliches Stück exzentrischen Heavy Progs, das zeigt, dass sich auch doomige und schwere Klänge dazu eignen, eine komplexes Spiel mit ihnen zu treiben. Im Text geht es um die namensgebenden “Bulls of Bravik. Du nimmst besser deine Beine in die Hand, sie riechen deine Angst und Magie, und sie kommen, um dir das Gesicht wegzufressen.” Ich liebe solche Lyrics.

Das Instrumentalstück “Antibeast” nimmt das progressive Element des vorherigen Stücks  und hebt sie auf eine andere Ebene. Die ständigen Wechsel von Tempo, Dynamik und Groove des lassen den Hörer glauben, am Ende mit einem ganz anderen Stück konfrontiert worden zu sein als es anfänglich schien. Das ist die hohe Kunst der Verwirrung. Man weiß nicht, wie einem geschieht und wie die Band das gemacht hat, aber sie hat. Und alles passt zusammen.

Der nächste Song “Wencleslas” ist ein mitreißender Up-Tempo-Sludge-Rocker, der den Unmut unserer Helden über einen bestimmten Monarchen beschreibt und dabei einige clevere kleine Wendungen aufweist. Hierzu gibt es ein witzige Video, wie überhaupt die Clips der Band das Gefühl vermitteln, dass sie eine Menge Vergnügen mit sich selbst haben. Das irritiert an manchen Stellen etwas, weil das filmische Material doch wirklich arg albern daher kommt. Ich glaube, man ist gar nicht mehr gewöhnt, dass man sich selbst vielleicht nicht allzu ernst nehmen sollte.

Es folgen zwei Instrumentalstücke, “Kraken Wanker” und “Stinth Thy Clep”, beide sind eine Mischung aus dunklem doomigem Getöse und verspieltem Stoner-Swagger, wobei ersteres mit keltischen Einflüssen und letzteres mit Prog-Metal-Texturen aufwartet (und einen Videoclip bekommen hat, in dem ein lustiger König in braunen Strumpfhosen tanzt). Gnome schließen “King” mit dem ehrgeizigen “Platypus Patrol” ab, einem mehr als elfminütigen Epos, in dem die Band ihre Vorliebe für Verspieltheit mit ein wenig Düsternis und Dunkelheit mildert und einen kurzen und unerwarteten Ausflug in einen drogengeschwängerten Trip  unternimmt.

Mit “King” hat es die Band geschafft,  ein Gleichgewicht zu finden zwischen ihrem Bedürfnis, als gute Musiker zu gelten, und dem ebenfalls starken Bedürfnis, die Sache bloß nicht zu ernst zu nehmen. Eine heutzutage ungleiche Mischung.

Klassiker: Rush – Moving Pictures (40th Anniversary) | #27

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Willkommen Freunde draußen an den Radiogeräten zu einer weiteren Ausgabe von Work of Sirens Heute vor 40 Jahren. Da passt es ziemlich gut, dass in den letzten Wochen zum Vorliegenden Album eine Anniversary-Edition erschienen ist. Moving Pictures von Rush.

Moving Pictures war das achte Studioalbum des kanadischen Trios Rush, und wurde am 12. Februar 1981 veröffentlicht. Die Anniversary-Edition kam allerdings erst im Februar diesen Jahres heraus, was daran liegt, dass solche Editionen natürlich immer erst vorbereitet werden müssen. Ich habe hier die Ausgabe mit 3 CDs vorliegen, der noch einmal neu remasterten Version des eigentlichen Albums plus eines lang ersehnten Konzertmitschnitts, zu dem ich im Anschluss was sagen werde, zusammen mit einem 24 seitigen Booklet mit unveröffentlichten Fotos und Linernotes aller möglichen Leute, darunter Les Claypool oder Neil Sanderson.

Es war das zweite Album, das im Le-Studio in Morin-Heights, Quebec, aufgenommen wurde, und es ist nach wie vor das erfolgreichste Album von Rush, das in Kanada Platz 1 und in Großbritannien und den USA Platz 3 erreichte. Es hat sich über fünf Millionen Mal verkauft und gilt als das beste Werk der Band überhaupt. Es gibt wahrscheinlich keinen Musikliebhaber, der die Scheibe nicht kennt.

Während “2112” das vielgeliebte Prog-Meisterwerk war und “Permanent Waves” den Durchbruchshit “The Spirit of Radio” beinhaltete, war es “Moving Pictures”, das Rush wirklich alle Aufmerksamkeit einbrachte.

Jetzt, vierzig Jahre nach der Veröffentlichung, ist es an der Zeit, das Album, das zu einem der wichtigsten in ihrem Katalog wurde, neu zu bewerten.

Wie oft betont wird, hatte sich die Band nach dem Led-Zeppelin-Stil ihres Debüts von 1974 bis zum Erscheinen dieses achten Albums im Jahr 1981 einen beneidenswerten Ruf als Prog-Metal-Helden erworben. Auf dem Vorgängeralbum hatte man begonnen, kürzere Songs zu schreiben, aber erst hier kam das zunehmend prägnante Songwriting so richtig zur Geltung.

Obwohl Rush bereits gegen Ende der Siebzigerjahre mit Synthesizern experimentiert hatten, begann die Band erst mit Permanent Waves von 1980, sie wirklich in ihre Musik einzubauen. Ab 1981 waren die Synthesizer ein fester Bestandteil des Sounds der Band. Die großen Swooshes und Swirls in “Tom Sawyer” zum Beispiel oder die auffälligeren Keyboards in “The Camera Eye”, wo Geddy Lee seine Keyboards in den rockigeren Sound der Band einbettete. Und auch der harte Rock kam nicht zu kurz. Das sechsminütige “Red Barchetta” zeigt Alex Lifesons beste Gitarrenarbeit neben Neil Pearts brillantem Erzählstil. Dann gibt es noch das beste Instrumentalstück aller Zeiten, “YYZ”, den Traum eines jeden Schlagzeugers, sowie ein Riff zum Sterben auf “Limelight”, der Biografie von Pearts Widerstand gegen die immer stärker werdenden Einmischungen, als die Popularität der Band immer weiter anstieg.

Kommt man zu Seite zwei, findet man “The Camera Eye”, die Beobachtungen von Peart über zwei Städte, New York und London. Mit einer Länge von fast 11 Minuten ist dies der letzte mehr als zehnminütige Song, den Rush aufnahmen, der regelmäßig als Live-Song angefordert wurde und schließlich 2010 auf der “Time Machine”-Tour wieder zum Leben erweckt wurde, als dieses Album in voller Länge gespielt wurde. Das Stück mäandert stellenweise leicht, behält aber dank Pearts und Lees treibender Rhythmusgruppe seine Richtung bei. Für mich ist es eine von Lees besten Darbietungen, der die clever ausgearbeiteten Texte hart bearbeitet, während Lifesons subtile Gitarrenarbeit einmal mehr seine Qualität unter Beweis stellt.

“Witch Hunt” ist auch heute noch von erschreckender Aktualität, denn die Botschaft von der Herrschaft des Pöbels, von Hass und Intoleranz gegenüber anderen beweist, dass der Mensch schon immer auf seine niedersten Instinkte zurückgegriffen hat. Der Song wurde in derselben Nacht aufgenommen, in der John Lennon erschossen wurde, und ist eine clevere Komposition, in der Pearts lyrische Zauberei ein Bild zeichnet, das an Brennen muss Salem von Stephen King erinnert. Interessanterweise spielt Hugh Syme die Synthesizer auf diesem Stück und die Publikumsgeräusche am Anfang wurden von der Band selbst aufgenommen, außerhalb des Studios, in verschiedenen Rauschzuständen! “Witch Hunt” ist Teil der “The Fear Trilogy”, die anderen Teile sind “The Weapon” auf Signals, “Part II” und “Part I” ist “The Enemy Within” auf Grace Under Pressure (man kann alle drei Stücke nacheinander auf dem Grace Under Pressure-Video von 1984 sehen und hören).

Das schnell geschriebene “Vital Signs” ist wahrscheinlich das am meisten umstrittene Stück auf dem Album. Sein Kaleidoskop von Stilen, einschließlich des abgehackten Reggae-Gefühls des Gitarrenriffs und der allgemeinen Stimmung des Songs, brauchte mehrere Jahre, um von der treuen Fangemeinde akzeptiert zu werden. Wenn man sich den Song heute anhört, kann man erkennen, wie entschlossen und hartnäckig Rush waren. Es war ihre Zeit, ihre Musik, und schließlich wurde ihnen Recht gegeben.

(mehr im Podcast)

Unser Intro wurden von transistor.fm erstellt.

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Review: Watain – The Agony & Ecstasy of Watain | #21

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Die satanischen Black-Metal-Urgesteine Watain veröffentlichen am 29. April ihr siebtes Album “The Agony and Ecstasy of Watain”, das auch gleichzeitig das erste bei Nuclear Blast ist. Damit öffnen sie eindeutig ein neues Kapitel in ihrem dunklen Schaffen. Und das ist der Zahl 7 höchst angemessen.

Tatsächlich könnte man sogar so weit gehen und das Album als Summe aller Tatsachen im Watain-Kosmos betrachten.

Für viele sind Watain die Verkörperung des Black-Metal-Ethos, da sie sich nicht nur in ihrer Musik, sondern in ihrem ganzen Wesen dem Ziel verschrieben haben, ein Portal in eine andere Welt zu bieten, aber sie sind auch berüchtigt dafür, an vielen Stellen Kontroversen auszulösen.

Es ist zwar richtig, dass Eric Danielsen in fast jedem Interview, das er führt oft die gewöhnlichen Black-Metal-Standartsprüche von sich gibt, und damit könnte der Fall an sich erledigt sein. Aber was, wenn sich dazu die Musik an der grenze zur Genialität bewegt? Und dann sagt Eric manchmal doch Sätze wie diese über das neue Album:

“Der Wortlaut und das Thema des Titels laufen letztlich auf die einfache Idee hinaus, dass wir immer mit emotionalen Extremen arbeiten. Wir haben schon immer mit den zwei Gegensätzen Dunkelheit und Licht gearbeitet. Man hat diese furiose wilde Seite, aber auch diese heilige, transzendente Seite. Das ist es, was Black Metal meiner Meinung nach ausmacht. Es ist das Zusammentreffen von existenziellem Horror, dem Kampf ums Leben und der magischen, spirituellen, gottähnlichen Seite der Menschheit.”

Das ist deshalb ein interessanter Ansatz, weil er vom üblichen Bösewicht-Geschwafel abweicht, das meiner Meinung nach argumentativ ohnehin auf völlig tönernen Beinen steht. Eric ist also alles andere als ein Dummkopf, und vielleicht kommt es auch immer darauf an, welche Kapazitäten der Interviewer hat. Ich habe noch ein weiteres Beispiel dafür:

“Wir haben Watain immer als etwas von der Welt Getrenntes betrachtet. Wir haben die Band gegründet, weil wir einen Platz in der Welt haben wollten, der nicht wie alles andere ist, eine eigene Realität. Wir lassen uns so wenig wie möglich vom Geschehen um uns herum inspirieren. Ich denke, man könnte sagen, Watain ist eine Art Zufluchtsort. Der kann einen wirklich durch die dunkelsten Zeiten bringen, wenn man in seinem Leben keinen anderen Zufluchtsort hat, und mit Watain haben wir das irgendwie zum zentralen Aspekt unseres Lebens gemacht. Diesen Zufluchtsort. Chaos und Aufruhr sind eine Konstante in der menschlichen Geschichte.”

Auf dem neuen Album haben wir 10 Tracks mit epischen, brutalen und gelegentlich melodischen Black Metal-Ausflügen. bekannt ist ja bereits die erste Single “The Howling”, die gerade genug Groove hat, um ein Gefühl von drohendem Unheil zu erzeugen. Und Songs wie “Serimosa” bieten einen anderen und grandioseren Ansatz, bei dem der grimmige Gesang eine äußerst bedrückende Atmosphäre erzeugt. Was wir hier finden ist kein geradliniges Lärmfeuerwerk, wie man es vielleicht von traditionellerem Black Metal erwarten würde, aber Watain ist über jegliche Art von Normalität längst hinaus. Tatsächlich unterstreicht Eric in seinen vorhin genannten Zitaten die Absicht der Musik, einen Schutzwall gegen die echten Wölfe vor unseren Türen zu bieten.

Und Eric erklärt sogar den Begriff:

‘Serimosa’ erzählt von der elektrisierenden Vorstellung der Ankunft einer großen Macht. Das Auftreten von Rissen im Damm, der die Flut des großen Meeres aufhält. Ein Besucher aus dem Jenseits, der die Schwelle zur materiellen Welt überschreitet. Genau wie “Watain” ist “Serimosa” der Begriff einer Macht unbekannten Ursprungs, die in die Welt kommt und keine Geschichte hat, und der man sich mit Ehrfurcht nähern sollte. Das Wort hat seine sprachliche Wurzel im lateinischen Wort Seri (“Serum”), zusammen mit Dolorosa (“Schmerz”), Nebulosa (“Sternennebel”) und Lacrimosa (“tränenreich”), so als ob diese Wörter und ihre Bedeutungen in einem gesprochen würden.

Das ist natürlich alles starker Tobak und führt weit über die Musik hinaus in ein spirituelles und philosophisches Register, dem man sich widmen kann, aber nicht muss. Tatsächlich ist es so, dass durch jeden einzelnen Ton auf diesem Album auch so klar wird, dass hier eine ganz besondere Macht am Walten ist. Solche Klänge fabriziert man nicht durch Zufall oder einfach nur, weil man gute Musiker um sich hat.

Und das ist ein Punkt, der sich von allen bisherigen Veröffentlichungen der Band unterscheidet. Watain haben das Album zum ersten Mal live eingespielt. Eigentlich bestehen Watain ja nur aus drei Leuten: Eric Danielson an Gesang und Bass, Hakan Jonsson an den Drums und Pelle Forsberg an der Gitarre. Diesmal aber machte Hakan die Aufnahmen nicht mit, stattdessen war das gesamte Live-Ensemble im Studio, mit Emil Svensson am Schlagzeug und zusätzlich Hampus Eriksson an der Gitarre und Alvaro Lillo am Bass, also seit 2014 ein eingespieltes Team. es wurde also keines der Instrumente separat aufgenommen. Dadurch entsteht natürlich ein absolut intensives Gefühl, tatsächlich sollte Heavy Metal ganz genau so gespielt werden. Ich habe zu Beginn lange darüber nachgedacht, warum das Album so eine unglaubliche Wucht hat. Hier ist die Antwort. Und natürlich auch, dass die drei Kernmitglieder, die am Songwriting beteiligt sind, auch wenn Eric den Löwen bzw Wolfsanteil ausführt, schon als Teenager im schwedischen Uppsala zusammenkamen. Man darf ja nicht vergessen, dass es heute fast keine Band mehr gibt, sondern nur noch Projekte, denen jede echte Band von vornherein haushoch überlegen ist. Wir sprechen hier von 1998, also einer Zeit, da die zweie Black-Metal-Welle langsam am versiegen war.

Die größten Bands waren Dimmu Borgir und Cradle of Filth. Man könnte sogar so weit gehen und behaupten, dass Watain eine Gegenreaktion auf diese Bands war, die damit das wieder zurück bringen wollte, was einstmals als echter Black Metal galt: das ernsthafte satanische und extreme Thema. Solche Aussagen erfordern natürlich immer auch die Frage nach dem, wer denn tatsächlich eine definitive Formel für den Black Metal kennt. Auch das ist ja mehr als alles andere eine Glaubensfrage. Für Cronos zum Beispiel waren die ganzen norwegischen Kids gar kein Black Metal, wie er ihn verstand. Ihm fehlte das Augenzwinkern und der Witz und er hätte es lieber gesehen, wenn Euronymus diesen Begriff nicht verwendet hätte sondern stattdessen sowas wie Norse Metal. Das steht natürlich im völligen Kontrast zu dem, was Eric ausdrücken will. Watain sind so sehr versucht, durch ein Gefühl von Chaos eine größere individuelle Freiheit zu erlangen.

Aber um ehrlich zu sein, höre ich auf dem Album nicht viel Chaos, sondern ein perfektes Zusammenspiel von Gleichgesinnten, die eine Klanglandschaft errichten, die schlichtweg atemberaubend ist.

Black Cunt und Leper’s Grace sind weitere grandiose Stücke, die auf dem ganzen Album ohnehin nicht abreißen. Es ist ja nicht nur das Wechselspiel, die Dynamik, der Kontrast zwischen Raserei und epischen Momenten, die hier sofort ins Ohr gehen, es sind die unzähligen kleinen Details. Manche davon entdeckt man überhaupt erst auf dem Kopfhörer, aber auch diejenigen, die offensichtlich sind, wie eben in Black Cunt das spezielle Lead, das überraschend auftaucht, oder später im vorletzten Song Funeral Winter, als eine ganz bestimmte Gitarrensequenz erst zum Schluss hin fast schon verschwendet wird. Überhaupt strotzen Watain hier voller spielerischer Finesse und Inspiration. Keiner wird ihnen in diesem Jahr in Sachen Black Metal auch nur ansatzweise nahe kommen können. Mit diesem Album haben sie sich endgültig in ihr eigenes Genre verzogen.

Not Son Nor Man Nor God teilt das Album sozusagen in der Mitte mit einem disharmoischen Klavierchord, Donnerrumpeln und einem melodischen, wehmütigen, kurzen Gitarrenlead, bevor dann mit Before the Cataclysm mit sieben Minuten das längste Stück des Albums angestimmt wird und den eigentlichen Höhepunkt des Albums vorbereitet. Diese Anordnung ist gar nicht so leicht zu fassen, aber an dieser Stelle wirkt Before the Cataclysm wirklich wie ein Ouvertüre mit seinen ständigen Wechseln, dem eingefügten klassischen Heavy-Metal-Riff, das immer wieder von der epischen Atmosphäre verschluckt und eingefangen wird und zum Schluss sogar eine typisch nordische Skala auf der Gitarre auspackt. Inhaltlich beschäftigt sich Eric hier intensiver mit dem Tod als gewöhnlich. Das bezieht natürlich auch auf seinen Freund Selim Lemouchi, der sich 2013 das Leben genommen hat, aber auch auf andere Todesfälle, die in letzter Zeit im privaten Umfeld zu bewältigen waren.

Das Stück ist fast schon progressiv und rutscht nahtlos in die Einleitung zu We Remain, auf dem dann Farida Lemouchi ihre gnadenlos geniale Stimme auspackt, bevor Eric das Thema übernimmt. Überhaupt ist auch Eric hier wie auf dem ganzen Album in einer außergewöhnlich guten stimmlichen Verfassung und passt sein Krächzen oder Kreischen der jeweiligen emotionalen Struktur der Songs besser an als jeder andere seiner Zunft. Lyrisch dreht sich der Song um die fünf elementaren Flügel des Pentagramms und die Geheimnisse, die in diesem alten Symbol stecken. Es ist ein Song über vergessene Dinge, an die man sich erinnern sollte, über die Suche nach Wahrheiten, die verloren gegangen sind, über die ewig brennende Flamme, die die Dunkelheit vergangener Zeiten erhellt, über das Vergehen von Äonen und unseren streitbaren Platz darin.

Ich bin mit dieser Besprechung ziemlich früh unterwegs, so dass ich mir nicht vorher ansehen konnte, was andere über dieses Album denken, kann mir aber durchaus denken, dass manche diese unvergleichliche Spielfreude ebenso verdammen wie jene, die ein bisschen was von Musik verstehen, davor auf die Knie gehen werden. Und natürlich alles dazwischen. Ich weiß nicht, ob wir nicht allesamt zu satt sind, um überhaupt noch zu bemerken, wenn etwas außergewöhnliches um uns herum passiert.

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Unser Intro wurde von transistor.fm erstellt.

Review | Amorphis – Halo | #13

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Über das neue Album von Amorphis zu sprechen ist für mich eine viel schwierigere Aufgabe als gedacht. Ihr neues, das manche als den Abschluss einer Trilogie sehen, bestehend aus Under the red cloud von 2015, Queen of Time von 2018 und eben dem am 11. Februar erschienenen Halo habe ich immer wieder aufgeschoben und stattdessen lieber wieder und wieder gehört. Ich muss dazu sagen, dass ich Amorphis zwar immer wahrgenommen habe, aber nie damit gerechnet hätte, dass mich eines Tages eine Scheibe dieser Band so maßlos überrollen würde.

Da war zunächst das Video zu “The Moon”, das bereits ende letzten Jahres zu sehen war und alles schien für mich nach Business as usual aus. Der Song war eben von Amorphis und enthielt alles, was man so erwartet. Aber darüber hinaus eben auch nichts anderes. Erst als das Album dann vorlag, war mir sofort klar, dass es zumindest in meiner musikalischen Welt selten vorkommt, dass ich so fassungslos bin. Und das ist so geblieben, so oft ich die Scheibe auch höre. Jetzt könnte man ja meinen, ich sei ein bisschen abgeklärter als manch anderer, der mit jedem guten Album sofort das Album des Jahres ausruft. Da sind wir ja ohnehin im rein subjektiven Bereich. Es gibt keine Waage, die erklärt, warum irgendetwas besser sein soll als etwas anderes. Und so ist es natürlich auch hier. Ich habe meine Erfahrung, meinen Geschmack – und der kann sich durchaus laufend ändern. Ob etwas gut ist oder nicht entscheide ich weder nach Zeitgeist noch Underground noch Genre, das kommt eher wie bei den meisten aus dem Hinterhalt.

Amorphis sind eine Band, die sich im Laufe der Zeit massiv verändert hat, wenn wir jetzt mal vom Debüt The Karelian Isthmus ausgehen, und die länger als andere Bands nach ihrem Stil gesucht haben. Erst mit dem Einstieg von Tomi Joutsen auf dem Album Eclipse von 2006 haben sie den dann gefunden und von Album zu Album weiterentwickelt. Das ist eine Formel aus melodischem, Manchmal psychedelischem, oft folkigem, sporadisch rockenden, auf seltsame weise progressivem Heavy Metal, dem ein warmes, melancholisches Gefühl innewohnt. Hinzu kommen natürlich noch die Texte, die fast immer von bedeutenden finnischen Lyrikern geschrieben werden, hauptsächlich Pekka Kainulainen, eine finnische Berühmtheit. Und diese Lyriks, teilweise angelehnt an das berühmte finnische Epos Kalevala (Kaleh Vala), das ja auch Tolkien maßgeblich zu seinem Herrn der Ringe inspiriert hat, passen so unfassbar gut zu den tiefen, gewaltigen und endlosen Hooks von Joutsens Refrains und dem melodischen Spiel von Gitarrist Esa Holopainen, dass einem sofort die Spucke wegbleibt.

Ich habe in letzter zeit viele Rezensionen gelesen und auch gehört- und auch wenn das Album erwartungsgemäß überall gut aufgenommen wurde, gab es kaum die Höchstnoten, an denen man meiner Meinung nach überhaupt nicht vorbei kommt, wenn man auch nur irgendetwas von Musik versteht. Aber da sind wir natürlich wieder beim Subjektiven. Und einer musikalischen Mentalität. Von dem her kann ich zwar manchmal verblüfft sein, kann mir aber vorstellen, dass es andere mir gegenüber eben auch sind. Für mich ist die ganze Welt ein einziges Paradox. Und jetzt versteht mich nicht falsch, ich habe bis jetzt kein einziges Album von Amorphis über den Klee gelobt, dabei haben sie eine Menge großartiger Sachen gemacht. Queen of Time wurde als ihr Opus Magnum ausgerufen – und es gefällt mir, kann aber nur einen weiteren Entwicklungsschritt zu Halo hin bedeuten. Das liegt daran, dass Queen of Time oftmals den Fokus verliert, während Halo von der ersten Note an einen Faden aufnimmt und ihn bis zum Schluss nicht mehr verliert, auch wenn die Schlussnummer My Name ist Night noch aus der Aufnahmesession von Queen of Time stammt. Die Songs wurden vom Produzenten Jens Bogren zusammengestellt und auch das ist perfekt gelungen. Irgendwo stand, dass sie bis zu 46 Songs für das Album geschrieben hatten – und sieht man vom letzten Song ab, der ein Duett mit Petronella Nettermal ist – sind davon schließlich nur 10 auf das Album gekommen, und ich würde fast wetten, dass die anderen Nummern auch nicht gerade um vieles schlechter waren, aber vermutlich nicht diese unfassbare Kompaktheit, die das Album verströmt, unterstützt hätten, was natürlich reine Vermutung bleibt. Man glaubt gerade, man hat es mit einem Konzeptalbum zu tun, was nicht der Fall ist, auch wenn das Totenreich der finnischen Mythologie Tuonela eine bedeutende Rolle spielt, wo die Seelen der Toten als schattenhafte Geister herumwandern, ob gut oder böse. Das Schicksal ist für alle gleich. Dort gabs dann ein Bier, das die Erinnerung an das Leben auslöscht, was an den griechischen Fluss Lethe erinnert.

Überhaupt ist die finnische Mythologie eine der Interessantesten überhaupt und auch wenn ich mit Folklore oft genug meine Probleme habe, ist das bei Amorphis überhaupt nicht der Fall, weil sie zwar omnipräsent aber nicht aufdringlich ist. Oder eben, weil sie was bestimmtes in mir auslöst.

Das 14. Studioalbum also ist es, was mich so früh im Jahr schon fast festlegt. Ich sage fast, weil ja noch einige Hämmer ins haus stehen, aber ich kann mir nicht vorstellen, wie dieser geniale Brocken übertrumpft werden könnte. Ich sehe das nicht, selbst wenn ich meine Fantasielampe anschalte. Erschienen ist das Album zum ersten mal auf Atomic Fore Records, und auch das markiert natürlich einen bestimmten abschnitt, entweder das ende eines alten oder den Beginn eines neuen. Hört sich an, als wäre es das gleiche, aber das ende von was altem ist nicht schon der beginn von was neuem, weil das neue ja erst danach beginnen würde, nach dem ende. Wie auch immer. neues Lael, neues Album.

Kommen wir nochmal zurück zu “The Moon”, der im Album an dritter Stelle erscheint. Der beginnt mit dieser vertrauten Amorphis-Art, die schnelle eine düstere, meditative Atmosphäre aufbaut, und dann, um die 20-Sekunden-Marke herum, dringt ein wunderbar warmes, melodisches Riff mit einer gezupften Akustik im Schlepptau aus den Lautsprechern. Der Text beschäftigt sich mit er frühen Existenz der Erde und der Ankunft der ersten Menschen. Wie gesagt ist das alles stark an die finnische Folklore angelehnt, wenn auch nicht immer aus dem Nationalepos entnommen. Zumindest diesmal nicht. Trotzdem entsteht bei jedem Song ein tieferes Gefühl über die ohnehin schon überragende Musik hinaus.

“Halo” beginnt mit dem vorhersehbar erdrückenden Opener “Northwards”, dessen dröhnende Keyboards, Folk-Melodien, keinen Zweifel daran lassen, wohin die Reise geht. verfeinert wird der Track mit einem Solo auf der Hammond-Orgel und den überragend arrangierten Chören, die das ganze Album wie eine Nebelwand begleiten, die gerade mal dann zu sehen ist, wenn man auf eine Lichtung tritt oder auf dem Gipfel eines Berges zum stehen kommt.

Was folgt, ist genau das, was man von Amorphis in diesem Stadium ihrer Karriere erwarten kann – Folk-inspirierter Progressive Death Metal mit vielen Anspielungen auf die Acid-Rock- und Prog-Ära alter Tage, Hooks ohne Ende, und Momente, die am Rande der Symphonik schwanken. An dieser klanglichen Identität wurde Jahrzehnte akribisch gearbeitet, das passiert nicht einfach. Und hier ist jetzt der definitive Ertrag all dessen, was Amorphis verkörpern.

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Review | Ghost – Impera | #12


Der immer weiter anschwellende Erfolg von Ghost zeigt unter anderem, wie sehr das Bedürfnis nach Zugehörigkeit und Identifikation in einer völlig sinnentleerten Welt vorhanden ist. Auf den ersten Blick mag das alles nach Bubblegum mit einer Prise Horrorkino aussehen, aber in Wirklichkeit weiß Tobias Forge genau, was er tut. Der Mann hinter Ghost verfolgt einen strukturierten musikalischen Masterplan, und wie es aussieht, funktioniert der ganz hervorragend.

Wer aber jetzt glaubt, dass deshalb alles in Butter ist, der lässt sich vielleicht von der offensichtlichen musikalischen Leistung des neuen Albums blenden – was nur allzu leicht verständlich ist. Ich selbst habe hier und da  trotzdem ein paar kritische Worte parat.

Review | Midnight – Let there be Witchery | #7


Freude ist in jenen Tagen eine Sache, über die zu sprechen man sehr vorsichtig sein sollte, aber hinter der allgemeinen Betroffenheit ist sie am Ende dann doch notwendig, um in der von uns allen angeranzten Welt auch nur halbwegs klarzukommen. Eines dieser Alben, die einfach nur Spaß machen, weil sie in letzter Konsequent purer Rock n Roll sind, ist Let there be Witchery von Midnight, dem Einmann-Projekt von Jamie Walters aka Athenar aus Cleveland. Längst kein Unbekannter mehr, gelingt es ihm, das Flair alter Rumpelkapellen wie Venom in die heutige Zeit zu transportieren und dennoch unverkennbar seine eigene Handschrift zu hinterlassen, auch wenn er selbst der Meinung ist, dass seine Songs im Grunde nur Venom-Cover sind.

Was es sonst noch gibt: Abschweifungen in die gute alte Zeit (inklusive Zeitschleifen und massenhaft Vergleiche mit Venom).