Review | Amorphis – Halo | #13

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Über das neue Album von Amorphis zu sprechen ist für mich eine viel schwierigere Aufgabe als gedacht. Ihr neues, das manche als den Abschluss einer Trilogie sehen, bestehend aus Under the red cloud von 2015, Queen of Time von 2018 und eben dem am 11. Februar erschienenen Halo habe ich immer wieder aufgeschoben und stattdessen lieber wieder und wieder gehört. Ich muss dazu sagen, dass ich Amorphis zwar immer wahrgenommen habe, aber nie damit gerechnet hätte, dass mich eines Tages eine Scheibe dieser Band so maßlos überrollen würde.

Da war zunächst das Video zu “The Moon”, das bereits ende letzten Jahres zu sehen war und alles schien für mich nach Business as usual aus. Der Song war eben von Amorphis und enthielt alles, was man so erwartet. Aber darüber hinaus eben auch nichts anderes. Erst als das Album dann vorlag, war mir sofort klar, dass es zumindest in meiner musikalischen Welt selten vorkommt, dass ich so fassungslos bin. Und das ist so geblieben, so oft ich die Scheibe auch höre. Jetzt könnte man ja meinen, ich sei ein bisschen abgeklärter als manch anderer, der mit jedem guten Album sofort das Album des Jahres ausruft. Da sind wir ja ohnehin im rein subjektiven Bereich. Es gibt keine Waage, die erklärt, warum irgendetwas besser sein soll als etwas anderes. Und so ist es natürlich auch hier. Ich habe meine Erfahrung, meinen Geschmack – und der kann sich durchaus laufend ändern. Ob etwas gut ist oder nicht entscheide ich weder nach Zeitgeist noch Underground noch Genre, das kommt eher wie bei den meisten aus dem Hinterhalt.

Amorphis sind eine Band, die sich im Laufe der Zeit massiv verändert hat, wenn wir jetzt mal vom Debüt The Karelian Isthmus ausgehen, und die länger als andere Bands nach ihrem Stil gesucht haben. Erst mit dem Einstieg von Tomi Joutsen auf dem Album Eclipse von 2006 haben sie den dann gefunden und von Album zu Album weiterentwickelt. Das ist eine Formel aus melodischem, Manchmal psychedelischem, oft folkigem, sporadisch rockenden, auf seltsame weise progressivem Heavy Metal, dem ein warmes, melancholisches Gefühl innewohnt. Hinzu kommen natürlich noch die Texte, die fast immer von bedeutenden finnischen Lyrikern geschrieben werden, hauptsächlich Pekka Kainulainen, eine finnische Berühmtheit. Und diese Lyriks, teilweise angelehnt an das berühmte finnische Epos Kalevala (Kaleh Vala), das ja auch Tolkien maßgeblich zu seinem Herrn der Ringe inspiriert hat, passen so unfassbar gut zu den tiefen, gewaltigen und endlosen Hooks von Joutsens Refrains und dem melodischen Spiel von Gitarrist Esa Holopainen, dass einem sofort die Spucke wegbleibt.

Ich habe in letzter zeit viele Rezensionen gelesen und auch gehört- und auch wenn das Album erwartungsgemäß überall gut aufgenommen wurde, gab es kaum die Höchstnoten, an denen man meiner Meinung nach überhaupt nicht vorbei kommt, wenn man auch nur irgendetwas von Musik versteht. Aber da sind wir natürlich wieder beim Subjektiven. Und einer musikalischen Mentalität. Von dem her kann ich zwar manchmal verblüfft sein, kann mir aber vorstellen, dass es andere mir gegenüber eben auch sind. Für mich ist die ganze Welt ein einziges Paradox. Und jetzt versteht mich nicht falsch, ich habe bis jetzt kein einziges Album von Amorphis über den Klee gelobt, dabei haben sie eine Menge großartiger Sachen gemacht. Queen of Time wurde als ihr Opus Magnum ausgerufen – und es gefällt mir, kann aber nur einen weiteren Entwicklungsschritt zu Halo hin bedeuten. Das liegt daran, dass Queen of Time oftmals den Fokus verliert, während Halo von der ersten Note an einen Faden aufnimmt und ihn bis zum Schluss nicht mehr verliert, auch wenn die Schlussnummer My Name ist Night noch aus der Aufnahmesession von Queen of Time stammt. Die Songs wurden vom Produzenten Jens Bogren zusammengestellt und auch das ist perfekt gelungen. Irgendwo stand, dass sie bis zu 46 Songs für das Album geschrieben hatten – und sieht man vom letzten Song ab, der ein Duett mit Petronella Nettermal ist – sind davon schließlich nur 10 auf das Album gekommen, und ich würde fast wetten, dass die anderen Nummern auch nicht gerade um vieles schlechter waren, aber vermutlich nicht diese unfassbare Kompaktheit, die das Album verströmt, unterstützt hätten, was natürlich reine Vermutung bleibt. Man glaubt gerade, man hat es mit einem Konzeptalbum zu tun, was nicht der Fall ist, auch wenn das Totenreich der finnischen Mythologie Tuonela eine bedeutende Rolle spielt, wo die Seelen der Toten als schattenhafte Geister herumwandern, ob gut oder böse. Das Schicksal ist für alle gleich. Dort gabs dann ein Bier, das die Erinnerung an das Leben auslöscht, was an den griechischen Fluss Lethe erinnert.

Überhaupt ist die finnische Mythologie eine der Interessantesten überhaupt und auch wenn ich mit Folklore oft genug meine Probleme habe, ist das bei Amorphis überhaupt nicht der Fall, weil sie zwar omnipräsent aber nicht aufdringlich ist. Oder eben, weil sie was bestimmtes in mir auslöst.

Das 14. Studioalbum also ist es, was mich so früh im Jahr schon fast festlegt. Ich sage fast, weil ja noch einige Hämmer ins haus stehen, aber ich kann mir nicht vorstellen, wie dieser geniale Brocken übertrumpft werden könnte. Ich sehe das nicht, selbst wenn ich meine Fantasielampe anschalte. Erschienen ist das Album zum ersten mal auf Atomic Fore Records, und auch das markiert natürlich einen bestimmten abschnitt, entweder das ende eines alten oder den Beginn eines neuen. Hört sich an, als wäre es das gleiche, aber das ende von was altem ist nicht schon der beginn von was neuem, weil das neue ja erst danach beginnen würde, nach dem ende. Wie auch immer. neues Lael, neues Album.

Kommen wir nochmal zurück zu “The Moon”, der im Album an dritter Stelle erscheint. Der beginnt mit dieser vertrauten Amorphis-Art, die schnelle eine düstere, meditative Atmosphäre aufbaut, und dann, um die 20-Sekunden-Marke herum, dringt ein wunderbar warmes, melodisches Riff mit einer gezupften Akustik im Schlepptau aus den Lautsprechern. Der Text beschäftigt sich mit er frühen Existenz der Erde und der Ankunft der ersten Menschen. Wie gesagt ist das alles stark an die finnische Folklore angelehnt, wenn auch nicht immer aus dem Nationalepos entnommen. Zumindest diesmal nicht. Trotzdem entsteht bei jedem Song ein tieferes Gefühl über die ohnehin schon überragende Musik hinaus.

“Halo” beginnt mit dem vorhersehbar erdrückenden Opener “Northwards”, dessen dröhnende Keyboards, Folk-Melodien, keinen Zweifel daran lassen, wohin die Reise geht. verfeinert wird der Track mit einem Solo auf der Hammond-Orgel und den überragend arrangierten Chören, die das ganze Album wie eine Nebelwand begleiten, die gerade mal dann zu sehen ist, wenn man auf eine Lichtung tritt oder auf dem Gipfel eines Berges zum stehen kommt.

Was folgt, ist genau das, was man von Amorphis in diesem Stadium ihrer Karriere erwarten kann – Folk-inspirierter Progressive Death Metal mit vielen Anspielungen auf die Acid-Rock- und Prog-Ära alter Tage, Hooks ohne Ende, und Momente, die am Rande der Symphonik schwanken. An dieser klanglichen Identität wurde Jahrzehnte akribisch gearbeitet, das passiert nicht einfach. Und hier ist jetzt der definitive Ertrag all dessen, was Amorphis verkörpern.

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Host im Podcast "Work of Sirens"

Autor: Micky Winter

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Ein Gedanke zu „Review | Amorphis – Halo | #13“

  1. Lernte Amorphis dank einer VHS Casette von Nuclear Blast kennen. “Black Winter Day” da waren noch Therion mit einem Song des “Lepaka Kliffoth” Albums vertreten und etlich anderes was Kult ist.
    Mit “Elegy” gingen dann Amorphis 1996 sowie Therion mit “Theli” bei mir durch die Decke.
    Amorphis verlor ich dann wieder aus den Ohren bis 2013 “Circle” endlich wieder meine Aufmerksam dahin gelengt wurde. Lag wohl auch an Bands wie Moonsorrow oder Insomnium die ja ähnlich ,,episch” und bomastisch vorgehen ohne in kitschigen Sphären zu wandern.
    Seit 2013 hat mich jedes Album von Amorphis über Monate beschäftigt. Nun kommt “Halo”, ich heisse es einmal mehr Willkommen. Grossartige Songs für die nächsten Jahre. Songs mit Substanz.

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