Vom Downer Rock zum Heavy Metal

Einer der ersten Ableger des frühen Metal war der sogenannte „Downer Rock“, ein Begriff, den der Schlagzeuger von Black Sabbath, Bill Ward, geprägt hat. Die Moll-Akkorde, die apokalyptische Weltanschauung und die unerbittliche Düsternis von Sabbath trafen den Nerv einer Generation, die von der Einberufung zum US-Militär, vom Ende der Ära von „Peace and Love“ und von der sich ausbreitenden politischen und finanziellen Instabilität geplagt war.

Und dann waren da noch die Drogen. Beim Downer Rock ging es um Quaaludes. Und die wurden umgangssprachlich „Downer“ genannt. Die Drogen gehörten dazu. Wein trinken, ein paar Quaaludes nehmen, Black Sabbath hören. Die Downer-Rock-Bewegung war die letzte Drogenbewegung, die auf einer Art spiritueller Suche beruhte. In diesem Fall war es eine dunkle, satanische Suche. Es war ein dunkler Rausch, angeheizt durch die Katastrophe des Altamont-Festivals und Charles Manson.

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Amerikanischer Heavy Metal

Willkommen Freunde draußen an den Radiogeräten zu einer neuen Ausgabe unseres Genre-Guides. Heavy Metal hat viele Gesichter und wenn wir von ihm in seiner Reinkultur reden, dann meistes nur von der New Wave of British Heavy Metal, der NWOBHM. Und noch früher, bereits über die ganzen 70er Jahre hinweg schwebte der Begriff bereits über jene Bands, die wir heute dem Proto-Metal zurechnen und die ebenfalls hauptsächlich aus Großbritannien kamen. Die Briten – so scheint es im nachhinein – waren seit den 60er Jahren und der sogenannten British Invasion ziemlich innovativ und Tonangebend was die Entwicklung des Rock ’n‘ Roll betraf. Das bedeutet natürlich nicht, dass Amerika dem nichts entgegenzusetzen hatte, dort gab es allerdings eine ganz andere Musikkultur, getränkt aus Jazz, Blues, R ’n‘ B, Soul, Country usw. die sich erst im Laufe der Zeit mit der britischen vermischte. Erst in den 80ern, als die NWOBHM – so schnell wie sie gekommen war – auch wieder vorbei war, dominierten in der Folge die amerikanischen Bands mit ihrem Power Metal und vor allem dem Thrash. Aber so weit wollen wir heute gar nicht gehen, wir sehen uns die Entwicklung des 70er Jahre Heavy Metal aus der Perspektive der Amerikaner an. Gab es zeitgleich zu Led Zeppelin, Uriah Heep, Deep Purple, Budgie, Black Sabbath eine amerikanische Entwicklung?

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Genre-Guide: NWOBHM

Wie immer, wenn es um Begriffe und Genres und ihre Abgrenzung zu anderen Formen geht, sind die Schwierigkeiten bereits vorprogrammiert. Die meisten Genres, die wir heute als solche akzeptieren, waren eine Erfindung der Musikpresse und NWOBHM ist da keine Ausnahme. Der Begriff impliziert sogar mehrere Fakten auf einmal: erstens, dass es eine ältere Welle gegeben haben muss (New Wave – Old Wave) und zweitens, dass es sich dabei um eine Spielart aus dem britischen Königreich handelt (Britisch Heavy Metal). Tatsächlich aber gab und gibt es Bands, die musikalisch gar nicht vom Sound der NWOBHM zu unterscheiden sind, aber aus einem anderen Land stammen. Für diese hat man zunächst den eigentlichen Begriff Heavy Metal geltend gemacht, wenn nicht sogar New Wave of Heavy Metal. Mittlerweile haben wir ja längst eine weitere Welle, die sich als eine Renaissance des klassischen Heavy Metal versteht, die New Wave of Traditional Heavy Metal. Dieser Begriff ist weitaus unverfänglicher, weil er viel leichter als die NWOBHM alle Bands, die gegenwärtig traditionellen HM spielen unter Dach und Fach bringt, egal woher die Bands stammen und egal, wie unterschiedlich sie klingen.

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Was der Doom ist und was er macht

Doom

Heute geht es hier um den Doom. Gar nicht mal um eine wirkliche Übersicht, sondern um ein paar grundsätzliche Worte und Überlegungen, auf die wir dann immer wieder zurückkommen können, denn der Doom hat viele Gesichter. Einen spezifischen Doom-Sound gibt es nicht. Er kann von einem schnelleren Uptempo bis hin zum reinen Brodeln und Dröhnen reichen. Er kann den Hörer wie eine Dampfwalze überrollen oder ihm eine Reise anbieten, die von tief unter der Erde oder des Meeres bis in die Weiten des Weltalls oder der eigenen Psyche führt, in andere Welten oder in irgendeine Wüste, staubbedeckt und brütend heiß.

Eines hat der Doom und seine zahlreichen Subgenres aber dann doch gemeinsam: die Atmosphäre und die Leidenschaft, die durch kein anderes musikalisches Genre in dieser Form erreicht werden können. Wenn man die Sendung über den Okkult Rock dazu zählen will – und das sollte man – dann ist das hier eine Art Fundament und beileibe nicht das letzte Wort zu diesem Thema.

Zwar wird der Doom oft als ein Subgenre des Metal bezeichnet, aber seine Wurzeln hat er dort nicht. Im Grunde ist er an gar kein übergeordnetes Genre wirklich gebunden. Natürlich gibt es den Doom Metal als klassisches Konstrukt, aber es gibt ebenso den Doom Rock, den Doom Prog, Ambient Doom, Stoner Doom usw.

Klar ist eigentlich nur, dass er sich nicht in Geschwindigkeitsrekorden versucht. Doch nur langsames Dahinschleichen definiert den Doom noch lange nicht. An verschiedenen Orten kann man lesen, dass die Beatles mit ihrem Song “ I Want You (She’s So Heavy)“ von ihrem Album Abbey Road 1969 die ersten waren, die eine Blaupause für den Doom geschaffen haben, und ganz von der Hand zu weisen ist das zwar nicht, weil der Song zu dieser Zeit ziemlich progressiv war, groovy und durchaus schwer, aber ein Gefühl des drohenden Unheils fehlt. Und das ist ein großer Markstein, den wir benötigen, um das Genre etwas besser zu verstehen. Sicher, es gibt den Doom auch in einer positiven Stimmung, aber wie könnte ein Genre nach Sonnenschein und guter Laune duften und sich gleichzeitig nach dem Untergang, dem Unheil, dem Verderben, der Verdammnis benennen? Das kann eben nur geschehen, wenn man sich rein auf die Langsamkeit eines Songs konzentriert. Natürlich wird das auch getan, aber wirklich weiter bringt uns das nicht. Die Sache ist etwas komplizierter.

Schauen wir uns dazu den zweiten Kandidaten an, der oft genannt wird. Led Zeppelins „Dazed and Confused“. Geschrieben wurde der Song 1967 von dem Folksänger Jake Holmes als ein Liebeslied. Auf Zeppelins Debüt von 1969 wird daraus lyrisch gesehen zwar auch nichts anderes, aber allein der Anfang, als John Paul Jones einfach nur seinen zähen Bass rollen lässt und Jimmy Page einige psychedelische Elemente darüber legt, hat etwas von diesem drohenden Unheil, nach dem wir suchen. Die einzelnen Strophen sind natürlich völlig im Heavy Blues zu verorten, aber in dem Moment, wo die Band das Hauptthema gemeinsam aufnimmt, kriecht dieses drohende Gefühl aus allen Kabeln. Der atemberaubende Tempowechsel mit diesem bollernden Bass und Bonzos (John Bonhams) Schlagzeugwalze zeigt dann einmal mehr, was Led Zeppelin zum Heavy Metal in dieser Phase beigetragen haben.

Der Blues kennt eine langsame, drückende Stimmung schon lange, und so ist es dann auch keine große Sache, dass Proto-Metal-Bands, die sich natürlich alles aus dem Blues speisen, ebenfalls eine schweißtreibende Intensivität erreicht haben, die sich noch nie aus Geschwindigkeit formen ließ. Es müsste Johann Sebastian Bach gewesen sein, der einmal sagte, dass nicht nur die gespielten Noten von äußerster Wichtigkeit seien, sondern gerade die nicht gespielten. Nun, ein Bluesman war Bach zwar nicht, aber von Musik verstand niemand jemals mehr als er und gerade von seinen Cello-Sonaten geht durchaus eine doomige Atmosphäre aus.

Aber egal, wo wir auch suchen wollen, es gibt definitiv zwei Bands, die ein drohendes Unheil mit einer bis dahin unfassbaren heaviness darboten. Die eine – Blue Cheer – durch eine bis dahin nie dagewesene Lautstärke, mit der sie Eddie Cochranes Klassiker „Summertime Blues“ förmlich zerquetschten und auf ein verstörtes Hippie-Volk spuckten, und natürlich Black Sabbath, die wohl mehr ins Rollen brachten als irgendeine andere Band das jemals vermocht hat, egal wo man sucht und egal, was man vor ihrer Zeit aus dem Sumpf graben will. Aber uns interessiert hier der Doom, der aus einem fetten und schweren Riff besteht und zusammen mit einer monströsen Rhythmusgruppe diese Gefühl vermittelt, dass gleich etwas schreckliches passieren wird, ein „Dröhnen des Grauens“, wie man es zum Beispiel in der Filmbranche nennt, wenn Sounddesigner einen lang anhaltenden Ton verwenden (oder eine Gruppe von Tönen), der ein unheimliches Gefühl erzeugt.

Auf Black Sabbath trifft all das zu, was man unter Doom versteht.

Bei ihrem Namen wurden sie inspiriert von dem italienischen Horror-Klassiker von Mario Bava aus dem Jahre 1963, der im Original „Die drei Gesichter der Furcht“ heißt – nur eben auf Italienisch.  Also hatte sich die Band auf den Banner geschrieben, mit ihrer Musik die selbe Furcht zu erzeugen wie diese Filme, die damals in bestimmten Kreisen recht populär waren. Der Film, nachdem sich Black Sabbath, benannten ist kein durchgehender Streifen, sondern eine Anthologie aus drei unterschiedlichen Geschichten, und er ist auch nicht besonders gut, ein Sabbat – was auch immer man darunter verstehen will – kommt darin gar nicht vor. Aber der amerikanische Filmtitel ist natürlich eine Wucht. Das dachten sich auch Tony und die Jungs, auch wenn der Text von einem Traum handelt, den Geezer Butler hatte, als er eine schwarze Gestalt an seinem Bett stehen sah. Horrorfilm und Horrorliteratur spielen also von jeher im Doom eine zentrale Rolle, ebenso wie die Kreuzsymbolik, der ohnehin etwas Unheimliches anhaftet.

Black Sabbath

Man kann also sagen, dass Black Sabbath hier in die Fußstapfen jener Sounddesigner traten, die dieses „Dröhnen des Grauens“ bereits seit den Anfängen des Films anwandten. Und mit dem Song „Black Sabbath“ hob man etwas aus dem dunklen Schlitz der Hölle, das alles enthielt, was bis heute den Doom in seiner Urform definiert, sei es das Donnerwetter mit reichlich Regen zu Beginn, durch den man eine einzelne Totenglocke klingen hört, sei es der sogenannte Teufelsintervall, mit dem die Band dann mit einem leicht abgewandelten Thema der Orchestersuite „Die Planeten“ des Komponisten Gustav Holst einsetzt, namentlich mit dem Auftakt zu „Mars, der Kriegsbringer“, sei es Ozzys peinigende, gequälte Stimme, die uns davon berichtet, dass er wohl jetzt gleich von Satan in die Hölle abkommandiert wird und die Leute sich besser in Acht nehmen sollten.

Man kann sich wohl kaum vorstellen, wie sich die Hörer fühlten, als sie das zum ersten mal an einem Freitag, den 13ten im Jahre 1970 hörten, als doch ein paar Jahre vorher erst der Summer of Love ausgerufen wurde. Damit war jetzt Schluss.

Sicher, einen Monat später baten auch Black Widow zum Sabbath, um Satan dort zu treffen, und ein Jahr vorher zelebrierten Coven auf ihrem Album „Witchcraft Destroys Minds & Reaps Souls“ eine schwarze Messe, aber beide Bands blieben in einer folkigen Ausrichtung der Rockmusik, die man heute Okkult Rock oder Doom Rock nennt. Ihr Einfluss ist natürlich keineswegs zu unterschätzen und spielt eine große Rolle im Doom, zu dem ich bereits eine Sendung gemacht habe, und auf die ich durchaus noch einmal zurückkommen werde. Aber hier an diesem 13. Februar 1970 schossen Black Sabbath eindeutig den Vogel ab.

Die Schaffung eines Genres ist eine schwierige und schwammige Angelegenheit. Eigentlich ist es doch eher so, dass ein Genre passiert und nicht geschaffen wird. Hunderte von Musikern mit ihren früheren Einflüssen und zukünftigen Ablegern arbeiten hier Hand in Hand, ohne das sie es immer wissen oder gar beabsichtigen, um langsam neue Klänge zu erzeugen. Die Musikszene ist eine hochgradig kollaborative Szene, in der viele Musiker einer bestimmten Epoche Ideen und Sounds austauschen. Und so verhält es sich natürlich auch mit dem Doom, dessen definierbarer Sound zwar gleichzeitig mit dem Begriff Heavy Metal auftauchte, aber erst wesentlich später so genannt wurde. Zum ersten Mal angewandt wurde er von der Musikpresse, als das englische Magazin Kerrang! die Musik von Witchfinder Generals Debüt „Death Penalty“ beschrieb, ebenfalls eine Band, die sich nach einem Horrorfilm benannte. Die Band aus Stourbridge brachte in der NWOBHM, die immer schneller zu spielen begann, die Atmosphäre des alten Englands zurück, wo Hexen und Magie in jeder Taverne lauerten und öffentliche Hinrichtungen zu einem schönen Nachmittag gehörten. Allein der selbstbetitelte Song der Band setzte Standards, die bis heute nicht weniger zitiert werden als das, was Sabbath aufs Parkett gebracht haben.

Da ahnte man noch sehr wenig von Pagan Altar oder Pentagram, die zwar bereits in den 70ern ihre Spuren hinterließen, aber keine Veröffentlichung vorzuweisen hatten. Pagan Altar legten zwar 1982 ein Demo vor, traten aber erst 2004 mit „Lords of Hypocrisy“ auf den Plan, während Pentagram ihr Debüt 1985 nach unendlichen Querelen herausbrachten.

Das Bild, das wir vom Doom haben, ist erst in unseren Tagen wirklich vollständig geworden, und natürlich tauchte der Begriff Doom innerhalb einer bewussten Konzeption endgültig 1986 ins Bewusstsein der Hörer, als Candlemass mit „Epicus Doomicus Metallicus“ das Genre des epischen – und von da an auch klassischen – Doom Metal definierten. Da Candlemass und vor allem ihr Mastermind Leif Edling unverhohlen Black Sabbath verehrten, war schnell der Bogen zurück in die 70er gespannt.

Man hatte  jetzt einen Begriff, mit dem man ein Genre zusammenfassen konnte, das zwar bereits zu diesem Zeitpunkt sehr vielseitig war, aber eben dieses ganz besondere Gefühl entstehen ließ, dieses drohende Unheil, wenn auch Candlemass dem Ganzen einen erhabenen und epischen Anstrich gaben. Schnell waren die Enthusiasten dieser atmosphärischen Langsamkeit weltweit dabei,  nach weiteren Einflüssen zu suchen und eine Ahnengalerie zusammenzustellen. Black Sabbath waren nicht mehr länger nur die Väter des Heavy Metal, sondern auch des Doom, zu diesem Zeitpunkt so etwas wie ein kleiner Bruder, der etwas länger brauchte, seine Siebensachen zusammenzubekommen, aber dafür bis heute die eigenwilligsten Fans sein eigen nennt. Bands wie Pentagram, Trouble, The Obsessed, Witchfinder General und Saint Vitus hatten bereits eine starke Anhängerschaft, als Epicus Doomicus Metallicus die Metal-Massen im Sturm eroberte. Ein Stil, der heute als Doom Metal bekannt ist, florierte also bereits in der Tradition, die von einer Reihe von Bands am Leben erhalten wurde, unabhängig davon, ob er Subgenre des Metal betrachtet wurde oder nicht.

Doch damit war noch lange nicht Schluss. Anfang der 90er bebten nicht mehr nur die Kathedralen, Friedhöfe, Galgen und Scheiterhaufen, sondern gleich die ganze Wüste. Das sehen wir uns aber in einer anderen Sendung an, ebenso wie die Liebe zum Arkanen und zu alten Horrorschinken und seiner Bildästhetik.

Als die Generatoren glühten

Kyuss

Jede Musikszene besitzt ihren heiligen Ort, ein mystisch verklärtes Domizil der Legenden und Anfänge, denn jedem Anfang wohnt ein Zauber inne. Für die Blumenkinder ist dieser legendäre Ort White Lake in Bethel, heute einfach nur Woodstock genannt. Für die Jünger des Heavy Metal ist es das Soundhouse in London, für den Jazz New Orleans. Es gibt noch viele weitere solcher Orte, aber uns interessiert in dieser Sendung vor allem die Palm Desert Szene in Kalifornien, die sich seit Mitte der 80er Jahre zu einer der berühmtesten musikalischen Locations in ganz Amerika aufgeschwungen hat.

Kyuss in der Wüste

Stoner Rock bezieht einen Großteil seiner Anziehungskraft aus seinen Ursprüngen in der Wüste. Das ist dann auch der Grund, warum das Unterfangen zunächst auch Desert Rock hieß. Beides sind Begriffe, die sich die Musikpresse ausgedacht hat, und gerade in Bezug auf Stoner Rock bekommt man es nun nicht mehr aus den Köpfen raus. Irgendwann ging man sogar dazu über, Pschedelic Rock Bands aus den 60ern als Proto-Stoner für sich zu vereinnahmen. Es mag schon sein, dass es eine grundlegende Attitüde gibt, die alles miteinander verbindet, aber sobald die Art der Droge, die man zu sich nimmt, ein Musikgenre definiert, wird es für Musikliebhaber etwas ungemütlich. Das soll nicht heißen, dass es eine solche Verherrlichung nicht gibt; was ist schließlich mit Bands wie Dopelord, Bongzilla usw.? Aber – und das sage ich immer wieder: Motörhead spielten keinen Speed Metal, nur weil Lemmy das am liebsten in sich reinjagte (Speed). Es blieb Rock N Roll. Mir ist natürlich bewusst, dass die Namensgebung fast überall ein einziger Krampf ist, an den man sich gewöhnen muss. Das beginnt bei „Jazz“, geht natürlich weiter zum „Rock“, zum „Metal“, zum „Doom“, alles willkürliche Begriffe, an die man sich längst gewöhnt hat, die aber im Grunde gar nichts über die Musik aussagen.

Um Generatorpartys zu verstehen, sollten wir allerdings zunächst über die Musikszene von Palm Desert sprechen, denn während wir die Verhältnisse in Birmingham zu Zeiten der NWOBHM durchaus nachvollziehen können, ist diese Szene für einen Mitteleuropäer nicht ganz so leicht zu verstehen.

1988 gründeten die Schulfreunde Garcia, Björk, Oliveri und Homme in La Quinta die Band Katzenjammer und probten in ihren Schlafzimmern. Da es in der Stadt keine Locations für alle Altersgruppen gab (Homme war gerade 14 Jahre alt, als sie sich gründeten), machten sie sich auf den Generatorpartys in der Wüste rund um Joshua Tree einen Namen, die von Mario Lalli von der beliebten lokalen Band Yawning Man organisiert wurden, die Björk einmal als „die kränkste Wüstenband aller Zeiten“ bezeichnete. Lalli lieferte den Generator; Andere stellten Bier, Barbecue und Halluzinogene zur Verfügung. Es gab Lagerfeuer, gelegentliche Nacktheit und lange, intensive Sets, die sich durch die Nacht hinzogen. Der Sand kam überall hin – in deinen Verstärker, in dein Getränk, in deine Augen – aber es hat sich für die Freiheit gelohnt.

Palm Desert liegt im Coachella Valley, etwa zwei Stunden östlich von Los Angeles und zwei Stunden nordöstlich von San Diego und Mexiko. Zwei Stunden entfernt bedeutete, dass Palm Desert gerade weit genug entfernt war, um den Weg in eine Großstadt zu einer Unannehmlichkeit zu machen. Für die jungen Leute, die auf der Suche nach Identität waren und gerade den Punk für sich entdeckten, war die Wüste das Nächstbeste. Die Wüste war Freiheit. Die Polizei löste Hauspartys, auf denen manchmal Bands spielten, mühelos auf, so dass die offene Weite und die Abgeschiedenheit der Wüste ununterbrochene Spielzeit versprachen. Wenn die Polizisten eintrafen, zerstreuten sich die Partypeople in alle Richtungen. Aber ohne eine Steckdose, an die sie sich anschließen konnten, mussten die Musiker alternative Mittel finden, um ihre Geräte mit Strom zu versorgen. Bald türmten Bands ihre Instrumente, Verstärker und Generatoren einfach auf die sandigen Ebenen.

Obwohl diesem Wüstenklima Freiheit innewohnte und jeder machen konnte, was er wollte, trieb eine Art Demokratie das künstlerische Talent voran. Die einen brachten Bier, die anderen brachten Brot, jemand brachte einen Generator und Sprit, die Mexikaner brachten die Drogen.

Während die Wüsten- und Generatorpartys die Bands dazu brachten, ihre Fähigkeiten zu verbessern, trugen sie auch dazu bei, einen bestimmten Sound zu formen. Bands wie Kyuss verkündeten, im Punk verwurzelt zu sein, aber die Wüste half ihnen dabei, dies hinter sich zu lassen.

Die rumpelnden Gitarrentöne in „Thumb“ (dem Opener von „Blues for Red Sun“) verstreichen wie die heiße, wirbelnde Luft, die von der Wüstenstraße ausstrahlt. In einem unversöhnlichen Ökosystem, in dem Nahrung und Wasser oft knapp sind, kann man nicht gedeihen, wenn man nicht ein hartes Äußeres entwickelt. Kyuss entwickelte einen Sound, der diese raue Attitüde perfekt verkörperte.

Während die Wüste Kyuss dazu brachten, heavy zu sein, waren es die Stoner-Rock-Pioniere Yawning Man, die sie dazu brachten, etwas völlig Mystisches und Psychedelisches zu schaffen. Kyuss war an den Ecken und Kanten rau, aber der Sound von Yawning Man lädt dich zu ätherischen Reisen ein, die fünf, sechs oder sieben Minuten dauern. Unabhängig davon, wer auftrat, zogen die Generatorpartys Menschenmassen an. Drogen und Alkohol waren an der Tagesordnung, aber auch Tanzen und Grillen. Manchmal standen ein Dutzend Leute herum, manchmal waren es Hunderte, die neben den spielenden Musikern standen, so dass es fast schon ein Gedränge war.

Als die Generatorszene nachließ, waren Katzenjammer zu Sons of Kyuss (nach einem Monster in Dungeons and Dragons) und schließlich nur noch zu Kyuss geworden, was die Aufmerksamkeit von Chris Goss auf sich zog. Goss, etwa ein Jahrzehnt älter, stammte aus Syracuse, New York, zog aber 1988 nach Los Angeles, als seine Band Masters of Reality bei Rick Rubins Label Def American unterschrieb. Er versuchte bewusst, den schweren Sound von der Haarspray- und Spandex-Szene zurückzuholen.

In den 80er Jahren drehte sich alles um Image, Kleidung und Haare. Chris fragte sich, was ist mit dem Gehirn? Was ist mit dem LSD? Wie steht es um die Wirkung, die ätherische Musik einst auf unseren Geist hatte? Was ist mit der Mystik und dem Fluss passiert, der vor Intelligenz nur so strotzt? Er suchte nach Musikern, zu denen er sich hingezogen fühlte. Jemand, der mit seiner Arbeit Grenzen sprengen und die DNA verändern will.

Die Werbeabteilung von Def American interpretierte Goss‘ Liebe zu Psychedelia jedoch etwas zu wörtlich, indem sie Lavalampen als Werbegeschenke verschenkten. Und Batik-T-Shirts.

Eines Abends im Jahr 1990 ging er nach Hollywood, um Kyuss spielen zu sehen und fand die verwandten Seelen, nach denen er gesucht hatte. Er reiste in den Süden, um mit ihnen zu arbeiten, und kam nur nach L.A. zurück, um seiner Frau zu sagen, dass sie für immer in die Wüste ziehen würden. Die Gitarren waren sehr tief gestimmt, auf eine sehr unprofessionelle Art und Weise allerdings, was die ganze Sache noch verbessert hat. Durch die tiefen Frequenzen und den Saiten, die so sehr flatterten, entstand eine riesige Schallwelle, wenn Kyuss spielten. Chriss Goss ist sofort eingeschritten und sagte: Ich lasse nicht zu, dass irgendein scheiß Metal-Produzent diese Band anfasst und ruiniert.

Kyuss‘ gigantischer Sound ruhte auf zwei Säulen: Hommes Gitarre, heruntergestimmt und über einen Bassverstärker gespielt, und die zitternden Grooves der Rhythmusgruppe. Enttäuscht von ihrem ersten Album „Wretch“ von 1991, war die Band froh, mit Goss am Nachfolger „Blues for the Red Sun“ arbeiten zu können. Sie probten in Joshs Schlafzimmer im Haus seiner Eltern, und um jedes Detail zu hören, saß Goss mitten auf dem Boden, zum Nachteil seines Gehörs. Es war das Lauteste, was er je in meinem Leben gehört hatte. Er beschrieb es so, als würde man mitten auf einer Bowlingbahn sitzen, wenn die Kugeln über das Holz rollen. Kyuss brummte. Und das ist wahrscheinlich einer der Gründe, warum die Leute sie lieben, weil es dort Frequenzen gibt, die dich wie eine Decke einhüllen.

Ihr Label verpasste Kyuss ein Kiffer-Image mit der ganzen Subtilität von Rick Rubins Lavalampen und bezeichnete „Blues for the Red Sun“ als „eine frische Bong-Ladung potenter, sumpfiger und zotteliger musikalischer Erlösung“. Aber an der Platte selbst war nichts Effekthascherisches. Dave Grohl war ein Fan. Metallica luden sie ein, auf ihrer Tour zu eröffnen. Elektra gab ihnen einen großen Deal. Zur gleichen Zeit verließen immer wieder Mitglieder die Band: Oliveri nach „Blues for the Red Sun“, Björk nach „Welcome to Sky Valley“ von 1994. Mit dem 1995er „… And The Circus Leaves Town“ machten sie Feierabend. Die wenigsten Bands können für sich behaupten, auf ihrem Höhepunkt Schluss zu machen, um die Legende zu erhalten. Um ehrlich zu sein ist den meisten ihre Legende ohnehin ziemlich gleichgültig, Hauptsache die Kohle fließt.

Heute wird Palm Desert häufig unter den besten Rock’n’Roll-Städten Amerikas aufgeführt. Ein Großteil davon ist den Pionieren des Generatortransports in den 80er und 90er Jahren zu verdanken.

Sons of Satan: VENOM

Venom

Heute geht es um Venom und um ihre drei Alben Welcome to Hell, Black Metal und At War with Satan, die zu Beginn der 80er Jahre ihr Höllenlicht auf die Erde warfen. Wenn ich von Venom spreche, dann wirklich nur in ihrer Urbesetzung. Ich bin im Bilde, was Venom mit Cronos heute machen und was Mantas mit seinen Venom Inc. heute macht, interessiere mich aber nicht groß für ihr modernes Schaffen. Das ist keine eigentliche Ablehnung und hat noch nicht mal was mit Qualität zu tun, aber bei beiden Bands ist der Geist verschwunden, der mal in der Band wohnte. Und selbst Venom könnten heute nicht mehr Venom sein, selbst wenn die Urbesetzung wieder zusammen käme, was nie der Fall sein wird. Die Musiker haben sich nichts zu sagen und es ist vielleicht zu vergleichen mit Pink Floyd, wo David Gilmore und Roger Waters sich wahrscheinlich nie wieder versöhnen werden, wobei ich immer davon ausgehe, dass es doch eines Tages möglich sein wird. Bei Venom allerdings ist es gar nicht notwendig, weil die zwei Venoms, die heute existieren, ja durchaus erfolgreich miteinander konkurrieren und viele jüngere Bands froh sind, vielleicht sogar beide einmal Live gesehen zu haben. Die können dann sagen: Ich habe Venom Live gesehen!

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