Demnächst: Old News Selection

Hallo, liebe Musikjunkies! WORK of SIRENS startet demnächst mit einer neuen Rubrik, die wir OLD NEWS getauft haben. Dieser offensichtliche Widerspruch hat allerdings einen ganz konkreten Hintergrund. Im Gegensatz zu allen anderen Nachrichten, die darauf abzielen, das musikalische Geschehen stets nach frischen, brandheißen Semmeln abzusuchen, schauen wir uns hingegen an, was einst Neuigkeiten waren. Dazu teilen wir die monatliche Sendung in zwei Hälften. In der ersten erfahrt ihr, was im zurückliegenden Monat alles Nennenswertes passiert ist. In der zweiten Hälfte erfahrt ihr, was im zurückliegenden Monat vor 30, 40, 50 oder gar 60 Jahren passiert ist. Unsere erste Sendung des neuen Formats erscheint am 6. Juli. Hosts: Micky Winter (Krempe) und Tom Lubowski

Kryptograf – The Eldorado Spell

Inspiriert vom schweren Sound der späten 60er Jahre, werden die vier alten Seelen von Kryptograf euch mit ihrem kollektiven Gesang, zerstörerischen Riffs und einfallsreichem Songwriting verhexen. – Pressetext

Kryptograf sind:
Vegard Strand – Gitarre/Gesang
Odd Erlend Mikkelsen – Gitarre/Gesang
Eirik Arntsen – Schlagzeug/Gesang
Eivind Standal Moen – Bass

Ist euch eigentlich schon einmal aufgefallen, dass immer, wenn eine Band eine 70er-Jahre-Schlagseite aufweist, in fast allen Rezensionen von Black Sabbath gesprochen wird, ganz egal, ob das nun stimmt oder nicht? Ist es nicht seltsam und gleichzeitig eine Blamage, dass diese ganze Rezensenten nur diese eine Band aus den 70ern zu kennen scheinen, obwohl es deren buchstäblich Hunderte gibt und sich die zu besprechenden Bands eigentlich nie nach Sabbath anhören?

Nun, ihr seht wohin die Reise geht. In ein Gebiet des doomigen Proto-Metal, der ja nun beileibe nicht mehr so überraschend und unberechenbar sein sollte, wie es immer noch den Eindruck macht. Andauernd muss man erst einmal von einer Band sprechen, die “das Rad nicht neu erfindet” (was mich betrifft, brauche ich kein neues Rad, sondern gute Musik), man fühlt sich genötigt, mit dem Wort “retro” um sich zu schmeißen und den Leuten erst mal klar machen, dass gute Musik fast schon per Definition “retro” ist. Wie 99 Prozent aller “Retro-Bands” hören sich auch Kryptograf aus Bergen in Norwegen nicht wie Black Sabbath an. Ich hoffe, ich habe mich klar ausgedrückt. Trotzdem: Natürlich steht die Band auch auf Black Sabbath, wie sie ja auf Bandcamp verkündet. Aber wer täte das schließlich nicht? (oh, ich weiß natürlich, dass es solcherlei Leute gibt, aber die treiben sich ja wohl nicht hier herum, oder?) Doch was ist mit Pentagram, Witchcraft, Uncle Acid, Motorpsycho?

Auch wenn die Band vielleicht nicht unbedingt progressiv ist, so bringt sie dennoch gelegentlich einen progressiven Ansatz in ihre musikalische Landschaft mit ein. Bei “The Eldorado Spell” handelt es sich um ihr zweites Album und ich muss gestehen, dass mir nicht nur das Debüt der Band, sondern zunächst mal auch diese Veröffentlichung im Februar durch die Lappen gegangen ist, obwohl es sich um ein Album handelt, das meinen sofortigen Jagdinstinkt auslöst: Keine “originellen” Experimente, sondern ein Bekenntnis zu Einflüssen aus einer Zeit, die noch mit echter Musik um die Ecke kam. Wer das genauso sieht, wird den Stil von Kryptograf kennen und lieben.

Und so ist dann auch das goldene Zeitalter der Musik – eben die 70er – natürlich das allumfassende Fundament dieser Band, die gleich im ersten Song mit flammendem psychedelischem Hard Rock die Marschrichtung vorgibt. Energiegeladen und mit Folkeinflüssen, ohne die eine okkulte Note schlecht umzusetzen ist, mit einer majestätischen Vielfalt versehen, steht hier die Blume der Unterwelt “Asphodel” im Fokus.

Es ist offensichtlich, dass die Band für manche vielleicht zu sehr in der Vergangenheit wildert – die Gitarren haben hier nicht den für das moderne Ohr gewohnten Biss, aber die Riffs – das sind großartige Doom-Brocken, auch wenn sie aufgrund der zurückgenommenen, aber rauchigen Gitarre, erst mal gar nicht so klingen. Der Gesang gleitet sanft mit der Musik dahin, besonders im Refrain. Der Bass sticht allerdings auf dem gesamten Album hervor und hat nach meinem Geschmack einen perfekten Ton.

Der nächste Song ist “Cosmic Suicide”. Die Riffs, die zum Refrain führen, werfen ein weites Netz mit einem mittelschnellen Groove aus, aber es ist der Refrain, der den Song so großartig macht. Er ist so eingängig, dass er sich tagelang im Kopf festsetzen kann, nicht zuletzt, weil er der geradlinigste Song des Albums ist.

Die Gesangseffekte bei “Lucifer’s Hand” verpassen dem Song eine düstere Stimmung, besonders in der letzten Hälfte, wo die Riffs am fleischigsten sind.

Tatsächlich bringt der Sound der Band auch das Stoner-Feeling der 70er im großen Umfang mit, und wenn “Creeping Willow” aus den Lautsprechern dröhnt, hat man das Zeitalter der Liebe und des Friedens widerwillig hinter sich gelassen, und der okkulte Rocksound von Black Widow durchdringt jede Note, wobei die aggressive Wucht der Musik durch die akustische Schlichtheit des folgenden “Across The Creek” kontrapunktiert wird, das die ländliche Idylle von Led Zeppelins “Bron-Yr-Aur” heraufbeschwört.

Der Titeltrack baut sich mit einem psychedelischen Intro auf, wobei die Gitarren nach etwas mehr als einer Minute zum Einsatz kommen. Dieser Song ist etwas trippiger als die anderen, und bei “The Spiral” wird alles an Fuzz in die Waagschale geworfen, was die Band für ihren Sound zur Verfügung hat. Der Song ist bergig und eine schöne Abwechslung nach dem eher bekifften Titeltrack. Der Mittelteil ist überraschend lebhaft und die Gesangsharmonien verbinden sich gut mit den galoppierenden Riffs. Danach gräbt sich die Band mit dreckigen Riffs und einem harten Groove tief in die Erde. Dieser Song bringt das Album definitiv wieder in Schwung.

“When The Witches” ist ein guter, seltsamer Track, der einen musikalischen Acid-Trip zwischen schwere Passagen schiebt, ein dreckiger, bluesiger Schleifer, der mit seinen ausgedehnten, trippigen Soli nach einem herrlich bekifften Peter Green von Fleetwood Mac schreit.

“Wormwood” ist das zweite Intermezzo, das zum Schlusstrack “The Well” führt. Eigentlich sind diese Zwischenspiele heute aus der Mode gekommen, weil man es gewohnt ist, von Höhepunkt zu Höhepunkt zu rasen. Oft wird gar nicht verstanden, dass derartige Interludien durchaus ihren Zweck erfüllen, wenn sie an die richtige Stelle gesetzt werden. Und in dieser ruhige Introspektion reist die Band zurück in die Londoner West End Clubs der späten Sechziger, wo sich unter der Obhut chemischer Substanzen die Jazzvagabunden auf das Wassermannzeitalter vorbereiteten.

Im Gegensatz dazu ist es dann gerade der letzte Track, der wenig Zeit verschwendet, um auf den Punkt zu kommen, mit einem rockigen Intro, das mit seiner verschwommenen Gesangslinien in eine ebensolche Atmosphäre übergeht – dieser Song ist eine wahre Verschmelzung der Stile, die auf dem Album präsentiert werden. Und der Refrain ist gewaltig, ein weiterer Ohrwurm, der sich einschleicht und nicht mehr weggeht.

Wer die neuesten und  experimentellsten musikalischen Erkundungen sucht, für den ist “The Eldorado Spell” nicht das richtige Album. Wer aber einfach nur den Sound von Acts wie Graveyard schätzt und seine Musikbibliothek mit unbestreitbarer Klasse füllen möchte, für den sind Kryptograf genau das Richtige.  Klar, “The Eldorado Spell” mag vielleicht nicht perfekt sein, aber es ist ein gut ausbalanciertes Old-School-Doom-Album, das den alten Göttern huldigt und allein schon dafür gebührt ihm alle Ehre.

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Bärtige Zauberer und bunte Gewänder: Hällas – Isle of Wisdom | #34

Willkommen Freunde draußen an den Radiogeräten zu einer neuen Folge unserer Reviews hier im Podcast Work of Sirens, wo wir über Hard Rock, Heavy Metal, Classic Rock und Prog Rock sprechen – all diese Themen, die wirklich wichtig sind in einer Zeit, wo Musik keine Rolle mehr spielt, außer für euch und für mich.

Heute habe ich das dritte Album der schwedischen Band Hällas für euch. Isle of Wisdom genannt und – wie man so schön oder unschön sagt – im Retro-Bereich angesiedelt, wobei die Jungs ihren Stil wesentlich treffender Adventure Rock nennen. Wieder ein neuer Begriff im Wust der Begrifflichkeiten, mag man zunächst denken, aber wenn man sich das Konzept hinter Hällas anschaut, dann ist Adventure Rock nicht einfach nur ein neues Gimmick, sondern trifft genau das, was Hällas machen.

Lesen

Im Mittelpunkt der Alben steht der Ritter Hällas, dem es bestimmt ist, an einem Religionskrieg in einem alternativen Universum teilzunehmen, der aber so besorgt um seine Zukunft ist, dass er sich auf die Suche nach dem Astralseher macht, der den Legenden zufolge die Sterne, die Zukunft und die Vergangenheit kontrolliert. Die Geschichte spielt in den Ländern von Semyra, die von einer tyrannischen Königin regiert werden. Auf der Suche nach Antworten verliert Hällas den Bezug zur Realität, und der verlorene Sinn für die Gegenwart führt zu seinem unvermeidlichen Untergang. Es gibt viele Drehungen und Wendungen, die auf der selbstbetitelten EP von 2015 begannen und sich dann über Excerpts from a Future von 2017 bis hin zu Conundrum von 2020 als eine Trilogie zusammenfassen lassen. Die Texte sind absichtlich recht vage gehalten, so dass der Hörer sie unterschiedlich interpretieren kann und hoffentlich in der Lage ist, die Lücken zu füllen und so sein eigenes Abenteuer zu erschaffen, während er zuhört. Ähnlich wie bei einem Rollenspiel. Das ist also der Kern und ihr seht, dass Adventure Rock nicht einfach nur aus der Luft gegriffen ist.

An manchen Stellen klingt die Band wie eine Mischung aus Gentle Giant und Rainbow, mit Anklängen an die von Yes abgeleitete Band Starcastle und vielleicht noch mit einer Prise Deep Purple. Für diejenigen, die nicht so sehr in die heiligen Riten des Progressive Rock eingeweiht sind, kann man das so übersetzen: jede Menge Orgeln, die von triumphalen, hornartigen Synthesizern umspielt werden, während die Instrumente eine Kombination aus fantastischer und beschwörender, abenteuerlicher Rockmusik mit einer ordentlichen Portion Boogie spielen. Diese Art von progressiven Rock hat seine Wurzeln sowohl in der subtilen Komplexität bestimmter Rockbands der 70er Jahre wie etwa Uriah Heep als auch im offenen zur Schau getragenen Bombast.

Das ist vielleicht die größte Verbindung zwischen der Musik von Hällas und dem Heavy Metal, insbesondere dem traditionellen Heavy Metal. Was tun viele epische Metalbands anderes als die Pracht der üppig und grelle bemalten Taschenbuchcover der Science Fiction und Fantasyliteratur, die es zwischen den glorreichen 50ern bis zu den 70ern gab, heraufzubeschwören? Das taten viele Prog-Band auch schon immer, mit Erzählungen über bärtige Zauberer in großartigen Gewändern in fremden und bizarren Welten, angefüllt mit Mysterien und Rätseln im Zentrum des Psychoversums.

Getreu dieser Form ist Isle of Wisdom selbst eine Fortsetzung von Hällas’ eigener düsterer Geschichte über Zauberer in Form einer übergreifenden Konzept-Suite.

Bei den triumphalen Refrains, den mitreißenden Melodien und dem steten Angriff der Gitarren und der Orgel, untermauert von einer sich ständig bewegenden Rhythmusgruppe, ist es schwer, sich nicht wie der intergalaktische mittelalterliche Ritter HÄLLAS selbst zu fühlen, der in die vielen Ecken des Universums reist.

Die Band versteht es, eine fesselnde und großartige Geschichte zu erschaffen, in die man eintauchen kann und die einem große Freude bereitet. Mit Tommy Alexanderssons einzigartiger Stimme, der die edlen, poetischen Texte singt, hat Isle Of Wisdom einen herzerwärmenden Charme und eine Unschuld, die einen in die Zeit zurückversetzt, als man noch ein Kind war, als alles ein Abenteuer war und die Fantasie noch nicht von modernen Turbulenzen beeinträchtigt wurde. HÄLLAS strahlen eine solche Wärme aus, dass diese Einladung, sich ihnen in ihrem eigenen Rollenspiel anzuschließen, von jedem mit Freude angenommen wird.

Der Retro-Charakter des Albums, vom Songwriting bis zur Produktion ist grandioser umgesetzt als bei vergleichbaren Bands – wobei es gar nicht so leicht ist, tatsächlich vergleichbares zu finden. Im letzten Jahr hatte ich an dieser Stelle Wobbler aus Norwegen auf dem Schirm, aber danach wird’s dünn.

Das liegt zum Teil daran, dass die Band das Album im Riksmixningsverket Studio in Stockholm produziert hat. Das Studio beherbergt einige der einzigartigen Synthesizer, die von ABBA benutzt wurden, und HÄLLAS hatten wieder einmal die für Bands recht seltene Gelegenheit, sie zu benutzen. Das taten sie auch, und zwar ausgiebig. Der vielschichtige Synthesizer-Sound des Albums ist glitzernd, glamourös und reichlich extravagant. Zusammen mit dem 1970er-Jahre-Vibe des restlichen Albums haben HÄLLAS mit diesem Album Retro-Rock-Starruhm erlangt.

In einem Album, das vor lauter Glanz nur so strotzt, sticht jeder Song hervor und hinterlässt auf irgendeine Art und Weise einen unauslöschlichen Eindruck beim Hörer. Birth Into Darkness ist ein tonangebender, beeindruckender Opener, umhüllt von Synthesizern und Geheimnissen. Mit Alexanderssons leidenschaftlichem Gesang, der sich zwischen die dynamischen, melodischen Riffs von Alexander Moraitis und Marcus Petersson schiebt, ist es die perfekte Art, dieses illustre Abenteuer zu beginnen. Earl’s Theme nimmt sich ein wenig zurück und nutzt Chorelemente und synthetische Bläsersätze, um eine episch packende Atmosphäre zu schaffen, in der es darum geht, das Böse abzuwehren und einem edlen Führer zu folgen. Gallivants (Of Space) ist das Juwel in der Krone des Albums, mit grandiosen Melodien, tapferen Riffs und wirbelnden Synthesizern von Nicklas Malmqvist. Es vereint alle Elemente, die Isle Of Wisdom so fesselnd machen, und es ist klar, dass dies der große Höhepunkt dieses Kapitels von HÄLLAS’ Abenteuern ist. Das abschließende The Wind That Carries The World ist eine epische Demonstration der Virtuosität und des unglaublichen Songwritings der Band und lässt einen verzweifelt nach mehr dürsten, während es in der Schwärze des Alls verklingt.

HÄLLAS haben etwas Magisches geschaffen, indem sie ihrer Fantasie freien Lauf gelassen haben, und es steckt eine beträchtliche Menge an Liebe, Freude und Kreativität in diesem Album. Isle Of Wisdom ist von Anfang bis Ende ein großartiges, unterhaltsames und fesselndes Album, und es wäre dumm, sich dieses außergewöhnliche Abenteuer entgehen zu lassen.

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Unser Intro wurde von transistor.fm erstellt.

Valley Of The Sun – The Chariot

PRESSEMITTEILUNG: “Es gibt eine schwelende Brutstätte des Rock ‘n’ Roll an einem der unwahrscheinlichsten Orte: Ohio. Vor einiger Zeit kam der Teufel, um seine Saat im ganzen Staat auszustreuen und gönnte jeder Stadt ihre eigenen Hohepriester höllischer Riffs. Die Gemeinde der Rock’n’Roll-Kirche von Cincinnati wird von Valley Of The Sun bewacht, und sie sind eine gut gepflegte Herde. Ein Riff nach dem anderen wird mit der Wut, bestehend aus Feuer und Schwefel von der Kanzel geschleudert, also kommt alle zum Rock’n’Roll-Revival, bringt eure Opfergabe mit und macht euch bereit, gesalbt zu werden!

In den letzten zehn Jahren haben Valley Of The Sun die Bühnen in ganz Europa und Nordamerika zum Glühen gebracht, drei Alben mit hochoktanigem Rock ‘n’ Roll veröffentlicht und dabei Tausende von treuen Fans gewonnen. Jetzt haben sie mit ihrem bisher überzeugendsten Album The Chariot die Weltherrschaft im Visier. Ein dynamisches Feuerwerk an lautstarken Riffs, mitreißenden Melodien und wütenden Rhythmen, serviert im Cincinnati-Stil, mit einem kühlen Bier als Begleiter. Hört euch die Platte noch heute an und seit dabei, und ihr werdet sehen, warum im Valley Of The Sun alles glanzvoller ist als anderswo … ” (Übers. von Micky Winter)

Was ich vor allem anderen schätze, sind fette Riffs, die von oben nach unten tropfen (ja, es gibt auch Riffs, die den umgekehrten Weg gehen, aber das ist eine Geschichte für einen anderen Ort). Und wenn dann eine Band daherkommt, die ihre Wüstenangelegenheiten mit dem Geist des echten Rock ‘n’ Roll erledigt, bin ich jemand, der die Band nicht nur mit einem Ohr belohnt, sondern noch ein zweites oben drauf legt. Natürlich sucht jeder sofort nach Vergleichen und stöbert vermutlich in der Kiste, in der zum Beispiel auch Audioslave neben einem Haufen ähnlichen Zeug liegt, das heute keiner mehr gebrauchen kann, das aber zu schade ist, um es endgültig zu entsorgen.

Was damit gemeint ist: The Chariot ist der perfekte Rückgriff auf die 90er Jahre, aber mit einem frischen Anstrich, der es für die düsteren modernen Zeiten, in denen wir leben, noch attraktiver macht. Wer auf dreckigen Rock ‘n’ Roll, hochoktanigen Heavy Rock oder Stoner Rock mit Muskeln steht, findet hier eine Bank. Es mag schon sein, dass Ryan Ferrier seine Gesangslinien etwas nach Layne Staley klingen lässt, aber er hat genug modernen Bluesrock in seiner Kehle, um mit einem eigenen Stil im Einklang mit den mächtigen Riffs zu singen.

Mit “Sweet Sands” eröffnet das Album mit einem coolen, von Jimi Hendrix inspirierten Lick und gibt dem Album einen psychedelischen Start, bevor ein hymnisches Riff ausbricht, das Giganten aufwecken könnte. Hier können wir die Einzigartigkeit von Ferriers Gesang wirklich hören, mehr noch als auf den vorherigen Alben der Band.

“Images” bietet einen fast walzenden Groove, bei dem die Band alles daran setzt, schiere Kraft und Emotionen zu bieten, und leitet über zu “Devil I’ve Become”, das mit stampfenden Drums und prasselnden Riffs, die einem sofort um den Schädel fliegen, noch einen draufsetzt. Der Titeltrack “The Chariot” eröffnet mit einem langsamen, vom Refrain durchtränkten psychedelischen Intro, das dem Hörer etwas Erholung vom wilden Beginn bietet. In diesem Song kommen die wirklichen Stoner-Einflüsse zum Vorschein, mit melancholischen Leadgitarrenmelodien und himmlischen Harmonien, die über den donnernden Riffs schweben.

“Headlights” fühlt sich an wie ein punkiger, bluesiger Soundtrack zu Bildern unendlich staubiger Pisten. Düster und dreckig, ein schnörkelloser, knallharter Rocker, der auch gar nichts weiter sein will. “As We Decay” ist eine düstere Ballade in der Mitte des Albums, die einige der subtileren Blues-Licks nutzt, um hallgetränkte akustische Akkorde zu begleiten. “The Flood” ist ein Song mit frecher Attitüde, zu dem man selbstbewusst die Straße hinunterstolzieren kann, weil einen alle am Arsch lecken können,  während der Albumabschluss “Colosseum” ein monolithischer Song ist, der in vier Minuten Riffs, Harmonien und Melodien jener Sorte vereint, die einem das Gefühl geben, die eigene Seele sei von nun an in den Klauen der endlosen Wüste verloren.

Auf dem ganzen Album wird sandiger Wüstenschotter durch den Verstärker geblasen, denn tatsächlich hat die Band aus Cincinatti diese schmutzigen Wurzeln bereits in ihren Anfängen bewiesen. Seit ihrer Gründung im Jahr 2010 hat die Band schon einige Besetzungswechsel durchgemacht. Nach zwei EPs und mittlerweile vier Alben ist Ryan Ferrier nach wie vor das einzige Gründungsmitglied und übernimmt die Rolle des Sängers und Gitarristen. Chris Sweeney springt am Bass und an den Keyboards ein und hat auch an “Old Gods” (2019) mitgearbeitet. Josh Pilot (Gitarre) und Lex Vegas (Schlagzeug) sind Neuzugänge in der Band und machen  somit The Chariot zu ihrem Debütalbum.

In dem, was im Wesentlichen eine hymnische Neuerfindung ihrer selbst ist, triefen einige der Riffs auf diesem neuen Album vor Wildheit und Zielstrebigkeit, während die bereits erwähnte satte, staubige Kante diesem Album wirklich seinen Charakter verleiht.

The Chariot ist ein echtes Wohlfühlalbum, das beim Hören einfach grenzenlose Freude bereitet. Mit Elementen von psychedelischem Stoner und modernem Bluesrock,  gibt es an jeder Ecke Überraschungen. Der energiegeladene, adrenalinhaltige, pumpende Rock n’ Roll ist von Anfang bis Ende höchst unterhaltsam und all jenen zu empfehlen, die ihre Seele vom Teufel bekommen haben, der ja bekanntlich auf diese Musik steht.

Label: Ripple Music | Fuzzorama Records
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Genre-Guide: Vampiric Black Metal | #33


Hallo Freunde draußen an den Radiogeräten, ich hoffe, ihr habt Hammer und Pfahl in Griffnähe oder zumindest ein Glas Rotwein. Seht ihr, ich beginne die Sendung geradewegs mit einem ganzen Batzen von Klischees, aber ihr seht zumindest, worum es uns heute gehen soll. Um den Vampir. Es wäre natürlich völlig unmöglich, das Thema des Vampirs in der Musik erschöpfend zu bearbeiten, deshalb grenzen wir das ganze etwas ein und sprechen über das Vampirthema im Black Metal, das in letzter Zeit um sich greift, über Vampiric Black Metal, und wir entreißen den Vampir damit auch ganz bewusst dem Gothic Sektor, wo er ja lange Zeit fast schon ausschließlich zu finden war, sieht man mal von den ganzen Fantasy-Romanzen ab. Natürlich ist der Vampir im Black Metal jetzt auch nicht der allerneuste Schrei, aber so wie er im Moment angenommen wird, kann man fast schon sagen, dass dieses Wesen der Nacht endlich wieder zu seinem angestammten Recht kommt.

Lesen

Es mag vielleicht ein wenig willkürlich erscheinen, aber ich habe euch heute drei Alben mitgebracht, die dieses Feld ganz gut abdecken, eines davon aus dem letzten Jahr und zwei aus den aktuellen Veröffentlichungen. Namentlich Sumerian Tombs mit dem gleichnamigen Album, Order of Nosferat, mit dem Album Nachtmusik und schließlich Krvna mit Sempinfernus.

Vampire haben eine umstrittene Geschichte. Einige behaupten, dass diese Kreaturen “so alt wie die Welt” seien. Das würde zum Ansatz von Sumerian Tombs passen, die uns musikalisch durch die dortigen Gräberfelder schicken, aber – wie sie in Interviews betonen – mehr fiktional als faktisch. Wobei – Fakten und Vampire? Ein merkwürdiges Zusammentreffen beider Wörter. Was wissen wir also über die Wahrheit der Vampire?

Aber neuere Erkenntnisse deuten darauf hin, dass unser Glaube an Vampire und Untote im 18. Jahrhundert geboren wurde, da erschienen nämlich die ersten Berichte über dieses Phänomen. Im Jahr 1732 taucht der Begriff überhaupt laut Gothic-Experten Roger Luckhurst zum ersten Mal auf. Es gibt aber archäologische Entdeckungen von ungewöhnlichen Bestattungen, die nahe legen, dass der Glaube an Vampire und Wiedergänger bereits vor 1500 präsent gewesen sein muss.

Zum Beispiel wird in der polnischen Stadt Kamien Pomorski eine Vampirleiche ausgestellt, die 500 Jahre alt sein soll. Das zumindest haben Archäologen bestätigt. Durch ihre Knochen war wohl ein Pfahl gerammt, damit die Leiche den Sarg nicht verlassen kann und im Mund hatte sie einen Stein, um das Blutsaugen zu verhindern. 500 Jahre ist ziemlich alt, aber in Bulgarien wurden noch ältere diese abweichenden Bestattungen entdeckt. Wie nahe dran sind wir aber wirklich an den Sumerian Tombs? Naja, so sehr fiktional sind Vampire in dieser ersten menschlichen Hochzivilisation gar nicht.

Vampire haben schon immer die menschliche Angst vor dem Tod repräsentiert. Das lässt sich durch die Jahrhunderte zurück bis in den Nahen Osten und die südlichen Regionen Asiens verfolgen.

Im babylonischen Epos Gilgamesh, genauer gesagt in der sechsten Tafel, die der Göttin Ishtar gewidmet ist, wird eine Kreatur beschrieben, die “in der Lage ist, anderen das Leben zu nehmen, um ihr eigenes zu bewahren”. Darüber hinaus gab es alte griechische ländliche Legenden über Männer und Frauen, die Blut tranken, um sich jung zu halten, es gab ja noch keine vernünftige Drogerie. Und auf den Gilgamesh-Epos spielt die Band in ihren Texten auch an, wenn zum Beispiel im Song Light of Death von Irkalli die Rede ist.

Irkalli ist die Unterwelt, aus der es keine Rückkehr gibt. Wer das Portal zur Unterwelt durchschreitet, muss auf der Straße der Knochen reisen, wo es sieben Tore gibt, die man durchschreiten muss, bevor man die Stadt der Toten erreicht. An jedem Tor wartet ein Wächter, der eine Gebühr für den Durchgang erhebt und verhindert, dass man den falschen Weg einschlägt. In dieser Unterwelt befindet sich eine große Wüste der Angst, die von den lebenden Geistern der Toten bevölkert wird, die sich nach dem Leben sehnen, das sie verloren haben.

Die Stadt der Toten erscheint wie ein eigener Stadtstaat, der von den wandelnden Toten bewohnt wird. In den Hallen der Stadt essen diese Geister nur bittere Asche und wohnen in Gebäuden aus Lehm. Von hier aus regieren die Göttin Ereshkigal und ihr Gemahl, der Totengott Nergal das Reich. Ireshkigal wird dann im Song The Key – Bloodmeditation besungen.

Tatsächlich werden Sumerian Tombs ihren geschwärzten Schatten über die Erde, was sich schon auf der im letzten Jahr erschienenen EP “As Sumer Thrones At Night” abzeichnete. Weit weg vom phantastischen oder romantischen Vampirismus einer Anne Rice oder auch Bram Stoker haben wir es hier mit einer wahren blutrünstigen Quelle zu tun, die eben viel älter, primitiver und bösartiger ist.

Das zeigt ich schon zu Beginn mit dem plötzlich einsetzenden von “Bloodspells of the Ancient”; dem unmittelbaren Losbrechen aller Instrumente gleichzeitig, begleitet von einem gewaltigen Schrei. Und von jetzt an bebt alles der unausweichlichen Verdammnis entgegen, was nicht ohne melancholie vorgetragen wird, episch sogar, trotz seiner rasenden Geschwindigkeit, bei der die Melodieführung wie hinter einer Nebelwand verschwimmt, begleitet von zeitweise fast tribelartigen Perkussionsinstrumenten und harschen Gesängen, die sich alle stetig zu einem Höhepunkt des allgegenwärtigen Bösen aufbauen. Tomb Lurker ist dann zu Beginn und immer wieder mittendrin von einem ähnlichen Element der Bedächtigkeit besessen und wechselt sich mit Wellen einer nahezu brennenden und eindringlichen Klangwand ab.

Während ein Großteil des Albums bis zu diesem Punkt eine etwas “modernere” Klangfarbe verwendet hat, die gekonnt in glühende dämonische Flammen gehüllt ist, scheint “Altars of the Past” eher auf einen treibenden, schneidenden, schwedisch klingenden Klassizismus hinzuweisen, wobei das geschmackvolle Klavier nichts von dieser sengenden Atmosphäre wegnimmt. The Key – Bloodmeditation schreitet anschließend selbstbewusst mit einer schrecklichen, grandiosen Ausstrahlung vorbei, mündet in den blutgetränkten Ritus des kurzen Transcending the Veil, bis ich das abschließende Vampiric Dominance über die unglückliche, karge Tundra erhebt, um das letzte bisschen Hoffnung mit einer episch majestätischen Meisterleistung von unbeirrbarer, wunderschöner infernalischer Souveränität wegzuspülen.

SUMERIAN TOMBS haben uns einen gewaltigen Wälzer des Black Metal geschenkt, indem sie zeitgenössische schwere Wärme und epische Dichte mit traditionelleren Elementen wilder und dreister dämonischer Orthodoxie verbinden. Darüber hinaus dient die Band (zusammen mit den australischen KRVNA, zum Beispiel, deren Album Sempinfernus wir uns glleich anschauen) eindeutig dazu, die Fähigkeit dessen, was man als “vampirischen” Black Metal bezeichnen könnte, neu zu definieren, indem sie den Begriff von kitschig-romantischen Tropen befreit und ihn auf Archetypen anwendet, die deutlich dunkler, schwerer und bombastischer sind.

Order of Nosferat

Das dritte Album der deutsch-finnischen Band Order of Nosferat wurde nicht ohne Spannung erwartet, obwohl es erst ein Jahr her ist, dass die Band sage und schreibe gleich zwei Alben veröffentlicht hat. Seit März gibt’s jetzt “Nachtmusik” und der Name ist Programm. Hört man den Bandnamen, den Titel des Albums und sieht sich dann auch noch das Cover an, auf dem kein geringerer als Nosferatu selbst geschmackvoll stilisiert das schwarze Album schmückt, kann man sich vor Freude auf die nächste schlaflose Nacht gar nicht mehr retten.

Die Band besteht aus Count Revenant, der in nicht gerade wenige andere sehr empfehlenswerte Projekte eingebunden ist, darunter Sarkrista, die im letzten Jahr ja ebenfalls erst mit Sworn to Profound Heresy zwar nicht ihr bestes, aber auch kein schlechtes Album veröffentlicht haben.

Dann haben wir Sarastus und Slagmark. Zugegeben sind die Bands musikalisch nicht wirklich auseinanderzuhalten, bei Oder of Nosferat ist das aber anders. Dem deutschen Vokalisten, Gitarristen, Bassgitarristen und Keyboarder steht mit dem Finnen Anzillu ein hervorragender Drummer zur Verfügung, der unter anderem bei Serpentfyre trommelt, aber meiner Meinung nach ebenfalls an keinem besserer Projekt beteiligt ist. Irgendwie scheinen die beiden auch zu wissen, dass sie hier etwas Besonderes machen, wenn man sich allein den qualitativen Output anschaut. Mit was wir es hier zu tun haben ist vampirischer Black Metal, wie er gerade ja seine dunkle Blüte erlebt.

Der treffende Titel “Nachtmusik” ist einsamen Nachtwanderern und jenen gewidmet, die in schlafloser Verzweiflung verharren. Manchmal trauriger und wütender als seine beiden nicht zu verachtenden Vorgänger, wandelt Nachtmusik auf dem schmalen Grat zwischen Fiebertraum und erhabener Lähmung; der Black Metal ist schmutziger und rauer, während die oft isolierten Synthesizer- und Klaviersegmente dem Gesamtbild des Albums eine verwundete Dunkelheit angedeihen lassen.

Es kommt natürlich immer darauf an, was von von Black Metal erwartet – auch wenn es um Vampire geht. Black Funeral aus Amerika haben dieses Thema bereits seit 1995 am Start, aber um ehrlich zu sein glaube ich, dass es eine für meine Verhältnisse vernünftige Umsetzung erst in jüngster Zeit gibt, wie zum Beispiel auch Krvna aus Australien letztes Jahr mit ihrem Album Sempinfernus gezeigt haben.

Natürlich bleiben Order of Nosferat ihrer vampirischen Vision immer treu, und Nachtmusik lässt sich gut mit vampirischen Pionieren wie Black Funeral aus Amerika sowie Vlad Tepes aus Frankreich, Mütiilation, Funeral, Blessed in Sin oder einer Reihe von Bands aus dem Umfeld der Black Legions oder Concilium vergleichen. Doch mit der willkommenen Integration düsterer Zwischenspiele und noch dezenterer Keyboard-Schichtungen baut das Duo seine eigene, glaubhaft eigenwillige Version von VAMPIRIC BLACK METAL weiter aus. Und genau wie die beiden Vorgänger-LPs fühlen sich Order of Nosferat weiterhin vertraut und nostalgisch an, und genau das ist der Punkt; Black Metal hat es nicht nötig, etwas anderes zu sein als das, was er bereits ist… oder besser gesagt war. Und dasselbe gilt für die Bezeichnung “Vampir”, bevor sie von Zirkusclowns und Freaks an der Leine ruiniert wurde. Lichter aus mit Nachtmusik!

Krvna

Krvna kommen zwar aus Australien, aber ihr Herz scheint direkt aus Transsilvanien zu stammen, wie Mastermind Krvna Vatra erklärt: “Dieses Album war ein Weg, diesen alten Glauben an Vampire wieder zu stärken und ins Licht zu rücken, nachdem es einige Kräfte gab, die ihn und andere dunkle Aspekte der Balkan-Kultur ständig weiter abgebaut haben.”

Diese reichhaltigen konzeptionellen Gefühle werden auf jeden Fall durch den soliden rasanten Black Metal des Debüts untermauert. Dabei handelt es sich um eine offensichtlich traditionelle Ausrichtung, die eine klare Mission verfolgt.

Die Produktion ist relativ ausgefeilt, was den vampirischen Black Metal angeht. Das hat mehr mit Dawns Slaughersun oder in jüngerer Zeit mit Tempestarii oder The Kryptik aus Rio de Janeiro gemein als mit Mütiilation. Das Schlagzeug bietet ein konstantes Sperrfeuer aus fließenden Blast-Beats und Crash-Becken, die weniger rhythmisch als vielmehr lineare Wände aus klanglicher Energie sind.

Die Gitarren bieten einfache, sich entwickelnde Tremolo-Riffs, die durch sehr traditionelle, melodische Gitarrenleads und subtile Keyboardarbeit ergänzt werden. Der Gitarrensound ist eher hoch, aber die Überlagerung verschiedener, sich ergänzender Tracks öffnet die Musik und lässt den Hörer in die ehrgeizige Bandbreite dieses Albums eintauchen. Der Gesang sitzt weiter hinten im Mix und wirkt wie eine bösartige Präsenz, die wir trotz ihrer offensichtlichen Anwesenheit nie ganz bewusst verinnerlichen.

Alle Songs erreichen ihren Grad an Komplexität und Tiefe durch die schiere Anhäufung von einzelnen Elementen, die alle in einem berauschenden Tempo vorgetragen werden, und dadurch ihre elegante Einfachheit verdeckt. Die Riffs sind relativ geradlinig und bestehen aus kleinen linearen Notenclustern mit wiederum kleinen Variationen, die in jeden Zyklus eingearbeitet werden. Die Riffs werden überwiegend mit Tremolo-Gitarren gespielt, die – zusammen mit den fließenden Blast-Beats und Fills, die darunter liegen – grundlegende Polyrhythmen erzeugen, während sich die einzelnen Komponenten übereinander schichten. Grundlegende Leadgitarrenarbeit oder in einigen Fällen eine Keyboardlinie verstärken dieses Gefühl von leicht abweichenden Zyklen, die sich alle zu einem größeren Wandteppich von cineastischer Tragweite zusammenfügen.

Es ist ein höchst effektiver Kompositionsansatz, der dem manchmal etwas nüchtern wirkenden Black Metal mehr Leben einhaucht. Aber auf  Sempinfernus haben Krvna bewiesen, dass sie Meister der subtilen Kunst des Arrangements sind. Noch wichtiger aber sind die ausgeprägten melodischen Linien, die sich von ihrem starr-schnellen Fundament lösen und einen unverwechselbaren und einnehmenden Charakter zeigen.

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Unser Intro wurde von transistor.fm erstellt.

Komm in meinen Sarg: Friends of Hell | #32

Lee Dorians Label Rise Above gehört zu den großartigsten dieser Welt. Dort finden sich Bands wie Uncle Acid and the Dead Beats, Purson, Blood Ceremony, Twin Temple, und Electric Wizard. Doom-, Stoner- und reine, echte Prog-Bands sind dort in einer Qualität zu finden wie nirgendwo sonst. Der Kenner guter Musik weiß das.

Es ist also kein Wunder, dass Friends of Hell dort schnell einen Hafen fanden, vor allem, weil die Musiker keine Unbekannten sind. Von einer Supergroup möchte ich aber dennoch nicht reden, obwohl manche das sicher nicht lassen können. Als ich zum ersten Mal von Friends of Hell und ihrer Besetzung hörte, hatte ich eigentlich das Gefühl, dass es zu schön ist, um wahr zu sein, wenn man bedenkt, was diesbezüglich bereits alles unwiederbringlich verloren ist.

Lesen

Benannt hat sich die Band nach dem zweiten Album der legendären Witchfinder General aus dem Jahr 1983 und besteht aus dem ehemaligen Electric-Wizard-Bassisten Tas Danazoglou – hier allerdings am Schlagzeug – und dem Reverend-Bizarre-Sänger Sami Hynninen alias Albert Witchfinder (derzeit bei Opium Warlords). Allein aus dieser Zusammensetzung kann man bereits erahnen, woher der Wind dröhnt.

Für die Gitarrenarbeit hat man sich dann noch den eher unbekannten Jondix von Mercury Gates geschnappt, der das Gewebe des zelebrierten Hammer-Horror-Dooms ebenfalls mit der Muttermilch aufgesaugt zu haben scheint. Qualitativ hochwertiges Riffing ist für den Doom absolut entscheidend und um ehrlich zu sein, überzieht Jondix das ganze Album damit und steht insofern seinen gigantischen Bandkollegen in nichts nach.

Der mit dem Bass stampft ist kein geringerer als Taneli Jarva, ehemals Impaled Nazarene und Sentenced und jetzt Hauptberuflich bei Diavolos zugange. Also gut, wahrscheinlich ist es dann eben doch eine Supergroup.

Wenn wir uns noch in der Mitte der 1980er Jahre befänden, würde jeder Fan, der im örtlichen Plattenladen auf der Suche nach einem vergrabenen Schatz in der Wühlkiste das selbstbetitelte Debütalbum von Friends of Hell gefunden hätte, es wahrscheinlich als einen Klassiker bezeichnen.

Heavy Metal kann als Treffpunkt dienen, der dazu beiträgt, wunderbare Freundschaften zwischen Fans zu schmieden, und die Freundschaften von Musikern tragen in der Regel zusätzlich dann auch die Musik – Friends of Hell kamen nicht durch einen Zufall zustande, denn die Saat wurde bereits vor fast 20 Jahren gelegt, als sich einige der Mitglieder zum ersten Mal trafen und lose über so ein Projekt sprachen. Namentlich spielten Jondix und Tas schon einmal zusammen in einer Doom-Band, die allerdings namenlos blieb

Dank der modernen Technologie war das dann alles viel einfacher aufzunehmen als je zuvor, und auf ihrem Debüt geben alle Beteiligten ohne geografische Rücksichtnahme ihr Bestes, mit einem besonderen Schwerpunkt auf dem, was die 80er Jahre dem Stil gebracht haben, da dieses Jahrzehnt durch die heutige Herangehensweise an das Genre zu oft an den Rand gedrängt wird.

Es ist klar, dass diese Jungs genau wissen, welchen Sound und welche Stimmung sie anstreben, und das zeigt sich gleich beim Opener Out With The Wolves. Der Hörer wird sofort mit Doom-/Proto-Metal-Riffs, Witchfinders unverwechselbarem Gesang und einem donnernden Bass überhäuft.

Shadow of the Impaler ist wie eine tickende Zeitbombe, die nur darauf wartet, zu explodieren, und beginnt mit den furchteinflößenden Schreien des Kult-Horrorfilms Atomic Hero -The Toxic Avenger von 1984, bevor sich ein ziemlich bedrohliches Riff von Gitarrist Jondix anschleicht, begleitet vom gleichmäßigem Stampfen des Bass, das den Eindruck erweckt, als würde sich etwas Schweres durch den Sumpf quälen.

In Into My Coffin öffnet sich die lange schmale Totenkiste, um ihr wahres dunkles Geheimnis zu enthüllen und beschwört etwas vom Geist früher Mercyful Fate herauf. Der Song ist eine grandiose Darstellung von Albert Witchfinders Jekyll-und Hyde-Gesangsstils.

Der Titeltrack Friends Of Hell ist das Herzstück des Albums und bietet weitere doomige Riffs von Jondix, einen schönen Aufbau der Spannung sowie einen eingängigen Refrain von Witchfinder, der ein altbekanntes Thema behandelt.

Gateless Gate bleibt auf dem heruntergeschraubten Tempo stehen und taucht weiter in den Doom-Nebel ein. Aber auch hier ist Albert Witchfinder an allen Ecken der Hauptakteur des Songs.

Evil They Call Us hat ein Riff und ein Tempo, das direkt aus der Ethereal Mirror/Carnival Bizarre-Ära von Cathedral übernommen wurde. Mit mehr Attitüde und einigen fanfarenartigen Einlagen bringt die Band die Blutgefäße weiter in Wallung, um den neugeborenen König auf den Thron zu setzen und mit eiserner Faust zu regieren, während Orion’s Beast wie eine Fortsetzung von Black Sabbaths Electric Funeral klingt.

Als wir uns zum Tanz des Makabren auf Belial’s Ball begeben, wird es ein Duell mit einer gefährlichen Falle. Man kann sich das Opfer selbst vorstellen, wie es 800 Fuß tief unter die Erdkruste fällt und keine Chance hat, sich zu befreien.

Wallachia schließt das Album ab, während Friends of Hell den etwas dunkleren progressiven Stil von italienischen Prog-Bands und Van der Graaf Generator wählen. Man hat das Gefühl, dass dieser blutige Krieg vorbei ist. Aber die Schlacht selbst hat gerade erst begonnen.

Bei allen Songs handelt es sich nicht um ausladende und endlose Doom-Tracks, die sich wie der Arsch einer Robbe dahinschleppen, während sie nach einem Ort sucht, an dem sie sich hinlegen und verdammt noch mal sterben kann; nein, die Tracks sind von einem fantastischem Mystizismus durchdrungen, während die Band zeigt, dass sie imstande ist, den ganzen Reiz von Candlemass, Pentagram und Witchfinder General quasi mühelos aus dem Ärmel zu schütteln. Darüber hinaus werden Doom-Fanatiker nicht gerade wenige Verweise auf andere Doom-Bands und ihr Werk bekommen, was dieses Album allein schon zu einer Schatztruhe macht.

Dies hier ist ein unbarmherziges und glänzendes Debüt, das die meisten wohl ziemlich überrumpelt hat. Friends of Hell sind eine Band, die dem Hörer zu verstehen gibt, dass Heavy Metal nicht nur ein Begriff ist, mit dem man willkürlich herumwedelt. Das hört sich nach einer etwas merkwürdigen Aussage an, aber um ehrlich zu sein wird der eigentliche Spirit heute nur noch selten wirklich zelebriert. Wenn diese Aussage jemanden vor den Kopf stößt: um so besser.

Es ist schön zu sehen, dass Rise Above Records immer noch stark ist. Und man kann sich vorstellen (und darauf hoffen), dass dort noch eine riesige Menge elektrischer Saft darauf wartet, in den kommenden Jahren in die richtigen Beutel gefüllt zu werden.

Das Album erschien am 18. März 2022

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Musen gegen Sirenen: Aptera – You Can’t Bury What Still Burns

Aptera aus Berlin sind bisher die erste Band, die nicht auf eine Anfrage zwecks Support geantwortet hat, aber das ist natürlich völlig in Ordnung. Ich würde wahrscheinlich auch nicht Hunz und Kunz antworten, und ein wenig Exaltiertheit schadet in der heutigen Zeit ja auch nicht. All das hält mich natürlich nicht davon ab, euch von einem Debüt zu berichten, das wirklich großartig ist und aus dem Wust der Veröffentlichungen heraussticht. Man könnte von echtem Heavy Metal sprechen und hätte damit nichts gesagt, weil ihr ja nur mal hören müsst, was man derzeit unter Heavy Metal versteht. Die Wurzeln von Aptera kann man allerdings als eine Melange verschiedener Stile begreifen. Die Band selbst spricht von einem Mix aus Sludge, Doom, Blues und klassischem Metal mit einer gehörigen Punk-Attitüde. Allerdings sprechen wir hier eher von einem Punk, den man auch bei Venom finden kann. Die böse Art nämlich, immer leicht am frühen Thrash entlang reitend. Die Doom-Anteile hingegen legen eine Atmosphäre nahe, wie sie von den allmächtigen Black Sabbath eingeführt wurde.

Die Musik ist allerdings nicht das einzige Interessante an der Band, denn auch wenn ihr Ground Zero wohl Berlin ist, handelt es sich hier um eine recht internationale Geschichte. Die Musikerinnen stammen aus Brasilien, Italien, Belgien und den Staaten und teilen sich wie folgt auf:

Michela Albizzati – guitar, vocals
Celia Paul – bass, vocals
Renata Helm – guitar, backing vocals
Sara Neidorf – drums

Der Titel “You Can’t Bury What Still Burns” ist nicht unbedacht gewählt, sondern als Hommage an all jene zu verstehen, die Unterwerfung nicht akzeptieren und die Saat der Rebellion zum Leben erwecken, die also durch Taten, wie klein sie auch sein mögen, Veränderungen in der herrschenden Erzählung herbeiführen. Man kann eine kämpferische Seele, einen lebendigen Traum, ein brennendes Herz nicht begraben. So die Erklärung der Band. Ripple Musik, wo die Scheibe erschienen ist, erklärt sogar das große Thema des Albums:

Jeder Track auf “You Can’t Bury What Still Burns” stellt zeitlose feministische Kämpfe durch verschiedene Mythen in Frage und dekonstruiert gleichzeitig etablierte Ideale der Frauenrolle in der heutigen Gesellschaft.

Tatsächlich könnte man die angesprochenen Mythen nicht besser nutzen. Das fängt bereits beim Bandnamen an. Aptera war, wie man überall nachlesen kann, eine antike Stadt im westlichen Kreta, und Schauplatz eines legendären Kampfes zwischen Sirenen und Musen, die schon immer zwei Gegensätze bildeten. Sirenen werden allgemein als zerstörerische Stimmen verstanden. Während die Stimme der Muse die Stimme des Lebens ist, bringt die Stimme der Sirene den Tod. Die Sirenen verloren den Kampf und aus den einstmals gefiederten, vogelartigen Wesen wurden Wassergeschöpfe, weil sie ihre Federn und Flügel verloren.

Leider konnte ich nirgendwo die Lyrics finden, aber bereits der zweite Song “Selkies” deutet einen Ausflug in die keltische und nordische Mythologie an. In den Volksmärchen geht es häufig um weibliche Selkies, die von jemandem, der ihr Robbenfell stiehlt und versteckt, zu Beziehungen mit Menschen gezwungen werden. Es handelt sich im Grunde um das Märchenmotiv des Schwanenmädchens.

Man sollte allerdings nicht den Fehler machen zu denken, es handle sich hier um Fantasy-Lyrics. Ganz im Gegenteil eignen sich Komplexe aus der Mythologie – ob nun griechisch oder keltisch – ganz hervorragend, um die menschlichen Belange bildkräftig darzustellen. Während ich die ganzen modern-gewollten und platten Gegenwartsbezüge in der Musik meide wie der Teufel das Weihwasser, besitzen die vier Musikerinnen hier nicht nur musikalisches Geschick, sondern auch Geist. Es kommt nämlich immer darauf an, wie man seine Themen in Szene setzt, und interessanterweise regiert hier der einzig wahre Oldschool-Vibe in einem zeitlosen Korsett. Die junge Band zeigt, dass es durchaus möglich ist, auch heute noch einen eigenen Stempel herzustellen. Voraussetzung: weder zu faul, zu uninspiriert oder einfach zu untalentiert zu sein.

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Werkschau: RIOT


Hallo Freunde draußen an den Radiogeräten, ich begrüße euch zur ersten Ausgabe eines neuen Formats, das allerdings schon länger geplant war, der Werkschau nämlich.

Riot wurde 1975 in New York City von Gitarrist Mark Reale und Schlagzeuger Peter Bitelli gegründet, die bereits seit ihrer Kindheit befreundet waren.

Hinzu kamen der Bassist Phil Feit und Guy Speranza am Gesang. Gemeinsam nahmen sie ein paar Demos auf, die das Interesse des Indie Labels Fire Sign Records auf sich zogen. Für das erste Demo hatten sie noch den Keyboarder Steve Costelleo, der aber schnell gegen den Gitarristen Louis Kouvaris ausgetauscht wurde.

Bassist Feit war ebenfalls nicht lange dabei und gegen Jimmy Iommi ausgetauscht und jetzt war man bereits für das erste Album Rock City. Auf dieser Scheibe sind dann auch noch die Spuren von beiden Bassisten zu hören, vor allem auch, weil man keine Zeit hatte, bereits vorhandene Tracks neu einzuspielen. Innerhalb von drei Monaten war das Debüt dann im Kasten. Es steht zwar überall zu lesen, dass es 1977 herauskam, aber in Wahrheit war es bereits 1976 erschienen und mit ihm war auch erstmals das Bandmaskottchen Tior zu sehen, eine Mischung aus Seehund und Mensch, zumindest war der Kopf auf dem Menschenrumpf der eines Seehunds.

Lesen

(Rock City)

Das Debüt ist schlichtweg großartig und eines der ersten echten Heavy Metal Alben aus Amerika. Das erste hatten 1973 Montrose herausgebracht – dazu gibt es bereits eine Sendung über den amerikanischen Heavy Metal der 70er Jahre – allerdings ohne Riot, obwohl ich die durchaus hätte erwähnen müssen, aber ich hatte da einen anderen Schwerpunkt.
Amerika war zu diesem Zeitpunkt allerdings noch nicht bereits für eine Band wie Riot – was auch einer der Gründe dafür gewesen sein mag, dass Montrose ab ihrem zweiten Album wesentlich abgeflachter auftraten. Die Plattenfirma wollte zum Schluss noch so etwas wie eine radiotaugliche Hitsingle von der Band haben und bekam das auch im Sinne von “This is what I get”, aber das wurde am Ende dann eben doch kein Hit.

Riot hatten von Beginn an ein Problem: sie waren ihrer Zeit um viele Jahre voraus, nicht nur in Amerika, sondern quasi überall. In England würde man so einen Sound erst vier Jahre später zu hören bekommen, und so konnte auch die hart rockende Jugend derzeit nichts mit Riot anfangen. Bis ein Radio-DJ in San Antonio die Platte in die Hände bekam, der bekannt dafür war, Bands ein weiteres Spektrum zu verleihen. Radios hatten damals eine ungeheure Macht, wie ich ja schon oft erwähnt habe. Durch Joe Anthony bekam die Band also Gelegenheit, im Süden eine kleine Tour zu starten, während der die Band beschloss, sich von Louie Kouvaris zu trennen, ohne ihm Gründe hierfür zu nennen. Ersetzt wurde er durch den Roadie der Band, Rick Ventura, der in diesem Jahr sein Debüt mit Riot Act vorgelegt hat, um dem alten Sound der 70er wieder zu huldigen. Eigentlich gibt es also mit Riot V und Riot Act jetzt zwei Bands, die sich auf das alte Erbe besinnen. Mit Ventura nahmen sie dann ihr zweites Album Narita auf, ein noch besseres Album als Rock City. Klasse Songwriting, großartige Solos. Auch Guy Speranza zeigt hier, warum er zu den besten Sängern seiner Zunft gehörte. Über Narita hatte ich schon einmal ausführlich gesprochen. jedoch noch nicht im Podcast, vielleicht hole ich das noch nach.

1979 brach in Großbritannien dann die NWOBHM los und der einflussreiche DJ Neal Kay wurde auf die Band aufmerksam, der sie in Großbritannien bekannt machte, wo die Fans importierte Exemplare von Rock City kauften.

(Narita)

In der Zwischenzeit war die Band bei Capital Records gelandet, weil die Plattenfirma eine Vorgruppe für Sammy Hagar suchte, und nachdem die erfolgreich über die Bühne gegangen war, bot Capital der Band einen weltweiten Vertrag an, ließ die Band allerdings fallen, als sie mit der Promotion von Hagar fertig waren.

Dann schmiss die Band – wieder ohne irgendeine Erklärung – Schlagzeuger Peter Bitelli raus. Für ihn kam Sandy Slavin hinter die Kessel, und weil man schon mal dabei war, ersetzte man auch noch den Bassisten Jimmy Iommi durch Kip Leming. Es gibt Vermutungen, dass hinter diesen plötzlichen Entscheidungen ihr undurchsichtiges Management stand, von dem man nie so recht wusste, wer eigentlich ganz genau dahinter stand, weil sie eigentlich ein ganzes Network an Managern hatten.

Irgendwie schien bei Riot von Beginn an irgendwie der Wurm drin zu sein. Man spielte als Vorgruppe von AC/DC und Molly Hatchett und stand 1979 doch kurz vor der Auflösung.

Arnell und Loeb hießen zum Beispiel zwei der Manager, die Narita bei so vielen Radiosendern wie möglich unterbrachten. Damit steigerten sie den Bekanntheitsgrad von Riot noch einmal, bis Capitol einwilligte, doch noch ein Album mit der Band aufzunehmen. Das führet zu Riots meistverkauftem Album “Fire Down Under”, ein wirklicher Meilenstein im Katalog der Band und eines der besten HM-Alben aller Zeiten. Tior haben wir diesmal in Großaufnahme im Bild, während hinter ihm alles in Flammen steht.

(Fire Down Under)

Vorher aber lehnte Capitol die Platte mit der Begründung ab, sie sei “kommerziell inakzeptabel”, was die Band in eine vertragliche Zwickmühle brachte, weil Capitol sich weigerte, die Band aus dem Vertrag zu entlassen. Am Ende einigte sich Elektra Records mit Capitol und veröffentlichte das Album, das sich dann auch in den Billboard-Charts platzierte.
1981 zeigten Riot den Briten, was eine richtige Harke ist, denn kaum ein Album der New Wave war derart stürmisch veranlagt.

Irgendwie hatten Riot stets das Zeitproblem. Sie kamen auf, als der Punk gerade in Mode kam und waren deshalb allein schon fehl am Platz, und als der Heavy Metal durchstartete, waren sie schon wieder auf einem anderen Level als ihre Kollegen, weil sie im Gegensatz zu ihnen ja schon ein paar Jährchen Erfahrung auf dem Buckel hatten.

Das merkte auch Guy Speranza. Trotz der massiven Unterstützung ihrer Fans, wollten die Labels nichts von ihnen wissen und alles, was die Band anging, war eine einzige Schleiferei, die nirgendwo hin führte. Die Band arbeitete hart, bekam aber kaum Geld. Im Grunde kamen sie nicht vom Fleck, auch wenn man das musikalisch überhaupt nicht merkte. Guy war es leid und verließ die Band. Etwas unglücklich war freilich der Zeitpunkt, weil Riot gerade mit Rush auf ihrer Moving Pictures-Tour unterwegs waren, als die Entscheidung fiel.

Zunächst mal war es natürlich eine Tragödie, diese für Riot prägnante Stimme zu verlieren. Wenn es um Ersatz für den Sängerposten ging, sind schon andere Bands gescheitert, aber Riot fand Rhett Forester, der zwar ein völlig andere Typ als Guy war, aber seine Sache dennoch gut machte, wie man auf dem Album “Restless Breed” von 1982 hören kann.

(Hard Lovin’ Man)

Forester brachte durch seinen anderen Gesangsstil auch einen anderen Sound in die Band, der aber dennoch einen vom 70er Jahre Hard Rock beeinflussten Heavy Metal repräsentierte. Erst mit dem 1983 erschienenen “Born im America” schienen Riot in den 80er Jahren angekommen zu sein und es gab auch ein Musikvideo zum Titeltrack, bei dem es primär um die Ablehnung jeglicher Autorität geht, wie sie später dann Twisted Sister oder auch Ronnie James Dio an den Tag legten.

Mittelpunkt ist natürlich ein problematisches Elternhaus und die Schule, wo alle Lehrer gefesselt werden und die Kids Zigaretten rauchen, Heavy Metal hören und eine Flagge mit Tior hissen. Zum Schluss reißt sich Rhett Forester das Gesicht herunter und ist in Wirklichkeit das Bandmaskottchen selbst. Das ganze Video natürlich im unnachahmlichen Stil der 80er.

(Born in America)

“Born in America” wurde von Steve Loeb, einem der Manager, selbst finanziert und bei Quality Records, einem unabhängigen kanadischen Label, veröffentlicht, weil Capitol schon wieder die Schnauze von der Band voll hatte und sich ganz auf ihren vielversprechenden neuen Act Quit Riot konzentrieren wollte, die gerade mit der Coverversion von “Cum on feel the Noize auf sich Aufmerksam machte. Es kam im Zuge dessen zu Verwechslungen zwischen Quit Riot und Riot, so dass die Band sich sogar gezwungen sah, auf der Rückseite von “Born in America” darauf hinzuweisen, dass die nicht Quiot Riot sind.

Lang ging das alles nicht mehr gut und im Zuge des ganzen Chaos löste sich die Band auf.

Mark Reale zog Kurzfristig nach San Antonio, Texas, wo er versuchte mit den ehemaligen S.A-Slayer-Musikern Steve Cooper, Don Van Stavern und Dave McClain eine neue Version der Band auf die Beine zu stellen. Als Sänger wollten sie unbedingt Harry ‘The Tyrant’ Conklin (Jag Panzer), weil der aber wiederholt wegen übermäßigem Alkoholkonsums bei Auftritten seine Stimme verlor, wurde auch daraus nichts. Also ging Reale wieder zurück nach New York, schnappte sich dort den Schlagzeuger Mark Edwards von Steeler und Sänger Tony Moore und hatte plötzlich eine interessante neue Bestetzung für das wohl glorreichste aller Riot-Alben: “Thundersteel”.

(Thundersteel)

Auf diesem Cover war zum ersten Mal nichts vom Maskottchen Tior zu sehen und überhaupt präsentieren sich Riot in einem völlig neuen musikalischen Gewand. Tatsächlich war auch Tony Moore ein absoluter Glücksgriff, der einer der besten USPM-Sänger überhaupt ist, aber nirgends weiter in Erscheinung getreten ist.

1988 war Metal vor allem durch sein Image bekannt, und wenn man diese Jungs allein danach beurteilt, sehen sie aus wie die Bastardsöhne von Motley Crue und Judas Priest. Aber wenn Tony Moore seine hohe Banshee-Stimme ins Mikrofon schmettert, klingt er wie ein verrückter Wikinger, der bereit ist, eine Armee verängstigter Römer zu enthaupten. Mark Reale, der einzige verbliebene Gründer der Band, schwingt seine Gitarre wie eine Streitaxt und fordert damit Leute wie K.K. Downing, Dave Murray und Ross the Boss heraus. Bobby Jarzombek, der am Schlagzeug vor allem für seine Arbeit für Rob Halfords Soloprojekt bekannt ist, liefert hier die Performance seines Lebens ab. Don Van Stavern sorgt für ein solides Bass-Gerüst, das es in jedem Song in sich hat.

Es war klar, dass sich Riot hier und auf dem nächsten Album “The Privilege of Power” sehr weit von ihrem ehemaligen Stil entfernt hatten, was ja auch klar sein dürfte, schließlich ist es eine ganz andere Band. “Privilege of Power” kam 1990 heraus und wagt mehr musikalische Experimente, an sie man sich erst einmal gewöhnen muss, obwohl das Album den Vorgaben von “Thundersteel” zu folgen versucht, mit einem Unterschied, Tior ist erneut auf dem Cover, auch wenn man ihn nicht gleich findet, weil er nur aus einem der zahlreichen Fernseher, vor dem eine Comic-Familie steht, heraus schaut.

(Black Leather)

Was vielleicht etwas irritierend ist, außer den zahlreichen Zwischenstücken, so dass man manchmal meint, in einem Hörspiel gelandet zu sein, ist das Bläserensemble Tower of Power, das manche Songs unterstützt, sehr prominent zum Beispiel in dem Song “Killer”. Das funktioniert zwar, wenn man es rein musikalisch betrachtet, wirkt aber für manche Ohren – für meine zum Beispiel – völlig deplatziert.

(Killer)

Trotzdem gibt es natürlich noch genug raum für Speedattacken und all dem, was man von Riot zu der Zeit erwartet. Es ist also kein völliger Flop. Und wieder schlug der Riot-Fluch zu. Es gab keinen Support des Labels und Tony Moore verließ dann 1992 die Band wegen Meinungsverschiedenheiten mit Manager/Produzent Steve Loeb. Auch am Bass gab es einen erneuten Wechsel. Don Van Stavern ging und Pete Perez kam.

Mark Reale rekrutierte für den Gesang Mike DiMeo, der in einer lokalen Band namens Josie Sang gespielt hatte, mit der Absicht, ein wieder mehr auf Hardrock ausgerichtetes Soloalbum aufzunehmen. Dazu holte er sich auch einen weiteren Gitarristen namens Mike Flyntz dazu.

Schließlich wurden diese Pläne fallen gelassen, und aus dem geplanten Soloprojekt wurde ein weiteres Riot-Album, das 1993 erschienene “Nightbreaker”, das ein Remake des Fire Down Under-Tracks “Outlaw” sowie Coverversionen von Deep Purple’s “Burn” und “A Whiter Shade of Pale” von Procol Harum enthielt.

Das war das bis dahin stabilste Line-Up und die Band nahm in der Folge sechs Album mit dieser Bestzung auf, ein schierer Rekord, obwohl man sagen muss, dass Schlagzeuger Bobby Jarzombek immer mal wieder aus- und wieder einstieg.

(Nightbreaker)

“Nightbreaker” kann man fast als Überbleibsel aus den glorreichen Tagen der traditionellen Metal-Szene der 80er Jahre betrachten, das zwar viel Abwechslung bietet, aber keine Innovation auf Kosten der Qualität sucht, wie es zu der zeit fast alle Bands taten, die hauptsächlich versuchten, auf den Groove-Metal-Zug aufzuspringen. Und auch die nächsten Alben sind solide und konsequent, wobei die Qualität dennoch etwas flackert.

“Brethren of the Long House” von 1995 ist sowohl ein Stück gute Unterhaltung als auch ein Kunstwerk, vollgepackt mit Speed-Metal-Klassikern, Midtempo-Riffmonstern, einem recht interessanten Gesangsarrangement und einem lyrischen Rückblick auf die Geschichte der Kämpfe zwischen vertriebenen europäischen Siedlern und den Ureinwohnern des heutigen Amerikas. Hier sitzt John Macaluso am Schlagzeug und donnert etwas besser als auf dem Vorgänger, die Double Bass klingt knackig und sauber.

Die Gitarren haben die richtige Balance zwischen hohen und tiefen Frequenzen, was dem Gitarrensound von Maidens Powerslave nicht allzu unähnlich ist. Die Keyboards, wenn sie eingesetzt werden, übertönen die anderen Instrumente nicht und auch ie Gesangsspuren sind klar definiert und überfluten nicht das gesamte Arrangement, wenn in den Refrains mehrere Stimmen übereinander gelegt werden.

(Bretheren)

1997 kehrte Bobby Jarzombek für das Album “Inishmore” zurück. Nachdem losen Thema der native Americans vom letzten Album hat dieses hier ein ebenso loses irisches Thema als Hauptkern.

Mark Reale und seine hartnäckigen Jungs marschierten tapfer durch die 90er Jahre und kamen nicht ein einziges Mal auf die Idee, vor dem grausamen und ebenso hartnäckigen Jahrzehnt zu kapitulieren. Es war der klassische Fall eines unbeweglichen Objekts gegen eine unaufhaltsame Farce. So beeindruckend der Widerstand von Riot auch war, in einer Zeit, in der so ziemlich jede Metal-Ikone sich selbst in die Vergessenheit kommerzialisierte, führte er doch zu einer Art Stillstand für die Band. Die meisten Riot-Alben der DiMeo-Ära klingen verdammt ähnlich. Nicht identisch, wohlgemerkt, aber hartnäckig an einem einzigen Kurs festhaltend. Vielleicht war das auch die Furcht, sich auch nur einen Schritt falsch zu bewegen in einer Zeit, in dem man sofort der musikalischen Orientierungslosigkeit anheim fallen konnte.

(Angel Eyes)

Inishmore ist nicht nur gut geschrieben und gut gespielt, sondern auch gut produziert. Die meisten Alben, die 1998 veröffentlicht wurden, sind, sowohl was das Songwriting als auch die Produktion angeht, eher Produkte ihrer Zeit. Welche Band wäre besser geeignet als Riot, um eine Ausnahme von dieser Regel zu machen?

1999 kam dann “Sons of Society”. Die Songs hier variieren von einem etwas orientalischen Intro über reine Heavy-Metal-Songs bis hin zu Songs, die ein wenig an der Hardrock-Kante liegen. Darüber hinaus sorgt die hervorragende Rhythmusgruppe, bestehend aus Bassist Pete Perez und Schlagzeuger Bobby Jarzombek, wie schon auf den Vorgängeralben für einen subtilen, progressiven Touch auf dem Album. Nicht falsch verstehen, es gibt keine unnötigen ungeraden Taktarten oder ähnliche Prog-Mätzchen, stattdessen schaffen sie wirklich interessante Brüche, sowohl melodisch als auch rhythmisch.

Mark Reale und Mike Flyntz werden eigentlich nie erwähnt, wenn es um die besten Gitarren Duos im Heavy Metal geht. Ich schätze, das liegt vor allem daran, dass man sie gar nicht kennt, weil man ja ohnehin gerne alles nur nachplappert, aber tatsächlich findet man selten ein echtes Gitarrenteam im reinsten Sinne des Wortes, die derart mit der Band verwoben sind und nicht nur für sich selbst vor sich hin schreddern wie hier. Was DiMeo betrifft, braucht man nur zu erwähnen, dass er zu dieser Zeit als Sänger für Deep Purple im Gespräch war, was dann ja nicht zustande kam, weil Ian Gillan zurückkehrte, was natürlich gut für Riot ist. Aber das zeigt, in welcher Liga sich Mike mit seinem kraftvollen Gesang bewegt.

Und noch einen Bonus gibt es: Tior ist wieder mal da. Diesmal gehüllt in den Mantel eines Zauberers und mit einer Laterne in der Hand sieht er aus wie die Tarotkarte des Eremiten.

(Sons of Society)

Nachdem Bobby Jarzombek Riot in Richtung Judas Priest verließ, kam Bobbi Rondinelli, um die Drums auf einem der schlechtesten Alben der Band einzuspielen. “Through the Storm” erschien 2002. Selbst wenn dieses Album in Fahrt kommt, merkt man, dass es nicht gerade die Muskeln spielen lässt. Eine Sache, die uns jedoch bekannt vorkommt, sind die unglaublichen Soli von Mark Reale. Sie sind nach wie vor so stark wie eh und je und bilden zusammen mit Mike Flyntz’ harmonisierendem Handwerk einen Taifun aus leuchtenden Versatzstücken. Aber schlussendlich wird das Album dadurch nicht gerettet.

(Through the Storm)

Bevor sich die Band in Riot V umbenannte, gab es 2006 noch “Army of One”. Wieder nahm ein neuer Schlagzeuger Platz, nämlich Frank Gilchrist. Das Album hat wieder mehr Punch zu verzeichnen und die Energie scheint zurück zu sein. Tior nimmt auf dem Cover wieder einen prominenten Platz ein und das ist ja gar kein schlechtes Zeichen. So ein Maskottchen kann manchmal Signale senden. Nach dem Album stieg Sänger Di Meo aus, um sich auf die Band The Lizards zu konzentrieren und Riot tourten einige Jahre mit Mike Tirelli am Mikrophon, bis 2011 unerwartetes geschah. Die gesamte Thundersteel-Besetzung fand wieder zusammen und Mike Flyntz blieb natürlich trotzdem, um Immortal Soul aufzunehmen.

(Immortal Soul)

“Immortal Soul” ist in jeder Hinsicht ein Meilenstein; es ist ein ausgeklügeltes Werk, in das die Zeit und die Geduld von Riot eingeflossen sind, und nicht nur eine wunderbare Sammlung meisterhafter Melodien. Das Album markiert fünf Jahre seit “Army of One” und ist das insgesamt vierzehnte Album der Gruppe.

Historisch gesehen sind Riot ein sehr merkwürdiges Phänomen, das fast die gleiche Bedeutung hat wie Manilla Road, obwohl es musikalisch vielleicht etwas zugänglicher ist.

Inmitten der soliden Mischung aus melodischen Hymnen und krachenden Riffmonstern findet sich ein geniales Maß an Raffinesse und Nuancen, das das Alter und die Erfahrung der Band widerspiegelt, aber viel mehr mit ihren jüngeren Tagen übereinstimmt als die zu dieser Zeit kursierenden Angebote von Priest und Maiden.

Traurigerweise hatte Mark Reale schon sein gesamtes Leben mit gesundheitlichen Problemen zu kämpfen, die sich jetzt zunehmend verstärkten, so dass er eigentlich nicht sehr viel am Album mitwirken konnte. Er verstarb 2012 und somit war Riot im Grunde Geschichte, schließlich war er der Mann, der Riot nicht nur gegründet hatte, sondern voll und ganz verkörperte.

Aber Mike Flyntz, Frank Gilchriest und Don Van Steveren beschlossen, das Erbe von Mark weiterzutragen, um eine neue Ära von Riot einzuleiten. Das war keine leichtfertige Entscheidung und die Band holte sich den Segen von Marks Vater ab. Zur Verstärkung holten sie sich den Gitarristen Nick Lee und den Sänger Michael Hall und gründeten Riot V. Seitdem haben sie zwei ziemlich gute Alben veröffentlicht, begonnen mit dem 2014er “Unleash the Fire”. Auf dem Cover haben wir einen runderneuerten und futuristischen Tior, der auf der Kreuzung zwischen der RealeStr und der Blood Street steht.

(mehr im Podcast)

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Unser Intro wurde von transistor.fm erstellt.

Vom Sumpf in die Apokalypse: Wo Fat – The Singularity

Ab und zu trifft man auf eine Band, die aus völlig unbekannten Gründen nach zwei Jahrzehnten bei Kennern zwar Kultstatus besitzt, aber es  es nie in die oberste Riege der von Kritikern anerkannten Meister geschafft zu haben scheint.

Seit ihrem ersten Album The Gathering Dark aus dem Jahr 2006 haben sie ihr Publikum mit urwüchsiger Schwere und hypnotischen Siebziger-Jahre-Grooves in ihren Bann gezogen, die den Hörer mit gewaltigen Riffs überfallen. Durchdrungen von einem reichen Erbe an Blues und Fuzz-Glückseligkeit hat die Band scheinbar dunkle Kräfte kanalisiert, um dennoch auf zahlreiche Festivals auf der ganzen Welt geladen zu werden und ein paar Top-Ten-Platzierungen zu ergattern. Dabei bewegt sich die Band stets auf dem schmalen Grat zwischen psychedelisch angehauchtem Space-Rock und Doom-Trademarks. Sie haben ihre sumpfiges Getöse mit großen, fetten Riffs immer mit unterschiedlichen Facetten und einem geschickten Songwriting ausbalanciert, was sie zu einem großartigen Hörerlebnis macht. Im Laufe von zwei Jahrzehnten haben sie dies zu immer anspruchsvolleren musikalischen Erkundungen verfeinert, die gleichermaßen aufwühlend und beruhigend sein können, je nachdem, was man als Hörer erwartet und wie sehr man sich in die Musik hinein begibt.

Als sich Wo Fat im Jahre 2003 gründeten, war es ihre Absicht, eine erdrückend schwere Musik zu kreieren, die aber dennoch den Vorgaben von Black Sabbath, Jimi Hendrix, ZZ Top und anderen Größen der 70er Jahre folgt. Eine Musik, die den Musikern also Improvisationsfreiheit gewährt und ihnen dennoch erlaubt, monolithische, verzerrte und schwere Riffs zu spielen, während sie der bluesigen Grundstimmung treu bleiben. Das hört sich verdammt nach Doom an und es ist fast schon eine logische Konsequenz, dass die Band aus Texas stammt.

Auf die Beine gestellt wurde die Band von dem Gitarristen Kent Stump, dem Schlagzeuger Michael Walter und dem Bassisten Tim Wilson. Seit 2016 spielt den Bass allerdings Zack Busby.

Nach sechs Jahren – also einer gefühlten Ewigkeit – kommt eine der unterbewertetsten Bands der schweren Musik (ich meine, wir reden hier von heavy und nicht von schnell) mit ihrem sechsten Album The Singularity um die Ecke und hat sich im Mai dann auch an die Spitze der Doom-Charts gesetzt. Obwohl es sich nicht um ein Konzeptalbum handelt, thematisiert das Album die Befürchtung, dass zunehmende Umweltkatastrophen und der unkontrollierte technologische Fortschritt die Menschheit auf einen Wendepunkt zusteuern lassen, an dem sie die Kontrolle über ihr eigenes Schicksal verliert. Das alles wird geliefert in einem progressiven und raffinierten Klanggebräu, das noch mehr musikalische Akzente setzt als im ohnehin nicht zu verachtenden Katalog der Band.

Alle Tracks des Albums überschreiten die Sieben-Minuten-Marke, wobei der Opener Orphans of the Singe und das abschließende instrumentale Space-Rock-Epos The Oracle vierzehn bzw. sechzehn Minuten erreichen. Der Eröffnungstrack beginnt mit einem leicht östlich angehauchten Intro, bevor der fette Südstaaten-Groove einsetzt. Die Band hält gerade lange genug inne, um Zack Busbys satte und funkige Bassarbeit hervorzuheben, um dann mit einem wiegenden Groove loszulegen, während Kent Stump das erste Kapitel des drohenden Untergangs bellt und singt. Eingängig und eindringlich zugleich, macht dieser gewaltige Auftakt Platz für die trippigere, langsamere und schwere zweite Hälfte des Songs, die mit fabelhafter Gitarrenarbeit aufwartet.

The Snows Of Banquo IV steht im Kontrast zu dieser Atmosphäre und ist um die stampfenden Drums und den donnernden Bass herum aufgebaut. Von hier aus geht es mit treibenden Riffs und einem klassischen Stoner-Galopp weiter, bevor der Song in einen gewaltigen Dampfhammer übergeht, der Geschichten über Katastrophen und andere moderne Apokalypsen in einem pulsierenden, hämmernden Beat erzählt.

Overworlder setzt dieses Thema fort und verbreitet echte Retro-Vibes. Mit einem weiteren funkigen Refrain und einem erstklassigen Solo sprengt die Band ein weiteres mal die Zehn-Minuten-Marke, von der keine einzige Sekunde langweilig wird. Wo Fat zeigen sich auf ihrem neuen Album als vollendete Songwriter. Auch The Unravelling sorgt mit großen Refrains, funkigen Grooves und manischer Gitarrenarbeit für einen weiteren Retro-Leckerbissen. The Witching Chamber ist ein neuneinhalbminütiges Fuzz-getränkter Ausbruch der eher psychedelischen und doomigen Elemente des Bandsounds.

Auf The Witching Chamber gibt die Band ihre besten Stoner- und Psyche-Jams zum Besten. Das typisch dicke, schwere und schleppende Stück hat immer noch einen ohrwurmartigen, mehrstimmigen Refrain, der sich im Gedächtnis festsetzt, bevor der Titeltrack mit hartem, tuckerndem Sound durchbricht, während Wo Fat noch einmal ihre ganze Macht ausspielen.

Mit dem abschließenden The Oracle begibt sich die Band mit einem sechzehnminütigen, epischen Instrumental auf eine ausgewachsene Space-Rock-Odyssee und zeigt die abgestimmte Chemie und die großartige Musikalität der Band. Das Hin und Her zwischen tiefen Südstaaten-Grooves und wiegenden, hypnotischen Momenten fasst im Grunde die gesamte Stimmung des Albums hervorragend zusammen, und The Singularity könnte tatsächlich der Höhepunkt einer Karriere mit einigen ohnehin wirklich hervorragenden Alben sein. Zeitweise düster und basslastig zeigen sich Wo Fat zusätzlich zu ihrer Voodoo- und Sumpfatmosphäre noch einmal von einer weiter gewachsenen Seite.

Bei sieben Songs in 76 Minuten könnte man meinen, dass die Gefahr besteht, dass das Album in den Bereich der unendlichen Nudelei abrutscht, aber das passiert nicht, schließlich verfügt das texanische Trio über einen immensen Umfang und eine Fülle von gottgleichen Stoner-Riffs, die jede neue Veröffentlichung zu einem echten Ereignis werden lassen. Für diese Jungs ist das Riff eine Kunstform für sich, die es wert ist, in einem Museum ausgestellt zu werden.

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