Im Schatten eines alten Geistes: Peth – Merchant of Death | #35

Peth - Merchant of Death

Gewöhnlich werde ich kaum von Bands angelockt, von denen ich den Eindruck habe, sie wollen überhaupt nicht, dass man ihre Musik wahrnimmt. Bei den Texanern PETH ist es nicht nur so, dass sie ihr Debüt Merchant of Death auf dem Vinyl-Only-Label Electric Valley veröffentlicht haben, das man sich – bei allen fairen Preisen – aus Amerika importieren lassen muss, was dann allerdings ordentlich zu Buche schlägt. Sie haben noch nicht mal irgendeinen Hinweis auf Bandcamp hinterlassen, wer denn eigentlich die Instrumente spielt und wer die Jungs überhaupt sind. Tatsächlich wird die Minimierung der Formate ein immer größeres Problem, weil immer öfter auf einen Download hingewiesen wird. Ich selbst trage das nicht mit und ignoriere die Bands dann einfach. Weil ich es aber genau wissen wollte, habe ich die Band kontaktiert und siehe da – sie haben mir bestätigt, dass es eine CD geben wird. Und während ich darauf warte, kann ich das Brett, das sie hier geliefert haben, in aller Ruhe als genusssüchtiger Holzwurm genießen. Um euch daran teilhaben zu lassen, müssen wir allerdings zunächst einen kleinen Exkurs in Richtung Texas unternehmen.

Musik aus dem Lone Star

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Texas ist von jeher bekannt für seinen heavy Underground. Eine Sache, die insbesondere Zentraltexas schon immer ausgezeichnet hat, ist natürlich der Rock & Roll. Das hat schon damals in den 60ern begonnen, als hier Roky Erickson mit seinen Thirteen Floor Elevators den Grundstein für das legte, was dann als Psychedelic Rock die Welt erschütterte, zumindest einen gewissen Teil der Welt. Bands aus Texas haben in der Regel einen einzigartigen Groove, einen einzigartigen Sound und ihren eigenen Sinn für Schrägheit und psychedelische Momente, der nur dort zu finden ist. Was den donnernden, zeitgenössischen Underground angeht, sind u.a. Wo Fat eine Klasse für sich, und sowohl Mothership als auch Duel haben sich bereits einen Namen gemacht. Dass Pantera oder ZZ Top dort ihre Hütten stehen haben, ist ja ebenfalls bekannt.

Da ist es nicht verwunderlich, dass irgendwann eine Band wie PETH daherkommt und die 70er Jahre in Texas neu zum Leben erweckt! Verwunderlich ist nur, wie konsequent sie das auch umsetzen können.

Die vier Texaner traten mitten in der Pandemie, also 2020, in Lago Vista zusammen und haben mit einer wilden Mischung aus frühem Proto-Metal der 70er Jahre und schweren Psych/Okkult-Rock-Soundscapes etwas geschaffen, das bereits viele Bands versucht, aber kaum erreicht haben: nämlich wirklich so zu klingen, als seien sie durch ein Zeitfenster von 1971 hier her geschossen worden. Dabei kann man ihnen natürlich vorwerfen, in einem Konglomerat aus Black Sabbath, Venom, Blue Cheer, Pentagram, ZZ Top und anderen Pionieren zu schwelgen und gar nichts eigenes auf der Pfanne zu haben. Man kann es aber auch aus einer anderen Perspektive betrachten und Merchant of Death als die beste Zusammenfassung des Proto-Metal betrachten, die es jemals gab. Es ist nicht immer das nie Dagewesene der beste Scheiß, manchmal ist das Gekonnte weitaus besser als der Krampf, der verzweifelt versucht, anders zu sein, denn seien wir mal ehrlich: Es wird nichts Neues unter der Sonne auftauchen und uns alle mit staunenden Gesichtern zurücklassen. Wer das glaubt, nimmt sich die Freude an wirklich guten Songs. Und was ist ein guter Song? Nun, meistens ist ein guter Song ein ehrlicher Song. PETH versuchen gar nicht zu kaschieren, wessen Kind sie sind. Als bestes Beispiel dient hier der Titeltrack, dessen Riff man leicht als Rip-Off von Black Sabbaths “The Wizard” identifizieren kann. Oder aber es ist eine unverhohlene Hommage. PETH tun hier ihr Bestes, um Tony “The Iron Man” Iommis frühen Sound zu replizieren (wie übrigens auf dem ganzen Album). Das ist zwar unmöglich, aber diese Jungs kommen der Sache näher als irgendeine andere Band, die ich kenne.

Das ganze Album bietet teils bedrohliche Aggression, teils atemberaubende Rhythmen, hält sich aber von der modernen, glänzenden Klangästhetik völlig fern und klingt deshalb noch nicht mal gewollt auf 70er Jahre getrimmt, wie viele andere Bands des Genres. Mit bösartigen Gitarrenharmonien, einer explosiven Bass- und Schlagzeugsektion und zwei umwerfenden Sängern tragen PETH dazu bei, den alten Geist und die alte Lebensart zu bewahren und gleichzeitig die neue Ära des Rock ‘n’ Roll für nachfolgende Generationen einzuleiten, falls die überhaupt begreift, was um sie herum geschieht.

Das hier ist Proto-Metal mit einem Hauch von frühem 80er-Jahre-Thrash! Den Bandcamp-Fotos nach zu urteilen sind PETH mit einer Doppelgitarren-Attacke gerüstet, und beide Gitarristen beherrschen den Sound der frühen 70er Jahre perfekt. Alles ist warm, flockig und verdammt knackig, wie gleich der mitreißende Opener Dwarvenaught beweist, ein volles Bash-Fest im Stil von Vol. 4, das am Ende eben durch seine Twin-Gitarren-Attacken durchaus den angesprochenen Thrash berührt.

Auch die Rhythmusgruppe macht sich positiv bemerkbar, denn der Schlagzeuger hat seinen texanischen Swing, der immer etwas hinter dem Beat liegt, definitiv bereits als Kind im Kakao gehabt.

Die texanische Verrücktheit zeigt sich dann noch einmal bei Amok, wo Anklänge an schrägen Garage-Rock wohlwollend verpackt werden, während sich Wellen von Riffs im Stile von Sabbaths Sabotage-Ära zusammen mit einer ziemlich aggressiven Basslinie durch die Lautsprecher ergießen. Abolish The Overseer ist dann tatsächlich ein Lehrstück in Sachen Proto-Metal, okkulter Verrücktheit und aggressiver Riff-Manie. Der Gesang bei Merchant Of Death und insbesondere bei Amok wechselt zwischen einem okkulten Bobby Liebling-Geheul und einem seltsamen Screamin’ Jay Hawkins-Nuscheln.

Das grimmige, dreckige Intro-Riff von Let Evil In lässt die Gesichter sofort schmelzen, bevor es wieder dem exzentrischen, sprechenden Gesang Platz macht und dann in das kolossale Hauptriff zurückschwingt und den Hörer mit einem Sperrfeuer aus grandios verzerrten Riffs, Leads und einer alles niederreißenden Rhythmuskakophonie überrollt.

Stoned Wizard ist dann ein brennendes, brutzelndes Doom-Fest.

Das Album schließt mit Karmic Debt, das einen trippigen, düsteren Abschluss andeutet, bevor es sich zu einem epischen Riff-Monster steigert, während die seltsam nuschelnden Vocals wieder auftauchen und PETH sich zu einem entspannten, texanischen Jam hinreißen lassen, um den Song und das Album zu beenden. Alles in allem ist Merchant of Death ein mörderisches, schweres, knackiges, schräges Album, das umso lobenswerter ist, als es sich um ein Debüt handelt. Die Jungs haben bei der Entwicklung dieser Klänge definitiv nicht herumgealbert, denn die Songs sind gut geschrieben und gut gespielt und weisen unfassbar viele Schichten auf. Und auch klanglich ist das Ding ein Monster, das den Geschmack all jener trifft, die bis heute nicht überwunden haben, dass die 70er vorbei sind.

Dem Sumpf sei dank scheint es jedoch mittlerweile so zu sein, dass “Proto-Metal” praktisch zu einem eigenen Subgenre von Stoner und Doom geworden ist, da viele Bands heutzutage versuchen, nicht nur Sabbath, sondern auch Dust, Captain Beyond und alle anderen acidartigen Klänge der späten 60er und frühen 70er Jahre zu konservieren, genauso wie Bands in den 90ern versucht haben, Kyuss und Fu Manchu zu kopieren. Merchant of Death gelingt es, den Sound und das Feeling dieser Ära mit einer großzügigen Dosis texanischer Schrägheit und Crunch im Stil von ZZ Top und dem üblichen Swing zu erzeugen.

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Unser Intro wurde von transistor.fm erstellt.

Label: Electric Valley Records

Band: Peth auf Bandcamp

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Host im Podcast "Work of Sirens"

Autor: Micky Winter

Host im Podcast "Work of Sirens"

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