Epic-Sommer-Spezial (14) | #54

Liebe Freunde draußen an den Radiogeräten. Heute beenden wir unser Sommer-Spezial, das wir über den ganzen Juli hinweg verteilt haben mit unserem 14. Song auf unserem Epic Metal Mixtape. Es ist eine gute Sitte, das ganze Programm mit einem Paukenschlag abzurunden. Was mag das heißen?

Das Wort “episch” wird zu oft zur Beschreibung von Musik verwendet. Wenn was einfach nur lang ist, wird es oft als episch bezeichnet. Die Länge spielt zwar eine Rolle, wenn es darum geht, einen epischen Klang auf einer Aufnahme einzufangen, aber eine lange Laufzeit allein macht etwas noch nicht episch. Tatsächlich hat etwas, das wirklich episch ist, ein gewisses Etwas an sich, eine Qualität, die schwer zu definieren ist. Es ist die Kombination aus Songwriting, Gesang, Text, Produktion, Instrumentierung – kurz gesagt, alles, was in eine Aufnahme einfließt – und doch ist es auch mehr als das. Es ist ein Gefühl. Einige Bands können es einfangen; viele versuchen es jahrelang und kommen nie wirklich heran.

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1996 fingen die fünf Musiker der russischen Band Scald diese Essenz perfekt ein und schufen ein Album, das, abgesehen von einigen essentiellen Werken von Bands wie Solitude Aeturnus und Candlemass, vielleicht am besten repräsentiert, worum es im epischen Genre geht.

Ihr Album Will of Gods is a great Power gilt völlig zurecht als eines der epischsten Meisterwerke der ganzen Metalgeschichte, und man darf sich durchaus fragen, was aus dieser Band hätte werden können, wenn ihr Sänger Agyl nicht ein Jahr, nachdem sie das Album aufgenommen hatten, überraschend verstorben wäre.

Wir haben uns in unserer Auswahl kaum mit dem epischen Doom beschäftigt und vielleicht tröstet unser Abschluss – nämlich der Song Night Sky etwas darüber hinweg. Wie man sich denken kann, gibt es auch im epischen Bereich so viele Fascetten, dass man nicht alle berücksichigen kann, und das war ja auch gar nicht der Anspruch hier, sondern etwas von der Faszination des Epischenund Erghabenen zu vermitteln.

Hier zum Beispiel ist das Schlagzeug eher drucklos und tief im Mix, die Bassdrum ist kaum zu hören, während die Gitarren einen sehr dünnen, aber messerscharfen Sound haben – hier gibt es definitiv kein heruntergestimmtes Heavy-Riffing. Der Gesang wird glücklicherweise etwas stärker betont als die Musik, so dass man ihn gut hören kann. Diese Art von Produktion würde bei jeder anderen Form von Metal schrecklich klingen. Seltsamerweise liegt ein Teil des Charmes hier tatsächlich in der Produktion. Im Vergleich zu den polierten Produktionen, die man heutzutage oft bekommt, verleiht diese winterlich-kalte und doch majestätische Arbeit dem Album ein erfrischend natürliches Gefühl. Das hat parallelen zu einer Philosophie, die wir eigentlich aus dem Black Metal kennen, wo eine vermeindlich schlechte Produktion absichtlich eingesetzt wird, um bestimmte künstlerisch wichtige Gefühle hervorzurufen, die, wenn sie richtig gemacht sind, eine Stimmung erzeugen, die sonst kaum einzufangen ist. Der Hörer soll nicht an ein paar Typen denken, die in einem Aufnahmestudio sitzen, sondern an dunkle Wälder, winterliche Landschaften und so weiter, ohne dass ihm das direkt gesagt wird, sondern fast unterschwellig durch die erreichte Produktionsqualität. Dieselbe Art von Idee wird auf “Will of the Gods…” perfekt eingefangen.

Ein weiterer Teil des Charmes dieser Scheibe ist natürlich der Gesang, denn Sänger Agyl liefert eine erstaunliche Leistung ab. Seine Stimme klingt immer etwas schwebend, obwohl er eine raue Kante hat. Er hat einen Akzent, der seine Aussprache bestimmter Wörter etwas unbeholfen klingen lässt, aber das fällt eigentlich kaum auf, weil er die Vokale ohnehin ziemlich weit zieht. Er hat wirklich eine ungkaubliche Bandbreite und es wird schnell klar, warum die Band ohne ihn nicht weitermachen konnte oder wollte.

Doom Metal ist ein ziemlich verhextes Genre, an dem man leicht scheitert, wenn man nicht weiß, wie man die unglaublichen Räume füllen kann. Die beiden Gitarristen Harald und Karry nutzen diese Räume voll mit allen Arten von fantastischen Melodien und Soli. Tatsächlich neigen die Gitarren dadurch ein wenig dazu, die Musik schneller klingen zu lassen, als sie ist. Oft ist gitarrentechnisch ziemlich viel los, aber das Gesamttempo ist immer noch reiner epischer Doom. Wieder einmal trägt die Produktion zur Atmosphäre bei, denn der Gitarrensound ist absolut perfekt, mit viel mehr Höhen als Bässen. Das mag seltsam klingen, aber es klingt einfach nur großartig.

Man hört viele Viking-Metal-Einflüsse (z.B. “Hammerheart”-Ära Bathory) und sogar einige Power-Metal-Elemente. Auch hier darf man keine Double-Bass-Salven oder ähnliches erwarten, aber Scald halten die Dinge durch die leichte Vermischung verschiedener Stile interessant.

Schauen wir uns mal den Text zum Eröffnungsstück Night Sky an.

Der letzte Teil des Charmes von “Will of the Gods…” ist zweifellos die Tatsache, dass sich die Band nach den Aufnahmen zu diesem Album auflöste, was hauptsächlich auf den unglücklichen Tod von Sänger Agyl zurückzuführen ist. Somit wird das Vermächtnis von Scald allein aus diesem Album bestehen. Wir wissen, dass sie sich für immer aufgelöst haben, also denken wir nicht einmal daran, dass ein schlechtes Album ihr Erbe “trüben” könnte. Oft ertappen wir uns dabei, wie wir nostalgisch über Bands oder Künstler schwärmen, die sich längst aufgelöst haben oder von uns gegangen sind, und vergessen dabei oft, dass uns die Band oder der Künstler während der Aufnahmezeit nicht sonderlich interessiert hat. In Anbetracht dessen verdienen Scald jedes posthume Lob, das sie erhalten. Sie haben uns nur sehr wenig hinterlassen, aber das einzige Album, das sie produziert haben, ist ein Meilenstein im Genre des epischen Doom. Alle Fans von Epic Doom, die es noch nicht gehört haben, sollten sich so schnell wie möglich ein Exemplar besorgen (erstaunlicherweise ist es dank der Wiederveröffentlichung durch Wroth Emitter immer noch recht leicht zu finden). Wenn es jemals eine musikalische Definition von “episch” gegeben hat, dann ist dies sicherlich diese. Ein Klassiker auf höchstem Niveau und ein Album mit einem atmosphärischen Gefühl, das die meisten Bands, selbst mit allem Geld der Welt, nicht annähernd reproduzieren können.

Der Wille der Götter bedeutet große Macht

Der Nachthimmel verteilt eine große Anzahl von Sternen über eine grenzenlose Entfernung, glitzernd schaffen sie eine einzigartig leuchtende Welt.

Das Verlangen nach Erkenntnis ist gewaltig und brennend. Götter erschaffen das Wunder keinesfalls bewusst.

Das hier ist eine interessante Vorstellung, nämlich dass die Götter selbst kein Bewusstsein über das haben, was sie da tun, wenn sie diese gewaltigen Weiten erschaffen, allein aus ihrem Willen heraus, der irgendwo in ihrem eigenen Unterbewusstsein verankert ist.

Es geht weiter:

Ewige Schönheit
Der Wille der Götter bedeutet große Macht

Morgensterne im Sonnenaufgang
Du segelst davon in den Abgrund des Himmels
Das Licht verbarg dich
Da draußen gibt es unbekannte Geheimnisse einer fernen Welt

Du verlässt die Nacht
die Sternenwelt ist verglommen
das Licht des Mondes erloschen
Nur die Morgensterne sind noch sichtbar.

Ziemlich poetisch und damit passend zu dem, was wir da hören. Die Beschreibung der grenzenlosen Weite des Nachthimmels kann man eben wissenschaftlich betrachten, indem man sie der science Fiction unterordnet, oder man kann sie mystisch halten. Und für meinen teil ist das der bessere Weg, etwas darzustellen.

Das wars von mir. Hier habt ihr also euer Epic Metal Mixtape mit 14 Songs. Und wenn ihr es noch nicht getan habt, dann sagt mir auf workofsirens. de wie ihr dieses Spezial aufgenommen habt und vielleicht können wir es dann mit einem anderen Thema noch einmal wiederholen. Ihr kennt die Frage danach, wie ihr euren tag verbracht habt oder verbringt und wie das Wetter bei euch ist. Ich werde natürlich zusehen, dass ich so schnell wie möglich eine Playlist für euch habe, damit ihr die Stücke in einer ganzen Session hören könnt. das packe ich dann in die Seitenleiste unserer Page und mir bleibt an dieser Stelle nichts anderes zu sagen als keep on rockin, wir hören uns ganz bald wieder.

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Host im Podcast "Work of Sirens"

Autor: Micky Winter

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2 Gedanken zu „Epic-Sommer-Spezial (14) | #54“

  1. komme erst jetzt dazu mir die letzten Beträge anzuhören. Aber egal wann ich sie nun angehört hätte, es wäre wohl immer die gleiche Antwort.

    Ich höre Musik, schwitze wie blöde und draussen brennt der Planet 😀

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