Bärtige Zauberer und bunte Gewänder: Hällas – Isle of Wisdom | #34

Willkommen Freunde draußen an den Radiogeräten zu einer neuen Folge unserer Reviews hier im Podcast Work of Sirens, wo wir über Hard Rock, Heavy Metal, Classic Rock und Prog Rock sprechen – all diese Themen, die wirklich wichtig sind in einer Zeit, wo Musik keine Rolle mehr spielt, außer für euch und für mich.

Heute habe ich das dritte Album der schwedischen Band Hällas für euch. Isle of Wisdom genannt und – wie man so schön oder unschön sagt – im Retro-Bereich angesiedelt, wobei die Jungs ihren Stil wesentlich treffender Adventure Rock nennen. Wieder ein neuer Begriff im Wust der Begrifflichkeiten, mag man zunächst denken, aber wenn man sich das Konzept hinter Hällas anschaut, dann ist Adventure Rock nicht einfach nur ein neues Gimmick, sondern trifft genau das, was Hällas machen.

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Im Mittelpunkt der Alben steht der Ritter Hällas, dem es bestimmt ist, an einem Religionskrieg in einem alternativen Universum teilzunehmen, der aber so besorgt um seine Zukunft ist, dass er sich auf die Suche nach dem Astralseher macht, der den Legenden zufolge die Sterne, die Zukunft und die Vergangenheit kontrolliert. Die Geschichte spielt in den Ländern von Semyra, die von einer tyrannischen Königin regiert werden. Auf der Suche nach Antworten verliert Hällas den Bezug zur Realität, und der verlorene Sinn für die Gegenwart führt zu seinem unvermeidlichen Untergang. Es gibt viele Drehungen und Wendungen, die auf der selbstbetitelten EP von 2015 begannen und sich dann über Excerpts from a Future von 2017 bis hin zu Conundrum von 2020 als eine Trilogie zusammenfassen lassen. Die Texte sind absichtlich recht vage gehalten, so dass der Hörer sie unterschiedlich interpretieren kann und hoffentlich in der Lage ist, die Lücken zu füllen und so sein eigenes Abenteuer zu erschaffen, während er zuhört. Ähnlich wie bei einem Rollenspiel. Das ist also der Kern und ihr seht, dass Adventure Rock nicht einfach nur aus der Luft gegriffen ist.

An manchen Stellen klingt die Band wie eine Mischung aus Gentle Giant und Rainbow, mit Anklängen an die von Yes abgeleitete Band Starcastle und vielleicht noch mit einer Prise Deep Purple. Für diejenigen, die nicht so sehr in die heiligen Riten des Progressive Rock eingeweiht sind, kann man das so übersetzen: jede Menge Orgeln, die von triumphalen, hornartigen Synthesizern umspielt werden, während die Instrumente eine Kombination aus fantastischer und beschwörender, abenteuerlicher Rockmusik mit einer ordentlichen Portion Boogie spielen. Diese Art von progressiven Rock hat seine Wurzeln sowohl in der subtilen Komplexität bestimmter Rockbands der 70er Jahre wie etwa Uriah Heep als auch im offenen zur Schau getragenen Bombast.

Das ist vielleicht die größte Verbindung zwischen der Musik von Hällas und dem Heavy Metal, insbesondere dem traditionellen Heavy Metal. Was tun viele epische Metalbands anderes als die Pracht der üppig und grelle bemalten Taschenbuchcover der Science Fiction und Fantasyliteratur, die es zwischen den glorreichen 50ern bis zu den 70ern gab, heraufzubeschwören? Das taten viele Prog-Band auch schon immer, mit Erzählungen über bärtige Zauberer in großartigen Gewändern in fremden und bizarren Welten, angefüllt mit Mysterien und Rätseln im Zentrum des Psychoversums.

Getreu dieser Form ist Isle of Wisdom selbst eine Fortsetzung von Hällas’ eigener düsterer Geschichte über Zauberer in Form einer übergreifenden Konzept-Suite.

Bei den triumphalen Refrains, den mitreißenden Melodien und dem steten Angriff der Gitarren und der Orgel, untermauert von einer sich ständig bewegenden Rhythmusgruppe, ist es schwer, sich nicht wie der intergalaktische mittelalterliche Ritter HÄLLAS selbst zu fühlen, der in die vielen Ecken des Universums reist.

Die Band versteht es, eine fesselnde und großartige Geschichte zu erschaffen, in die man eintauchen kann und die einem große Freude bereitet. Mit Tommy Alexanderssons einzigartiger Stimme, der die edlen, poetischen Texte singt, hat Isle Of Wisdom einen herzerwärmenden Charme und eine Unschuld, die einen in die Zeit zurückversetzt, als man noch ein Kind war, als alles ein Abenteuer war und die Fantasie noch nicht von modernen Turbulenzen beeinträchtigt wurde. HÄLLAS strahlen eine solche Wärme aus, dass diese Einladung, sich ihnen in ihrem eigenen Rollenspiel anzuschließen, von jedem mit Freude angenommen wird.

Der Retro-Charakter des Albums, vom Songwriting bis zur Produktion ist grandioser umgesetzt als bei vergleichbaren Bands – wobei es gar nicht so leicht ist, tatsächlich vergleichbares zu finden. Im letzten Jahr hatte ich an dieser Stelle Wobbler aus Norwegen auf dem Schirm, aber danach wird’s dünn.

Das liegt zum Teil daran, dass die Band das Album im Riksmixningsverket Studio in Stockholm produziert hat. Das Studio beherbergt einige der einzigartigen Synthesizer, die von ABBA benutzt wurden, und HÄLLAS hatten wieder einmal die für Bands recht seltene Gelegenheit, sie zu benutzen. Das taten sie auch, und zwar ausgiebig. Der vielschichtige Synthesizer-Sound des Albums ist glitzernd, glamourös und reichlich extravagant. Zusammen mit dem 1970er-Jahre-Vibe des restlichen Albums haben HÄLLAS mit diesem Album Retro-Rock-Starruhm erlangt.

In einem Album, das vor lauter Glanz nur so strotzt, sticht jeder Song hervor und hinterlässt auf irgendeine Art und Weise einen unauslöschlichen Eindruck beim Hörer. Birth Into Darkness ist ein tonangebender, beeindruckender Opener, umhüllt von Synthesizern und Geheimnissen. Mit Alexanderssons leidenschaftlichem Gesang, der sich zwischen die dynamischen, melodischen Riffs von Alexander Moraitis und Marcus Petersson schiebt, ist es die perfekte Art, dieses illustre Abenteuer zu beginnen. Earl’s Theme nimmt sich ein wenig zurück und nutzt Chorelemente und synthetische Bläsersätze, um eine episch packende Atmosphäre zu schaffen, in der es darum geht, das Böse abzuwehren und einem edlen Führer zu folgen. Gallivants (Of Space) ist das Juwel in der Krone des Albums, mit grandiosen Melodien, tapferen Riffs und wirbelnden Synthesizern von Nicklas Malmqvist. Es vereint alle Elemente, die Isle Of Wisdom so fesselnd machen, und es ist klar, dass dies der große Höhepunkt dieses Kapitels von HÄLLAS’ Abenteuern ist. Das abschließende The Wind That Carries The World ist eine epische Demonstration der Virtuosität und des unglaublichen Songwritings der Band und lässt einen verzweifelt nach mehr dürsten, während es in der Schwärze des Alls verklingt.

HÄLLAS haben etwas Magisches geschaffen, indem sie ihrer Fantasie freien Lauf gelassen haben, und es steckt eine beträchtliche Menge an Liebe, Freude und Kreativität in diesem Album. Isle Of Wisdom ist von Anfang bis Ende ein großartiges, unterhaltsames und fesselndes Album, und es wäre dumm, sich dieses außergewöhnliche Abenteuer entgehen zu lassen.

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Unser Intro wurde von transistor.fm erstellt.

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Host im Podcast "Work of Sirens"

Autor: Micky Winter

Host im Podcast "Work of Sirens"

2 Gedanken zu „Bärtige Zauberer und bunte Gewänder: Hällas – Isle of Wisdom | #34“

  1. Hallo Krempe,

    vielen Dank für das Review. Hällas habe ich durch Zufall 2019 als Vorband von Kadavar kennengelernt. Vorher hatte ich von der Band noch nichts gehört. Als die Band auf die Bühne kam habe ich ehrlich gesagt nicht viel erwartet. Ein paar Typen mit Umhängen und komischen Klamotten. Doch als der Gig begang war ich hin und weg. Eine solche tolle Mischung aus 70er Hard Rock, Heavy Metal, Bombast und Kauzigkeit habe ich noch nie gesehen oder gehört. Der von Dir besprochene “Zauber” der Band war allgegenwärtig. Seit dem verfolge ich die Band und habe mich über weitere 2 tolle Alben gefreut. Im Frühjahr konnte ich sie dann nochmal, diesemal als Headliner, anschauen.
    Ich hoffe das durch Dein Review die Band etwas Unterstützung erfährt, sie hätte es allemal verdient.

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