Der endlose Ozean: Scarecrow – Scarecrow II

Bisher habe ich vierzehn Bands mit dem Namen Scarecrow gezählt und eine Menge mehr, die The Scarecrow heißen. Diejenigen, um die es hier heute geht, sind aus Perm in Russland (wo es immerhin nur zwei Bands mit diesem Namen gibt). Ihr zweites und limitiertes Album ist bereits 2021 bei Narcoleptica Productions erschienen, die irgendwo in Kasachstan sitzen und zwischen Black, Death und Grindcore auch etwas Doom pflegen. Ich denke, eine Spezialisierung in diesen Breitengraden ist auch weniger sinnvoll, obwohl ich zugeben muss, dass ich rein gar nichts über die dortigen Verhältnisse weiß.

Zu Scarecrow kam ich auch nur deshalb, weil mich die Band selbst kontaktiert hat. Das tun zwar eine Menge Bands, aber bei den meisten Zusendungen muss ich nicht mal reinhören um zu wissen, dass das nichts für mich ist. Scarecrow hatte ich allerdings auf meinen permanenten Wanderungen durch Bandcamp schon einmal kurz im Ohr und erinnerte mich daher, dass ich da ohnehin noch mal zurückkommen wollte. Was immer man landläufig so Doom nennt ist ja ein weites Feld, aber bleiben wir doch mal bei dem Begriff (den ich mir irgendwann im Herbst im Genre-Guide vornehmen werde, und das wird eine lange Geschichte, das kann ich euch sagen).

Doom muss nicht immer im mörderischen Schneckentempo vorgetragen werden. Ich selbst halte das für ein großes Missverständnis und selten für wirklich gelungen. Um was es primär geht, ist natürlich die Atmosphäre, weshalb man den Okkult Rock dort ebenso findet wie das Epische, ein melancholisch-eisiges Klima oder eine Wüstengegend mit vielen rostigen Pick-Ups, die zum Sterben unter sengender Sonne zurückgelassen wurden. Und auch wenn der Doom wahnsinnig vielseitig ist, weiß man doch in etwa, was man zu erwarten hat. Natürlich keine Speedmetal-Attacken.

Was Scarecrow hier aber machen, das ist erfrischend anders als alles, was man bereits kennt. Man läuft eine gewisse altbekannte Strecke entlang und plötzlich kommt die erste Überraschung. Dann noch eine. Und dann die nächste.

Alles beginnt mit einem bombastischen Orchesterstück. Viel zu lang für ein Intro und deshalb eher eine Ouvertüre, die mich fast schon an Michael Romeos jüngstes Werk War of the Worlds Pt 2 erinnert. Und tatsächlich werden Scarecrow beweisen, dass ihnen ein progressives Vorgehen nicht fremd ist (wenn sie auch rein gar nichts mit modernem Prog zu tun haben), ganz im Gegenteil ist die Scheibe äußerst abwechslungsreich und an manchen stellen sogar kühn zu nennen. Die Basis des Ganzen ist allerdings nichts Symphonisches, auch wenn man das zu Beginn vielleicht vermuten könnte, sondern klassischer Hard Rock und Heavy Metal der 70er Jahre. Natürlich sind andere Rezensenten sofort mit Black Sabbath bei der Hand, aber um ehrlich zu sein, höre ich hier mehr Led Zeppelin-Einflüsse, vor allem bei Sänger Artemis, der die hohen Register nutzt, um über die warme Produktion zu gleiten. Tatsächlich muss man sich an seine Stimme etwas gewöhnen, was allerdings nicht heißt, dass sie schlecht ist. Es ist hier so wie bei allen eigenständigen Stimmen: man braucht eine gewisse Anlaufzeit, weil sie doch sehr kunstvoll eingesetzt wird.

Neben Artemis haben wir Elijah am Bass, Vadim an den Drums und Max an der Gitarre. Wirklich aller Instrumente sind sehr gut abgemischt und die Band ist gut aufeinander abgestimmt.

Blizzard ist nach der orchestralen Einleitung dann der Song, der wie klassischer Doomrock beginnt, bevor der erste Break zeigt, dass die Band tatsächlich ein Bluesfundament ihr eigen nennt, aber die Dinge, die man gern den 70er Jahren zuspricht, für ihren ganz eigenen Stil umwandelt. Wir hören dann auch im dritten Song Magic Flower den Hauch einer Mundharmonika, eine folkloristischen Atmosphäre, in der Artemis auf die Robert-Plant-Screams zurückgreift, die absolut zu ihm passen.

Bevor jetzt hier ein falscher Eindruck entsteht: nein, das hier ist kein altertümlicher Sound, der in etwa so klingt wie 90% aller gängigen Retro-Bands. Das Überraschende ist die Vielfalt, die Scarecrow in ihren Stil integrieren. Dabei spielen sie auch mit vielen psychedelen Versatzstücken, mit kurzen Natursounds und an einer Stelle sogar mit quakenden Fröschen (The Mushroom Wizard).

Mit The Moors haben wir mit acht Minuten das längste Stück des Albums. An den Titeln seht ihr, dass der Band auch eine gewisse hippieske Attitüde nicht fremd ist, die Magie der Natur nimmt einen zentralen Raum ein, wie folgende Lyrics   zeigen:

Die unruhigen Schatten der vergangenen Tage
Verfolgen dich unaufhaltsam.
Blinde Ambitionen vernebeln langsam deinen Blick,
und lassen dich die Wahrheit nicht sehen.

Das Moor dringt in deinen Geist ein
Und schicken einen ewigen Schlaf,
Der Nebel der Phantasie macht dich blind,
Und zieht dich in die Tiefe!

Und wenn das noch nicht Bände spricht, dann vielleicht diese Passage hier aus The Mushroom Wizard:

Der Pilzzauberer lebt in den Sümpfen,
Der Pilzzauberer erzählt Märchen,
Der Pilzzauberer kennt den Weg,
Er zündet eine Pfeife an und lädt dich zum Bleiben ein.

The Moors ist ein höllisches Epos: warmes Akustikgitarren-Intro, doomiges Heavy-Riff, ätherische Keys: alle Zutaten sind da, und glücklicherweise erreichen wir in der Mitte des Songs einen weiteren Höhepunkt im 70er-Stil. Etwas von dem orchestralen Gefühl des Openers kehrt hier wohlüberlegt zurück und trägt zum Bombast bei.

Ein wenig Sabbath darfs dann allerdings doch sein.  Das Intro zu The Golden Times erinnert tatsächlich etwas an Orchid oder ähnliche Zwischenstücke der mächtigen Band aus Birmingham. Der Song fließt ruhig dahin, und der Gesang nimmt erneut Robert-Plant-Vibes an. Ein weiteres abwechslungsreiches Stück, bei dem man sich am besten entspannt zurücklehnt und die Fahrt genießt – bis das zunehmende Tempo uns mitteilt, dass wir gleich mit The Endless Ocean unser Ziel erreicht haben.

Die Bandbreite und der Umfang dieses Albums sind wirklich sehr beeindruckend. Scarecrow II ist ein akkurater Liebesbrief an die Giganten der Vergangenheit, während sich die Band leicht neben heutigen Größen wie Graveyard platzieren kann. Hier ist ein Album, das alte Ideen neu und eigenständig interpretiert und mit mutigen, überraschenden Erweiterungen verbindet.

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Host im Podcast "Work of Sirens"

Autor: Micky Winter

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