Sons of Satan: Venom

Willkommen Freunde draußen an den Radiogeräten zu einer weiteren Ausgabe eines Specials hier im Podcast Work of Sirens, die aber ebenso gut in unsere Kultalben gehört. Einigen von euch wird aufgefallen sein, dass es eine solche Sendung bereits auf dem Youtube-Kanal gab, und tatsächlich ist dem so. Der Hintergrund ist der, das ich tatsächlich schon damals einige sogenannte Schlüsselsendungen gemacht habe, und wenn ich diese noch einmal überarbeite und im Podcast anbieten, dann hat das etwas damit zu tun, dass Work of Sirens in großen Teilen aufeinander aufbaut und am Ende wie ein Kompendium aufgebaut sein wird. Es steckt also ein größerer Plan dahinter als gegenwärtig ersichtlich ist. Es lohnt sich also, dran zu bleiben und den Kanal weiter zu verfolgen. Und viele Podcast-Hörer haben den Youtube-Kanal nie verfolgt, das sind sogar die meisten.

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Heute kommt also ein weiteres Puzzle-Teil hinzu. Es geht um Venom und um ihre drei Alben Welcome to Hell, Black Metal und At War with Satan, die zu Beginn der 80er Jahre ihr Höllenlicht auf die Erde warfen. Wenn ich von Venom spreche, dann wirklich nur in ihrer Urbesetzung. Ich bin im Bilde, was Venom mit Cronos heute machen und was Mantas mit seinen Venom Inc. heute macht, interessiere mich aber nicht groß für ihr modernen Schaffen. Das ist keine eigentliche Ablehnung und hat noch nicht mal was mit Qualität zu tun, aber bei beiden Bands ist der Geist verschwunden, der mal in der Band wohnte. Und selbst Venom könnten heute nicht mehr Venom sein, selbst wenn die Urbesetzung wieder zusammen käme, was nie der Fall sein wird. Die Musiker haben sich nichts zu sagen und es ist vielleicht zu vergleichen mit Pink Floyd, wo David Gilmore und Roger Waters sich wahrscheinlich nie wieder versöhnen werden, wobei ich immer davon ausgehe, dass es doch eines Tages möglich sein wird. Bei Venom allerdings ist es gar nicht notwendig, weil die zwei Venoms, die heute existieren, ja durchaus erfolgreich miteinander konkurrieren und viele jüngere Bands froh sind, vielleicht sogar beide einmal Live gesehen zu haben. Die können dann sagen: ich habe Venom Live gesehen, wenn ich alter Snob sage: nein, ihr habt nur einen Schatten von dem gesehen, was einmal war. Dazu reichen die Videos aus alten Tagen, um sich davon zu überzeugen. Ich hab die Band am 19. Oktober 1985 in Nürnberg in der Hemmerleinhalle gesehen, die man dort damals auch Behämmerten-Halle nannte, weil dort die kopfschüttelnden Kuttenträger eines ihrer Paradiese fand. Ein Jahr vorher waren sie mit Metallica als Vorband unterwegs, aber in dem Jahr waren Exodus dabei, die hatten gerade ihr Debüt fertig.

Venom mögen die Stagenames nicht erfunden haben, aber wenn ich von Conrad Lant, Jeff Dunn und Anthony Bray spreche, dann wissen die meisten erst mal nicht, wen ich meine. Sage ich aber Cronos, Mantas und Abaddon, dann sind das die legendären Namen, die wirklich jeder Metal-Fan parat hat und sofort mit Venom verknüpft. Wenn ich heute von Venom spreche, dann spreche ich nicht nur über eine Band sondern speziell über ein Phänomen, das damals keiner für möglich gehalten hätte. Heute kennen wir alles, wir haben musikalisch sämtliche Extreme ausgelotet und waren dabei, kurz gesagt: es haut uns diesbezüglich nichts mehr vom Hocker. Von dem er ist es schwer, sich eine Zeit vorzustellen, in der es Venom noch nicht gab, in der die härtesten Bands Motörhead und Judas Priest hießen. Als Motörhead 1977 auf der Bildfläche erschien, hat man sie als die schlechteste Band der Welt bezeichnet. Es sind also auch hier Parallelen zwischen Venom und Motörhead da. Und als im Dezember 1981 “Welcome to Hell” erschien, hatten Venom Motörhead als schlechteste Band der Welt abgelöst. Das lag natürlich an der geräuschkulisse. Venom wollten gar nichts anderes als Lärm erzeugen – wir sprechen da von 1979. Wir sprechen noch nicht mal von der NWOBHM, die es da noch nicht gab, die sich da erst formiert hat. Viele Bands standen in den Startlöchern – und wir reden von Newcastle upon Tyne. Das ist die nördlichste englische Stadt, fast an der schottischen Grenze gelegen. Und da ist so ein spezielles Völkchen unterwegs, die werden Geordies genannt. Geordie ist einerseits der Dialekt, den man in Newcastle spricht, wird aber auch angewandt auf die Einwohner. Und Geordie sagt dem ein oder anderen vielleicht was in Verbindung mit Brian Johnson. denn bevor der zu ACDC ging war er Sänger der Band Geordie. Und Brian Johnson ist zum Beispiel einer der Berühmtheiten aus Newcastle. Ein anderer wäre Sting und dann gibts noch den Eric Burdon von den Animals. Nur um einige zu nenne, es gibt viel viel mehr. Und viele der NWOBHM Bands dann später – wie Raven, wie War Fare, wie Tygers of Pan Tang – wahrscheinlich die ruhmreichste Band aus Newcastle – die kamen alle aus dieser Ecke des Landes. Und Tygers of Pan Tang waren auch die erste Band der zukünftigen Bewegung, die 1979 bereits ihre Single “Don’t toch me there” veröffentlicht hatten. Und 1979 gab es auch das berühmte Neat-Records noch nicht, war aber in dem Jahr dann gegründet worden.

Manchmal muss eine Band zur richtigen Zeit am richtigen Ort sein, um den Impact zu haben, den sie dann hat. Anders kann man sich vieles nicht erklären. es mag heute einige Bands geben, die sich anhören wie Venom, die aber heute niemals die Aufmerksamkeit bekommen werden wie es damals – 1979, 1980 der Fall war. Die Zeit war reif. Das ist das eine. Du hast da ein bestimmtes Völkchen in Newcastle. Da ist alles vielleicht ein bisschen rauer, da spuckt man eher, wenn man spricht – man muss sich nur mal die Interviews mit Cronos aus der Zeit anschauen. Das ist ein fast schon schottischer Dialekt, so ein Küstendialekt. Das ist alles in allem also ein etwas raues Klima. Man spricht ja gern von Birmingham und Liverpool und in London von den Kunststudenten und dem Londoner Punk. Aber man vergisst dabei, dass es eben weitaus mehr Orte gibt, die besondere Spezifikationen ausprägen und die NWOBHM wäre ohne Newcastle mit Sicherheit wesentlich armseliger gewesen.

Conrad Lant war wie wir alle bereits in jungen ein leidenschaftlicher Musikhörer und träumte davon, eine Band zu gründen. Dazu zählten natürlich die zu der Zeit üblichen Verdächtigen. Die Rolling Stones, Elvis Presly, eben das Zeug, das bei den Eltern vielleicht im Regal steht. Dann wurde das schnell ausgetauscht gegen T-Rex, gegen David Bowie, gegen Led Zeppelin, also da kam dann schon die eigene Generation ins Spiel. Und dann bist du so ein Typ und hast eine Vision. Klar, du musst eben auch der Typ dazu sein, denn von einer Band haben wir wahrscheinlich alle mal geträumt. Cronos war so ein Typ. Ein Großmaul, der sein Erweckungserlebnis dann fast schon folgerichtig durch den Punk bekam. Namentlich die Sex Pistols. Als die 1977 auftauchten – da wäre es fast schon ein Wunder gewesen, wenn jemand wie Cronos da nicht steil gegangen wäre. Die Sex Pistols haben gezeigt, dass man Rock N Roll wieder zur Basis zurückführen kann und muss. Weg mit dem ganzen Artifiziellen und wieder rebellisch sein. Cronos schwärmte also von den Pistols, aber obwohl Venom natürlich vom Punkt beeinflusst waren, was Mantas immer verleugnet hat – der hat sich für Punk ohnehin nie interessiert und war und ist ein großer Judas Priest Fan und bevorzugt Alice Cooper und solche Klassiker wie auch Kiss – während Cronos seine Vorliebe für Doc Martens als Beweis für sein Punker-Dasein ins Feld führt – aber Mantas sagt, dass er Cronos immer nur von Kate Bush hat sprechen hören und nie von Punk oder den Sex Pistols. Das Interessante ist natürlich – wenn man die Geschichte von Venom verfolgt – es gibt unzählige Interviews mit allen Musikern – da sind Fakten enthalten, aber da werden viele Dinge verzerrt dargestellt – Cronos nennt Mantas zum Beispiel gar nicht mehr beim Namen und nennt ihn nur “den Gitarristen” – und in jedem Interview steht durch die ganzen Streitigkeiten dann auch eine etwas andere Version der Dinge. Mantas sitzt gerade an einem Venom-Buch und wir können sicher sein, dass wir seine Sicht der Dinge bald auch in Druckform vorliegen haben. Aber es ist ja auch so, dass sich die Jungs an viele Dinge überhaupt nicht mehr erinnern.

Das Interessante an Venom ist – also es gibt viele interessante Fakten zu Venom – aber eines der interessanten Dinge an Venom ist – dass hier eine Band, die immer dazu herhalten muss, den Black Metal erfunden zu haben – ihre ersten Gehversuche in einer Kirche machten, und zwar in der Newcastle Westgate Road Church Hall. Davon gibt es auch grottenschlechte Aufnahmen noch mit ihrem Sänger Clive Archer, Venom waren überhaupt mal zu fünft, denn Cronos spielte da noch gar nicht Bass sondern Gitarre, während ein gewisser Alan Winston noch den Bass bediente. Clive Archer, der sich den Künstlernamen Jesus Christ zulegte, war zwar ein merkwürdiger Typ, aber gar kein schlechter Sänger. Das kann man auf dem “Demon” genannten Demo hören, wo Songs wie “Sons of Satan”, “In League with Satan”. “Angel Dust” oder “Live like an Angel, die like a Devil” eindeutig noch die Hard Rock-Einflüsse der 70er Jahre erkennen lassen. Das bestätigt dann auch das, was Mantas in seinen Interviews sagt, dass Venom eine Rock n Roll Band im Sinne von Motörhead waren.

Es ist also ausschließlich auf das zweite Album von Venom, das den Namen Black Metal trägt, zurückzuführen, dass sich ein ganzes Genre danach benannt hat, wobei da Euronymous von Mayhem die treibende Kraft dahinter war. Die Jungs von Venom waren damit nicht immer einverstanden, die sogenannten Väter des Black Metal zu sein, auch wenn Cronos es toll fand, was die jungen Leute in Norwegen Anfang der 90er musikalisch so trieben und als neue Generation in einer Welt, die da schon nicht mehr zu schocken war, noch mal ne Schippe drauf legten. Und es ist ganz klar, dass ohne die Kirchenbrände, Selbstmorde und Morde der Black Metal nie derart in den Fokus der Öffentlichkeit gelangt wäre. Wer hätte gedacht, dass aus einem verbalen Unfall von Cronos, der sich dagegen verweht hat, Heavy Metal zu sein, solang ein Song wie Michael Jacksons Beat it in den Metal-Charts des englischen Magazins Kerrang auf Platz 1 ist, nur weil Eddie Van Halen darauf Gitarre spielt, fast sämtliche Genres, die wir heute kennen, ihren Namen bekamen. Cronos sagte wörtlich: wenn das Heavy Metal ist, dann sind wir etwas anderes, dann sind wir Power Metal, Speed Metal oder Black Metal, aber kein Heavy Metal.

Aber natürlich ist es für Venom auch eine Ehre, sozusagen am Beginn des ganzen Extreme Metal zu stehen, und es stimmt zumindest ein bisschen, dass Venom den Black Metal aufs Feld führten, und hätten Motörhead in den 70ern über Satan gesungen statt über Glücksspiele, Frauen und Whisky, dann wären wahrscheinlich sie die Erfinder des Black Metal, weil ja viele Genres oft nur von den Lyrics abgeleitet werden. Und tatsächlich sind Motörhead ja der eigentliche Beginn des Extreme Metal, aber Venom hatten natürlich auch durch ihr martialisches Auftreten die Nase vorn.

Und wenn ich vorhin sagte, dass man zur richtgen Zeit am richtigen Ort sein muss, dann dreht sich tatsächlich vieles um Chronos, der damals eine Ausbildung zum audiovisuellen Ingenieur gemacht hat Impulse-Studio gemacht, das dann später zu Neat gehörte. Dort bediente er die Bandmaschine und versuchte von Anfang an, seine damalige Band Dwarf Star ins Studio zu schleußen, um ein Demo aufzunehmen. Von Anfang an spukten Cronos diese satanischen Themen im Kopf herum. Das kritisierte er etwa bei Black Sabbath, die ihm da zu wenig weit gingen. Solche Band blieben alle schön in diesem Hammer-Horror-Klischee, gingen aber eigentlich nie weiter. Das sieht man auch ganz gut an Alice Cooper mit seiner Horror-Show und an Arthur Brown, der ein bißchen unterhaltsamen Voodoo beimischte, aber alles in allem blieb alles doch recht harmlos. Und Cronos dachte daran, dass jemand dieses Korn aufnehmen könnte und die teuflischen Themen endlich mal wirklich aufs Parkett bringen sollte. Bei seiner Zeit bei Impulse traf er auf viele Bands, die kein Interesse daran hatten, was eigenes zu machen, sondern immer nur klingen wollten wie eine andere Band. Lass uns klinegn wie Iron Maiden, lass uns klingen wie Saxon. Solche Sachen waren für Cronos völlig unverständlich und er vermisste den Geist des wahren Heavy Metal. Und tatsächlich vermutet man, dass es über 500 Bands der NWOBHM gab, von denen es viele nicht mal auf ein Album brachten, und die meisten davon hören sich tatsächlich ziemlich austauschbar an und kommen auch aus dem 70er Hard Rock nicht hinaus, der vielleicht ein bisschen punkiger und stümperhafter gespielt wird, aber auch nicht mehr.

Und wäre Cronos nicht bei Neat gewesen und wäre nicht so hartnäckig dran geblieben, dann wäre es auch mit Venom nix geworden und vielleicht hätten wir dann nicht mal Bathory bekommen oder alles erst ein paar Jahre später. Der Dickschädel aus Newcastle wurde zwar ständig ignoriert, aber er schob unzählige Überstunden und bequatschte die Tontechniker, ihn ein Demo aufnehmen zu lassen, aber das kam für Neat überhaupt nicht infrage. Zeit war pures Geld in so einem Studio und man wollte den Launen eines Lehrlings nicht nachgeben.

Mit den Dwarf Stars wäre das auch ganz sicher nichts geworden, aber Cronos lernte auf einer privaten Party dann eben Jeff Dunn alias Mantas kennen und der Stein kam ins Rollen. Jeff erzählte von seiner Band Guillotine, von der Cronos behauptet, es sei eine Judas Priest Tribute-Band gewesen, was Mantas selbstverständlich leugnet, aber die zwei können auch zusammen im Regen stehen und einer von ihnen würde behaupten, es scheine die Sonne. Klar hatte Mantas eine Flying V und hätte gerne gespielt wie KK Downing, aber er sagte ja selbst, dass Guillotine mal versuchten hätten “The Ripper” von Priest zu covern, was kläglich in die Hose ging, weil sie das Zeug nicht spielen konnten. Das ist zumindest glaubhaft. Heute ist Mantas ein recht passabler Gitarrist, aber da liegt sicher harte Arbeit drin. Mantas war nie einer, dem das in die Wiege gelegt worden war – und konnte garantiert damals keine Solis von Priest nachspielen.

Ein weiterer Meilenstein im Erfolg von Venom war sicher Geoff Barton, der den Begriff der NWOBHM im Sounds Magazine zum ersten Mal verwendete und der später dann das erste Demo von Venom auf seinem Schreibtisch fand. Selbst sagte er, er konnte seinen Ohren nicht trauen und alle Kollegen hätten fluchtartig das Büro verlassen, und zwar nicht aus Protest, sondern aus Angst um ihr Leben. So wörtlich Geoff Barton. Und so unglaublich es sich anhört, der war ein Befürworter von Venom, auch wenn keiner wusste, warum eigentlich. Das ging so weit, dass Neat Records glaubten, Venom hätten ihn bestochen, weil der ihr Demo im Sounds so hoch bewertet hat, nämlich mit 5 von 5 Sternen. Und in seiner Review hat er Neat indirekt dazu aufgefordert, mit Venom eine Platte zu machen.

Ihr seht also, da sind einige wichtige Faktoren zusammen gekommen. Erstens die richtige Zeit, man hatte die NWOBHM noch vor sich, die Plätze sind noch nicht alle besetzt. Man hat eine eigene Idee, nämlich Chaos und Angst zu verbreiten und satanische Themen zu verwenden. Man hat einen der größten Musikkritiker der damaligen Zeit auf seiner Seite, und man hat jemanden, der in einem Studio arbeitet.

Schaut man sich alte Bilder der frühen Band an, als Clive Archer noch Sänger war, dann wird sofort jedem klar, wo die Kids der 90er ihre Inspiration her hatten, sich Schminke ins Gesicht zu tunken. Sicher, da sind auch Kiss, Arthur Brown und Alice Cooper nicht ganz unschuldig, aber besagte Bilder mit Venom als Vierer passen wie angegossen zur frühen BM Bewegung in Norwegen. Vor allem, weil Clive auch noch gerne an einem Messer lutscht und es so aussehen lässt, als schneide er sich in die Zunge. Ausgestiegen ist er dennoch, weil ihm Venoms Ausrichtung nicht in den Kram passte. Zwar war er ein Horror-Film-Fan, aber er stand ebenfalls eher auf Judas Priest und ließ den Venom-Lärm links liegen, um in einer Blues-Band zu singen, wo er auch noch heute hobbymäßig zugange ist. Im Grunde speiste sich Venom aus drei Bands. Clive Archer war mit Schlagzeuger Abaddon befreundet und Sänger bei Oberon, Cronos hatte seine Dwarf Stars und Mantas Guillotine. Allerdings hatten sie den Namen Venom angenommen, weil ein Typ, der immer bei ihnen im Proberaum herumhing, ihn vorschlug. Keine große Sache also. Verewigt wurde das dann durch ein weißes Motorrad, auf dem Mantas auf der Rückseite des Black-Metal-Albums sitzt. Diese Maschine gehörte also dem Namensgeber.

Clive hatte wohl endgültig die Schnauze voll, als die Band ausgerechnet in seinem Vorgarten ihre Pyrotechnik ausprobierte und quasi den ganzen Garten in die Luft jagte. Venom ohne Pyrotechnik sind ja ebenfalls überhaupt nicht zu denken. Die haben da eine Menge Schaden angerichtet und es ist ein Wunder, dass da niemand ums Leben kam. Vor allem, weil von Sicherheit überhaupt nie die Rede war. Weil sie kein Geld hatten, besorgten sie sich alte Landminen und füllten Eisenrohre mit allen möglichen Dingen oder besorgten sich auf Flohmärkten alte ausgediente Kanonen und derlei Späße. Die Sprengwirkung von diesen Dingen wirklich einzuschätzen war quasi unmöglich. Als sie mal in einem Gemeindezentrum probten, ist das Dach eingestürzt, als sie die Pyros zündeten. Und auch auf späteren Live-Auftritten ging regelmäßig was schief. Sie haben unzählige Löcher in die Bühnen gebrannt, Theatervorhänge standen in Flammen und Geschosse sind durch die Luft geflogen und in die Wand geknallt. es war sicherlich ein absolutes Risiko, damals einen Auftritt von Venom zu besuchen, aber das war damals natürlich niemandem klar. Den Veranstaltern vielleicht, denn in England wollte Venom niemand auftreten lassen, nachdem sie die Demos gehört hatten. Also gingen sie den Weg über das Ausland. In Belgien zum Beispiel spielten sie und dadurch wurde ein Plattenverkäufer in Amerika auf die Band aufmerksam und bestellte bei Neat einen ganzen Karton des ersten Albums. Und so passte wieder mal alles zusammen.

Wäre dem nicht so, dann wären Venom nicht eine der 10 einflussreichsten Bands aus Großbritannien, und das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen und sich anschauen, was die Insel musikalisch hervorgebracht hat. Da sind die Beatles, The Who, Rolling Stones, Queen, Led Zeppelin, Black Sabbath, Fleetwood Mac … eine schier unglaubliche Liste .. und dann sind da Venom.

Wirklich keiner konnte ahnen, was da geschah, als 1981 Welcome to Hell rauskam. Der Witz an der Sache ist, dass Venom das Album gar nicht in dem Bewusstsein aufgenommen hatten, jetzt ein Album einzuspielen, denn sie dachten, sie würden von Neat ins Studio geschickt, um ein Demo aufzunehmen. Die erste Singe “In League with Satan” war nämlich so unerwartet erfolgreich, weil Geoff Barton im Sounds nicht müde wurde, darauf hinzuweisen, dass es hier eine Band gibt, die völlig anders klingt als alles, was man je gehört hat und dass die Musiker auch völlig irre sind. Und das will man als Pubertierender doch hören: eine Band, die vom Satan singt und Live alles in die Luft jagt und nur Lärm fabriziert. Klasse! Das ist unsere Band. Neat fragte die Band also, ob sie noch mehr Songs hätten und das hatten sie natürlich und spielten die innerhalb von drei Tagen ein. Wider erwarten pappten Neat dann auf diese Demos einfach einen Deckel drauf und brachten die Sachen als Album raus. Und auch wenn die Band natürlich erst mal entsetzt war, ist es wahrscheinlich genau dieser rohe Demosound, der die Platte zum absoluten Kultobjekt machte. Was beim zweiten Album der Titel war, das war hier der unverhohlene Rumpelcharakter. Und natürlich sind beide Alben Klassiker, das steht außer Frage. Black Metal klingt dann halt besser, aber Welcome to Hell hat einen nicht zu überbietenden Charm, der wieder mal von einem Zufall abhing, weil man ja ganz anders an die Aufnahmen herangeht, viel unbekümmerter eben.

Der Erfolg des Albums war überwältigend und für alle im Grunde unbegreiflich und ein Jahr später kam dann Black Metal raus und man könnte fast sagen, der Rest ist Geschichte. Venom werden für alle Zeiten am Beginn einer neuen Musikrichtung stehen, auch wenn im Grunde fraglich bleibt, was Black Metal in seinem Kern eigentlich sein soll. Man darf eben nicht vergessen, dass Venom immer eine Rock N Roll band waren, die alles mit einem Augenzwinkern taten, mit jugendlicher Unbeschwertheit eben, während anfangs der BM ja auch gerade dafür geeignet war, ziemlich gestörte Persönlichkeiten anzulocken. Wahrscheinlich ist es das noch, aber in der Zwischenzeit ist es dann doch darüberhinaus ein wahrhaft ernstzunehmendes musikalisch und künstlerisch wertvolles Genre geworden. Nimmt man es ganz genau, waren Venom sogar die erste Black N Roll Band, ein weiterer Begriff, der sich im Laufe der Zeit für all jene BM Bands eingebürgert hat, die tatsächlich wieder mehr Back to the Roots gehen wollten.

Während allerdings Cronos und Abaddon das Rockstarleben in vollen Zügen genossen, distanzierte sich Mantas immer mehr von der Band, der überhaupt keine Lust auf Exzesse hatte. Irgendwann in jungen Jahren mal in seiner Kotze aufgewacht, hatte er kein Interesse an einer Wiederholung. Aber das brachte natürlich den Spaltpilz in die Band und die Auswirkungen waren dann auf dem vierten Album Possessed zu hören, das an sich keine schlechten Songs enthält, die aber kaum geprobt wurden und quasi von Cronos im Alleingang hingehuddelt wurden. Mantas war da schon halb raus. Der Rest ist bekannt, 1987 kam Calm before the Storm, Mantas war raus, zwei Gitarristen kamen dazu: Mike Hickey und James Clare. Und 1989 ging das Spiel in die andere Richtung, Cronos war wieder drin, brachte Tony Dolan und Al Barnes mit rein und Cronos war draußen, was quasi schon die Version von Venom Inc. war. Und seitdem ist die Fangemeinde diesbezüglich gespalten, weil es ja immer auch darum geht, welche der beiden Bands das wahre Venom-Erbe verwalten. Für mich tun das weder Venom mit Cronos noch Venom Inc. mit Mantas. Das hat alles nichts mehr mit dem zu tun, warum ich eigentlich ein Venom-Fan bin. Die damaligen Songs strotzen nur so vor Kreativität, auch wenn man sie aus einem gewissen musikalischen Snobismus heraus belächeln mag. Alles nur Lärm und Krach. Was anderes haben Venom auch nie behauptet. Aber es ist eben eine der kreativsten Arten, um Krach und Halligalli zu machen. Der Charm, den die Band damals ausstrahlte fängt auch den Zeitgeist hervorragend ein. Und wenn man jetzt etwas weiter denkt, dann sind Bathory und Hellhamer direkt von Venom abhängig. Obwohl Quorthon einer der wenigen Musiker war, die behaupteten, nicht von Venom beeinflusst zu sein, was natürlich völliger Quatsch ist, wenn man sich die Sache mal genauer anschaut. Während Tom Warrior in die andere Richtung ging und Venom sogar übertreffen wollte, was ihm ja auch gelungen ist. Nicht nur mit Hellhammer, sondern spätestens mit Celtic Frost. Das war der gleiche Gedanke, den Cronos damals in Bezug auf Black Sabbath hatte und den Mayhem dann in Bezug auf den ganzen Rest hatten.

Wir müssen noch ein paar Worte über das dritte Album von 1984 verlieren: At War With Satan.

Im Laufe der Jahre wurde viel über Venoms chaotische und punkige Herangehensweise an die härteste Musik, die man sich vorstellen kann, gesagt, und ich habe heute meinen Teil dazu beigetragen, aber es lohnt sich, daran zu erinnern, dass At War With Satan viel mehr zu bieten hatte als einen dreiminütigen Auswurf voller hässlichem Lärm aus den Tiefen von Satans Rachen.

Einzigartig für die NWOBHM-Ära ist hier schon der Titeltrack des Albums, ein einziges, 20-minütiges Epos, das, obwohl es die technischen Fähigkeiten der Band hörbar bis an die Grenze ausreizte, eine kühne und innovative Erklärung der böswilligen Absicht dahinter darstellte, allen zu zeigen, dass man sich auch genüsslich im musikalischen Größenwahn zurecht findet. Das Album verwirrte sicherlich viele Venom-Fans der damaligen Zeit und nach wie vor ist es das Album der klassischen Besetzung, das am meisten polarisiert. Dennoch ist es natürlich ein Klassiker, und für nicht gerade wenige das beste Venom-Album überhaupt, missverstanden vielleicht, das mag sein, aber ein Klassiker. Was viele Leute nicht mehr wissen ist, dass Venom eine der ersten Bands in den 80ern war, die der Zensur angeblich besorgter Inquisitoren zum Opfer fielen. Dieses Album verärgerte all die richtigen Leute, während es gleichzeitig den Ruf seiner Schöpfer untermauerte, Heavy Metal in ein dunkleres, schmutzigeres und spürbar verrückteres Territorium zu führen, als es sich irgendjemand zu dieser Zeit auch nur erträumt hatte. Die Platte wurde überall aus den Regaln genommen und verkaufte sich deshalb auch nicht besonders, was aber – und dass muss ich betonen – nichts mit dem Ende von Venom zu tun hatte. Denen war sowas herzlich egal.

Der ausufernde Titeltrack ist natürlich das offensichtliche Herzstück: Seine oft unbeholfenen Übergänge von einem streitlustigen Riff zum nächsten zeigen die Grenzen der musikalischen Fähigkeiten von Venom auf, aber die schiere Kühnheit und Unbekümmertheit des Ganzen stellt sicher, dass At War With Satan 20 Minuten abenteuerliche, unausstehliche Brillanz bietet, es sei denn, man ist allergisch gegen Rohheit und lockere Angeberei.

Auch der Rest des Albums ist verdammt großartig – von der stampfenden Metal-Wut von “Rip Ride” und “Genocide” bis hin zum absurden Thrash von “Women Leather And Hell” und dem Tumult des treffend betitelten “Aaaaaarrghh” mögen Venom die Geduld von Metal-Fans mit einer Vorliebe für ausgefeiltere, professionellere Kost mutwillig auf die Probe gestellt haben, aber bei Gott, sie haben einen erheiternden und freudig idiotischen Lärm gemacht. Mit dem Zusatz Satan.

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Unser Intro wurde von transistor.fm erstellt.

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Host im Podcast "Work of Sirens"

Autor: Micky Winter

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2 Gedanken zu „Sons of Satan: Venom“

  1. Servus Kempe, toll dass du nun auch Podcast kannst, Allgäu Doom war einst meine erste epische Begegnung mit dir via YT.
    Venom sind mit Celtic Frost bestimmt eines meiner Crossroads-Erlebnisse in den 80ern. Um 1985 traten für mich die ersten Kutten in mein Leben und vor allem dann das Pentagramm von Venom. An einer Busshaltestelle sassen zwei langhaarige, 1986, die musste ich in meinem Kaff anquatschen, Punktlandung. So ward ich begeistert von “In League with Satan” oder “Raise the Dead” so böse so “Evil Dead” (Movie) like. Das At War With sAtAn Album war dann die Krönung der musikalisch harmonischen Zerstörung. Faszination pur. Dazu wurde dann auch das 6. und 7. Buch Mosis studiert, etc. Das Augenzwinkern hat für Klarheit über den Okkultismus gesorgt. Zum Glück kam dann Candlemass und Fates Warning dazu. Stay Metal.

    1. Candlemass sind später für mich eine ganz wichtige Band geworden. Fates Warning zumindest bei “Awaken the Guardian”. Wenn man es genau bedenkt, ist genau diese Mischung, die eigentlich nichts miteinander zu tun hat, mein Elysium: Das Alberne von Venom, der Doom von Candlemass und das Proggige von Fates Warning. Das ist zwar jetzt nicht ganz korrekt ausgedrückt, weil noch eine ganze Menge fehlt, aber so ungefähr kommt es hin 🙂

      Podcasten: klar. Hätte ich von Anfang an machen sollen. YT ist diesbezüglich völliger schmarren, zumindest was eine Sendung über Musik betrifft.

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