Born To Be Wild: Amerikanischer Heavy Metal | #22

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Willkommen Freunde draußen an den Radiogeräten, zu einer neuen Ausgabe unseres Genre-Guides. Heavy Metal hat viele Gesichter, und wenn wir von ihm in seiner Reinkultur reden, dann meistes nur in Form der New Wave of British Heavy Metal, der NWOBHM. Und noch früher, bereits über die ganzen 70er Jahre hinweg schwebte der Begriff über jene Bands, die wir heute dem Proto-Metal zurechnen und die ebenfalls hauptsächlich aus Großbritannien kamen. Die Briten – so scheint es im nachhinein – waren seit den 60er Jahren und der sogenannten British Invasion ziemlich innovativ und tonangebend, was die Entwicklung des Rock N Roll betraf. Das bedeutet natürlich nicht, dass Amerika dem nichts entgegenzusetzen hatte, dort gab es allerdings eine ganz andere Musikkultur, getränkt von Jazz, Blues, R n B, Soul, Country usw., die sich erst im Laufe der Zeit mit der britischen vermischte. In den 80ern, als die NWOBHM – so schnell wie sie gekommen war – auch wieder verschwand, dominierten dann in der Folge die amerikanischen Bands mit ihrem Power Metal und vor allem dem Thrash. Aber so weit wollen wir heute gar nicht gehen, wir sehen uns die Entwicklung des 70er Jahre Heavy Metal aus der Perspektive der Amerikaner an. Gab es zeitgleich zu Led Zeppelin, Uriah Heep, Deep Purple, Budgie, Black Sabbath eine amerikanische Entwicklung?

Die gab es tatsächlich. Und das führt uns direkt zum Titel der heutigen Sendung: Amerikanischen Heavy Metal. Ich habe euch mal 5 Alben mitgebracht, die verdeutlichen, was ich meine.

Bedenkt man, dass der Begriff Heavy Metal in Amerika entstanden ist, darf man sich fragen, warum wir wie selbstverständlich davon ausgehen, dass dies zunächst eine rein britische Angelegenheit war. Natürlich wurde der Begriff erst hier zu einem ganzen Genre geschmiedet, aber allzu leicht wird vergessen, dass es sich da bereits um die dritte Welle handelte. An dieser Stelle müssen müssen wir natürlich nicht infrage stellen, dass das, was wir als Heavy Metal kennen, durch Black Sabbath zum ersten Mal seine ganze Bandbreite erfuhr, auch wenn ich in anderen Sendungen immer wieder darauf hingewiesen habe, dass der Begriff auch schon in den 60er Jahre genutzt wurde. Woher der Begriff tatsächlich stammt, das werden wir uns sicher noch einmal an anderer Stelle anschauen. Für heute genügt es, wenn wir akzeptieren, dass Heavy Metal mit dem Verschwinden der Bluesanteile in den härteren Rocksongs einher geht. An seine Stelle traten klassische Elemente, beziehungsweise Elemente der klassischen Musik, es kamen Keyboards hinzu und es wurde vermehr mit dem Tritonus – Diabolus in Musica – experimentiert.

Allgemein wird vom amerikanischen Heavy Metal erst in den 80er Jahren gesprochen, als die New Wave Of British Heavy Metal bereits am Abklingen war. Viele amerikanische Bands hatten ihr Handwerkszeug gelernt und einige neue Elemente beigefügt, die von dem Zeitpunkt an als typisch amerikanisch gelten konnten. Aber das war bereits der amerikanische epische Power Metal. In der ersten Welle stand am Anfang das Debüt von Blue Cheer im Fokus. Vingebus Eruptum. Und das war früh in der Zeit. 1968 nämlich, also zwei Jahre bevor Black Sabbath auf den Plan trat.

Allerdings fällt es eher durch seine raue Lautstärke auf und hat viele Anteile des Garage Rock und des psychedelic Rock, es ist viel schwerer Blues zu hören – viel mehr als auf dem Debüt von Black Sabbath – und so ein richtig gutes Album ist es trotz seines spektakulär harten Sounds eigentlich auch nicht. Im selben Jahr veröffentlichen Blue Cheer ein weiteres Album namens Outsideinside, das weniger spektakulär aber musikalisch dann doch etwas besser war, aber genauso wenig dazu geeignet wie Vincebus Eruptum, als eigentlicher Begründer eines neuen Genres zu gelten. Trotzdem ist es ein guter Start, um zu demonstrieren, was zu dieser Zeit bereits in der Luft lag. Und zwar in Amerika. Warum die Briten in diesem Sektor jedoch die Nase vorn hatten, lag nicht zuletzt daran, dass viele europäische Musiker die klassische Musik besser verstanden.

Zu diesem Zeitpunkt hatte man das noch in der Schule gelernt, schließlich kommt die ganze klassische Musik aus Europa und ist hier ebenso in der DNA verankert wie in Amerika der Jazz und der Blues. Das ist auch der Grund, warum der Prog-Rock aus Europa kam, der ja die klassischen Elemente geradezu aufgesaugt hat, denkt man zum Beispiel an Emerson, Lake und Palmer. Wenn man sich also fragt, warum der Heavy Metal und der Prog Rock zu Beginn derart europäisch geprägt waren, dann findet man hier seine stechenden Argumente. Der amerikanische Hard Rock kommt also aus dem Blues und der Boogie-Musik und hielt auch lange an dieser Tradition fest. Natürlich ist der Blues auch in der britischen Blues-Explosion der 60er Jahre enthalten, aber eben als eine neue Spielart, die man mit den eigenen Traditionen durchmischen konnte. Das ist der Grund, warum es Black Sabbath und Deep Purple waren, die bereits den reinen Proto-Metal spielten, der ohne Bluesgerüst auskam. Nicht immer. Aber doch in ziemlich vielen Fällen.

Vorhin habe ich gesagt, dass der Begriff Heavy Metal in Amerika geprägt wurde, und das führt uns natürlich direkt zu Steppenwolf, die eigentlich nichts mit der Entwicklung des Genres zu tun haben. Eher eine psychedelische Rockband, die ihre Hochphase während der 60er Jahre hatte, hatten sie auf dem Song “Born to be Wild” dennoch ein Heavy Metal-Riff, das nicht speziell auf dem Blues basiert. Und natürlich die Zeile “Heavy Metal Thunder”. Allein schon deshalb führt kein Weg daran vorbei, Steppenwolf zu erwähnen, wenn auch nicht gerade mit dem ganzen Album, das ebenfalls 1968 heraus kam. Born to be Wild wurde irrsinnig oft gecovert und hat sich im Laufe der Zeit zu der Hymne eines bestimmten Lebensgefühls entwickelt, das auch Leute für sich vereinnahmten, die nichts mit Heavy Metal zu tun haben wollen.

Das ist vor allem da Gefühl für grenzenlose Freiheit, die auch und vor allem von der Biker-Szene aufgenommen wurde. Die Motorrad-gruppen gab es zwar überall, aber in den unglaublichen Weiten der USA erst wird dieses Gefühl auch tatsächlich real.

Zum ersten Mal tauchte der Begriff Heavy Metal natürlich in William S. Burroughs Roman “The Soft Machine” von 1961 auf. Darin wird die Figur Uranian Willy als Heavy Metal Kid bezeichnet. Und auch wenn der Begriff eigentlich vom Periodensystem abstammt, meint er bei Burroughs eine ultimative Sucht, die im Endstadium tatsächlich etwas mineralisches im Gegensatz zum pflanzlichen habe.

Der Song wurde 1969 in dem Film Easy Rider verwendet, einem Klassiker der Gegenkultur mit Dennis Hopper und Peter Fonda in den Hauptrollen als Biker, die von Los Angeles nach New Orleans fahren.

(Song Steppenwolf)

Lasst uns jetzt mal in die 70er zu springen, Heimat der besten Ära, die die Musik je erlebt hat. Hier finden wir eine Band, die nicht weniger großartig ist als Led Zeppelin, Uriah Heep, Deep Purple, Nazareth und so weiter. Die Rede ist von Leslie Wests MOUNTAIN, die stets den Beinamen Amerikas Led Zeppelin trugen, was man aber auch schon über Cactus gesagt hat. Beide Bands sind natürlich immer noch Blues-Basiert, stellen aber den Härte- oder Schweregrad bereits höher, ganz im Sinne von Led Zeppelin oder noch früher The Cream und The Yardbirds. Leslie West spielt bereits ziemlich fette Powerchords, aber die ganze Band kommt aus dem Blues-Gerüst nicht wirklich heraus. Das kann man bei allen härteren amerikanischen Bands der 70er Jahre beobachten, die zwar Anteile einer Heavy Metal-Ästhetik haben, aber ihre Akkordfolgen auf dem Boogie Woogie aufbauen, wie er in den 50er Jahren entstanden ist. Das gleiche gilt für Ted Nugent und ist sogar in den Anfängen von Kiss noch nicht gänzlich verschwunden, geschweige denn bei ALICE COOPER.

Von Mountains ersten Album Climbing aus dem Jahr 1970 stammt ihr bekanntester Song “Mississippi Queen”,
mit seinem explosiven, hochoktanigen Riff, das völlig überraschend für die Band die Billboard Charts erreichte, obwohl in den Vereinigten Staaten damals diese Art von Musik erst nach Mitternacht gespielt wurde und so kaum eine Chance auf gute Verkaufszahlen bekam.

(Song Mountain)

Über BLUE OYSTER CULT, an denen wir ebenfalls nicht vorbei kamen, habe ich vor kurzem bereits eine eigene Sendung über deren Debüt von 1972 gemacht. Und ohne die Geschichte hier zu wiederholen, will ich doch einen Punkt noch einmal herausgreifen. Und zwar den, dass Columbia Records ihre eigene Version von Black Sabbath haben wollte. Es war also niemandem entgangen, dass hier eine ganz neue Musikrichtung am Entstehen war und dass Amerika diesbezüglich noch ziemlich abgeschlagen agierte. In den 80ern sollte sich das Blatt natürlich erheblich wandeln, aber da befinden wir uns ja noch nicht. BÖC waren eigentlich eine psychdele Rockband, die gar nicht wusste, wie ihnen geschah, als sie das Angebot annahmen, weil sie sonst wahrscheinlich nie zu ihrem Debüt gekommen wären. Was BÖC allerdings von Anfang an hatten, war ein geheimnisvolles Image und diese überragenden und merkwürdigen Texte. Die amerikanischen Black Sabbath waren sie freilich nie, aber sie unterschieden sich doch erheblich von ihren Kollegen, was sie ja auch zu einer der besonderen Bands dieser Ära machte.

Hier ein Auszug aus The Red and the Black von ihrem zweiten Album Tyranny and Mutation
(Song BÖC)

Eine Band, die im Proto-Metal-Sektor stets genannt wird, sind die Texaner Bloodrock, die im April 1970 ihr selbstbetiteltes Debüt präsentierten. Und eigentlich kann man in der Entwicklung des Heavy Metal dann auch nur dieses eine Album heranziehen, denn bereits das zweite, das noch im selben Jahr erschien, war weniger heavy als das erste. Im Sektor des 70er Jahre Hard Rock besitzt die erste Bloodrock-Veröffentlichung einen gewissen Kultstatus, um an irgendeiner Entwicklung teilzunehmen, war es aber auch hier nicht genug, ganz klar sind die psychedelen Elemente hier noch stark vertreten und das amerikanische Bluesgerüst unvermeidlich. Das bedeutet natürlich nicht, dass man diese Scheibe nicht unbedingt besitzen sollte, wenn man auf den Sound der 70er Jahre steht. Hier geht es nicht um die Qualität der Musik an sich, sondern um das Entwicklungspotenzial hin zum Heavy Metal, den zu dieser Zeit eindeutig die Briten dominierten.

(Song Bloodrock)

Erst 1973 sollte es einer Band gelingen, ein Album zu präsentieren, dass man tatsächlich als erstes amerikanisches Heavy Metal-Album bezeichnen kann. Dabei handelt es sich um MONTROSE mit dem gleichnamigen Debüt. Kiss, die da die Bühne noch nicht betreten hatten, brachten diesen harten Sound auf ihren ersten Alben genauso wenig zustande wie Aerosmith. gerade letztgenannte steckten ebenfalls noch lange im Blues fest und orientierten sich eher an den Stones und Led Zeppelin. Also war Montrose völlig außer Konkurrenz. Hier hört man fette und moderne Heavy Metal Riffs, eingebettet in eine großartige Produktion, bedenkt man die Zeit. Ein Album also, dass es schafft, zu Black Sabbath und Deep Purple aufzuschließen. Mit Fug und Recht gilt das erste Montrose-Album als Blaupause für das, was dann bald Van Halen machen würden. Jeder, der das Album kennt, sieht natürlich auch hier die Boogie-Anteile, aber die Stoßrichtung ist bereits eine ganz andere. Abgesehen davon würde Sammy Hagar am Gesang nie wieder etwas Besseres fabrizieren als die beiden Alben – Paper Money von 1974 ist das zweite – zusammen mit dem begnadeten Gitaristen Ronnie Montrose, der sich 2012 für den Freitod entschieden hat, nachdem bei ihrem Krebs diagnostiziert wurde.

Es gibt noch ein anderes und bedeutendes Projekt von Ronnie Montrose, das zu bedeutenden Schätzen des frühen Heavy Metal zählt, nämlich Gamma, aber das ist eine andere Geschichte. Wir hören rein in Space Station #5 vom Debüt.

(Song Montrose)Es sollte allerdings nicht mehr lange dauern, da stießen auch britische Bands noch weiter vor mit Rainbow, Judas Priest, Thin Lizzy, UFO, Motörhead das, was gemeinhin dann die zweite Welle des Heavy Metal genannt wird, weil hier schon die Grundsteine für Speedmetal, Thrash Metal und Power Metal gelegt wurden, die Genres also, die sich dann in einer dritten Welle in den 80ern entfalten konnten.

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Unser Intro wurde von transistor.fm erstellt.

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Host im Podcast "Work of Sirens"

Autor: Micky Winter

Host im Podcast "Work of Sirens"

2 Gedanken zu „Born To Be Wild: Amerikanischer Heavy Metal | #22“

    1. Baltimore ist ja eine der ersten Bands, die in der Presse als “Heavy Metal” bezeichnet wurden – allerdings weit nach Hendrix. Das Problem ist, dass es sich bei “Kingdom Come” ebenfalls um ein Blues-Basiertes Album handelt. In der Proto-Metal-Show erkläre ich den Unterschied zwischen Rock und Metal, runtergebrochen auf eine einfache Formel. Trotzdem bleibt der Begriff Heavy Metal in dieser Zeit schwierig, lang bis in die 80er hinein. Und deshalb auch interessant, wie ja dein Kommentar beweist.

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