Drei Hüte für ein Königreich: Gnome – King

Gnome - King

Natürlich macht es besonders Spaß, über Bands zu schreiben, von denen man noch nie etwas gehört und die man gerade erst entdeckt hat. Tatsächlich stieß ich auf diese interessante Band aus Belgien, weil ich wieder einmal nach obskuren Dingen Ausschau hielt (einer Beschäftigung, der ich öfter nachgehe, als ich wahrhaben will). Fantastische Bestien und dubiose Könige sind natürlich ein fester Bestandteil meiner thematischen Küche. Manchmal mögen derartige Vorlieben ins Lächerliche abgleiten – und es kommt immer auf die Art des Lächerlichen an, die darüber entscheidet, ob etwas ins Töpfchen (das ich nachher in den Sumpf kippe) oder ins Kröpfchen wandert (wo es ungeahnte Blüten in der Magengegend treibt). Es sagt wahrscheinlich mehr über mich aus als über die Band, wenn ich bei drei bärtigen Männern mit roten Zipfelhüten verweile, um zu sehen, was da wohl dahinter stecken könnte. Tatsächlich bin ich jemand, der in jedes Kaninchenloch krabbelt, wenn da was glitzert. Und tatsächlich glitzern hier vor allem die Riffs an allen Ecken und Enden. Und zwar in einer Weise, die so originell ist, dass man weit gehen muss, um Vergleiche heranzuziehen. Manchmal heavy, manchmal komplex, an manchen Stellen brutal halten sie bereits an der nächsten Ecke eine neue Überraschung bereit. Da ist der Vergleich mit dem Kaninchenloch gar nicht so abwegig, denn wenn man die drei Burschen mit ihren Mützen in einem nebligen Garten stehen sieht, mag man zunächst an nichts Besonderes denken, aber irgendwie überkam mich dann doch das Gefühl von etwas Surrealem.

Tatsächlich haben Gnome ihr Debüt mit dem Titel “Father of Time” bereits 2018 hinter sich gebracht und ihr könnt mir glauben, wenn ich sage, dass ich sofort einen Podcast über die Band machen wollte. Aber ich habe den Juli bereits verplant, will aber auch nicht länger warten, um über dieses neue Kleinod des Powertrios zu sprechen, das am 6. Mai bei POLDERRECORDS erschienen ist. Hier sind drei Musiker, die ihre Instrumente in einer atemberaubenden Weise beherrschen, sich aber nicht mit der in dieser Kategorie üblichen Nabelschau aufhalten. Ich erinnere mich gern an Frank Zappa, der seine Fähigkeiten ja ebenfalls genüsslich in den Dienst des Seltsamen, Albernen, Schrägen und Lächerlichen stellte, und auch wenn Gnome musikalisch nichts mit Zappa zu tun haben, ist der Vergleich allein schon deshalb berechtigt, weil ein wirklich herausragendes Talent gar nicht anders kann, als albern zu sein.

Der erste Track “Ambrosius” ist sowohl ein Beweis für Gnomes musikalisches Können als auch für ihren Sinn für Humor, ein Song, der nur mit wenigen Riffs und einem rudimentären Text auskommt, aber einen Groove entwickelt, der einem noch tagelang im Kopf hängen bleibt. Die ansteckenden Gitarrenmotive, der donnernde Bass und das solide, geschäftige und direkte Schlagwerk werden mit einem spärlichen, aber hymnischen Gesang gepaart, der in ein schlammiges, harmonisches Gebrüll übergeht, wenn sich die Dynamik des Songs zu einem doomigen Finale verlangsamt.

Es folgt “Your Empire”, bei dem Oskar Logi von Vintage Caravan am Gesang aushilft. Die Dynamik des Songs ist etwas schriller als bei seinem Vorgänger und der Gesang etwas wortreicher und melodischer. Als nächstes folgt “Bulls of Bravik”, ein fröhliches Stück exzentrischen Heavy Progs, das zeigt, dass sich auch doomige und schwere Klänge dazu eignen, eine komplexes Spiel mit ihnen zu treiben. Im Text geht es um die namensgebenden “Bulls of Bravik. Du nimmst besser deine Beine in die Hand, sie riechen deine Angst und Magie, und sie kommen, um dir das Gesicht wegzufressen.” Ich liebe solche Lyrics.

Das Instrumentalstück “Antibeast” nimmt das progressive Element des vorherigen Stücks  und hebt sie auf eine andere Ebene. Die ständigen Wechsel von Tempo, Dynamik und Groove des lassen den Hörer glauben, am Ende mit einem ganz anderen Stück konfrontiert worden zu sein als es anfänglich schien. Das ist die hohe Kunst der Verwirrung. Man weiß nicht, wie einem geschieht und wie die Band das gemacht hat, aber sie hat. Und alles passt zusammen.

Der nächste Song “Wencleslas” ist ein mitreißender Up-Tempo-Sludge-Rocker, der den Unmut unserer Helden über einen bestimmten Monarchen beschreibt und dabei einige clevere kleine Wendungen aufweist. Hierzu gibt es ein witzige Video, wie überhaupt die Clips der Band das Gefühl vermitteln, dass sie eine Menge Vergnügen mit sich selbst haben. Das irritiert an manchen Stellen etwas, weil das filmische Material doch wirklich arg albern daher kommt. Ich glaube, man ist gar nicht mehr gewöhnt, dass man sich selbst vielleicht nicht allzu ernst nehmen sollte.

Es folgen zwei Instrumentalstücke, “Kraken Wanker” und “Stinth Thy Clep”, beide sind eine Mischung aus dunklem doomigem Getöse und verspieltem Stoner-Swagger, wobei ersteres mit keltischen Einflüssen und letzteres mit Prog-Metal-Texturen aufwartet (und einen Videoclip bekommen hat, in dem ein lustiger König in braunen Strumpfhosen tanzt). Gnome schließen “King” mit dem ehrgeizigen “Platypus Patrol” ab, einem mehr als elfminütigen Epos, in dem die Band ihre Vorliebe für Verspieltheit mit ein wenig Düsternis und Dunkelheit mildert und einen kurzen und unerwarteten Ausflug in einen drogengeschwängerten Trip  unternimmt.

Mit “King” hat es die Band geschafft,  ein Gleichgewicht zu finden zwischen ihrem Bedürfnis, als gute Musiker zu gelten, und dem ebenfalls starken Bedürfnis, die Sache bloß nicht zu ernst zu nehmen. Eine heutzutage ungleiche Mischung.

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Host im Podcast "Work of Sirens"

Autor: Micky Winter

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