Klassiker: Rush – Moving Pictures (40th Anniversary) | #27

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Willkommen Freunde draußen an den Radiogeräten zu einer weiteren Ausgabe von Work of Sirens Heute vor 40 Jahren. Da passt es ziemlich gut, dass in den letzten Wochen zum Vorliegenden Album eine Anniversary-Edition erschienen ist. Moving Pictures von Rush.

Moving Pictures war das achte Studioalbum des kanadischen Trios Rush, und wurde am 12. Februar 1981 veröffentlicht. Die Anniversary-Edition kam allerdings erst im Februar diesen Jahres heraus, was daran liegt, dass solche Editionen natürlich immer erst vorbereitet werden müssen. Ich habe hier die Ausgabe mit 3 CDs vorliegen, der noch einmal neu remasterten Version des eigentlichen Albums plus eines lang ersehnten Konzertmitschnitts, zu dem ich im Anschluss was sagen werde, zusammen mit einem 24 seitigen Booklet mit unveröffentlichten Fotos und Linernotes aller möglichen Leute, darunter Les Claypool oder Neil Sanderson.

Es war das zweite Album, das im Le-Studio in Morin-Heights, Quebec, aufgenommen wurde, und es ist nach wie vor das erfolgreichste Album von Rush, das in Kanada Platz 1 und in Großbritannien und den USA Platz 3 erreichte. Es hat sich über fünf Millionen Mal verkauft und gilt als das beste Werk der Band überhaupt. Es gibt wahrscheinlich keinen Musikliebhaber, der die Scheibe nicht kennt.

Während “2112” das vielgeliebte Prog-Meisterwerk war und “Permanent Waves” den Durchbruchshit “The Spirit of Radio” beinhaltete, war es “Moving Pictures”, das Rush wirklich alle Aufmerksamkeit einbrachte.

Jetzt, vierzig Jahre nach der Veröffentlichung, ist es an der Zeit, das Album, das zu einem der wichtigsten in ihrem Katalog wurde, neu zu bewerten.

Wie oft betont wird, hatte sich die Band nach dem Led-Zeppelin-Stil ihres Debüts von 1974 bis zum Erscheinen dieses achten Albums im Jahr 1981 einen beneidenswerten Ruf als Prog-Metal-Helden erworben. Auf dem Vorgängeralbum hatte man begonnen, kürzere Songs zu schreiben, aber erst hier kam das zunehmend prägnante Songwriting so richtig zur Geltung.

Obwohl Rush bereits gegen Ende der Siebzigerjahre mit Synthesizern experimentiert hatten, begann die Band erst mit Permanent Waves von 1980, sie wirklich in ihre Musik einzubauen. Ab 1981 waren die Synthesizer ein fester Bestandteil des Sounds der Band. Die großen Swooshes und Swirls in “Tom Sawyer” zum Beispiel oder die auffälligeren Keyboards in “The Camera Eye”, wo Geddy Lee seine Keyboards in den rockigeren Sound der Band einbettete. Und auch der harte Rock kam nicht zu kurz. Das sechsminütige “Red Barchetta” zeigt Alex Lifesons beste Gitarrenarbeit neben Neil Pearts brillantem Erzählstil. Dann gibt es noch das beste Instrumentalstück aller Zeiten, “YYZ”, den Traum eines jeden Schlagzeugers, sowie ein Riff zum Sterben auf “Limelight”, der Biografie von Pearts Widerstand gegen die immer stärker werdenden Einmischungen, als die Popularität der Band immer weiter anstieg.

Kommt man zu Seite zwei, findet man “The Camera Eye”, die Beobachtungen von Peart über zwei Städte, New York und London. Mit einer Länge von fast 11 Minuten ist dies der letzte mehr als zehnminütige Song, den Rush aufnahmen, der regelmäßig als Live-Song angefordert wurde und schließlich 2010 auf der “Time Machine”-Tour wieder zum Leben erweckt wurde, als dieses Album in voller Länge gespielt wurde. Das Stück mäandert stellenweise leicht, behält aber dank Pearts und Lees treibender Rhythmusgruppe seine Richtung bei. Für mich ist es eine von Lees besten Darbietungen, der die clever ausgearbeiteten Texte hart bearbeitet, während Lifesons subtile Gitarrenarbeit einmal mehr seine Qualität unter Beweis stellt.

“Witch Hunt” ist auch heute noch von erschreckender Aktualität, denn die Botschaft von der Herrschaft des Pöbels, von Hass und Intoleranz gegenüber anderen beweist, dass der Mensch schon immer auf seine niedersten Instinkte zurückgegriffen hat. Der Song wurde in derselben Nacht aufgenommen, in der John Lennon erschossen wurde, und ist eine clevere Komposition, in der Pearts lyrische Zauberei ein Bild zeichnet, das an Brennen muss Salem von Stephen King erinnert. Interessanterweise spielt Hugh Syme die Synthesizer auf diesem Stück und die Publikumsgeräusche am Anfang wurden von der Band selbst aufgenommen, außerhalb des Studios, in verschiedenen Rauschzuständen! “Witch Hunt” ist Teil der “The Fear Trilogy”, die anderen Teile sind “The Weapon” auf Signals, “Part II” und “Part I” ist “The Enemy Within” auf Grace Under Pressure (man kann alle drei Stücke nacheinander auf dem Grace Under Pressure-Video von 1984 sehen und hören).

Das schnell geschriebene “Vital Signs” ist wahrscheinlich das am meisten umstrittene Stück auf dem Album. Sein Kaleidoskop von Stilen, einschließlich des abgehackten Reggae-Gefühls des Gitarrenriffs und der allgemeinen Stimmung des Songs, brauchte mehrere Jahre, um von der treuen Fangemeinde akzeptiert zu werden. Wenn man sich den Song heute anhört, kann man erkennen, wie entschlossen und hartnäckig Rush waren. Es war ihre Zeit, ihre Musik, und schließlich wurde ihnen Recht gegeben.

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Nie wieder Seancen: Uriah Heep – Demons and Wizards | #26

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Willkommen, Freunde draußen an den Radiogeräten, zu einer weiteren Folge von Work of Sirens – Heute vor 50 Jahren, die Klassiker-Besprechung. Heute dreht sich alles um Uriah Heep und ihr Album Demons and Wizards mit dem wunderbaren Cover von Roger Dean, der unter anderem auch die Cover für YES gezeichnet hat. Es war das vierte Album von Uriah Heep, das im Mai 1972 auf Bronze Records erschienen ist.

Uriah Heep ist eine dieser besonderen Bands, die jeder kennt und die auch immer erwähnt wird, wenn es um die Entwicklung im Heavy Metal geht, dem sogenannten Proto-Metal. Da stehen dann solche Größen wie Deep Purple, Led Zeppelin und natürlich Black Sabbath. Aber oft genug werden Uriah Heep dann auch weggelassen, denn irgend etwas machten sie dann doch anders als ihr Kollegen. Ihre ersten drei Alben waren bereits ziemlich gute Vertreter ihrer Art, aber mit Demons and Wizards bekamen sie erstmals die Aufmerksamkeit, die sie verdienten. Es gab ja viele Bands, die damals an Härte und Lautstärke zulegten und bei der Presse reichlich unbeliebt waren, allen voran wahrscheinlich Led Zeppelin und Black Sabbath, aber auch Grand Funk Railroad können ein Lied davon singen, wie es ist, regelmäßig zerrissen zu werden, was den Fans aber immer schon reichlich egal war. Daran kann man erkenne, dass Musikjournallie und Musikliebhaber nicht immer aus dem gleichen Lager stammen. Die Musikmagazine der damaligen Zeit waren eine Katastrophe, hatten reihenweise katastrophale Fehleinschätzungen vorzuzeigen. Led Zeppelin waren langweilig, Black Sabbath hörten sich angeblich an wie Cream, nur schlimmer. Und zum Debüt von Uriah Heep schrieb eine Kritikerin: Sollte diese Band es schaffen, muss ich mir das Leben nehmen. Ich frage mich, ob die Dame, die das damals geschrieben hat, noch lebt, denn Uriah Heep haben es nicht nur geschafft – was immer mit diesem Schaffen gemeint sein könnte – aber sie waren eine der größten Bands der 70er Jahre.

Trotzdem darf man nicht verschweigen, dass Uriah Heep dennoch eine der unterbewertetsten Bands überhaupt ist, sehr zum Verdruss ihrer Fans. Natürlich hat man heute eine ganz andere Draufsicht auf die Musikgeschichte, aber zu der Zeit, als Uriah Heep eben groß waren – und mit Demon and Wizards wurden sie groß – hieß Größe immer noch die zweite Reihe. Sie erreichten nie den Erfolg von Deep Purple oder von Led Zeppelin. Trotzdem war die Band natürlich in den Billboard Charts vertreten, bei den Fans beliebt, was ihre erfolgreichen Konzerte beweisen, aber es fehlte immer etwas zum ganz großen Deal, und das trotz der herausragenden Besetzung, die heute Kultstatus besitzt, und trotz des Einflusses auf das, was dann später Epic Metal oder zum Power Metal wurde, mit diesem operalen Gesang von David Byron, Mick Box an der Gitarre, der ja auch noch heute das Schiff über Wasser hält und sozusagen der letzte der alten Garde bei Uriah Heep ist. Ken Hensley, leider 2020 verstorben, an der Orgel und den Keyboards, der den klassischen Sound der Band maßgeblich kreierte, Lee Kerslake an den Drums, ebenfalls 2020 verstorben, und Gary Thain am Bass. Kerslake und Hensley hatten zuvor noch gemeinsam in der Band Toe Fat gespielt, die sozusagen einer der Vorläufer von Uriah Heep waren, deren selbstbetiteltes Debüt von 1970 ebenfalls absolut zu empfehlen ist.

Und wer jetzt denkt, Uriah Heep würden keine Musik mehr machen oder das ist so ein Fossil aus den 70ern, der irrt, denn Uriah Heep waren nie weg und sie aber all die Jahre hindurch herausragende Alben gemacht, und sie klingen natürlich anders als zu ihrer Hochzeit, aber dieser klassische Hammondorgel-getriebene Heavy Rock, der ist immer noch da, und die Fans lieben das neue Material genauso wie sie das alte lieben. Ähnlich geht’s ja Deep Purple, wobei ich persönlich der Meinung bin, dass die neuen Uriah Heep-Scheiben noch einen Ticken besser sind als die neueren Deep Purple-Sachen, aber das ist natürlich eine völlig persönliche Sache. Gerade was die Hammond-Orgel betrifft gab es ja immer schon einen direkten Vergleich zwischen den beiden Bands, Kensley gegen Lord. Und da haben Uriah Heep mit ihren vorausweisenden, epischen Momenten das Rennen für nicht gerade wenige Liebhaber dieser dröhnenden Orgeln für sich entschieden.

Auf Demons and Wizards war die klassische Heep-Besetzung zum ersten Mal komplett, zwei neue Musiker fanden Weg zur Band. Das war Gary Thain am Bass und Lee Kerslake am Schlagzeug, ein völlig neues Rhythmus-Fundament also, das ziemlich viel änderte. Plötzlich stand da ein absolut zuverlässiges Powerhouse hinter dem Rest der Band und es dürfte jedem zu diesem Zeitpukt klar geworden sein, dass sie hier ihre klassische Besetzung beieinander hatten. Sie tourten mit ihrem neuen Album durch die ganze USA und hatte dabei einige merkwürdige Erlebnisse.

Anfang der 70er Jahre wimmelte es in Amerika vor seltsamen Leuten, teils übrig geblieben von der gescheiterten Counter Culture, also den Hippies, Sekten hatten Hochkonjunktur und Mick Box erzählte einst dem Classic Rock Magazine, dass es in Detroit war, wo es eine ganz bestimmte Sekte gab, die sich The Jaggers nannte. Der Anführer dieser Jaggers lief mit weiß geschminktem Gesicht herum und mit einem schwarzen Mantel und gab sich mysteriös, was damals ja eh zum guten Ton gehörte, aber das besondere an diesem Typen war, dass er von Mick Jagger besessen war. Damals konnte man von allem besessen sein, von Persönlichkeiten, von seinem Hund, von Blumen. Mick Box bekam also in seinem Hotel in Detroit Besuch von diesem Jagger, der plötzlich ins einem Zimmer stand und ihn aufforderte, die Tür zu verschließen. Mach die Tür zu, die Leute dürfen nicht wissen, dass ich am Leben bin, die meisten Leute denken, ich sei tot. Eigentlich eine traumatisierende Geschichte, die damals aber gang und gäbe war. In jeder Stadt gab es eben diese mystischen Sekten, Rock N Roll Sekten, Leute mit kirschrot geschminkten Lippen, die versuchten, Geistreisen zu veranstalten und auf die Band zukamen und ihnen erklärten: Wir haben eure Botschaften verstanden.

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Aleister Crowley, eine Klospülung und ein Pilz-Trip | #25

Willkommen zu einer – nennen wir es – Spezialausgabe hier auf Work of Sirens, obwohl sich doch alles in dem Rahmen bewegt, den ihr hier kennt. Heute mit einem Ausflug ins Obskure, besser gesagt in den Heavy Psych der 70er Jahre. Ich weiß, dass es unter euch da draußen so etwas wie Goldgräber gibt, die stets auf der Suche sind nach einem verschütteten Nugget, und die sich mit ihrem Pickel und einem Eimer auf machen, um diese raren Exemplare zu finden. Damals, zu Zeiten der Goldrauschs gab es allerdings keine Wegweiser. Euer allseits beliebter Musiksender Work of Sirens kann in mancherlei Hinsicht ein solcher sein.

Speziell ist an der heutigen Folge ist also, dass ich drei Alben für euch habe, die sich im Bereich des Obskuren bewegen, sozusagen als Gegenpol zu unseren Klassikern. Drei Bands – drei besondere Alben. Nennen wir das ganze doch der Einfachheit halber: Raritätenkiste, Ausgabe 1. Hier kann alles mögliche anfallen, unabhängig von einem Genre. Auffälligkeitn oder Gemeinsamkeiten – und die heutigen Bands haben neben ihrer Obskurität natürlich denoch etwas gemeinsam, es hadelt sich jeweils um sogenannte Powertrios.

Die will ich jetzt auch mal nennen. Wir haben da

Dr Z mit Three Parts To My Soul von 1971.
Das erste Album von Poobah namens Let me in von 1972.
Und dann noch das selbstbetitelte Album von Noel Redding, dem Bassisten der Jimi Hendrix-Experience aus der Posthendrix-Zeit mit dem Namen Road, ebenfalls von 1972.

Und ihr seht, zwei Alben hätten genauso gut in unsere Rubrik Heute vor 50 gepasst, passen aber dann doch besser in unsere Raritätenkiste – zusammen eben mit Dr Z, der im Grunde nirgendwo anders hineingepasst hätte.

Wir fangen also mit diesem ominösen Dr Z und ihrem einzigen Album “Three Parts To My Soul” an.

Die Band wurde von dem nordwalisischen Universitätsprofessor Keith Keyes geleitet, der sowohl die Keyboards (Cembalo, Klavier, Orgel) als auch den Gesang bedient. Sein Interesse an Rock begann, als er Student in Oxtord war, und er dachte sich da wohl, dass er das auch mal versuchen sollte und auch wenn man die klassischen Einflüsse durchaus heraushören kann – Keys hat eben einen Doktortitel in Musik -, ist das alles doch höchst individualistisch und keineswegs wie man es erwartet. Weder hat man vorher noch nachher sowas je gehört. Am Schlagzeug haben wir Bob Watkins. Bob Watkins, der erhielt seinen ersten Schlagzeugunterricht im Alter von elf Jahren und spielte in der Folgezeit alle Musikstile von symphonischer Orchestermusik bis hin zum Pop – wir reden natürlich vom Pop der Endsechziger. Beeinflusst war er aber von den Schlagzeuger des Jazz-Fusionbereichs. Zwischen 1967 und 1970 besuchte er die Universität in Oxford, wo er seinen Abschluss in Geographie mit Auszeichnung machte. Dort lernte er während seiner Teilnahme an musikdramatischen Produktionen die anderen Musiker kennen, die 1969 Dr. Z. gründeten.

Das letzte Mitglied von Dr. Z. ist Bob Watson, ehemaliger Leichenwärter und Klempnergehilfe. Ihr seht, das geht schon leicht Richtung Rock N Roll, aber er hat auch einen Abschluss in Chemie und ist außerdem ein voll ausgebildeter wissenschaftlicher Bibliothekar.

Ein wirklich außergewöhnliches Trio haben wir hier also vor uns – und es ist ja beinahe klar, dass daraus auch alles andere als gewöhnliche Musik resultiert.

Ursprünglich war Dr Z eine vierköpfige Gruppe, die im Juli 1970 die Single “Lady Ladybird” veröffentlichte, ein charmanter Song im typischen Muster der damaligen Zeit gehalten und völlig ohne okkulte Anspielungen. Auf den meisten Wiederveröffentlichungen wird er zusammen mit “People in the Street” als Bonus angeboten. Beide Tracks erreichen allerdings nicht das Niveau des eigentlichen Albums.

(Song: Lady Ladybird)

Wie bei BLACK WIDOWs Sacrifice handelt es sich um ein weiteres Album mit Texten, die mit dem Okkulten in einem Prog-Rock-Umfeld kokettieren. Hier hatte Keyes die Idee, dass die Seele im Jenseits in drei Teile geteilt wird, mit einem lateinischen Begriff für jeden Teil: Spiritus, Manes und Umbra. Spiritus ist die Seele, die in den Himmel kommt, Manes ist die Seele, die zur Hölle verdammt ist, und Umbra ist die Seele, die auf der Erde bleibt und ewig spukt. Es gibt einige Leute, die dieses Album nicht besonders gut finden, aber das liegt wieder einmal an den Hörgewohnheiten damals wie heute, wobei gesagt werden muss, dass sie heute wahrscheinlich besser sind. Damals war das Obskure nicht unbedingt etwas, das die Leute vom Hocker riss. Heute, wo wir öfter mal nach eben dem seltenen Zeug suchen, sieht das anders aus.

Es ist gar nicht so leicht, ein Album zu besprechen, das in kein musikalisches Konzept passt und heute ohnehin nahezu komplett vergessen ist, außer bei den Jägern nach absoluten Raritäten und völlig ungewöhnlicher Musik. Und weil ich vor Kurzem eine kleine Sendung über den Okkult Rock gemacht habe, bleiben wir doch noch etwas bei diesem Thema. Das Album habe ich dort zwar nicht genannt, denn auch wenn das Konzept hier ein okkultes sein mag, hat es für die Entwicklung und Geschichte des okkulten Rocks nicht die geringste Bedeutung.

“Three Parts of my Soul” war seinerzeit – also 1971 – bereits eines der seltsamsten Veröffentlichungen auf dem berühmten Vertigo-Swirl-Label, das 1969 gegründet wurde und zunächst auf Prog Rock spezialisiert war, bevor es bereits 1973 eine kommerziellere Ausrichtung unter dem neuen Spaceship-Label verpasst bekam. Angeblich wurden gerade mal 80 Exemplare davon verkauft. Die Vinylsammler unter euch, die ständig auf der Suche nach authentischen und wertvollen Platten sind, kennen die hypnotische Spirale auf dem Plattenteller natürlich. Aber auch wenn man nicht den Geldbeutel für diese sehr teure Angelegenheiten hat – das Original ist derzeit für etwa 4300 Euro zu haben -, ist nicht alles verloren, weil das Album mehrfach neu aufgelegt wurde und auch als CD erhältlich ist, wobei man doch etwas suchen muss.

Die Beschreibung auf dem Albumcover lautet wie folgt – “Die Grundlage der Platte ist das Konzept der Dreiteilung der Seele – der Spiritus, der die dem Menschen innewohnende gute Seite repräsentiert, die Seite der Schönheit, Sanftheit und Güte; der Manes oder der Teil der Seele, der die Unterwelt bewohnt, mehr wohlwollend als bösartig, aber sich mit den Verdammten vermischend; und schließlich der Umbra, der Schatten der Seele, der sich weigert, die Erde zu verlassen, und bleibt, um die Welt heimzusuchen.” …und so weiter…klingt nach einer “verdammt” guten Hammer-Horror-Geschichte!!!

Schauen wir uns die Sache mal etwas genauer an.

“Evil Woman’s Manly Child” soll eine Umkehrung der Zehn Gebote sein. Hier gibt es zwei Stimmen, eine geflüsterte Stimme und eine gesungene Stimme, ein Song mit einem tollen Rhythmus im Santana-Stil, gruseligem Gesang (würde sich gut auf einem modernen Heavy Metal-Album machen).

(Song: Evil Woman’s Manly Child)

Darauf folgt ein Herzschlag-Intro zu “Spiritus, Manes et Umbra”, fast 12 Minuten, viel verhallte Atmosphäre hier, sehr gruselig, dann geht der Song in ein ziemlich einfaches, aber gutes Schlagzeugsolo über, das durch das Zusammenspiel mit kleinen Toms und dann dem vollen Kit eingeleitet wird, sehr angenehm für Liebhaber von Schlagzeugsolos, aber nicht bahnbrechend, obwohl es einige aufregende Beats im Stil von Cozy Powell hat!

(Song: Spiritus, Manes et Umbra)

Der nächste Track “Summer for the Rose” ist essentiell für die ‘Story’…. Dieses Lied drückt das Wissen des Menschen (des Sängers) um die schönen Dinge auf der Erde (die Rose), seine Liebe zu seinem Schöpfer und vor allem seine Liebe zu seinen Mitmenschen aus, während er lebt. Aber er ist sich auch immer bewusst, dass er zum Bösen fähig ist und der Erlösung bedarf (Kyrie eleison – Herr, erbarme dich meiner)”. Auf dieses Lied folgen der Klang eines Gongs und ein fast nach Genesis klingendes Flötenintro zu “Burn in Anger”, einem trotz des Titels langsamen, atmosphärischen Lied, das dann im Mittelteil an Fahrt gewinnt. Die Flöte driftet am Ende des Songs ein, sehr kurz.

Crowleys “Hymne an Pan” steht manchen Strophen auf diesem Album Pate, die Zeilen mit rave, rape, rip, rend werden im Eröffnungsstück von Dr. Z verwendet und auch der Song “Burn in Anger” verwendet viele Zeilen aus dem Gedicht. Diese Information wird auf den Credits der Platte nirgendwo angegeben, aber das ist auch nicht wirklich notwendig, weil die Texte nicht einfach von Crowley abgeschrieben wurden, sondern einen ganz eigenen Charakter haben.

Das zweite Werk im Bunde stammt von der Band Poobah und ist aus dem Jahre 1972. Passt also in unser Schema Heute vor 50 Jahren. Lange Zeit war ihre Scheibe “Let me in” bei Sammlern ein hochbegehrtes Exemplar, bis es 2010 von Ripple Music als CD und Doppel-LP neu aufgelegt wurde, was nicht heißt, das das Original mit seinen 6 Songs nicht noch immer begehrt wäre. Auf den Neuveröffentlichung gibt es eine Menge Bonus-Sachen, die man aber eigentlich gar nicht braucht, vor allem weil es sich um doppelt so viel Material handelt wie das eigentliche Werk. Da sind alberne Files dabei, Live-Versionen, Alternative Versionen und alle möglichen unsinnigen Gimmicks.

Die 6 eigentlichen Songs des Trios aus Ohio besteht dafür aber aus erstklassige, amerikanischen Heavy Rock der 70er Jahre. Hier haben wir es mit einem waschechten Powertrio zu tun, bestehend aus Gitarrist/Sänger Jim Gustafson, Bassist/Sänger Phil Jones und Schlagzeuger Glenn Wiseman (Nick Gligor und Steve Schwelling sind auf den Bonustracks ebenfalls als Schlagzeuger zu hören). Aber im Grunde kann man sagen, dass Poobar ein Prototyp des harten Powertrios sind, wie es später dann unter den Bandkonstellationen ja eine Sonderrolle einnehmen sollte, über die es sicher noch zu reden gilt.

Die Atmosphären reichten von bedrohlich bis rau, und Poobah spielte definitiv in der großen Tradition der Rücksichtslosigkeit ihres Jahrzehnts, aber das Ergebnis ist ein Klassiker des Obskuren, empfehlenswert für jeden Fan der schweren 70er. das Album zeigt, dass es da draußen auch abseits von Black Sabbath und den üblichen verdächtigen noch viel großartiges Material zu entdecken gibt, das liegengeblieben ist, weil man sich auf einen gewissen Konsens verständigt hat.

Die angesprochene Albernheit ist sicher ebenfalls ein Faktor, der Poobah von vielen anderen und nüchternen amerikanischen Heavy-Rock-Bands jener Zeit zu unterscheiden. Das Eröffnungsstück “Mr. Destroyer” beginnt mit einem Dialog zwischen einem Erwachsenen und einem angeblich achtjährigen Jungen (der offensichtlich und absichtlich schlecht von einem Erwachsenen nachgeahmt wird) über das Geburtstagsgeschenk des Jungen, eine Waffe. Ein Pistolenschuss hallt wider und die schweren Akkorde von “Mr. Destroyer” setzen ein. Der Song hat ein düsteres Gefühl, schwer und ernst, und der Gesang ist schroff und geschrien. Dieser Song wird oft für Proto-Metal-Playlisten ausgewählt. Geht es um die 70er, ist das auch richtig.

(Song: Mr. Destroyer)

Als Nächstes folgt das langsame und saubere, hippieske “Enjoy What You Have”, eine recht anständige Nummer. Und das war’s dann mit den leichten Songs. “Live to Work” ist eine kurze Hardrock-Nummer, die die erste Seite des Albums abschließt. “Bowleen” zeichnet sich durch ein östliches Schlagzeugmuster und östlich klingende Akkorde aus (der Grundakkord und dann ein Halbton nach oben erinnern mich an östliche Tonleitern). Die Donald-Duck-Stimme, mit der der Song eingeleitet wird, ist ein echter Hingucker. Bizarrerweise endet das Stück mit einer Toilettenspülung!

(Song: Bowleen)

“Rock N Roll” ist der erste klassische bluesbasierte Rocksong. Er ist kurz und knackig und obwohl er nicht mein Lieblingssong ist, kann ich mir nicht helfen, aber ich denke, dass es Spaß gemacht haben muss, Poobah live zu sehen. Das Album schließt mit einem weiteren schweren Gitarrenrocksong, dem Titeltrack, der ein Schlagzeugsolo enthält.

Geprägt von Gustafsons flammenden Leads und gelegentlichen psychedelischen Ausrastern mögen Tracks wie “Bowleen” und der Opener “Mr. Destroyer” völlig aus der Zeit gefallen sein, aber wenn man nach obskurem Zeug sucht, ist das genau das, was man will. Die spielerischen Läufe von Jones’ Bass im abschließenden Titeltrack machen diesen Song zu einem noch größeren Highlight, und jeder Song auf der Platte hat etwas Besonderes an sich, das Poobah anderen abhebt. Und das in einer Zeit, wo weder an Quantität noch an Qualität irgendein Mangel herrschte.

Das dritte Album im Bunde stammt also vom nächsten kurzlebige Power-Trio Road. Ihr einziges Album ist eine psychedele Hardrock-Reise, die bei ihrer Veröffentlichung nicht nur hochgelobt wurde – aber die Band löste sich bald darauf auf, was es zu einem verlorenen Puzzleteil für Hendrix-Fans und zu einem Muss für alle Liebhaber des Proto-Metal macht.

1970 war in Los Angeles, Kalifornien, ein Wandel im Gange, denn die Flower-Power-Generation schien angesichts der jüngsten Ereignisse in der Umgebung der Stadt der Engel im Rückzug begriffen.

Einige Monate zuvor hatte eine Sekte umherziehender Krimineller unter der wahnsinnigen Leitung von Charles Manson eine Serie von neun Morden an vier Orten in der Umgebung von L.A. begangen. Es herrschte ein sehr unbehagliches Gefühl in den Gemeinschaftsräumen der Gegenkultur, das sich schließlich auch in der Musik- und Filmindustrie niederschlagen sollte. Diese sich abzeichnende Infiltration sollte nach und nach einige der besten grenzüberschreitenden Beispiele jedes Mediums hervorbringen, aber zu diesem Zeitpunkt lag das noch in weiter Ferne.

ROAD war das Projekt von Noel Redding, dem Bassisten der Jimi Hendrix Experience.

Im Alter von 9 Jahren spielte er in der Schule zunächst Geige, dann Mandoline und Gitarre.

Er spielte in mehreren anderen lokalen Bands, hauptsächlich als Leadgitarrist. 1966 wurde er von Manager Chas Chandler als Bassist für die Band von Jimi Hendrix ausgewählt, die er 1969 verließ. Er wirkte an drei bahnbrechenden Alben mit Hendrix mit: “Are You Experienced?”, “Axis: Bold as Love” und “Electric Ladyland”.

Redding wechselte von der Gitarre zum Bass, als er sich der Jimi Hendrix Experience anschloss. Er war der erste, der der Experience beitrat, und der erste, der sie wieder verließ. Sein letztes Konzert mit der Gruppe fand im Juni 1969 statt. Sein Spielstil zeichnete sich durch die Verwendung eines Plektrums, einen mittleren, “höhenreichen” Sound und in späteren Jahren durch den Einsatz von Fuzz- und Verzerrungseffekten über übersteuerte Sunn-Verstärker aus. Seine Rolle in der Band war die eines Taktgebers. In der Regel legte er einen Bass-Groove fest, über den Hendrix und Schlagzeuger Mitch Mitchell locker spielten. Noch während er bei der Experience war, spielte und sang er bei Fat Metress, um auch eigenes Material aufnehmen zu können. Aber da gab es wohl streit und kurzerhand gründete er mit zwei anderen Musikern, dem ehemaligen Rare Earth-Gitarristen und -Sänger Rod Richards und dem zukünftigen The Gas/Stray Dog-Schlagzeuger Les Sampson, eine Band.

Sie nannten sich einfach ROAD, nicht zu verwechseln mit einer holländischen Band, die den gleichen Namen trug und zu dieser Zeit aktiv war. Das Trio verbrachte einige Zeit damit, seine Songs zu entwickeln, Live-Auftritte zu spielen und sich in der Musik- und Kulturszene von L.A. herumzutreiben. Ihr Plan war es, wenn möglich noch im selben Jahr ein Album aufzunehmen, aber das wurde aufgeschoben, als Reddings Freund und ehemaliger Bandkollege Jimi Hendrix im September desselben Jahres (1970) starb.

Ein weiteres Jahr verging, bis ROAD im März 1972 die Record Plant Studios in Los Angeles betraten, um ihr selbst betiteltes Debütalbum aufzunehmen.

Von den sieben Titeln waren alle Eigenkompositionen, aber der Song “My Friends” wurde ursprünglich von Reddings früherer Band Fat Mattress aufgenommen (aber nicht veröffentlicht). Damit war die ROAD-Version die erste veröffentlichte Aufnahme des Songs,

(Song: My Friends)

Noch vor Ende 1972 erschien die Platte auf dem Label Natural Resources und war wie erwähnt beim besten Willen kein kommerzieller Erfolg.

Die Zeit war jedoch viel freundlicher zu “Road”. Im Laufe der Jahre haben die Leute den harten Acid-Rock mit Fuzz-Einschlag zu schätzen gelernt. Da alle drei Bandmitglieder zeitweise den Gesang beisteuern und jeder sein Instrument voll einsetzt, ist “Road” ein wahrhaft unterschätztes Ein-Album-Wunder. Das Trio löste sich nicht lange nach der Veröffentlichung auf, Redding und Sampson gründeten die Noel Redding Band, während Richards eine Solokarriere startete.

Um den psychedelen Aspekt noch einmal etwas vorzukehren, spiele ich euch mal den Song “Mushroom Man” an.

(Song: Mushroom Man)

Das war es für heute und von mir. Wenn ihr Interesse an diesen obskuren Sachen habt, dann lasst es mich wissen, ich habe das Kisten und literweise zu Hause rumstehen.

Vergesset nicht, auf workofsirens.de zu kommentieren und gehabt euch wohl. Keep on Rockin’

Unser Intro wurde von transistor.fm erstellt.

First Wave Of Swedish Heavy Metal: Heavy Load | #24

Hallo Freunde draußen an den Radiogeräten zu einer weiteren Ausgabe von Work of Sirens – Heute vor 40 Jahren.

Eigentlich hat die heutige Sendung etwas mehr mit der ehemaligen Rubrik der Kultalben zu tun. Da habe ich mir immer drei obskure Alben, die halbwegs zueinander passen, geschnappt und deren Geschichte erzählt. Der heutige Anlass ist zwar definitiv Death and Glory von heavy Load, aber um die Band besser einordnen zu können, muss man sich auch etwas die schwedische Szene zu dieser zeit anschauen.

Heute ist klar, dass die besten schwedischen Bands im Extreme-Metal tätig sind. Zum Beispiel entwickelte sich Stockholms roher Death und Powermetal einst die Basis einer wachsenden Szene. Die daraus resultierende Innovation beeinflusste die Metal-Musik nicht nur in Schweden, sondern weltweit.

Im Oktober 1982 war davon allerdings noch nichts zu merken, da erschien das zweite Album der legendären schwedischen Band Heavy Load mit dem unmissverständlichen Titel “Death or Glory” – lässt man jetzt mal die EP “Metal Conquest” beiseite. Und das wollen wir uns heute mal näher anschauen.

Das Besondere daran war unter anderem, dass die Band da bereits ihr eigenes Label namens Thunderload Records inne hatte, beziehungsweise die beiden Brüder Styrbjörn und Ragne Wahlquist, die auch die Band im Jahre 1975 gegründet hatten. Ihr seht also – Schweden – 1975. Das muss eine der ersten Heavy Metal Bands da oben gewesen sein, und so ist es auch.

Aber auch Schweden hatte bereits vorher eine Band, die man getrost dem Proto-Metal zuordnen kann, auch wenn man Heavy Load zu recht als wirklich erste schwedische Heavy Metal Band bezeichnen kann. Die Rede ist von Neon Rose, die zwischen 1974 und 1975 immerhin drei Alben herausbrachte, die allerdings international auf keine große Resonanz stießen. Eigentlich unverständlich, wie ihr anhand des Songs “Love Rock” gleich sehen werdet.

(Song Neon Rose)

Das ist also Schweden in den 70er Jahren, noch kaum beleckt von harten Klängen, geschweige denn von Wikinger-Themen. Wenn man sich vorstellt, dass Schweden heute neben den USA und England als wichtigster musikalischer Markt gilt, ist das Tempo der Aufholjagd völlig erstaunlich. Im Gegensatz zu Großbritannien hatte der Punk in Schweden keinen direkten Einfluss aus den Heavy Metal, obwohl die Bands dort natürlich ebenfalls mitbekamen, was sich Ende der 70er auf der Insel langsam herauskristallisierte.

Stattdessen hatten Proto-Metal-Bands wie Deep Purple, Rainbow und Whitesnake einen großen Einfluss auf die schwedischen Musiker, vor allem auf die der melodischen Sorte, und Melodie ist ja tatsächlich ein traditionelles schwedisches Element in fast allen musikalischen Genres. 1978 nahm auch dort der Heavy Metal langsam Formen an, als nämlich die Walquist-Brüder mit dem Bassisten Dan Molén im Schlepptau Heavy Loads Debütalbum “Full Speed at High Level” veröffentlichten und sich dadurch mit dem Rest der damaligen Proto-Metal-Welt vereinte, doch ihre unabhängige Plattenfirma ging in Konkurs, und erst drei Jahre später tauchten sie unter ihrem eigenen Label Thunderload Records mit der EP Metal Conquest wieder auf, begleitet von den neuen Mitgliedern Eddie Malm (Gitarre) und Torbjorn Ragnesjo (Bass).

Das Debüt mag zwar aus heutiger Sicht mit einem rudimentären Songwriting und zweifelhaften Fähigkeiten in Sachen Arrangement aufwarten, man darf aber nicht vergessen, dass dieses Debüt auf dem Höhepunkt der Abba-Manie erschien und es vorher eigentlich keinen Heavy Metal in Schweden gab. Außer Judas Priest kann man weit und breit keine anderen Vorbilder zu dieser Zeit ausmachen. Beachtenswert ist jedoch das Wikinger-Thema in dem Song “Sons of Northern Light”. Da schien also bereits etwas im Busch zu sein, auch wenn bereits vorher Bands wie Led Zeppelin auch schon Wikinger-Themen hatten, war das hier doch etwas ganz anderes.

Und vier Jahre später, also 1982 erschien dann mit “Death or Glory” ein Diamant von einem Album, das Heavy Load auf die europäische Bühne gebracht hat, bzw. ganz Schweden mit ihm.

Roh, episch, rau und melodisch zugleich, hat Death or Glory ein ähnliches Feeling wie die britischen New-Wave-Bands, aber natürlich mit einem schwedischen Twist. Das Album ist nicht nur wegen seines musikalischen Wertes wichtig, sondern weil es die Wiege der schwedischen Metalszene darstellt, ein Album, das die Messlatte für jede nachfolgende Band gesetzt hat. Und ich spreche jetzt bewusst nicht von Bathory oder Candlemass, die eine ganz andere Baustelle sind, sondern von dem, was man dann auch gleich als die “Erste Welle des schwedischen Heavy Metal” bezeichnet hat. Der Begriff tauchte mitte der 80er Jahre in verschiedenen Musikzeitschriften auf – ich konnte aber nicht rausfinden, wo tatsächlich zum ersten Mal, und nennt sich im Original “Första Vågen Av Svensk Heavy Metal”.

Dazu gehörten dann bald Gruppen wie 220 Volt, Axewitch, Torch, Europe, Overdrive , Gotham City und sogar Oz, auch wenn das eigentlich eine finnische Band ist, aber 1983 umsiedelte, weil sie hofften, dort durch die schwedische First Wave mehr Aufmerksamkeit zu bekommen.

Und ähnlich wie bei der NWOBHM handelt es sich eher um eine breite Gruppe von Bands, die keinem bestimmten Sound zugeordnet werden können. Das wird zwar bei der NWOBHM immer so dargetsellt, stimmt aber eigentlich gar nicht. Wobei wir hier sicher noch einmal etwas gezielter einsteigen, um das zu klären.

Klar sind bei Heavy Load die überladenen Tropen wie übertriebene Männlichkeit, Schwerter und Wikinger alle schon voll da, was wenig überraschend zu vielen Vergleichen mit Manowar führt. Aber die Schweden waren eben schon 5 Jahre früher dran. Weiterhin interessant ist die Tatsache, dass ende der 70er in Skandinavien keineswegs ein Bewusstsein über eine heidnische Tradition existierte. Ragne Wahlquist hat einst gesagt, dass ihnen in der Schule der Lehrer versuchte, den Kindern zu erklären, dass Wikinger kleine Männer waren, die den ganzen Tag das Feld mit Lederkappen auf dem Kopf pflügten.

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Unser Intro wurde von transistor.fm erstellt.

Talk | Album-Flops, die wir mögen (Crossroad Crew) | #23

Album-Flops sind nicht weniger bekannt und berühmt wie eventuelle Klassiker, und fast jede Band hat mindestens einen sogenannten Stinker in ihrem Katalog. Das impliziert natürlich, dass es sowas wie ein objektiv messbares Gütesiegel für Musik überhaupt gibt. Tatsächlich ist das natürlich nicht der Fall, und dennoch kann man anhand einiger Paradigmen ganz klar sagen, wann ein Album ein Flop ist. Zum Beispiel wenn Fans und Kritiker (die nicht immer einer Meinung sein müssen) es anhand von vergangenen Leistungen irgendwie .. nicht richtig finden, wenn also eine größere Kennerschaft sich halbwegs einig darüber ist. Es gibt natürlich unzählige andere Kriterien, die wir ins Feld führen könnten.

Uns geht es heute um jene Alben, die in den Augen der Musikliebhaber mindestens als Ausreißer gelten, die wir aber entgegen der herrschenden Meinung mögen.

Heute mit dabei:

Krempe (workofsirens.de)

Felix Katz (metalnet-podcast)

Tom Lubowski (Metal Hammer, Rock It! etc.)

Adrian von Totgehört (Total Moshpod)

Unser Intro wurde von transistor.fm erstellt.

Born To Be Wild: Amerikanischer Heavy Metal | #22

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Willkommen Freunde draußen an den Radiogeräten, zu einer neuen Ausgabe unseres Genre-Guides. Heavy Metal hat viele Gesichter, und wenn wir von ihm in seiner Reinkultur reden, dann meistes nur in Form der New Wave of British Heavy Metal, der NWOBHM. Und noch früher, bereits über die ganzen 70er Jahre hinweg schwebte der Begriff über jene Bands, die wir heute dem Proto-Metal zurechnen und die ebenfalls hauptsächlich aus Großbritannien kamen. Die Briten – so scheint es im nachhinein – waren seit den 60er Jahren und der sogenannten British Invasion ziemlich innovativ und tonangebend, was die Entwicklung des Rock N Roll betraf. Das bedeutet natürlich nicht, dass Amerika dem nichts entgegenzusetzen hatte, dort gab es allerdings eine ganz andere Musikkultur, getränkt von Jazz, Blues, R n B, Soul, Country usw., die sich erst im Laufe der Zeit mit der britischen vermischte. In den 80ern, als die NWOBHM – so schnell wie sie gekommen war – auch wieder verschwand, dominierten dann in der Folge die amerikanischen Bands mit ihrem Power Metal und vor allem dem Thrash. Aber so weit wollen wir heute gar nicht gehen, wir sehen uns die Entwicklung des 70er Jahre Heavy Metal aus der Perspektive der Amerikaner an. Gab es zeitgleich zu Led Zeppelin, Uriah Heep, Deep Purple, Budgie, Black Sabbath eine amerikanische Entwicklung?

Die gab es tatsächlich. Und das führt uns direkt zum Titel der heutigen Sendung: Amerikanischen Heavy Metal. Ich habe euch mal 5 Alben mitgebracht, die verdeutlichen, was ich meine.

Bedenkt man, dass der Begriff Heavy Metal in Amerika entstanden ist, darf man sich fragen, warum wir wie selbstverständlich davon ausgehen, dass dies zunächst eine rein britische Angelegenheit war. Natürlich wurde der Begriff erst hier zu einem ganzen Genre geschmiedet, aber allzu leicht wird vergessen, dass es sich da bereits um die dritte Welle handelte. An dieser Stelle müssen müssen wir natürlich nicht infrage stellen, dass das, was wir als Heavy Metal kennen, durch Black Sabbath zum ersten Mal seine ganze Bandbreite erfuhr, auch wenn ich in anderen Sendungen immer wieder darauf hingewiesen habe, dass der Begriff auch schon in den 60er Jahre genutzt wurde. Woher der Begriff tatsächlich stammt, das werden wir uns sicher noch einmal an anderer Stelle anschauen. Für heute genügt es, wenn wir akzeptieren, dass Heavy Metal mit dem Verschwinden der Bluesanteile in den härteren Rocksongs einher geht. An seine Stelle traten klassische Elemente, beziehungsweise Elemente der klassischen Musik, es kamen Keyboards hinzu und es wurde vermehr mit dem Tritonus – Diabolus in Musica – experimentiert.

Allgemein wird vom amerikanischen Heavy Metal erst in den 80er Jahren gesprochen, als die New Wave Of British Heavy Metal bereits am Abklingen war. Viele amerikanische Bands hatten ihr Handwerkszeug gelernt und einige neue Elemente beigefügt, die von dem Zeitpunkt an als typisch amerikanisch gelten konnten. Aber das war bereits der amerikanische epische Power Metal. In der ersten Welle stand am Anfang das Debüt von Blue Cheer im Fokus. Vingebus Eruptum. Und das war früh in der Zeit. 1968 nämlich, also zwei Jahre bevor Black Sabbath auf den Plan trat.

Allerdings fällt es eher durch seine raue Lautstärke auf und hat viele Anteile des Garage Rock und des psychedelic Rock, es ist viel schwerer Blues zu hören – viel mehr als auf dem Debüt von Black Sabbath – und so ein richtig gutes Album ist es trotz seines spektakulär harten Sounds eigentlich auch nicht. Im selben Jahr veröffentlichen Blue Cheer ein weiteres Album namens Outsideinside, das weniger spektakulär aber musikalisch dann doch etwas besser war, aber genauso wenig dazu geeignet wie Vincebus Eruptum, als eigentlicher Begründer eines neuen Genres zu gelten. Trotzdem ist es ein guter Start, um zu demonstrieren, was zu dieser Zeit bereits in der Luft lag. Und zwar in Amerika. Warum die Briten in diesem Sektor jedoch die Nase vorn hatten, lag nicht zuletzt daran, dass viele europäische Musiker die klassische Musik besser verstanden.

Zu diesem Zeitpunkt hatte man das noch in der Schule gelernt, schließlich kommt die ganze klassische Musik aus Europa und ist hier ebenso in der DNA verankert wie in Amerika der Jazz und der Blues. Das ist auch der Grund, warum der Prog-Rock aus Europa kam, der ja die klassischen Elemente geradezu aufgesaugt hat, denkt man zum Beispiel an Emerson, Lake und Palmer. Wenn man sich also fragt, warum der Heavy Metal und der Prog Rock zu Beginn derart europäisch geprägt waren, dann findet man hier seine stechenden Argumente. Der amerikanische Hard Rock kommt also aus dem Blues und der Boogie-Musik und hielt auch lange an dieser Tradition fest. Natürlich ist der Blues auch in der britischen Blues-Explosion der 60er Jahre enthalten, aber eben als eine neue Spielart, die man mit den eigenen Traditionen durchmischen konnte. Das ist der Grund, warum es Black Sabbath und Deep Purple waren, die bereits den reinen Proto-Metal spielten, der ohne Bluesgerüst auskam. Nicht immer. Aber doch in ziemlich vielen Fällen.

Vorhin habe ich gesagt, dass der Begriff Heavy Metal in Amerika geprägt wurde, und das führt uns natürlich direkt zu Steppenwolf, die eigentlich nichts mit der Entwicklung des Genres zu tun haben. Eher eine psychedelische Rockband, die ihre Hochphase während der 60er Jahre hatte, hatten sie auf dem Song “Born to be Wild” dennoch ein Heavy Metal-Riff, das nicht speziell auf dem Blues basiert. Und natürlich die Zeile “Heavy Metal Thunder”. Allein schon deshalb führt kein Weg daran vorbei, Steppenwolf zu erwähnen, wenn auch nicht gerade mit dem ganzen Album, das ebenfalls 1968 heraus kam. Born to be Wild wurde irrsinnig oft gecovert und hat sich im Laufe der Zeit zu der Hymne eines bestimmten Lebensgefühls entwickelt, das auch Leute für sich vereinnahmten, die nichts mit Heavy Metal zu tun haben wollen.

Das ist vor allem da Gefühl für grenzenlose Freiheit, die auch und vor allem von der Biker-Szene aufgenommen wurde. Die Motorrad-gruppen gab es zwar überall, aber in den unglaublichen Weiten der USA erst wird dieses Gefühl auch tatsächlich real.

Zum ersten Mal tauchte der Begriff Heavy Metal natürlich in William S. Burroughs Roman “The Soft Machine” von 1961 auf. Darin wird die Figur Uranian Willy als Heavy Metal Kid bezeichnet. Und auch wenn der Begriff eigentlich vom Periodensystem abstammt, meint er bei Burroughs eine ultimative Sucht, die im Endstadium tatsächlich etwas mineralisches im Gegensatz zum pflanzlichen habe.

Der Song wurde 1969 in dem Film Easy Rider verwendet, einem Klassiker der Gegenkultur mit Dennis Hopper und Peter Fonda in den Hauptrollen als Biker, die von Los Angeles nach New Orleans fahren.

(Song Steppenwolf)

Lasst uns jetzt mal in die 70er zu springen, Heimat der besten Ära, die die Musik je erlebt hat. Hier finden wir eine Band, die nicht weniger großartig ist als Led Zeppelin, Uriah Heep, Deep Purple, Nazareth und so weiter. Die Rede ist von Leslie Wests MOUNTAIN, die stets den Beinamen Amerikas Led Zeppelin trugen, was man aber auch schon über Cactus gesagt hat. Beide Bands sind natürlich immer noch Blues-Basiert, stellen aber den Härte- oder Schweregrad bereits höher, ganz im Sinne von Led Zeppelin oder noch früher The Cream und The Yardbirds. Leslie West spielt bereits ziemlich fette Powerchords, aber die ganze Band kommt aus dem Blues-Gerüst nicht wirklich heraus. Das kann man bei allen härteren amerikanischen Bands der 70er Jahre beobachten, die zwar Anteile einer Heavy Metal-Ästhetik haben, aber ihre Akkordfolgen auf dem Boogie Woogie aufbauen, wie er in den 50er Jahren entstanden ist. Das gleiche gilt für Ted Nugent und ist sogar in den Anfängen von Kiss noch nicht gänzlich verschwunden, geschweige denn bei ALICE COOPER.

Von Mountains ersten Album Climbing aus dem Jahr 1970 stammt ihr bekanntester Song “Mississippi Queen”,
mit seinem explosiven, hochoktanigen Riff, das völlig überraschend für die Band die Billboard Charts erreichte, obwohl in den Vereinigten Staaten damals diese Art von Musik erst nach Mitternacht gespielt wurde und so kaum eine Chance auf gute Verkaufszahlen bekam.

(Song Mountain)

Über BLUE OYSTER CULT, an denen wir ebenfalls nicht vorbei kamen, habe ich vor kurzem bereits eine eigene Sendung über deren Debüt von 1972 gemacht. Und ohne die Geschichte hier zu wiederholen, will ich doch einen Punkt noch einmal herausgreifen. Und zwar den, dass Columbia Records ihre eigene Version von Black Sabbath haben wollte. Es war also niemandem entgangen, dass hier eine ganz neue Musikrichtung am Entstehen war und dass Amerika diesbezüglich noch ziemlich abgeschlagen agierte. In den 80ern sollte sich das Blatt natürlich erheblich wandeln, aber da befinden wir uns ja noch nicht. BÖC waren eigentlich eine psychdele Rockband, die gar nicht wusste, wie ihnen geschah, als sie das Angebot annahmen, weil sie sonst wahrscheinlich nie zu ihrem Debüt gekommen wären. Was BÖC allerdings von Anfang an hatten, war ein geheimnisvolles Image und diese überragenden und merkwürdigen Texte. Die amerikanischen Black Sabbath waren sie freilich nie, aber sie unterschieden sich doch erheblich von ihren Kollegen, was sie ja auch zu einer der besonderen Bands dieser Ära machte.

Hier ein Auszug aus The Red and the Black von ihrem zweiten Album Tyranny and Mutation
(Song BÖC)

Eine Band, die im Proto-Metal-Sektor stets genannt wird, sind die Texaner Bloodrock, die im April 1970 ihr selbstbetiteltes Debüt präsentierten. Und eigentlich kann man in der Entwicklung des Heavy Metal dann auch nur dieses eine Album heranziehen, denn bereits das zweite, das noch im selben Jahr erschien, war weniger heavy als das erste. Im Sektor des 70er Jahre Hard Rock besitzt die erste Bloodrock-Veröffentlichung einen gewissen Kultstatus, um an irgendeiner Entwicklung teilzunehmen, war es aber auch hier nicht genug, ganz klar sind die psychedelen Elemente hier noch stark vertreten und das amerikanische Bluesgerüst unvermeidlich. Das bedeutet natürlich nicht, dass man diese Scheibe nicht unbedingt besitzen sollte, wenn man auf den Sound der 70er Jahre steht. Hier geht es nicht um die Qualität der Musik an sich, sondern um das Entwicklungspotenzial hin zum Heavy Metal, den zu dieser Zeit eindeutig die Briten dominierten.

(Song Bloodrock)

Erst 1973 sollte es einer Band gelingen, ein Album zu präsentieren, dass man tatsächlich als erstes amerikanisches Heavy Metal-Album bezeichnen kann. Dabei handelt es sich um MONTROSE mit dem gleichnamigen Debüt. Kiss, die da die Bühne noch nicht betreten hatten, brachten diesen harten Sound auf ihren ersten Alben genauso wenig zustande wie Aerosmith. gerade letztgenannte steckten ebenfalls noch lange im Blues fest und orientierten sich eher an den Stones und Led Zeppelin. Also war Montrose völlig außer Konkurrenz. Hier hört man fette und moderne Heavy Metal Riffs, eingebettet in eine großartige Produktion, bedenkt man die Zeit. Ein Album also, dass es schafft, zu Black Sabbath und Deep Purple aufzuschließen. Mit Fug und Recht gilt das erste Montrose-Album als Blaupause für das, was dann bald Van Halen machen würden. Jeder, der das Album kennt, sieht natürlich auch hier die Boogie-Anteile, aber die Stoßrichtung ist bereits eine ganz andere. Abgesehen davon würde Sammy Hagar am Gesang nie wieder etwas Besseres fabrizieren als die beiden Alben – Paper Money von 1974 ist das zweite – zusammen mit dem begnadeten Gitaristen Ronnie Montrose, der sich 2012 für den Freitod entschieden hat, nachdem bei ihrem Krebs diagnostiziert wurde.

Es gibt noch ein anderes und bedeutendes Projekt von Ronnie Montrose, das zu bedeutenden Schätzen des frühen Heavy Metal zählt, nämlich Gamma, aber das ist eine andere Geschichte. Wir hören rein in Space Station #5 vom Debüt.

(Song Montrose)Es sollte allerdings nicht mehr lange dauern, da stießen auch britische Bands noch weiter vor mit Rainbow, Judas Priest, Thin Lizzy, UFO, Motörhead das, was gemeinhin dann die zweite Welle des Heavy Metal genannt wird, weil hier schon die Grundsteine für Speedmetal, Thrash Metal und Power Metal gelegt wurden, die Genres also, die sich dann in einer dritten Welle in den 80ern entfalten konnten.

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Review: Watain – The Agony & Ecstasy of Watain | #21

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Die satanischen Black-Metal-Urgesteine Watain veröffentlichen am 29. April ihr siebtes Album “The Agony and Ecstasy of Watain”, das auch gleichzeitig das erste bei Nuclear Blast ist. Damit öffnen sie eindeutig ein neues Kapitel in ihrem dunklen Schaffen. Und das ist der Zahl 7 höchst angemessen.

Tatsächlich könnte man sogar so weit gehen und das Album als Summe aller Tatsachen im Watain-Kosmos betrachten.

Für viele sind Watain die Verkörperung des Black-Metal-Ethos, da sie sich nicht nur in ihrer Musik, sondern in ihrem ganzen Wesen dem Ziel verschrieben haben, ein Portal in eine andere Welt zu bieten, aber sie sind auch berüchtigt dafür, an vielen Stellen Kontroversen auszulösen.

Es ist zwar richtig, dass Eric Danielsen in fast jedem Interview, das er führt oft die gewöhnlichen Black-Metal-Standartsprüche von sich gibt, und damit könnte der Fall an sich erledigt sein. Aber was, wenn sich dazu die Musik an der grenze zur Genialität bewegt? Und dann sagt Eric manchmal doch Sätze wie diese über das neue Album:

“Der Wortlaut und das Thema des Titels laufen letztlich auf die einfache Idee hinaus, dass wir immer mit emotionalen Extremen arbeiten. Wir haben schon immer mit den zwei Gegensätzen Dunkelheit und Licht gearbeitet. Man hat diese furiose wilde Seite, aber auch diese heilige, transzendente Seite. Das ist es, was Black Metal meiner Meinung nach ausmacht. Es ist das Zusammentreffen von existenziellem Horror, dem Kampf ums Leben und der magischen, spirituellen, gottähnlichen Seite der Menschheit.”

Das ist deshalb ein interessanter Ansatz, weil er vom üblichen Bösewicht-Geschwafel abweicht, das meiner Meinung nach argumentativ ohnehin auf völlig tönernen Beinen steht. Eric ist also alles andere als ein Dummkopf, und vielleicht kommt es auch immer darauf an, welche Kapazitäten der Interviewer hat. Ich habe noch ein weiteres Beispiel dafür:

“Wir haben Watain immer als etwas von der Welt Getrenntes betrachtet. Wir haben die Band gegründet, weil wir einen Platz in der Welt haben wollten, der nicht wie alles andere ist, eine eigene Realität. Wir lassen uns so wenig wie möglich vom Geschehen um uns herum inspirieren. Ich denke, man könnte sagen, Watain ist eine Art Zufluchtsort. Der kann einen wirklich durch die dunkelsten Zeiten bringen, wenn man in seinem Leben keinen anderen Zufluchtsort hat, und mit Watain haben wir das irgendwie zum zentralen Aspekt unseres Lebens gemacht. Diesen Zufluchtsort. Chaos und Aufruhr sind eine Konstante in der menschlichen Geschichte.”

Auf dem neuen Album haben wir 10 Tracks mit epischen, brutalen und gelegentlich melodischen Black Metal-Ausflügen. bekannt ist ja bereits die erste Single “The Howling”, die gerade genug Groove hat, um ein Gefühl von drohendem Unheil zu erzeugen. Und Songs wie “Serimosa” bieten einen anderen und grandioseren Ansatz, bei dem der grimmige Gesang eine äußerst bedrückende Atmosphäre erzeugt. Was wir hier finden ist kein geradliniges Lärmfeuerwerk, wie man es vielleicht von traditionellerem Black Metal erwarten würde, aber Watain ist über jegliche Art von Normalität längst hinaus. Tatsächlich unterstreicht Eric in seinen vorhin genannten Zitaten die Absicht der Musik, einen Schutzwall gegen die echten Wölfe vor unseren Türen zu bieten.

Und Eric erklärt sogar den Begriff:

‘Serimosa’ erzählt von der elektrisierenden Vorstellung der Ankunft einer großen Macht. Das Auftreten von Rissen im Damm, der die Flut des großen Meeres aufhält. Ein Besucher aus dem Jenseits, der die Schwelle zur materiellen Welt überschreitet. Genau wie “Watain” ist “Serimosa” der Begriff einer Macht unbekannten Ursprungs, die in die Welt kommt und keine Geschichte hat, und der man sich mit Ehrfurcht nähern sollte. Das Wort hat seine sprachliche Wurzel im lateinischen Wort Seri (“Serum”), zusammen mit Dolorosa (“Schmerz”), Nebulosa (“Sternennebel”) und Lacrimosa (“tränenreich”), so als ob diese Wörter und ihre Bedeutungen in einem gesprochen würden.

Das ist natürlich alles starker Tobak und führt weit über die Musik hinaus in ein spirituelles und philosophisches Register, dem man sich widmen kann, aber nicht muss. Tatsächlich ist es so, dass durch jeden einzelnen Ton auf diesem Album auch so klar wird, dass hier eine ganz besondere Macht am Walten ist. Solche Klänge fabriziert man nicht durch Zufall oder einfach nur, weil man gute Musiker um sich hat.

Und das ist ein Punkt, der sich von allen bisherigen Veröffentlichungen der Band unterscheidet. Watain haben das Album zum ersten Mal live eingespielt. Eigentlich bestehen Watain ja nur aus drei Leuten: Eric Danielson an Gesang und Bass, Hakan Jonsson an den Drums und Pelle Forsberg an der Gitarre. Diesmal aber machte Hakan die Aufnahmen nicht mit, stattdessen war das gesamte Live-Ensemble im Studio, mit Emil Svensson am Schlagzeug und zusätzlich Hampus Eriksson an der Gitarre und Alvaro Lillo am Bass, also seit 2014 ein eingespieltes Team. es wurde also keines der Instrumente separat aufgenommen. Dadurch entsteht natürlich ein absolut intensives Gefühl, tatsächlich sollte Heavy Metal ganz genau so gespielt werden. Ich habe zu Beginn lange darüber nachgedacht, warum das Album so eine unglaubliche Wucht hat. Hier ist die Antwort. Und natürlich auch, dass die drei Kernmitglieder, die am Songwriting beteiligt sind, auch wenn Eric den Löwen bzw Wolfsanteil ausführt, schon als Teenager im schwedischen Uppsala zusammenkamen. Man darf ja nicht vergessen, dass es heute fast keine Band mehr gibt, sondern nur noch Projekte, denen jede echte Band von vornherein haushoch überlegen ist. Wir sprechen hier von 1998, also einer Zeit, da die zweie Black-Metal-Welle langsam am versiegen war.

Die größten Bands waren Dimmu Borgir und Cradle of Filth. Man könnte sogar so weit gehen und behaupten, dass Watain eine Gegenreaktion auf diese Bands war, die damit das wieder zurück bringen wollte, was einstmals als echter Black Metal galt: das ernsthafte satanische und extreme Thema. Solche Aussagen erfordern natürlich immer auch die Frage nach dem, wer denn tatsächlich eine definitive Formel für den Black Metal kennt. Auch das ist ja mehr als alles andere eine Glaubensfrage. Für Cronos zum Beispiel waren die ganzen norwegischen Kids gar kein Black Metal, wie er ihn verstand. Ihm fehlte das Augenzwinkern und der Witz und er hätte es lieber gesehen, wenn Euronymus diesen Begriff nicht verwendet hätte sondern stattdessen sowas wie Norse Metal. Das steht natürlich im völligen Kontrast zu dem, was Eric ausdrücken will. Watain sind so sehr versucht, durch ein Gefühl von Chaos eine größere individuelle Freiheit zu erlangen.

Aber um ehrlich zu sein, höre ich auf dem Album nicht viel Chaos, sondern ein perfektes Zusammenspiel von Gleichgesinnten, die eine Klanglandschaft errichten, die schlichtweg atemberaubend ist.

Black Cunt und Leper’s Grace sind weitere grandiose Stücke, die auf dem ganzen Album ohnehin nicht abreißen. Es ist ja nicht nur das Wechselspiel, die Dynamik, der Kontrast zwischen Raserei und epischen Momenten, die hier sofort ins Ohr gehen, es sind die unzähligen kleinen Details. Manche davon entdeckt man überhaupt erst auf dem Kopfhörer, aber auch diejenigen, die offensichtlich sind, wie eben in Black Cunt das spezielle Lead, das überraschend auftaucht, oder später im vorletzten Song Funeral Winter, als eine ganz bestimmte Gitarrensequenz erst zum Schluss hin fast schon verschwendet wird. Überhaupt strotzen Watain hier voller spielerischer Finesse und Inspiration. Keiner wird ihnen in diesem Jahr in Sachen Black Metal auch nur ansatzweise nahe kommen können. Mit diesem Album haben sie sich endgültig in ihr eigenes Genre verzogen.

Not Son Nor Man Nor God teilt das Album sozusagen in der Mitte mit einem disharmoischen Klavierchord, Donnerrumpeln und einem melodischen, wehmütigen, kurzen Gitarrenlead, bevor dann mit Before the Cataclysm mit sieben Minuten das längste Stück des Albums angestimmt wird und den eigentlichen Höhepunkt des Albums vorbereitet. Diese Anordnung ist gar nicht so leicht zu fassen, aber an dieser Stelle wirkt Before the Cataclysm wirklich wie ein Ouvertüre mit seinen ständigen Wechseln, dem eingefügten klassischen Heavy-Metal-Riff, das immer wieder von der epischen Atmosphäre verschluckt und eingefangen wird und zum Schluss sogar eine typisch nordische Skala auf der Gitarre auspackt. Inhaltlich beschäftigt sich Eric hier intensiver mit dem Tod als gewöhnlich. Das bezieht natürlich auch auf seinen Freund Selim Lemouchi, der sich 2013 das Leben genommen hat, aber auch auf andere Todesfälle, die in letzter Zeit im privaten Umfeld zu bewältigen waren.

Das Stück ist fast schon progressiv und rutscht nahtlos in die Einleitung zu We Remain, auf dem dann Farida Lemouchi ihre gnadenlos geniale Stimme auspackt, bevor Eric das Thema übernimmt. Überhaupt ist auch Eric hier wie auf dem ganzen Album in einer außergewöhnlich guten stimmlichen Verfassung und passt sein Krächzen oder Kreischen der jeweiligen emotionalen Struktur der Songs besser an als jeder andere seiner Zunft. Lyrisch dreht sich der Song um die fünf elementaren Flügel des Pentagramms und die Geheimnisse, die in diesem alten Symbol stecken. Es ist ein Song über vergessene Dinge, an die man sich erinnern sollte, über die Suche nach Wahrheiten, die verloren gegangen sind, über die ewig brennende Flamme, die die Dunkelheit vergangener Zeiten erhellt, über das Vergehen von Äonen und unseren streitbaren Platz darin.

Ich bin mit dieser Besprechung ziemlich früh unterwegs, so dass ich mir nicht vorher ansehen konnte, was andere über dieses Album denken, kann mir aber durchaus denken, dass manche diese unvergleichliche Spielfreude ebenso verdammen wie jene, die ein bisschen was von Musik verstehen, davor auf die Knie gehen werden. Und natürlich alles dazwischen. Ich weiß nicht, ob wir nicht allesamt zu satt sind, um überhaupt noch zu bemerken, wenn etwas außergewöhnliches um uns herum passiert.

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Unser Intro wurde von transistor.fm erstellt.