Angriff der Marsianer: Michael Romeo – War Of The Worlds Pt. 2 | #55

Im März des laufenden Jahres kam eines der am meisten erwarteten Alben des Jahres über das renommierte Label InsideOut zum Vorschein, das cineastische Meisterwerk “War of the Worlds Pt. 2”, das dritte Soloalbum des Gitarrenhexers Michael Romeo. Und natürlich ist es das Nachfolgewerke von “War of the Worlds Pt. 1” von 2018.

Und was soll man sagen, das Mastermind von Symphony X hat erneut ein Monster von einem Album geschaffen, ein Biest, das so ziemlich alles enthält, was die virtuose Abteilung des Heavy Metal überhaupt zu leisten vermag.

Lesen

Es lässt sich wohl kaum vermeiden, dass Romeos Soloarbeit sich nicht sonderlich vom Sound seiner Hauptband Symphony X unterscheiden, vor allem, weil er auch dort hauptverantwortlich für die irre Gitarrenarbeit, den Großteil des Songwritings, die Tasten und die Orchestrerung verantwortlich ist. Auch thematisch hätte der Science Fiction-Klassiker aus der Feder von H.G. Wells zu Symphony X gepasst. Warum es also ein zweigeteiltes Solowerk geworden ist, hat vielmehr mit Bandinterna zu tun als mit Romeos Wunsch, einen anderen Ansatz zu wählen, wie man das ja von vielen Solowerken – im Guten wie im Schlechten – kennt.

Wie viele andere Künstler in den letzten Jahren hat Michael Romeo die wenigen Tourneen und überhaupt Konzerte, die anstanden, genutzt, um wieder ins Studio zu gehen und an seinem Projekt weiter zu feilen. Während Symphony X-Fans nach “Underworld” aus dem Jahr 2015 sich über ein neues Album freuen würden, hat sich Romeo stattdessen dafür entschieden, sein Soloprojekt mit der bevorstehenden Veröffentlichung von Teil II seiner “War of the Worlds”-Trilogie fortzusetzen, was durchaus Sinn macht, um das Projekt weiterzuverfolgen, solange das Material noch kreativ heiß ist.

Bei dieser neuen Veröffentlichung von 2022 trägt Michael Romeo wieder einmal den Löwenanteil der kreativen Last und liefert nicht nur seine typische, unvergleichliche neoklassische Gitarrenkunst, sondern auch alle kompositorischen Elemente, von den Tasten und der Orchestrierung bis hin zu allen anderen seltsamen Instrumenten, die zum Würzen benötigt werden, vom Cello bis zur türkischen Saz. John DeServio von Black Label Society kehrt mit seinen Basskünsten zurück, und John Macaluso treibt den Sound des Albums erneut mit seinen weltberühmten Schlagzeugtechniken voran, die spätestens seit Yngwies Malmsteens “Alchemy”-Album für Aufsehen gesorgt haben. Der Mann hat auch schon bei Riot V getrümmert, und natürlich auch auf dem legendären Album “Absolute Power” von Powermad, bekannt aus David Lynchs Wild at Heart. Großes Kino also auch hier.

Neu und anders ist dieses Mal die starke Präsenz des aufstrebenden Kronprinzen des Metal-Gesangs, nämlich Dino Jelusick. Seitdem er bei seinem Projekt “Dirty Shirley” mit dem einzigartigen “Mister Scary” George Lynch den Gesang übernommen hat und auch bei Projekten wie “Free Fall” mit Magnus Karlsson mitgewirkt hat, wird Dino gegenwärtig schnell zu einer festen Größe in der Szene, auf einer Stufe mit Jorn Lande oder Russell Allen. Abgesehen von Ronnie Romero ist Dino Jelusick vielleicht das Beste, was dem Metal-Gesang seit Ronnie James Dio passiert ist.

Seine Stimme ist kraftvoll, melodiös und dramatisch wie gegenwärtig kaum eine andere.

Man muss wohl kaum erwähnen, dass Romeo bereits in der Eröffnungskomposition seine Fähigkeiten als Filmmusikkomponist auf wunderbare Weise einfließen lässt. Das hier ist kein unnötiges, austauschbares Intro, es hat Dramatik, Gravität und zusammen mit der Verzierung von Romeos unvergleichlicher Gitarrenarbeit haben wir hier einen grandiosen und einladender Start in dieses Album, und auch gleichzeitig ein Stück, das später mit “Hunted” und “Brave New World (dem Outro)” weiter ausgebaut und fortgeführt wird.

Die Art und Weise, wie der Synthie-Bass donnert, wenn die Einleitung ein Crescendo erreicht, verlangt wirklich nach einem Subwoofer, um die volle Wirkung zu erzielen.

Wie es sich für Romeo gehört, stürzt er sich mit dem Gesicht voran in einen Haufen großartiger Riffs und sonstige Kunststücke, unterstützt von der kraftvollen Stimme von Dino Jelusick, der sich dieses Projekt umbindet wie einen Mantel. Gleich beim zweiten Track Divide & Conquer ist der Glücksfall am Mikrofon vollkomemn in seinem Element.

Der Song verfolgt einen traditionelleren Prog-Metal-Ansatz. Es braucht nur ein paar hochtechnische Romeo-Gitarrenriffs, bevor Dino seine beeindruckende Stimme erklingen lässt. Das Tempo ist energiegeladen, die Riffs sind fett, aber vor allem der Refrain ist erstklassig. Die Lyrics sind cool und die Umsetzung völlig überzeugend. Der Song bekommt natürlich ein großartiges Romeo-Gitarrensolo, und es klingt so, als ob sogar sehr süße, ergänzende Keyboardarbeit eingeflochten ist, und wir müssen uns fragen, ob einige der Keyboardparts nicht von Dino übernommen wurden, der ja auch ein Weltklasse-Keyboarder ist. Der Track endet mit einem Crescendo, das eine verstärkte Reprise des Crescendos aus dem Einleitungstrack ist, was einen wirklich angenehmen Weg darstellt, einen Schlüsselsong mit dem Thema des Albums zu verbinden.

Lebendige, euphorische Melodien und berauschendes Schreddern werden auf tadellose Weise abgespult.

Das Album wird mit dem dritten Stück, “Destroyer”, sogar noch härter. Während die fiesen, bösen und potenziell siebensaitigen Stilistiken zweifelsohne sehr cool sind, sind es vor allem Dinos hochfliegende Vocals zwischen den Flüstern von “Destroyer”, die dieses Stück unvergesslich machen. Auch die reichhaltige Instrumentierung ist eine Ohrenweide. Zum Beispiel hören wir Romeo mit der Saz nudeln , wenn er nicht gerade das Griffbrett seiner Caparison-Gitarre einäschert.

Metamorphosis hält das Pendel in vollem Schwung, da seine süchtig machende Energie hell erstrahlt. Druckvolle Schlagzeugpassagen und erhebende Gesangslinien tragen dazu bei, dieses Stück in seiner ganzen Erhabenheit strahlen zu lassen.

Mothership baut die Spannung mit intensiver Orchestrierung auf und lässt den Hörer voller Vorfreude stehen. Just Before The Dawn beginnt mit beruhigenden Klavierelementen, die die gefühlvolle, balladenartige Gesangsarbeit perfekt ergänzen. Die Falsettausbrüche sind ein wahrer Gänsehautmoment. Hybrids stürmt mit selbstbewusstem Schritt und eindrucksvollem Riffing voran. Die düsteren Untertöne verleihen dem Song eine zusätzliche Dynamik, und die phänomenale Leadarbeit lässt einen weiterhin vor Ehrfurcht erstarren. Hunted hält dich in Atem, mit einer ganzen Reihe von verschiedenen Instrumenten, die geschickt kombiniert werden, um einen Track voller cineastischer Spannung zu liefern.

Just Before the Dawn setzt schnell auf die sauberen Romeo-Gitarren. “Accolade”? “Candlelight Fantasia”? “Communion and the Oracle”? Oder sogar “The Odyssey”. Besonders “The Odyssey”. Da vermisst man wirklich die sanften Hügel von Ithaka. Nun, die gleichen Vibes sind in diesem Stück lebendig und gut, außer dass Dino in diesem Fall die Schuhe von “Sir Russell” trägt, und er macht es gut. Während Rick Castellano dem ersten Romeo-Album eine Metal-Note verlieh, ohne dabei Symphony X zu sein, ist Dino ein viel vertrauteres Timbre für langjährige Symphony X-Fans, während er immer noch sein ganz eigenes Ding macht. “Dawn” ist eine nette Verschnaufpause von der Action des Albums, in einer Dur-Tonart, die an das Format und das Gefühl einer Ballade grenzt, aber immer noch alle grandiosen Romeo-Kompositions- und Performance-Merkmale aufweist, um geschmackvoll innerhalb der thematischen Grenzen des Albums als Ganzes zu bleiben.

Bei “Hybrids”, einem Stück voller technischer Wendungen, werden wir wieder in das Prog-Metal-Cockpit geschnallt, einschließlich einer erneut von Maestro Romeo gespielten 7-Saiten-Keule. “Hybrids” ist ein Stück, das die Weltklasse-Musikalität der Band selbst unter Beweis stellt. In ähnlicher Weise folgt “Hunted”, ein weiteres interplanetarisches Instrumentalintermezzo, das cineastische Filmmusik und Romeo-Gitarrenleads gegenüberstellt, bevor es in ein sanft anschwellendes Segment mit Streichern und hochfliegenden Gitarrenleads übergeht. Sobald sich die Melodie auflöst, kehrt sie zu dem bösen kleinen Gitarrenriff zurück, das in der Einleitung zu hören war. Dieser kleine Hauch von Bösartigkeit bereitet die Bühne für “Maschinenmensch”, einen unerbittlichen expressionistischen Moloch aus Härte und Technik. Dieses Stück ist 9 Minuten lang unerbittlicher Heavy-Metal-Maschinenmensch. Es ist sehr angenehm, wenn das Ganze in der Mitte ein wenig schmilzt und wir ein paar groovige Basslinien hören, während ein stark verhallter Dino in die Leere singt.

Die Art und Weise, wie Michael Romeo das Stück über einer bescheidenen Schicht aus Bass und Schlagzeug abreißt, erinnert sehr an Alan Holdsworth und das, was er mit UK gemacht hat.

Der letzte Vocal-Track des Albums, “Parasite”, kommt wie ein geradliniger Rocker daher. Dino gräbt sich genauso tief in die Härte ein wie Romeo und wird dabei regelrecht düster und guttural in seinem Vortrag. Es gibt einige gelungene Wechsel im Track, bei denen es scheint, als ob wir nur Symphonieorchester und Bassgitarre hören, bevor der Song wieder zum Leben erwacht und zu einem fiesen Vehikel für ein Romeo-Solo voller Attitüde wird. Das Hauptalbum endet mit einem instrumentalen Outro namens Brave New World”. Es ist sehr perkussiv und unterstreicht eine schwere und fast mysteriöse Mischung aus Orchester und Chorgesang. Gelegentlich explodiert das Stück mit Bläsern und Synthesizern, aber so richtig glänzt es erst nach etwa zwei Minuten, wenn eine cleane Gitarre die Bühne für einen dramatischen Wechsel zu einem großen Chor- und Orchester-Crescendo bereitet, bei dem man erwarten könnte, dass der Abspann beginnt. Romeo kommt mit einem bluesigen Solo, das nichts von der Komposition wegnimmt, sondern eher eine große, saftige Kirsche auf die Spitze setzt, mit mehreren rasanten Arpeggien, bevor sich das Album seinem Ende zuneigt.

Technisch gesehen, ist dies der Abschluss des Albums. Es gibt zwei Bonustracks, “Perfect Weapon” und “Alien Death Ray”. Die stehen den Songs des Albums in nichts nach.

Insgesamt haben Romeo und Co. nicht nur ein Produkt abgeliefert, das dem ersten “War of the Worlds”-Album ebenbürtig ist, sondern es sogar noch übertroffen. Michael Romeo bleibt ein olympischer Goldmedaillengewinner an der Leadgitarre, aber noch wichtiger ist, dass er seine Fähigkeiten als Komponist weiter verfeinert und vorantreibt.

Das Beste daran ist, dass das Album zwar große Ähnlichkeit mit Symphony X aufweist, aber es ist nicht ganz Symphony X, und, was noch wichtiger ist, es unterscheidet sich sehr von anderem symphonischen Metal, der derzeit im Umlauf ist.

In den Momenten, in denen das Orchester auf Synthesizer-Keyboards, Schlagzeug und satte Gitarrenverzerrung trifft, ist es vielleicht die beste Fusion dieser Elemente, die es bisher gab. In jedem Fall haben Michael, Dino und die Johns etwas Unvergessliches mit einer einzigartigen Chemie geschaffen, das als eine der krönenden Errungenschaften von Michael Romeos Gesamtwerk angesehen werden kann.

Wer ein Fan von SYMPHONY X ist, der sollte eine gute Vorstellung davon haben, worauf er sich mit diesem Werk einlässt. Das macht es aber nicht weniger beeindruckend. Die Instrumentierung und das musikalische Können sind auf höchstem Niveau. Die Produktion wirkt ausgefeilt und klingt messerscharf. Man muss noch nicht einmal den ersten Teil gehört haben oder sich für die Sci-Fi-Thematik interessieren, denn es gibt eine Fülle von atemberaubendem Flair, das jeder Fan von gitarrenbetonter Musik zu schätzen weiß und immer wieder gerne hört.

[collapse]

Ein Werk, das Tausend Jahre überdauert: Negative Plane – The Pact… | #48

Willkommen zu einer neuen Ausgabe unserer Reviews hier im Podcast Work of Sirens. Heute mit  Negative Plane,  die nach  über 11 Jahren, in denen manche Mitglieder der Band sporadisch andere Projekte verfolgten, ihr drittes Album über Invictus Productions in Dublin herausgebracht haben, und dieses Album ist erwartungsgemäß  ganz und gar erstaunlich – im Sinne seines “Next Level”-Anspruchs auf dem Gebiet des  arkanen Black Metal – und hat auch einige Zeit in Anspruch genommen, bis die Teile sich zu fügen begannen.

Das Ergebnis ist ein Werk, das auf natürliche Weise die Grenzen zwischen Black Metal, frühen und somit bösartigen Thrash Metal und reinem Heavy Metal auf unheilige Art und Weise überschreitet und ständig und mit viel Finesse daran erinnert, dass der Teufel immer die Oberhand gewinnt, egal wie clever man ist. Es geht um die Geschichte des Teufelspakts, nicht eigentlich um Goethes Faust, sondern um das Paktieren mit dem Teufel ganz allgemein, und so heißt dieses Konzeptalbum dann auch The Pact…

Lesen

Negative Plane wurden 2001 von Sänger und Gitarrist Edward Miller alias Nameless Void gegründet, bevor er Matthias Müller alias Bestial Devotion fürs Schlagzeug fand. Miller und Müller also. Müller deshalb, weil Bestial Devotion in Deutschland geboren wurde und als Teenager in den 90ern nach Amerika auswanderte. Es gibt zwei Alben von Matthias Müller, die er in der Zeit, da Negative Plane auf Eis lag, unter Funereal Presence veröffentlicht hat, und das letzte – Achatius von 2019 – habe ich in den Anfängen des Youtube-Kanals auch besprochen, allein schon deshalb, weil Funereal Presence definitiv meine absolute Lieblingsband im BM ist, wenn man da überhaupt von einer Band sprechen kann, wenn Bestial Devotion doch fast alles allein gemacht hat. Geholfen wurde ihm nur hier und da von – und jetzt kommt die große Überraschung – Edward Miller alias Nameless Void von Negative Plane. Es ist jetzt nicht besonders verwunderlich, dass Negative Plane und Funereal Presence einen ähnlichen Ansatz im Songwriting und auch im Klang verfolgen, der sich aus Avantgarde, dem Okkulten und dem psychedelischen zusammensetzt.

Die Jungs hassen die Schublade USBM und ich kann das verstehen. Diese andauernde Akronym-Gescheiße ist auf Dauer nur nervig und unterm Strich bedeutet so etwas auch nicht das geringste, aber der Vorteil amerikanischer Bands im Black Metal ist sicherlich, dass sie keinen Signatur-Sound haben und deshalb viel freier und in der Regel überraschender aufspielen als etwa die norwegischen oder schwedischen Vertreter, weil hier persönliche Einflüsse eine viel stärkere Betonung haben als anderswo. Sicher bilden sich regionale Kollektive auch hier aus, wie zum Beispiel in Cascadia oder den Appalachen, aber mittlerweile gibt es von Alaska bis Hawaii Black-Metal-Bands mit einer einzigartigen Handschrift, die so nirgendwo anders gehört werden können.

Negative Plane gründeten sich mehr oder weniger in Florida, aber erst jüngst sind sie eine wirkliche Band mit mehreren Musikern und in New York ansässig. 2011 hatte noch Ignotus alias Diabolic Gulgata den Bass bedient, der jetzt an die Gitarre wechseln konnte, weil sie den kolumbianischen Bassisten David Cifuentes alias Lord Thammuz gefunden haben. Multiinstrumentalisten sind sie quasi alle, aber man muss erwähnen, dass Bastial Devotion schon ein ganz besonderes Schlagzeugspiel hat, das man unter Tausenden wiedererkennt und es deshalb schon ein Vorteil ist, dass er nicht die Gitarre spielt, die er ja ebenfalls beherrscht, wie er bei Funereal Presence hinlänglich bewiesen hat. Seinen wirklich seltsamen Schlagzeugstil führt er dann auch darauf zurück, dass er eigentlich wie ein Gitarrist denkt. Und vor allem klingen seine Kessel völlig nackt, so als würden sie einfach neben dem Ohr stehen oder im Zimmer nebenan.

2006 veröffentlichten Negative Plane ihr Debüt namens “Et in Saecula Saeculorum”, dem 2011 “Stained Glass Revelations” folgte. Diese beiden Alben machten die Band zu einer Legende im USBM-Underground – da ist er wieder, der böse Begriff -, und das aus gutem Grund, denn ihr Black-Metal-Stil, der sich – vereinfacht gesagt – mehr an der ersten Welle orientiert, ist völlig einzigartig und hat wenig zu tun mit der Wald-und Wiesen-Raserei auf der einen – oder einer modernen Produktion auf der anderen Seite. Für mich ist das ganze Umfeld von Negative Plane davon geprägt, wie sich der Black Metal hätte entwickeln können, wenn er nicht in die Krallen der Norweger geraten wäre, was gar nicht negativ gemeint ist, auch wenn es sich so anhört.

Nach “Stained Glass Revelations” war für die Band ein Punkt erreicht, wo sie nicht wusste, wie es weiter gehen sollte. Nameless Void versuchte zwar, neues Material zu schreiben, kam aber nicht voran. Er spielte dann einige Jahre in der Okkult-Doom-Band Occulation, die es leider nur auf zwei Alben brachte und die zwar gar nichts mit Black Metal zu tun haben, aber sobald man sich die beiden Alben anhört, spürt man auch hier den eindeutig okkulten Charakter, der auch von Negative Plane ausgeht. Tatsächlich sind Occulation, die mit der Finnin Annu Lilja wie viele andere Occu-Doom- oder Doom-Rock-Bands ebenfalls eine Sängerin haben, nicht mit den üblichen Jefferson-Airplane-Ripp-Offs zu vergleichen, sondern wirklich okkult, aber darüber müssen wir ein anderes mal sprechen.

2015 fing Void damit an, die südamerikanischen Sachen wie “I.N.R.I.” von Sarcófago und “Bloody Vengeance” von Vulcano zu vermissen. Das bedeutet, die Orientierung an den Grundlagen dessen, was zu dieser Zeit noch keiner Genre-Definition unterlag. Einen solchen Sound gibt es heute nur noch selten und Void wollte sowas wieder in der Musik haben, am besten in seiner eigenen, aber ein Thema hatte er noch nicht. Bei Negative Plane sind die Musik und das Konzept ja eng miteinander verwoben und Void zieht seine Songs immer von den Lyrics her auf. Ihm kam dann die Idee, ein Album mit verschiedenen Charakteren zu machen. Nicht im Stil von King Diamond, sondern mehr über ihre Berufe. Einer könnte ein Schmied sein, ein anderer arbeitet wie ein Küster in der Kirche, ein anderer ist der Architekt dieser Kirche – und jeder von ihnen schließt einen Pakt mit dem Teufel ab.

Irgendwann besuchte Void eine Freundin in Regensburg und erst da begannen sich die Dinge zu fügen, als er nämlich vor der berühmten Steinernen Brücke stand, der ersten ihrer Art in ganz Europa. Und dort gibt es die berühmte Geschichte zwischen der Wette des Brückenbaumeisters und des Dombaumeisters, die darum ging, wer zuerst fertig wäre. Der Brückenbaumeister schloss diesen Teufelspakt und war dadurch natürlich als erster fertig, aber als der Teufel die versprochenen ersten drei Seelen forderte, trieb der Baumeister einen Hahn, eine Henne und einen Hund über die Brücke, wurde also betrogen.

Void hatte hier jetzt seinen Katalysator, allerdings wollte er lieber über die Kirche schreiben als über die Brücke, weil er dadurch mehr Möglichkeiten hatte. Es gibt zwar in jeder Stadt auch eine Brücke, aber bei Kirchen und ihren verborgenen Geheimnissen, Ketzereien, Mystizismen usw. ist die Anzahl der Geschichten nahezu unbegrenzt.

2019 entstand dann der erste Song, der auch der Opener auf dem Album ist: “A Work to Stand a Thousand Years”. Und sofort merkt man dann auch, dass eigentlich die Musik um die Geschichten herum geschrieben wurde, denn ganz normale Lyrics sind das eben nicht. Die Atmosphäre des Albums ist mittelalterlich ohne irgendwie folkig zu sein. Das liegt am schwer zu benennenden Klang der Band und natürlich an Voids einzigartiger Stimme, der tatsächlich eher wie ein düsterer und prophetischer Erzähler fungiert und nicht etwa kreischt oder gar singt. Das alles geht so gut zusammen, dass es auch gar keine andere Band machen könnte.

Ich meine, während “Stained Glass Revelations” (2011) mit seiner weitaus chaotischeren Herangehensweise einen neuen Höchststandard erreichte, ist dieses Album hier vergleichsweise frei von Hall, abgesehen von der Andeutung eines Raums mit hohen Decken, ähnlich wie bei “Achatius” vor ein paar Jahren, aber mit der definierten Beckenarbeit, einem sehr altmodischen Bassgitarrenton und dem Klirrfaktor der verschiedenen Gitarrenspuren, der fast gegen Null geht, unterscheidet sich die Produktion erheblich von den früheren Sachen, ohne die Signatur der Band in irgendeiner Weise zu verändern.

Für viele Fans von arkanem Black Metal, Avantgarde, Okkultismus und dem allgemein psychedelisch angehauchten Gefühl des neuen Jahrzehnts gibt es nur wenige andere Bands, die einen so einflussreichen und doch unantastbaren Standard für Black Metal in den Vereinigten Staaten setzten, und das liegt natürlich auch an diesem großen mystischen Raum zwischen den Texten und dieser wirklich unglaublichen Gitarrenarbeit. Die ist nämlich ziemlich herausfordernd, aber eher im Sinne der Atmosphäre. Hier blitzen Welten innerhalb von Welten auf.

Viele dieser Songs, wie z.B. “Three Turns to the West” haben ihre Hauptaussage im Refrain, aber in der verdrehten Art und Weise, wie es frühe Celtic Frost oder Sabbat praktiziert haben, auch wenn Negative Plane nicht annähernd so prägnant sind und sich nicht auf so unverblümte Weise gegen den traditionellen Heavy Metal auflehnen.  Der Zweck der Gitarre ist – wie schon erwähnt – die dargestellte Geschichte zu flankieren.

Das soll nicht heißen, dass Nameless Voids einzigartiger Einsatz der Gitarrentechnik kaum zur Geltung kommt. Es gibt verschiedene Beispiele für Finesse ohne kitschige Gitarrenhelden-Klischees, beginnend mit “Poison and the Crucifix” , bei dem Void eine Art Black-Metal-Noise-Gitarren-Geniestreich hervorbringt, der ein wiederholtes Anhören rechtfertigt, sobald der Song zu Ende ist.

Von da an liegen die Highlights eindeutig zwischen dem akrobatischen, meisterhaft gespielten und bereits erwähnten “Three Turns to the West” und dem wohl typischsten Negative Plane-Stück des gesamten Albums, “Even the Devil Goes to Church”, das in gewisser Weise jenes Gefühl der ständigen Bewegung durch schnell wechselnde Riffs des ersten Albums “Et In Saecula Saeculorum” widerspiegelt.

Das hier ist eine bemerkenswerte Veröffentlichung weit jenseits der Norm, ein denkwürdiges Stück okkulter audiovisueller Fiktion  mit einer großen Menge an Überlegungen, Arbeit und Leidenschaft, die in jedes Element eingeflossen sind.

Ich bin völlig begeistert von diesem Album, aber natürlich bin ich voreingenommen, weil ich von Anfang an ein Fan der Band und ihren Nebenprojekten bin, aber das lenkt nicht davon ab, dass Negative Planes drittes Album von einer Größe ist, die ein Jahrzehnt des Wartens gerechtfertigt hat und alles andere als eine beiläufige, gewöhnliche oder halbherzige Black Metal-Platte im Jahr 2022. Mit diesem Album haben sie so vielen bekannten Bands einen Strich durch die Rechnung gemacht, dass ich nicht anders kann, als ihnen die höchstmögliche Empfehlung auszusprechen.

[collapse]

Unser Intro wurde von transistor.fm erstellt.

Barbarische Grandiosität: IRONHAWK – Ritual of the Warpath

Manchmal scheint es, als wäre das, was man früher unter Heavy Metal verstand, mittlerweile so weit fort von seinen Ursprüngen, dass man ihn als alter Fan gar nicht mehr erkennen kann. Versteht mich nicht falsch, es ist schön zu sehen, wie lebendig die dreihundert Milliarden Subgenres sind, aber während mir in den 80ern nahezu alles gefallen hat, was überhaupt das Dunkel der Welt erblickte, ist es jetzt eher umgekehrt. Das ist nicht weiter besorgniserregend, weil noch genügend übrig bleibt, aber so etwas seltenes wie Ironhawk passiert dann doch nicht alle Tage, trotz unzähliger Bemühungen. Hätte man mir die Platte unter anderen Umständen untergejubelt, hätte ich mich ernsthaft gefragt, ob ich in den 8oer Jahren nicht etwas verpasst hatte, ein Jahrzehnt, das momentan lebendiger scheint als damals, als wir den schieren Guss ewiger Klassiker für selbstverständlich hielten.

Das liegt natürlich daran, dass mittlerweile fast jeder klassische Sound mit diesem Siegel versehen wird. Ich scheine einer der wenigen zu sein, die das anderes sehen. Ich kann beim besten Willen äußerst selten wirklich einen 80er-Sound entdecken, auch wenn sich gerade Myriaden von Bands darum bemühen. Hier ist das allerdings anders.

Während wir “Ritual of the Warpath” damals einfach als Thrash bezeichnet hätten, muss man heute von Black/Speed/Thrash reden – oder gleich von Metal Punk, sonst verwechselt man die Sache vielleicht mit Kreator oder irgendeinem anderen hochproduzierten Scheiß, der heute als Thrash “in der Mitte der Gesellschaft” angekommen ist. Tatsächlich erinnern mich Ironhawk daran, warum ich mich einst in den unendlichen Weiten des Metal pudelwohl gefühlt hatte und wie Black Metal klang, bevor die Leute anfingen, ihn falsch zu verstehen, oder versöhnlicher ausgedrückt: bevor er anders interpretiert wurde.

“Ritual of the Warpath” hat das rhythmische Rückgrat des Hardcore-Punks in eine fantastische Metal-Rüstung gepackt und verschwendet keine Zeit, um mit rostigen Messer bewaffnet aus dem Höllentor zu stürmen, nichts als Aufruhr im Gepäck.

“The Final Crusade” beginnt mit hoch lodernden Flammen und die Gitarren wüten im brodelnden Wahnsinn. Presslufthämmer werden auf die Eingeweide angesetzt und die Drums wechseln von wilden Punk-Beats zu einem auf Kolben gleitenden Vortrieb. Eine kakophonische Symphonie.

Von da an halten Ironhawk die Energie im roten Bereich und widmen sich fast gänzlich dem Chaos und der Zerstörung. Aber obwohl der Sound düster und rumpelig, und der Schwung grundsätzlich höllisch ist, gibt es einen unverkennbar dreisten Trotz in der Musik, eine Art von barbarischer Grandiosität.

“Sanctimony” und “Doomsday Rider” orientieren sich stark an der Formel des Bathory-Debüts. Auf der anderen Seite stehen die eher von  wilder Attitüde geprägten Tracks, die aus den unheilvollsten Tiefen des Rock n’ Roll schöpfen. “Signal to Oblivion” und “Dark Age” erweisen sich trotz ihres knackigen Wahnsinns als krachende Perlen, während das fiese “Into the Circle” Venom in ihrer wildesten Form zeigt.

Ein ganzes Jahrzehnt haben die Australier Simön Slaughter an der Gitarre und Vyvyan Bästerd an den Drums gemeinsam mit Ange Upstart am Bass gebraucht, um ihr Debüt einzurotzen. Die Dame am Bass hat bei Tarot und The Wizar’d bereits gezeigt, was sie dem Instrument abverlangen kann und ist erst jüngst zur Band gestoßen.

In der Zwischenzeit haben sich die anderen beiden mit ihrem damaligen Bassisten an Motörhead abgearbeitet und so lange improvisierte Coverversionen gespielt, bis sich ihr ursprünglicher Sound herauskristallisierte, der jetzt aus den Kellern einer vergangenen Zeit heraufrasselt und eigentlich beweist, wie einflussreich der tosende Rock ‘n’ Roll auf den ungeschliffenen Heavy Metal war und ist.

“Ritual of the Warpath” geht dabei weit über die Erwartungen hinaus, die man aufgrund der beiden EP’s von 2014 und 2017 haben konnte. Bereits die ersten Höreindrücke sind leicht dazu angetan, die Nostalgieausbrüche zurückzubringen, denn das Entlangrasen an der Schnittstelle aus NWOBHM und Hardcore-Punk hat man seit Mitter der 80er so nicht mehr gehört, also zu einer Zeit, da jede Band begeistert in unbekanntes Land aufgebrochen ist, um ihre Möglichkeiten zu erkunden. Interessant daran ist, dass sich das Album trotz der archaischen Brocken, die sich aus frühen Bathory (aber rasender!), Venom (aber tighter!) und dem deutschen Speed/Thrash-Lager, das nur kurze Zeit wirklich zur Unsterblichkeit beitrug, zusammensetzen, zu keiner Zeit wie ein x-beliebiger Aufguss anfühlt. Ironhawk sind weit davon entfernt, sich zum opportunistischen Bodensatz zu gesellen.

Der größte Reiz dieser Platte liegt für mich darin, dass sie sich anhört, als wären alle Musiker eingefleischte Fans einer Zeit, die eigentlich nicht wiedererweckt werden kann, während sie gleichzeitig darauf achten, die Dinge zwar in die Richtung alter Schule zu lenken, ohne dabei aber jemals in den reinen Thrash abzudriften, der sich etwas später dann eindeutig klassifizieren ließ. Sie tun die meiste Zeit nichts anderes, als mit Kreissägen-Riffs auf sich aufmerksam zu machen, eingängige Refrains fehlen völlig,  genauso wie blitzende Gitarrensalven, weshalb wir umso mehr auf eine gute Rhythmusgitarre angewiesen sind, die den größten Teil der Musik trägt. Für diese Art Vortrag eine ideale Fixierung, auch wenn die meisten davon wahrscheinlich schnell einen Brummschädel bekommen werden.

Natürlich gibt es diese kreischenden, disharmonischen Lead-Einsprengsel, wie man sie aus der ersten Black-Metal-Welle kennt, aber diese Irrlichter wirklich Solos zu nennen, verbietet sich von selbst. Fast alle Songs rasen in etwas über drei Minuten über die Ziellinie, aber Ironhawk wechseln durchaus ihre Tempi. Einige der Songs sind düster, andere grausam und unbarmherzig, und wieder andere sind ausgelassen und verrückter als die vorherigen. Was sich nicht ändert, ist die teuflisch ansteckende Natur der Riffs und die absolut brodelnde Wildheit des Gesangs, der mit gefletschten Zähnen aus einer mordlüsternen Kehle dringt.

Aufgrund des Charakters dieser Veröffentlichung gibt es keine kreativen Überraschungen, außer solchen, die man von einer Band dieser Art erwarten darf. Zum Beispiel gibt es den obligatorischen langsamen, düsteren Monolithen des bösen Venom-Metals in Form von “Eternal Winter”, dessen Abstammung sich bis zu “In League with Satan”, “7 Gates of Hell” usw. zurückverfolgen lässt. “Escape from the Void”, ist purer Black Metal der alten Schule, der mit rohem Riffing und teuflischer Atmosphäre aufwartet. Man glaubt sogar, sich zu verhören, denn im Hintergrund mischt sich in den Höllenlärm ein Keyboard ein und kriecht durch den heißgekochten Dunst.

Und dann ist da noch der abschließende Titeltrack, der nicht nur der längste Song des Albums ist, sondern auch noch ein Instrumental. Eine mutige Entscheidung, doch tatsächlich funktioniert auch das, denn auch hier wird mehr auf Urgewalt gesetzt als auf instrumentalistische Musikalität, was hier – ich kann es nur wiederholen – ein echter teuflischer Segen ist.

Wie auch immer, dieses Album erfüllt alle Kriterien, die ich von dieser Art von Musik erwarte. Einzigartiger Gesang ohne repetitiven Tonfall, ein oder zwei mörderisch brummende Gitarrentöne, eine versierte und doch chaotische Rhythmusgruppe und ein unverkennbar brutales Cover  – all das macht diese Platte wirklich interessant.

Im Schatten eines alten Geistes: Peth – Merchant of Death | #35

Gewöhnlich werde ich kaum von Bands angelockt, von denen ich den Eindruck habe, sie wollen überhaupt nicht, dass man ihre Musik wahrnimmt. Bei den Texanern PETH ist es nicht nur so, dass sie ihr Debüt Merchant of Death auf dem Vinyl-Only-Label Electric Valley veröffentlicht haben, das man sich – bei allen fairen Preisen – aus Amerika importieren lassen muss, was dann allerdings ordentlich zu Buche schlägt. Sie haben noch nicht mal irgendeinen Hinweis auf Bandcamp hinterlassen, wer denn eigentlich die Instrumente spielt und wer die Jungs überhaupt sind. Tatsächlich wird die Minimierung der Formate ein immer größeres Problem, weil immer öfter auf einen Download hingewiesen wird. Ich selbst trage das nicht mit und ignoriere die Bands dann einfach. Weil ich es aber genau wissen wollte, habe ich die Band kontaktiert und siehe da – sie haben mir bestätigt, dass es eine CD geben wird. Und während ich darauf warte, kann ich das Brett, das sie hier geliefert haben, in aller Ruhe als genusssüchtiger Holzwurm genießen. Um euch daran teilhaben zu lassen, müssen wir allerdings zunächst einen kleinen Exkurs in Richtung Texas unternehmen.

Musik aus dem Lone Star

Lesen

Texas ist von jeher bekannt für seinen heavy Underground. Eine Sache, die insbesondere Zentraltexas schon immer ausgezeichnet hat, ist natürlich der Rock & Roll. Das hat schon damals in den 60ern begonnen, als hier Roky Erickson mit seinen Thirteen Floor Elevators den Grundstein für das legte, was dann als Psychedelic Rock die Welt erschütterte, zumindest einen gewissen Teil der Welt. Bands aus Texas haben in der Regel einen einzigartigen Groove, einen einzigartigen Sound und ihren eigenen Sinn für Schrägheit und psychedelische Momente, der nur dort zu finden ist. Was den donnernden, zeitgenössischen Underground angeht, sind u.a. Wo Fat eine Klasse für sich, und sowohl Mothership als auch Duel haben sich bereits einen Namen gemacht. Dass Pantera oder ZZ Top dort ihre Hütten stehen haben, ist ja ebenfalls bekannt.

Da ist es nicht verwunderlich, dass irgendwann eine Band wie PETH daherkommt und die 70er Jahre in Texas neu zum Leben erweckt! Verwunderlich ist nur, wie konsequent sie das auch umsetzen können.

Die vier Texaner traten mitten in der Pandemie, also 2020, in Lago Vista zusammen und haben mit einer wilden Mischung aus frühem Proto-Metal der 70er Jahre und schweren Psych/Okkult-Rock-Soundscapes etwas geschaffen, das bereits viele Bands versucht, aber kaum erreicht haben: nämlich wirklich so zu klingen, als seien sie durch ein Zeitfenster von 1971 hier her geschossen worden. Dabei kann man ihnen natürlich vorwerfen, in einem Konglomerat aus Black Sabbath, Venom, Blue Cheer, Pentagram, ZZ Top und anderen Pionieren zu schwelgen und gar nichts eigenes auf der Pfanne zu haben. Man kann es aber auch aus einer anderen Perspektive betrachten und Merchant of Death als die beste Zusammenfassung des Proto-Metal betrachten, die es jemals gab. Es ist nicht immer das nie Dagewesene der beste Scheiß, manchmal ist das Gekonnte weitaus besser als der Krampf, der verzweifelt versucht, anders zu sein, denn seien wir mal ehrlich: Es wird nichts Neues unter der Sonne auftauchen und uns alle mit staunenden Gesichtern zurücklassen. Wer das glaubt, nimmt sich die Freude an wirklich guten Songs. Und was ist ein guter Song? Nun, meistens ist ein guter Song ein ehrlicher Song. PETH versuchen gar nicht zu kaschieren, wessen Kind sie sind. Als bestes Beispiel dient hier der Titeltrack, dessen Riff man leicht als Rip-Off von Black Sabbaths “The Wizard” identifizieren kann. Oder aber es ist eine unverhohlene Hommage. PETH tun hier ihr Bestes, um Tony “The Iron Man” Iommis frühen Sound zu replizieren (wie übrigens auf dem ganzen Album). Das ist zwar unmöglich, aber diese Jungs kommen der Sache näher als irgendeine andere Band, die ich kenne.

Das ganze Album bietet teils bedrohliche Aggression, teils atemberaubende Rhythmen, hält sich aber von der modernen, glänzenden Klangästhetik völlig fern und klingt deshalb noch nicht mal gewollt auf 70er Jahre getrimmt, wie viele andere Bands des Genres. Mit bösartigen Gitarrenharmonien, einer explosiven Bass- und Schlagzeugsektion und zwei umwerfenden Sängern tragen PETH dazu bei, den alten Geist und die alte Lebensart zu bewahren und gleichzeitig die neue Ära des Rock ‘n’ Roll für nachfolgende Generationen einzuleiten, falls die überhaupt begreift, was um sie herum geschieht.

Das hier ist Proto-Metal mit einem Hauch von frühem 80er-Jahre-Thrash! Den Bandcamp-Fotos nach zu urteilen sind PETH mit einer Doppelgitarren-Attacke gerüstet, und beide Gitarristen beherrschen den Sound der frühen 70er Jahre perfekt. Alles ist warm, flockig und verdammt knackig, wie gleich der mitreißende Opener Dwarvenaught beweist, ein volles Bash-Fest im Stil von Vol. 4, das am Ende eben durch seine Twin-Gitarren-Attacken durchaus den angesprochenen Thrash berührt.

Auch die Rhythmusgruppe macht sich positiv bemerkbar, denn der Schlagzeuger hat seinen texanischen Swing, der immer etwas hinter dem Beat liegt, definitiv bereits als Kind im Kakao gehabt.

Die texanische Verrücktheit zeigt sich dann noch einmal bei Amok, wo Anklänge an schrägen Garage-Rock wohlwollend verpackt werden, während sich Wellen von Riffs im Stile von Sabbaths Sabotage-Ära zusammen mit einer ziemlich aggressiven Basslinie durch die Lautsprecher ergießen. Abolish The Overseer ist dann tatsächlich ein Lehrstück in Sachen Proto-Metal, okkulter Verrücktheit und aggressiver Riff-Manie. Der Gesang bei Merchant Of Death und insbesondere bei Amok wechselt zwischen einem okkulten Bobby Liebling-Geheul und einem seltsamen Screamin’ Jay Hawkins-Nuscheln.

Das grimmige, dreckige Intro-Riff von Let Evil In lässt die Gesichter sofort schmelzen, bevor es wieder dem exzentrischen, sprechenden Gesang Platz macht und dann in das kolossale Hauptriff zurückschwingt und den Hörer mit einem Sperrfeuer aus grandios verzerrten Riffs, Leads und einer alles niederreißenden Rhythmuskakophonie überrollt.

Stoned Wizard ist dann ein brennendes, brutzelndes Doom-Fest.

Das Album schließt mit Karmic Debt, das einen trippigen, düsteren Abschluss andeutet, bevor es sich zu einem epischen Riff-Monster steigert, während die seltsam nuschelnden Vocals wieder auftauchen und PETH sich zu einem entspannten, texanischen Jam hinreißen lassen, um den Song und das Album zu beenden. Alles in allem ist Merchant of Death ein mörderisches, schweres, knackiges, schräges Album, das umso lobenswerter ist, als es sich um ein Debüt handelt. Die Jungs haben bei der Entwicklung dieser Klänge definitiv nicht herumgealbert, denn die Songs sind gut geschrieben und gut gespielt und weisen unfassbar viele Schichten auf. Und auch klanglich ist das Ding ein Monster, das den Geschmack all jener trifft, die bis heute nicht überwunden haben, dass die 70er vorbei sind.

Dem Sumpf sei dank scheint es jedoch mittlerweile so zu sein, dass “Proto-Metal” praktisch zu einem eigenen Subgenre von Stoner und Doom geworden ist, da viele Bands heutzutage versuchen, nicht nur Sabbath, sondern auch Dust, Captain Beyond und alle anderen acidartigen Klänge der späten 60er und frühen 70er Jahre zu konservieren, genauso wie Bands in den 90ern versucht haben, Kyuss und Fu Manchu zu kopieren. Merchant of Death gelingt es, den Sound und das Feeling dieser Ära mit einer großzügigen Dosis texanischer Schrägheit und Crunch im Stil von ZZ Top und dem üblichen Swing zu erzeugen.

[collapse]

Unser Intro wurde von transistor.fm erstellt.

Label: Electric Valley Records

Band: Peth auf Bandcamp

Kryptograf – The Eldorado Spell

Inspiriert vom schweren Sound der späten 60er Jahre, werden die vier alten Seelen von Kryptograf euch mit ihrem kollektiven Gesang, zerstörerischen Riffs und einfallsreichem Songwriting verhexen. – Pressetext

Kryptograf sind:
Vegard Strand – Gitarre/Gesang
Odd Erlend Mikkelsen – Gitarre/Gesang
Eirik Arntsen – Schlagzeug/Gesang
Eivind Standal Moen – Bass

Ist euch eigentlich schon einmal aufgefallen, dass immer, wenn eine Band eine 70er-Jahre-Schlagseite aufweist, in fast allen Rezensionen von Black Sabbath gesprochen wird, ganz egal, ob das nun stimmt oder nicht? Ist es nicht seltsam und gleichzeitig eine Blamage, dass diese ganze Rezensenten nur diese eine Band aus den 70ern zu kennen scheinen, obwohl es deren buchstäblich Hunderte gibt und sich die zu besprechenden Bands eigentlich nie nach Sabbath anhören?

Nun, ihr seht wohin die Reise geht. In ein Gebiet des doomigen Proto-Metal, der ja nun beileibe nicht mehr so überraschend und unberechenbar sein sollte, wie es immer noch den Eindruck macht. Andauernd muss man erst einmal von einer Band sprechen, die “das Rad nicht neu erfindet” (was mich betrifft, brauche ich kein neues Rad, sondern gute Musik), man fühlt sich genötigt, mit dem Wort “retro” um sich zu schmeißen und den Leuten erst mal klar machen, dass gute Musik fast schon per Definition “retro” ist. Wie 99 Prozent aller “Retro-Bands” hören sich auch Kryptograf aus Bergen in Norwegen nicht wie Black Sabbath an. Ich hoffe, ich habe mich klar ausgedrückt. Trotzdem: Natürlich steht die Band auch auf Black Sabbath, wie sie ja auf Bandcamp verkündet. Aber wer täte das schließlich nicht? (oh, ich weiß natürlich, dass es solcherlei Leute gibt, aber die treiben sich ja wohl nicht hier herum, oder?) Doch was ist mit Pentagram, Witchcraft, Uncle Acid, Motorpsycho?

Auch wenn die Band vielleicht nicht unbedingt progressiv ist, so bringt sie dennoch gelegentlich einen progressiven Ansatz in ihre musikalische Landschaft mit ein. Bei “The Eldorado Spell” handelt es sich um ihr zweites Album und ich muss gestehen, dass mir nicht nur das Debüt der Band, sondern zunächst mal auch diese Veröffentlichung im Februar durch die Lappen gegangen ist, obwohl es sich um ein Album handelt, das meinen sofortigen Jagdinstinkt auslöst: Keine “originellen” Experimente, sondern ein Bekenntnis zu Einflüssen aus einer Zeit, die noch mit echter Musik um die Ecke kam. Wer das genauso sieht, wird den Stil von Kryptograf kennen und lieben.

Und so ist dann auch das goldene Zeitalter der Musik – eben die 70er – natürlich das allumfassende Fundament dieser Band, die gleich im ersten Song mit flammendem psychedelischem Hard Rock die Marschrichtung vorgibt. Energiegeladen und mit Folkeinflüssen, ohne die eine okkulte Note schlecht umzusetzen ist, mit einer majestätischen Vielfalt versehen, steht hier die Blume der Unterwelt “Asphodel” im Fokus.

Es ist offensichtlich, dass die Band für manche vielleicht zu sehr in der Vergangenheit wildert – die Gitarren haben hier nicht den für das moderne Ohr gewohnten Biss, aber die Riffs – das sind großartige Doom-Brocken, auch wenn sie aufgrund der zurückgenommenen, aber rauchigen Gitarre, erst mal gar nicht so klingen. Der Gesang gleitet sanft mit der Musik dahin, besonders im Refrain. Der Bass sticht allerdings auf dem gesamten Album hervor und hat nach meinem Geschmack einen perfekten Ton.

Der nächste Song ist “Cosmic Suicide”. Die Riffs, die zum Refrain führen, werfen ein weites Netz mit einem mittelschnellen Groove aus, aber es ist der Refrain, der den Song so großartig macht. Er ist so eingängig, dass er sich tagelang im Kopf festsetzen kann, nicht zuletzt, weil er der geradlinigste Song des Albums ist.

Die Gesangseffekte bei “Lucifer’s Hand” verpassen dem Song eine düstere Stimmung, besonders in der letzten Hälfte, wo die Riffs am fleischigsten sind.

Tatsächlich bringt der Sound der Band auch das Stoner-Feeling der 70er im großen Umfang mit, und wenn “Creeping Willow” aus den Lautsprechern dröhnt, hat man das Zeitalter der Liebe und des Friedens widerwillig hinter sich gelassen, und der okkulte Rocksound von Black Widow durchdringt jede Note, wobei die aggressive Wucht der Musik durch die akustische Schlichtheit des folgenden “Across The Creek” kontrapunktiert wird, das die ländliche Idylle von Led Zeppelins “Bron-Yr-Aur” heraufbeschwört.

Der Titeltrack baut sich mit einem psychedelischen Intro auf, wobei die Gitarren nach etwas mehr als einer Minute zum Einsatz kommen. Dieser Song ist etwas trippiger als die anderen, und bei “The Spiral” wird alles an Fuzz in die Waagschale geworfen, was die Band für ihren Sound zur Verfügung hat. Der Song ist bergig und eine schöne Abwechslung nach dem eher bekifften Titeltrack. Der Mittelteil ist überraschend lebhaft und die Gesangsharmonien verbinden sich gut mit den galoppierenden Riffs. Danach gräbt sich die Band mit dreckigen Riffs und einem harten Groove tief in die Erde. Dieser Song bringt das Album definitiv wieder in Schwung.

“When The Witches” ist ein guter, seltsamer Track, der einen musikalischen Acid-Trip zwischen schwere Passagen schiebt, ein dreckiger, bluesiger Schleifer, der mit seinen ausgedehnten, trippigen Soli nach einem herrlich bekifften Peter Green von Fleetwood Mac schreit.

“Wormwood” ist das zweite Intermezzo, das zum Schlusstrack “The Well” führt. Eigentlich sind diese Zwischenspiele heute aus der Mode gekommen, weil man es gewohnt ist, von Höhepunkt zu Höhepunkt zu rasen. Oft wird gar nicht verstanden, dass derartige Interludien durchaus ihren Zweck erfüllen, wenn sie an die richtige Stelle gesetzt werden. Und in dieser ruhige Introspektion reist die Band zurück in die Londoner West End Clubs der späten Sechziger, wo sich unter der Obhut chemischer Substanzen die Jazzvagabunden auf das Wassermannzeitalter vorbereiteten.

Im Gegensatz dazu ist es dann gerade der letzte Track, der wenig Zeit verschwendet, um auf den Punkt zu kommen, mit einem rockigen Intro, das mit seiner verschwommenen Gesangslinien in eine ebensolche Atmosphäre übergeht – dieser Song ist eine wahre Verschmelzung der Stile, die auf dem Album präsentiert werden. Und der Refrain ist gewaltig, ein weiterer Ohrwurm, der sich einschleicht und nicht mehr weggeht.

Wer die neuesten und  experimentellsten musikalischen Erkundungen sucht, für den ist “The Eldorado Spell” nicht das richtige Album. Wer aber einfach nur den Sound von Acts wie Graveyard schätzt und seine Musikbibliothek mit unbestreitbarer Klasse füllen möchte, für den sind Kryptograf genau das Richtige.  Klar, “The Eldorado Spell” mag vielleicht nicht perfekt sein, aber es ist ein gut ausbalanciertes Old-School-Doom-Album, das den alten Göttern huldigt und allein schon dafür gebührt ihm alle Ehre.

Kryptograf | Bandcamp
Facebook |
Instagram

Bärtige Zauberer und bunte Gewänder: Hällas – Isle of Wisdom | #34

Willkommen Freunde draußen an den Radiogeräten zu einer neuen Folge unserer Reviews hier im Podcast Work of Sirens, wo wir über Hard Rock, Heavy Metal, Classic Rock und Prog Rock sprechen – all diese Themen, die wirklich wichtig sind in einer Zeit, wo Musik keine Rolle mehr spielt, außer für euch und für mich.

Heute habe ich das dritte Album der schwedischen Band Hällas für euch. Isle of Wisdom genannt und – wie man so schön oder unschön sagt – im Retro-Bereich angesiedelt, wobei die Jungs ihren Stil wesentlich treffender Adventure Rock nennen. Wieder ein neuer Begriff im Wust der Begrifflichkeiten, mag man zunächst denken, aber wenn man sich das Konzept hinter Hällas anschaut, dann ist Adventure Rock nicht einfach nur ein neues Gimmick, sondern trifft genau das, was Hällas machen.

Lesen

Im Mittelpunkt der Alben steht der Ritter Hällas, dem es bestimmt ist, an einem Religionskrieg in einem alternativen Universum teilzunehmen, der aber so besorgt um seine Zukunft ist, dass er sich auf die Suche nach dem Astralseher macht, der den Legenden zufolge die Sterne, die Zukunft und die Vergangenheit kontrolliert. Die Geschichte spielt in den Ländern von Semyra, die von einer tyrannischen Königin regiert werden. Auf der Suche nach Antworten verliert Hällas den Bezug zur Realität, und der verlorene Sinn für die Gegenwart führt zu seinem unvermeidlichen Untergang. Es gibt viele Drehungen und Wendungen, die auf der selbstbetitelten EP von 2015 begannen und sich dann über Excerpts from a Future von 2017 bis hin zu Conundrum von 2020 als eine Trilogie zusammenfassen lassen. Die Texte sind absichtlich recht vage gehalten, so dass der Hörer sie unterschiedlich interpretieren kann und hoffentlich in der Lage ist, die Lücken zu füllen und so sein eigenes Abenteuer zu erschaffen, während er zuhört. Ähnlich wie bei einem Rollenspiel. Das ist also der Kern und ihr seht, dass Adventure Rock nicht einfach nur aus der Luft gegriffen ist.

An manchen Stellen klingt die Band wie eine Mischung aus Gentle Giant und Rainbow, mit Anklängen an die von Yes abgeleitete Band Starcastle und vielleicht noch mit einer Prise Deep Purple. Für diejenigen, die nicht so sehr in die heiligen Riten des Progressive Rock eingeweiht sind, kann man das so übersetzen: jede Menge Orgeln, die von triumphalen, hornartigen Synthesizern umspielt werden, während die Instrumente eine Kombination aus fantastischer und beschwörender, abenteuerlicher Rockmusik mit einer ordentlichen Portion Boogie spielen. Diese Art von progressiven Rock hat seine Wurzeln sowohl in der subtilen Komplexität bestimmter Rockbands der 70er Jahre wie etwa Uriah Heep als auch im offenen zur Schau getragenen Bombast.

Das ist vielleicht die größte Verbindung zwischen der Musik von Hällas und dem Heavy Metal, insbesondere dem traditionellen Heavy Metal. Was tun viele epische Metalbands anderes als die Pracht der üppig und grelle bemalten Taschenbuchcover der Science Fiction und Fantasyliteratur, die es zwischen den glorreichen 50ern bis zu den 70ern gab, heraufzubeschwören? Das taten viele Prog-Band auch schon immer, mit Erzählungen über bärtige Zauberer in großartigen Gewändern in fremden und bizarren Welten, angefüllt mit Mysterien und Rätseln im Zentrum des Psychoversums.

Getreu dieser Form ist Isle of Wisdom selbst eine Fortsetzung von Hällas’ eigener düsterer Geschichte über Zauberer in Form einer übergreifenden Konzept-Suite.

Bei den triumphalen Refrains, den mitreißenden Melodien und dem steten Angriff der Gitarren und der Orgel, untermauert von einer sich ständig bewegenden Rhythmusgruppe, ist es schwer, sich nicht wie der intergalaktische mittelalterliche Ritter HÄLLAS selbst zu fühlen, der in die vielen Ecken des Universums reist.

Die Band versteht es, eine fesselnde und großartige Geschichte zu erschaffen, in die man eintauchen kann und die einem große Freude bereitet. Mit Tommy Alexanderssons einzigartiger Stimme, der die edlen, poetischen Texte singt, hat Isle Of Wisdom einen herzerwärmenden Charme und eine Unschuld, die einen in die Zeit zurückversetzt, als man noch ein Kind war, als alles ein Abenteuer war und die Fantasie noch nicht von modernen Turbulenzen beeinträchtigt wurde. HÄLLAS strahlen eine solche Wärme aus, dass diese Einladung, sich ihnen in ihrem eigenen Rollenspiel anzuschließen, von jedem mit Freude angenommen wird.

Der Retro-Charakter des Albums, vom Songwriting bis zur Produktion ist grandioser umgesetzt als bei vergleichbaren Bands – wobei es gar nicht so leicht ist, tatsächlich vergleichbares zu finden. Im letzten Jahr hatte ich an dieser Stelle Wobbler aus Norwegen auf dem Schirm, aber danach wird’s dünn.

Das liegt zum Teil daran, dass die Band das Album im Riksmixningsverket Studio in Stockholm produziert hat. Das Studio beherbergt einige der einzigartigen Synthesizer, die von ABBA benutzt wurden, und HÄLLAS hatten wieder einmal die für Bands recht seltene Gelegenheit, sie zu benutzen. Das taten sie auch, und zwar ausgiebig. Der vielschichtige Synthesizer-Sound des Albums ist glitzernd, glamourös und reichlich extravagant. Zusammen mit dem 1970er-Jahre-Vibe des restlichen Albums haben HÄLLAS mit diesem Album Retro-Rock-Starruhm erlangt.

In einem Album, das vor lauter Glanz nur so strotzt, sticht jeder Song hervor und hinterlässt auf irgendeine Art und Weise einen unauslöschlichen Eindruck beim Hörer. Birth Into Darkness ist ein tonangebender, beeindruckender Opener, umhüllt von Synthesizern und Geheimnissen. Mit Alexanderssons leidenschaftlichem Gesang, der sich zwischen die dynamischen, melodischen Riffs von Alexander Moraitis und Marcus Petersson schiebt, ist es die perfekte Art, dieses illustre Abenteuer zu beginnen. Earl’s Theme nimmt sich ein wenig zurück und nutzt Chorelemente und synthetische Bläsersätze, um eine episch packende Atmosphäre zu schaffen, in der es darum geht, das Böse abzuwehren und einem edlen Führer zu folgen. Gallivants (Of Space) ist das Juwel in der Krone des Albums, mit grandiosen Melodien, tapferen Riffs und wirbelnden Synthesizern von Nicklas Malmqvist. Es vereint alle Elemente, die Isle Of Wisdom so fesselnd machen, und es ist klar, dass dies der große Höhepunkt dieses Kapitels von HÄLLAS’ Abenteuern ist. Das abschließende The Wind That Carries The World ist eine epische Demonstration der Virtuosität und des unglaublichen Songwritings der Band und lässt einen verzweifelt nach mehr dürsten, während es in der Schwärze des Alls verklingt.

HÄLLAS haben etwas Magisches geschaffen, indem sie ihrer Fantasie freien Lauf gelassen haben, und es steckt eine beträchtliche Menge an Liebe, Freude und Kreativität in diesem Album. Isle Of Wisdom ist von Anfang bis Ende ein großartiges, unterhaltsames und fesselndes Album, und es wäre dumm, sich dieses außergewöhnliche Abenteuer entgehen zu lassen.

[collapse]

Unser Intro wurde von transistor.fm erstellt.

Valley Of The Sun – The Chariot

PRESSEMITTEILUNG: “Es gibt eine schwelende Brutstätte des Rock ‘n’ Roll an einem der unwahrscheinlichsten Orte: Ohio. Vor einiger Zeit kam der Teufel, um seine Saat im ganzen Staat auszustreuen und gönnte jeder Stadt ihre eigenen Hohepriester höllischer Riffs. Die Gemeinde der Rock’n’Roll-Kirche von Cincinnati wird von Valley Of The Sun bewacht, und sie sind eine gut gepflegte Herde. Ein Riff nach dem anderen wird mit der Wut, bestehend aus Feuer und Schwefel von der Kanzel geschleudert, also kommt alle zum Rock’n’Roll-Revival, bringt eure Opfergabe mit und macht euch bereit, gesalbt zu werden!

In den letzten zehn Jahren haben Valley Of The Sun die Bühnen in ganz Europa und Nordamerika zum Glühen gebracht, drei Alben mit hochoktanigem Rock ‘n’ Roll veröffentlicht und dabei Tausende von treuen Fans gewonnen. Jetzt haben sie mit ihrem bisher überzeugendsten Album The Chariot die Weltherrschaft im Visier. Ein dynamisches Feuerwerk an lautstarken Riffs, mitreißenden Melodien und wütenden Rhythmen, serviert im Cincinnati-Stil, mit einem kühlen Bier als Begleiter. Hört euch die Platte noch heute an und seit dabei, und ihr werdet sehen, warum im Valley Of The Sun alles glanzvoller ist als anderswo … ” (Übers. von Micky Winter)

Was ich vor allem anderen schätze, sind fette Riffs, die von oben nach unten tropfen (ja, es gibt auch Riffs, die den umgekehrten Weg gehen, aber das ist eine Geschichte für einen anderen Ort). Und wenn dann eine Band daherkommt, die ihre Wüstenangelegenheiten mit dem Geist des echten Rock ‘n’ Roll erledigt, bin ich jemand, der die Band nicht nur mit einem Ohr belohnt, sondern noch ein zweites oben drauf legt. Natürlich sucht jeder sofort nach Vergleichen und stöbert vermutlich in der Kiste, in der zum Beispiel auch Audioslave neben einem Haufen ähnlichen Zeug liegt, das heute keiner mehr gebrauchen kann, das aber zu schade ist, um es endgültig zu entsorgen.

Was damit gemeint ist: The Chariot ist der perfekte Rückgriff auf die 90er Jahre, aber mit einem frischen Anstrich, der es für die düsteren modernen Zeiten, in denen wir leben, noch attraktiver macht. Wer auf dreckigen Rock ‘n’ Roll, hochoktanigen Heavy Rock oder Stoner Rock mit Muskeln steht, findet hier eine Bank. Es mag schon sein, dass Ryan Ferrier seine Gesangslinien etwas nach Layne Staley klingen lässt, aber er hat genug modernen Bluesrock in seiner Kehle, um mit einem eigenen Stil im Einklang mit den mächtigen Riffs zu singen.

Mit “Sweet Sands” eröffnet das Album mit einem coolen, von Jimi Hendrix inspirierten Lick und gibt dem Album einen psychedelischen Start, bevor ein hymnisches Riff ausbricht, das Giganten aufwecken könnte. Hier können wir die Einzigartigkeit von Ferriers Gesang wirklich hören, mehr noch als auf den vorherigen Alben der Band.

“Images” bietet einen fast walzenden Groove, bei dem die Band alles daran setzt, schiere Kraft und Emotionen zu bieten, und leitet über zu “Devil I’ve Become”, das mit stampfenden Drums und prasselnden Riffs, die einem sofort um den Schädel fliegen, noch einen draufsetzt. Der Titeltrack “The Chariot” eröffnet mit einem langsamen, vom Refrain durchtränkten psychedelischen Intro, das dem Hörer etwas Erholung vom wilden Beginn bietet. In diesem Song kommen die wirklichen Stoner-Einflüsse zum Vorschein, mit melancholischen Leadgitarrenmelodien und himmlischen Harmonien, die über den donnernden Riffs schweben.

“Headlights” fühlt sich an wie ein punkiger, bluesiger Soundtrack zu Bildern unendlich staubiger Pisten. Düster und dreckig, ein schnörkelloser, knallharter Rocker, der auch gar nichts weiter sein will. “As We Decay” ist eine düstere Ballade in der Mitte des Albums, die einige der subtileren Blues-Licks nutzt, um hallgetränkte akustische Akkorde zu begleiten. “The Flood” ist ein Song mit frecher Attitüde, zu dem man selbstbewusst die Straße hinunterstolzieren kann, weil einen alle am Arsch lecken können,  während der Albumabschluss “Colosseum” ein monolithischer Song ist, der in vier Minuten Riffs, Harmonien und Melodien jener Sorte vereint, die einem das Gefühl geben, die eigene Seele sei von nun an in den Klauen der endlosen Wüste verloren.

Auf dem ganzen Album wird sandiger Wüstenschotter durch den Verstärker geblasen, denn tatsächlich hat die Band aus Cincinatti diese schmutzigen Wurzeln bereits in ihren Anfängen bewiesen. Seit ihrer Gründung im Jahr 2010 hat die Band schon einige Besetzungswechsel durchgemacht. Nach zwei EPs und mittlerweile vier Alben ist Ryan Ferrier nach wie vor das einzige Gründungsmitglied und übernimmt die Rolle des Sängers und Gitarristen. Chris Sweeney springt am Bass und an den Keyboards ein und hat auch an “Old Gods” (2019) mitgearbeitet. Josh Pilot (Gitarre) und Lex Vegas (Schlagzeug) sind Neuzugänge in der Band und machen  somit The Chariot zu ihrem Debütalbum.

In dem, was im Wesentlichen eine hymnische Neuerfindung ihrer selbst ist, triefen einige der Riffs auf diesem neuen Album vor Wildheit und Zielstrebigkeit, während die bereits erwähnte satte, staubige Kante diesem Album wirklich seinen Charakter verleiht.

The Chariot ist ein echtes Wohlfühlalbum, das beim Hören einfach grenzenlose Freude bereitet. Mit Elementen von psychedelischem Stoner und modernem Bluesrock,  gibt es an jeder Ecke Überraschungen. Der energiegeladene, adrenalinhaltige, pumpende Rock n’ Roll ist von Anfang bis Ende höchst unterhaltsam und all jenen zu empfehlen, die ihre Seele vom Teufel bekommen haben, der ja bekanntlich auf diese Musik steht.

Label: Ripple Music | Fuzzorama Records
Band Links: Facebook | Bandcamp | Instagram

Bei uns kauft man die CD am besten bei KOZMIK ARTIFACTZ.

Komm in meinen Sarg: Friends of Hell | #32

Lee Dorians Label Rise Above gehört zu den großartigsten dieser Welt. Dort finden sich Bands wie Uncle Acid and the Dead Beats, Purson, Blood Ceremony, Twin Temple, und Electric Wizard. Doom-, Stoner- und reine, echte Prog-Bands sind dort in einer Qualität zu finden wie nirgendwo sonst. Der Kenner guter Musik weiß das.

Es ist also kein Wunder, dass Friends of Hell dort schnell einen Hafen fanden, vor allem, weil die Musiker keine Unbekannten sind. Von einer Supergroup möchte ich aber dennoch nicht reden, obwohl manche das sicher nicht lassen können. Als ich zum ersten Mal von Friends of Hell und ihrer Besetzung hörte, hatte ich eigentlich das Gefühl, dass es zu schön ist, um wahr zu sein, wenn man bedenkt, was diesbezüglich bereits alles unwiederbringlich verloren ist.

Lesen

Benannt hat sich die Band nach dem zweiten Album der legendären Witchfinder General aus dem Jahr 1983 und besteht aus dem ehemaligen Electric-Wizard-Bassisten Tas Danazoglou – hier allerdings am Schlagzeug – und dem Reverend-Bizarre-Sänger Sami Hynninen alias Albert Witchfinder (derzeit bei Opium Warlords). Allein aus dieser Zusammensetzung kann man bereits erahnen, woher der Wind dröhnt.

Für die Gitarrenarbeit hat man sich dann noch den eher unbekannten Jondix von Mercury Gates geschnappt, der das Gewebe des zelebrierten Hammer-Horror-Dooms ebenfalls mit der Muttermilch aufgesaugt zu haben scheint. Qualitativ hochwertiges Riffing ist für den Doom absolut entscheidend und um ehrlich zu sein, überzieht Jondix das ganze Album damit und steht insofern seinen gigantischen Bandkollegen in nichts nach.

Der mit dem Bass stampft ist kein geringerer als Taneli Jarva, ehemals Impaled Nazarene und Sentenced und jetzt Hauptberuflich bei Diavolos zugange. Also gut, wahrscheinlich ist es dann eben doch eine Supergroup.

Wenn wir uns noch in der Mitte der 1980er Jahre befänden, würde jeder Fan, der im örtlichen Plattenladen auf der Suche nach einem vergrabenen Schatz in der Wühlkiste das selbstbetitelte Debütalbum von Friends of Hell gefunden hätte, es wahrscheinlich als einen Klassiker bezeichnen.

Heavy Metal kann als Treffpunkt dienen, der dazu beiträgt, wunderbare Freundschaften zwischen Fans zu schmieden, und die Freundschaften von Musikern tragen in der Regel zusätzlich dann auch die Musik – Friends of Hell kamen nicht durch einen Zufall zustande, denn die Saat wurde bereits vor fast 20 Jahren gelegt, als sich einige der Mitglieder zum ersten Mal trafen und lose über so ein Projekt sprachen. Namentlich spielten Jondix und Tas schon einmal zusammen in einer Doom-Band, die allerdings namenlos blieb

Dank der modernen Technologie war das dann alles viel einfacher aufzunehmen als je zuvor, und auf ihrem Debüt geben alle Beteiligten ohne geografische Rücksichtnahme ihr Bestes, mit einem besonderen Schwerpunkt auf dem, was die 80er Jahre dem Stil gebracht haben, da dieses Jahrzehnt durch die heutige Herangehensweise an das Genre zu oft an den Rand gedrängt wird.

Es ist klar, dass diese Jungs genau wissen, welchen Sound und welche Stimmung sie anstreben, und das zeigt sich gleich beim Opener Out With The Wolves. Der Hörer wird sofort mit Doom-/Proto-Metal-Riffs, Witchfinders unverwechselbarem Gesang und einem donnernden Bass überhäuft.

Shadow of the Impaler ist wie eine tickende Zeitbombe, die nur darauf wartet, zu explodieren, und beginnt mit den furchteinflößenden Schreien des Kult-Horrorfilms Atomic Hero -The Toxic Avenger von 1984, bevor sich ein ziemlich bedrohliches Riff von Gitarrist Jondix anschleicht, begleitet vom gleichmäßigem Stampfen des Bass, das den Eindruck erweckt, als würde sich etwas Schweres durch den Sumpf quälen.

In Into My Coffin öffnet sich die lange schmale Totenkiste, um ihr wahres dunkles Geheimnis zu enthüllen und beschwört etwas vom Geist früher Mercyful Fate herauf. Der Song ist eine grandiose Darstellung von Albert Witchfinders Jekyll-und Hyde-Gesangsstils.

Der Titeltrack Friends Of Hell ist das Herzstück des Albums und bietet weitere doomige Riffs von Jondix, einen schönen Aufbau der Spannung sowie einen eingängigen Refrain von Witchfinder, der ein altbekanntes Thema behandelt.

Gateless Gate bleibt auf dem heruntergeschraubten Tempo stehen und taucht weiter in den Doom-Nebel ein. Aber auch hier ist Albert Witchfinder an allen Ecken der Hauptakteur des Songs.

Evil They Call Us hat ein Riff und ein Tempo, das direkt aus der Ethereal Mirror/Carnival Bizarre-Ära von Cathedral übernommen wurde. Mit mehr Attitüde und einigen fanfarenartigen Einlagen bringt die Band die Blutgefäße weiter in Wallung, um den neugeborenen König auf den Thron zu setzen und mit eiserner Faust zu regieren, während Orion’s Beast wie eine Fortsetzung von Black Sabbaths Electric Funeral klingt.

Als wir uns zum Tanz des Makabren auf Belial’s Ball begeben, wird es ein Duell mit einer gefährlichen Falle. Man kann sich das Opfer selbst vorstellen, wie es 800 Fuß tief unter die Erdkruste fällt und keine Chance hat, sich zu befreien.

Wallachia schließt das Album ab, während Friends of Hell den etwas dunkleren progressiven Stil von italienischen Prog-Bands und Van der Graaf Generator wählen. Man hat das Gefühl, dass dieser blutige Krieg vorbei ist. Aber die Schlacht selbst hat gerade erst begonnen.

Bei allen Songs handelt es sich nicht um ausladende und endlose Doom-Tracks, die sich wie der Arsch einer Robbe dahinschleppen, während sie nach einem Ort sucht, an dem sie sich hinlegen und verdammt noch mal sterben kann; nein, die Tracks sind von einem fantastischem Mystizismus durchdrungen, während die Band zeigt, dass sie imstande ist, den ganzen Reiz von Candlemass, Pentagram und Witchfinder General quasi mühelos aus dem Ärmel zu schütteln. Darüber hinaus werden Doom-Fanatiker nicht gerade wenige Verweise auf andere Doom-Bands und ihr Werk bekommen, was dieses Album allein schon zu einer Schatztruhe macht.

Dies hier ist ein unbarmherziges und glänzendes Debüt, das die meisten wohl ziemlich überrumpelt hat. Friends of Hell sind eine Band, die dem Hörer zu verstehen gibt, dass Heavy Metal nicht nur ein Begriff ist, mit dem man willkürlich herumwedelt. Das hört sich nach einer etwas merkwürdigen Aussage an, aber um ehrlich zu sein wird der eigentliche Spirit heute nur noch selten wirklich zelebriert. Wenn diese Aussage jemanden vor den Kopf stößt: um so besser.

Es ist schön zu sehen, dass Rise Above Records immer noch stark ist. Und man kann sich vorstellen (und darauf hoffen), dass dort noch eine riesige Menge elektrischer Saft darauf wartet, in den kommenden Jahren in die richtigen Beutel gefüllt zu werden.

Das Album erschien am 18. März 2022

[collapse]

Unser Intro wurde von transistor.fm erstellt.

Musen gegen Sirenen: Aptera – You Can’t Bury What Still Burns

Aptera aus Berlin sind bisher die erste Band, die nicht auf eine Anfrage zwecks Support geantwortet hat, aber das ist natürlich völlig in Ordnung. Ich würde wahrscheinlich auch nicht Hunz und Kunz antworten, und ein wenig Exaltiertheit schadet in der heutigen Zeit ja auch nicht. All das hält mich natürlich nicht davon ab, euch von einem Debüt zu berichten, das wirklich großartig ist und aus dem Wust der Veröffentlichungen heraussticht. Man könnte von echtem Heavy Metal sprechen und hätte damit nichts gesagt, weil ihr ja nur mal hören müsst, was man derzeit unter Heavy Metal versteht. Die Wurzeln von Aptera kann man allerdings als eine Melange verschiedener Stile begreifen. Die Band selbst spricht von einem Mix aus Sludge, Doom, Blues und klassischem Metal mit einer gehörigen Punk-Attitüde. Allerdings sprechen wir hier eher von einem Punk, den man auch bei Venom finden kann. Die böse Art nämlich, immer leicht am frühen Thrash entlang reitend. Die Doom-Anteile hingegen legen eine Atmosphäre nahe, wie sie von den allmächtigen Black Sabbath eingeführt wurde.

Die Musik ist allerdings nicht das einzige Interessante an der Band, denn auch wenn ihr Ground Zero wohl Berlin ist, handelt es sich hier um eine recht internationale Geschichte. Die Musikerinnen stammen aus Brasilien, Italien, Belgien und den Staaten und teilen sich wie folgt auf:

Michela Albizzati – guitar, vocals
Celia Paul – bass, vocals
Renata Helm – guitar, backing vocals
Sara Neidorf – drums

Der Titel “You Can’t Bury What Still Burns” ist nicht unbedacht gewählt, sondern als Hommage an all jene zu verstehen, die Unterwerfung nicht akzeptieren und die Saat der Rebellion zum Leben erwecken, die also durch Taten, wie klein sie auch sein mögen, Veränderungen in der herrschenden Erzählung herbeiführen. Man kann eine kämpferische Seele, einen lebendigen Traum, ein brennendes Herz nicht begraben. So die Erklärung der Band. Ripple Musik, wo die Scheibe erschienen ist, erklärt sogar das große Thema des Albums:

Jeder Track auf “You Can’t Bury What Still Burns” stellt zeitlose feministische Kämpfe durch verschiedene Mythen in Frage und dekonstruiert gleichzeitig etablierte Ideale der Frauenrolle in der heutigen Gesellschaft.

Tatsächlich könnte man die angesprochenen Mythen nicht besser nutzen. Das fängt bereits beim Bandnamen an. Aptera war, wie man überall nachlesen kann, eine antike Stadt im westlichen Kreta, und Schauplatz eines legendären Kampfes zwischen Sirenen und Musen, die schon immer zwei Gegensätze bildeten. Sirenen werden allgemein als zerstörerische Stimmen verstanden. Während die Stimme der Muse die Stimme des Lebens ist, bringt die Stimme der Sirene den Tod. Die Sirenen verloren den Kampf und aus den einstmals gefiederten, vogelartigen Wesen wurden Wassergeschöpfe, weil sie ihre Federn und Flügel verloren.

Leider konnte ich nirgendwo die Lyrics finden, aber bereits der zweite Song “Selkies” deutet einen Ausflug in die keltische und nordische Mythologie an. In den Volksmärchen geht es häufig um weibliche Selkies, die von jemandem, der ihr Robbenfell stiehlt und versteckt, zu Beziehungen mit Menschen gezwungen werden. Es handelt sich im Grunde um das Märchenmotiv des Schwanenmädchens.

Man sollte allerdings nicht den Fehler machen zu denken, es handle sich hier um Fantasy-Lyrics. Ganz im Gegenteil eignen sich Komplexe aus der Mythologie – ob nun griechisch oder keltisch – ganz hervorragend, um die menschlichen Belange bildkräftig darzustellen. Während ich die ganzen modern-gewollten und platten Gegenwartsbezüge in der Musik meide wie der Teufel das Weihwasser, besitzen die vier Musikerinnen hier nicht nur musikalisches Geschick, sondern auch Geist. Es kommt nämlich immer darauf an, wie man seine Themen in Szene setzt, und interessanterweise regiert hier der einzig wahre Oldschool-Vibe in einem zeitlosen Korsett. Die junge Band zeigt, dass es durchaus möglich ist, auch heute noch einen eigenen Stempel herzustellen. Voraussetzung: weder zu faul, zu uninspiriert oder einfach zu untalentiert zu sein.

Links zur Band:
Facebook | Bandcamp | Instagram

Vom Sumpf in die Apokalypse: Wo Fat – The Singularity

Ab und zu trifft man auf eine Band, die aus völlig unbekannten Gründen nach zwei Jahrzehnten bei Kennern zwar Kultstatus besitzt, aber es  es nie in die oberste Riege der von Kritikern anerkannten Meister geschafft zu haben scheint.

Seit ihrem ersten Album The Gathering Dark aus dem Jahr 2006 haben sie ihr Publikum mit urwüchsiger Schwere und hypnotischen Siebziger-Jahre-Grooves in ihren Bann gezogen, die den Hörer mit gewaltigen Riffs überfallen. Durchdrungen von einem reichen Erbe an Blues und Fuzz-Glückseligkeit hat die Band scheinbar dunkle Kräfte kanalisiert, um dennoch auf zahlreiche Festivals auf der ganzen Welt geladen zu werden und ein paar Top-Ten-Platzierungen zu ergattern. Dabei bewegt sich die Band stets auf dem schmalen Grat zwischen psychedelisch angehauchtem Space-Rock und Doom-Trademarks. Sie haben ihre sumpfiges Getöse mit großen, fetten Riffs immer mit unterschiedlichen Facetten und einem geschickten Songwriting ausbalanciert, was sie zu einem großartigen Hörerlebnis macht. Im Laufe von zwei Jahrzehnten haben sie dies zu immer anspruchsvolleren musikalischen Erkundungen verfeinert, die gleichermaßen aufwühlend und beruhigend sein können, je nachdem, was man als Hörer erwartet und wie sehr man sich in die Musik hinein begibt.

Als sich Wo Fat im Jahre 2003 gründeten, war es ihre Absicht, eine erdrückend schwere Musik zu kreieren, die aber dennoch den Vorgaben von Black Sabbath, Jimi Hendrix, ZZ Top und anderen Größen der 70er Jahre folgt. Eine Musik, die den Musikern also Improvisationsfreiheit gewährt und ihnen dennoch erlaubt, monolithische, verzerrte und schwere Riffs zu spielen, während sie der bluesigen Grundstimmung treu bleiben. Das hört sich verdammt nach Doom an und es ist fast schon eine logische Konsequenz, dass die Band aus Texas stammt.

Auf die Beine gestellt wurde die Band von dem Gitarristen Kent Stump, dem Schlagzeuger Michael Walter und dem Bassisten Tim Wilson. Seit 2016 spielt den Bass allerdings Zack Busby.

Nach sechs Jahren – also einer gefühlten Ewigkeit – kommt eine der unterbewertetsten Bands der schweren Musik (ich meine, wir reden hier von heavy und nicht von schnell) mit ihrem sechsten Album The Singularity um die Ecke und hat sich im Mai dann auch an die Spitze der Doom-Charts gesetzt. Obwohl es sich nicht um ein Konzeptalbum handelt, thematisiert das Album die Befürchtung, dass zunehmende Umweltkatastrophen und der unkontrollierte technologische Fortschritt die Menschheit auf einen Wendepunkt zusteuern lassen, an dem sie die Kontrolle über ihr eigenes Schicksal verliert. Das alles wird geliefert in einem progressiven und raffinierten Klanggebräu, das noch mehr musikalische Akzente setzt als im ohnehin nicht zu verachtenden Katalog der Band.

Alle Tracks des Albums überschreiten die Sieben-Minuten-Marke, wobei der Opener Orphans of the Singe und das abschließende instrumentale Space-Rock-Epos The Oracle vierzehn bzw. sechzehn Minuten erreichen. Der Eröffnungstrack beginnt mit einem leicht östlich angehauchten Intro, bevor der fette Südstaaten-Groove einsetzt. Die Band hält gerade lange genug inne, um Zack Busbys satte und funkige Bassarbeit hervorzuheben, um dann mit einem wiegenden Groove loszulegen, während Kent Stump das erste Kapitel des drohenden Untergangs bellt und singt. Eingängig und eindringlich zugleich, macht dieser gewaltige Auftakt Platz für die trippigere, langsamere und schwere zweite Hälfte des Songs, die mit fabelhafter Gitarrenarbeit aufwartet.

The Snows Of Banquo IV steht im Kontrast zu dieser Atmosphäre und ist um die stampfenden Drums und den donnernden Bass herum aufgebaut. Von hier aus geht es mit treibenden Riffs und einem klassischen Stoner-Galopp weiter, bevor der Song in einen gewaltigen Dampfhammer übergeht, der Geschichten über Katastrophen und andere moderne Apokalypsen in einem pulsierenden, hämmernden Beat erzählt.

Overworlder setzt dieses Thema fort und verbreitet echte Retro-Vibes. Mit einem weiteren funkigen Refrain und einem erstklassigen Solo sprengt die Band ein weiteres mal die Zehn-Minuten-Marke, von der keine einzige Sekunde langweilig wird. Wo Fat zeigen sich auf ihrem neuen Album als vollendete Songwriter. Auch The Unravelling sorgt mit großen Refrains, funkigen Grooves und manischer Gitarrenarbeit für einen weiteren Retro-Leckerbissen. The Witching Chamber ist ein neuneinhalbminütiges Fuzz-getränkter Ausbruch der eher psychedelischen und doomigen Elemente des Bandsounds.

Auf The Witching Chamber gibt die Band ihre besten Stoner- und Psyche-Jams zum Besten. Das typisch dicke, schwere und schleppende Stück hat immer noch einen ohrwurmartigen, mehrstimmigen Refrain, der sich im Gedächtnis festsetzt, bevor der Titeltrack mit hartem, tuckerndem Sound durchbricht, während Wo Fat noch einmal ihre ganze Macht ausspielen.

Mit dem abschließenden The Oracle begibt sich die Band mit einem sechzehnminütigen, epischen Instrumental auf eine ausgewachsene Space-Rock-Odyssee und zeigt die abgestimmte Chemie und die großartige Musikalität der Band. Das Hin und Her zwischen tiefen Südstaaten-Grooves und wiegenden, hypnotischen Momenten fasst im Grunde die gesamte Stimmung des Albums hervorragend zusammen, und The Singularity könnte tatsächlich der Höhepunkt einer Karriere mit einigen ohnehin wirklich hervorragenden Alben sein. Zeitweise düster und basslastig zeigen sich Wo Fat zusätzlich zu ihrer Voodoo- und Sumpfatmosphäre noch einmal von einer weiter gewachsenen Seite.

Bei sieben Songs in 76 Minuten könnte man meinen, dass die Gefahr besteht, dass das Album in den Bereich der unendlichen Nudelei abrutscht, aber das passiert nicht, schließlich verfügt das texanische Trio über einen immensen Umfang und eine Fülle von gottgleichen Stoner-Riffs, die jede neue Veröffentlichung zu einem echten Ereignis werden lassen. Für diese Jungs ist das Riff eine Kunstform für sich, die es wert ist, in einem Museum ausgestellt zu werden.

Band Links: Facebook | Bandcamp | Twitter | Instagram