Angriff der Marsianer: Michael Romeo – War Of The Worlds Pt. 2 | #55

Im März des laufenden Jahres kam eines der am meisten erwarteten Alben des Jahres über das renommierte Label InsideOut zum Vorschein, das cineastische Meisterwerk “War of the Worlds Pt. 2”, das dritte Soloalbum des Gitarrenhexers Michael Romeo. Und natürlich ist es das Nachfolgewerke von “War of the Worlds Pt. 1” von 2018.

Und was soll man sagen, das Mastermind von Symphony X hat erneut ein Monster von einem Album geschaffen, ein Biest, das so ziemlich alles enthält, was die virtuose Abteilung des Heavy Metal überhaupt zu leisten vermag.

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Es lässt sich wohl kaum vermeiden, dass Romeos Soloarbeit sich nicht sonderlich vom Sound seiner Hauptband Symphony X unterscheiden, vor allem, weil er auch dort hauptverantwortlich für die irre Gitarrenarbeit, den Großteil des Songwritings, die Tasten und die Orchestrerung verantwortlich ist. Auch thematisch hätte der Science Fiction-Klassiker aus der Feder von H.G. Wells zu Symphony X gepasst. Warum es also ein zweigeteiltes Solowerk geworden ist, hat vielmehr mit Bandinterna zu tun als mit Romeos Wunsch, einen anderen Ansatz zu wählen, wie man das ja von vielen Solowerken – im Guten wie im Schlechten – kennt.

Wie viele andere Künstler in den letzten Jahren hat Michael Romeo die wenigen Tourneen und überhaupt Konzerte, die anstanden, genutzt, um wieder ins Studio zu gehen und an seinem Projekt weiter zu feilen. Während Symphony X-Fans nach “Underworld” aus dem Jahr 2015 sich über ein neues Album freuen würden, hat sich Romeo stattdessen dafür entschieden, sein Soloprojekt mit der bevorstehenden Veröffentlichung von Teil II seiner “War of the Worlds”-Trilogie fortzusetzen, was durchaus Sinn macht, um das Projekt weiterzuverfolgen, solange das Material noch kreativ heiß ist.

Bei dieser neuen Veröffentlichung von 2022 trägt Michael Romeo wieder einmal den Löwenanteil der kreativen Last und liefert nicht nur seine typische, unvergleichliche neoklassische Gitarrenkunst, sondern auch alle kompositorischen Elemente, von den Tasten und der Orchestrierung bis hin zu allen anderen seltsamen Instrumenten, die zum Würzen benötigt werden, vom Cello bis zur türkischen Saz. John DeServio von Black Label Society kehrt mit seinen Basskünsten zurück, und John Macaluso treibt den Sound des Albums erneut mit seinen weltberühmten Schlagzeugtechniken voran, die spätestens seit Yngwies Malmsteens “Alchemy”-Album für Aufsehen gesorgt haben. Der Mann hat auch schon bei Riot V getrümmert, und natürlich auch auf dem legendären Album “Absolute Power” von Powermad, bekannt aus David Lynchs Wild at Heart. Großes Kino also auch hier.

Neu und anders ist dieses Mal die starke Präsenz des aufstrebenden Kronprinzen des Metal-Gesangs, nämlich Dino Jelusick. Seitdem er bei seinem Projekt “Dirty Shirley” mit dem einzigartigen “Mister Scary” George Lynch den Gesang übernommen hat und auch bei Projekten wie “Free Fall” mit Magnus Karlsson mitgewirkt hat, wird Dino gegenwärtig schnell zu einer festen Größe in der Szene, auf einer Stufe mit Jorn Lande oder Russell Allen. Abgesehen von Ronnie Romero ist Dino Jelusick vielleicht das Beste, was dem Metal-Gesang seit Ronnie James Dio passiert ist.

Seine Stimme ist kraftvoll, melodiös und dramatisch wie gegenwärtig kaum eine andere.

Man muss wohl kaum erwähnen, dass Romeo bereits in der Eröffnungskomposition seine Fähigkeiten als Filmmusikkomponist auf wunderbare Weise einfließen lässt. Das hier ist kein unnötiges, austauschbares Intro, es hat Dramatik, Gravität und zusammen mit der Verzierung von Romeos unvergleichlicher Gitarrenarbeit haben wir hier einen grandiosen und einladender Start in dieses Album, und auch gleichzeitig ein Stück, das später mit “Hunted” und “Brave New World (dem Outro)” weiter ausgebaut und fortgeführt wird.

Die Art und Weise, wie der Synthie-Bass donnert, wenn die Einleitung ein Crescendo erreicht, verlangt wirklich nach einem Subwoofer, um die volle Wirkung zu erzielen.

Wie es sich für Romeo gehört, stürzt er sich mit dem Gesicht voran in einen Haufen großartiger Riffs und sonstige Kunststücke, unterstützt von der kraftvollen Stimme von Dino Jelusick, der sich dieses Projekt umbindet wie einen Mantel. Gleich beim zweiten Track Divide & Conquer ist der Glücksfall am Mikrofon vollkomemn in seinem Element.

Der Song verfolgt einen traditionelleren Prog-Metal-Ansatz. Es braucht nur ein paar hochtechnische Romeo-Gitarrenriffs, bevor Dino seine beeindruckende Stimme erklingen lässt. Das Tempo ist energiegeladen, die Riffs sind fett, aber vor allem der Refrain ist erstklassig. Die Lyrics sind cool und die Umsetzung völlig überzeugend. Der Song bekommt natürlich ein großartiges Romeo-Gitarrensolo, und es klingt so, als ob sogar sehr süße, ergänzende Keyboardarbeit eingeflochten ist, und wir müssen uns fragen, ob einige der Keyboardparts nicht von Dino übernommen wurden, der ja auch ein Weltklasse-Keyboarder ist. Der Track endet mit einem Crescendo, das eine verstärkte Reprise des Crescendos aus dem Einleitungstrack ist, was einen wirklich angenehmen Weg darstellt, einen Schlüsselsong mit dem Thema des Albums zu verbinden.

Lebendige, euphorische Melodien und berauschendes Schreddern werden auf tadellose Weise abgespult.

Das Album wird mit dem dritten Stück, “Destroyer”, sogar noch härter. Während die fiesen, bösen und potenziell siebensaitigen Stilistiken zweifelsohne sehr cool sind, sind es vor allem Dinos hochfliegende Vocals zwischen den Flüstern von “Destroyer”, die dieses Stück unvergesslich machen. Auch die reichhaltige Instrumentierung ist eine Ohrenweide. Zum Beispiel hören wir Romeo mit der Saz nudeln , wenn er nicht gerade das Griffbrett seiner Caparison-Gitarre einäschert.

Metamorphosis hält das Pendel in vollem Schwung, da seine süchtig machende Energie hell erstrahlt. Druckvolle Schlagzeugpassagen und erhebende Gesangslinien tragen dazu bei, dieses Stück in seiner ganzen Erhabenheit strahlen zu lassen.

Mothership baut die Spannung mit intensiver Orchestrierung auf und lässt den Hörer voller Vorfreude stehen. Just Before The Dawn beginnt mit beruhigenden Klavierelementen, die die gefühlvolle, balladenartige Gesangsarbeit perfekt ergänzen. Die Falsettausbrüche sind ein wahrer Gänsehautmoment. Hybrids stürmt mit selbstbewusstem Schritt und eindrucksvollem Riffing voran. Die düsteren Untertöne verleihen dem Song eine zusätzliche Dynamik, und die phänomenale Leadarbeit lässt einen weiterhin vor Ehrfurcht erstarren. Hunted hält dich in Atem, mit einer ganzen Reihe von verschiedenen Instrumenten, die geschickt kombiniert werden, um einen Track voller cineastischer Spannung zu liefern.

Just Before the Dawn setzt schnell auf die sauberen Romeo-Gitarren. “Accolade”? “Candlelight Fantasia”? “Communion and the Oracle”? Oder sogar “The Odyssey”. Besonders “The Odyssey”. Da vermisst man wirklich die sanften Hügel von Ithaka. Nun, die gleichen Vibes sind in diesem Stück lebendig und gut, außer dass Dino in diesem Fall die Schuhe von “Sir Russell” trägt, und er macht es gut. Während Rick Castellano dem ersten Romeo-Album eine Metal-Note verlieh, ohne dabei Symphony X zu sein, ist Dino ein viel vertrauteres Timbre für langjährige Symphony X-Fans, während er immer noch sein ganz eigenes Ding macht. “Dawn” ist eine nette Verschnaufpause von der Action des Albums, in einer Dur-Tonart, die an das Format und das Gefühl einer Ballade grenzt, aber immer noch alle grandiosen Romeo-Kompositions- und Performance-Merkmale aufweist, um geschmackvoll innerhalb der thematischen Grenzen des Albums als Ganzes zu bleiben.

Bei “Hybrids”, einem Stück voller technischer Wendungen, werden wir wieder in das Prog-Metal-Cockpit geschnallt, einschließlich einer erneut von Maestro Romeo gespielten 7-Saiten-Keule. “Hybrids” ist ein Stück, das die Weltklasse-Musikalität der Band selbst unter Beweis stellt. In ähnlicher Weise folgt “Hunted”, ein weiteres interplanetarisches Instrumentalintermezzo, das cineastische Filmmusik und Romeo-Gitarrenleads gegenüberstellt, bevor es in ein sanft anschwellendes Segment mit Streichern und hochfliegenden Gitarrenleads übergeht. Sobald sich die Melodie auflöst, kehrt sie zu dem bösen kleinen Gitarrenriff zurück, das in der Einleitung zu hören war. Dieser kleine Hauch von Bösartigkeit bereitet die Bühne für “Maschinenmensch”, einen unerbittlichen expressionistischen Moloch aus Härte und Technik. Dieses Stück ist 9 Minuten lang unerbittlicher Heavy-Metal-Maschinenmensch. Es ist sehr angenehm, wenn das Ganze in der Mitte ein wenig schmilzt und wir ein paar groovige Basslinien hören, während ein stark verhallter Dino in die Leere singt.

Die Art und Weise, wie Michael Romeo das Stück über einer bescheidenen Schicht aus Bass und Schlagzeug abreißt, erinnert sehr an Alan Holdsworth und das, was er mit UK gemacht hat.

Der letzte Vocal-Track des Albums, “Parasite”, kommt wie ein geradliniger Rocker daher. Dino gräbt sich genauso tief in die Härte ein wie Romeo und wird dabei regelrecht düster und guttural in seinem Vortrag. Es gibt einige gelungene Wechsel im Track, bei denen es scheint, als ob wir nur Symphonieorchester und Bassgitarre hören, bevor der Song wieder zum Leben erwacht und zu einem fiesen Vehikel für ein Romeo-Solo voller Attitüde wird. Das Hauptalbum endet mit einem instrumentalen Outro namens Brave New World”. Es ist sehr perkussiv und unterstreicht eine schwere und fast mysteriöse Mischung aus Orchester und Chorgesang. Gelegentlich explodiert das Stück mit Bläsern und Synthesizern, aber so richtig glänzt es erst nach etwa zwei Minuten, wenn eine cleane Gitarre die Bühne für einen dramatischen Wechsel zu einem großen Chor- und Orchester-Crescendo bereitet, bei dem man erwarten könnte, dass der Abspann beginnt. Romeo kommt mit einem bluesigen Solo, das nichts von der Komposition wegnimmt, sondern eher eine große, saftige Kirsche auf die Spitze setzt, mit mehreren rasanten Arpeggien, bevor sich das Album seinem Ende zuneigt.

Technisch gesehen, ist dies der Abschluss des Albums. Es gibt zwei Bonustracks, “Perfect Weapon” und “Alien Death Ray”. Die stehen den Songs des Albums in nichts nach.

Insgesamt haben Romeo und Co. nicht nur ein Produkt abgeliefert, das dem ersten “War of the Worlds”-Album ebenbürtig ist, sondern es sogar noch übertroffen. Michael Romeo bleibt ein olympischer Goldmedaillengewinner an der Leadgitarre, aber noch wichtiger ist, dass er seine Fähigkeiten als Komponist weiter verfeinert und vorantreibt.

Das Beste daran ist, dass das Album zwar große Ähnlichkeit mit Symphony X aufweist, aber es ist nicht ganz Symphony X, und, was noch wichtiger ist, es unterscheidet sich sehr von anderem symphonischen Metal, der derzeit im Umlauf ist.

In den Momenten, in denen das Orchester auf Synthesizer-Keyboards, Schlagzeug und satte Gitarrenverzerrung trifft, ist es vielleicht die beste Fusion dieser Elemente, die es bisher gab. In jedem Fall haben Michael, Dino und die Johns etwas Unvergessliches mit einer einzigartigen Chemie geschaffen, das als eine der krönenden Errungenschaften von Michael Romeos Gesamtwerk angesehen werden kann.

Wer ein Fan von SYMPHONY X ist, der sollte eine gute Vorstellung davon haben, worauf er sich mit diesem Werk einlässt. Das macht es aber nicht weniger beeindruckend. Die Instrumentierung und das musikalische Können sind auf höchstem Niveau. Die Produktion wirkt ausgefeilt und klingt messerscharf. Man muss noch nicht einmal den ersten Teil gehört haben oder sich für die Sci-Fi-Thematik interessieren, denn es gibt eine Fülle von atemberaubendem Flair, das jeder Fan von gitarrenbetonter Musik zu schätzen weiß und immer wieder gerne hört.

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Host im Podcast "Work of Sirens"

Autor: Micky Winter

Host im Podcast "Work of Sirens"

2 Gedanken zu „Angriff der Marsianer: Michael Romeo – War Of The Worlds Pt. 2 | #55“

  1. Cool ein Review hier zu finden. Hätte ich so nicht erwartet. Bin seit den 90ern Symphony X Fan.
    Irgendwie hat mich das damals vereinnahmt. Und nun Michael Romeo mit dem mir bislang unbekannten “War of the Worlds” Project. Nicht nur die Power und wie besprochen Vielfalt in der Musik, auch der unglaublich starke und variante Gesang zwischen DIO und Anselmo ist es der mich packt. Auf YT gibt es zum Glück eindrückliches Material mit Dino Jelusick. Was eine Kariere von Kroatien aus.
    Ich hoffe dennoch das Symphony X mit Sir Russel Allan weitermachen.

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