Genre-Guide: AOR | #20

Hallo und willkommen zu einer weiteren Ausgabe in unserem Genre-Guide. Ich wurde in den letzten Wochen oft gebeten, etwas über dieses Thema zu sagen und das Ergebnis hört ihr also heute. Wir räumen mit ein paar Mythe auf, die sich um die drei Buchstaben AOR drehen und um die Verwirrung die damit einher geht, weil viele Musikliebhaber davon ausgehen, das bedeute Aduld Oriented Rock, also eigentlich “Erwachsenenrock”, was im Grunde eine völlig abwegige Bezeichnung ist, die es aber tatsächlich gibt. Aber dieses AOR hat erst einmal nichts mit dem wirklichen AOR zu tun, dem Album Oriented Rock nämlich. Über diesen wollen wir heute sprechen und dann natürlich auch, wie es dazu kam, dass ein tatsächlich nachvollziehbarer Begriff plötzlich in ein Scheingenre verwandelt wurde.

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Albumorientierter Rock war ein Phänomen, das in den 70er Jahren zum ersten Mal auftauchte, aber erst in den 80ern zu einem weltweiten Trend wurde.

Ursprünglich wurde der Begriff verwendet, um die Werke von ganz unterschiedlichen Bands wie Pink Floyd, YES, King Crimson und den Beatles schon in den späten 60er Jahren zu beschreiben, weil die Alben dieser Bands als Gesamtkunstwerk betrachtet werden sollten und auch am Stück gehört werden sollten. Zu dieser Zeit ging es immer weniger um einzelne Songs wie noch in den 50ern und der ersten Hälfte der 60er. Die Künstler emanzipierten sich von dieser rein kommerziellen Sichtweise, wobei die Beatles natürlich wieder einmal Vorreiter waren. Das Prinzip war einfach: Jeder Song des Albums war mit dem folgenden verbunden, entweder thematisch oder musikalisch. Um die Platte optimal erleben zu können, muss man sie also von Anfang bis Ende hören.

Es ist interessant, dass wir in einer Zeit leben, in der wir scheinbar wieder in die Steinzeit des Musikhörens zurückfallen, woran natürlich einerseits die Streamingdienste schuld sind, aber die reagieren ja auch nur auf die kaum vorhandenen geistigen Kapazitäten ihrer Hörer. Aber wir reden hier zwar hauptsächlich vom Mainstream, der sich ja immer nur auf einzelne Songs gestürzt hat, diese Unart ist aber längst schon weiter fortgeschritten als man das vielleicht denken könnte. Die Playlist ersetzt sozusagen erstmal das Radioprogramm, auf das man keinen Einfluss hat, und dann auch noch das Album als Kunstwerk selbst. Das hat natürlich damit zu tun, dass Musik schon lange keine gesellschaftliche Relevanz mehr besitzt und im Grunde nur noch die äußere Leere an die innere Leere anpasst wird – und während innen auch weiterhin nichts los ist, zumindest von außen irgendeine Geräuschkulisse zugeschaltet wird.

Wahrscheinlich spreche ich jetzt zum falschen Publikum, aber bevor jetzt alle empört abschalten. Das ist der Deal. Das ist das, was heute, hier und jetzt um uns herum geschieht. Demgegenüber stehen natürlich Tausende von Musikliebhabern, die Tonträger kaufen, sich mit dem Artwork, der Musik und den Lyrics beschäftigen und auch noch das Merch einer Band kaufen, um sie zu unterstützen. Und glaubt mir, selbst Bands, die man vielleicht als Groß wahrnimmt und von denen man denkt, dass sie es gar nicht mehr nötig hätten, ist auf jeden Pfennig aus diesen Verkäufen angewiesen oder dass ihr zu den Konzerten geht.

Zurück zum Album Oriented Rock.

Viele glauben, das Beste Beispiel für AOR sei das Album “Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band” von den Beatles, weil es kaum einen Sinn macht, sich davon nur ein oder zwei Song anzuhören.

Das Gleiche gilt für “The Dark Side of the Moon”. Natürlich haben die Songs individuelle Stärken und Merkmale, aber letztlich sollte das Album als eine Einheit betrachtet werden. Progressive Rockbands folgten in den 70er Jahren im Allgemeinen dem Konzept des AOR. Ihr sehr also hier die Nähe zu dem, was man gerne Konzeptalbum nennt, aber das ist nochmal eine ganz andere Geschichte.

Die genannten Band wurden in der Regel bei bestimmten Radiosendern gespielt und mit Radio hat AOR eben viel zu tun, und hier ganz speziell die Album Oriented Radiostations – erneut ein AOR mit einer anderen Bedeutung, hier fehlt das Rock am Ende.

Auf jeden Fall spielten diese Stationen alle möglichen Songs eines Albums unabhängig von ihrer Länge, während herkömmliche Radioprogramme eine 3 Minuten Marke einhalten

Bevor Bands wie die Beatles das Albumformat mit Alben wie “Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band” als eigene Kunstform etablierten, waren es die frühen UKW-Radios und ihre DJs, die den Begriff zur Beschreibung ihres Programmkonzepts verwendeten – es ging darum, sich auf Albumtitel oder ganze Alben zu konzentrieren, anstatt nur eine Hit-Single zwei bis drei Minuten lang zu spielen. Und es war natürlich dazu gedacht, den Verkauf von Alben zu fördern, quasi als ein Gegenpol zum Top 40-Format, das auf den Verkauf von Singles spezialisiert war. Vielleicht kennt ihr heute nur noch den Begriff der Billboard Charts, aber seit Anfang der 50er Jahre hatte der Radiosender KOWH in Omaha, Nebraska dieses beliebte 40er Format in Amerika etabliert, das dann in den 80ern wieder an Bedeutung verlor. Die Album-Charts – wir sprechen hier ja über Alben – gab Billboard bereits seit 1961 heraus und es dürfte klar sein, dass durch die AOR-Radios, von denen es in Nordamerika einige gab, die Albenverkäufe noch einmal extrem anstiegen, weil es eben für die gespielten Songs keine Singles gab.

Das ist im Grunde also die Wiege des Begriffs AOR, aber Ende der 70er Jahre änderte sich etwas Entscheidendes. Bis dahin ging es nämlich gar nicht darum, wie sich die Musik anhört, die eine Band spielte, AOR war eher eine Haltung vieler Radiostationen.

Das änderte sich Ende der 70er Jahre, da wurde der Begriff AOR plötzlich mit populären amerikanischen Rockbands wie den Eagles und Boston in Verbindung gebracht. Klar waren das Bands, die auch weiterhin dem Albumformat zugetan waren, aber langsam kristallisierte sich hier tatsächlich eine neue Musikrichtung heraus, die melodiöser und harmloser war als der restliche Rock N Roll Zirkus zu dieser Zeit. Mehr Pop-Orientiert und im wahrsten Sinne des Wortes Radiotauglich – und damit ist jetzt das Mainstream-Radio gemeint. Die Hörer konnten diese Musik leicht im Hintergrund laufen lassen und verstanden, was sie da hörten – im Gegensatz zum gerade abklingenden Progressive Rock. Und weil diese Musik extrem zugänglich war, wurde die Musik von Bands wie Boston oder Kansas dann auch oft im herkömmlichen Radio gespielt, was deren Karrieren einen ordentlichen Schub verlieh.

Und hier sind wir jetzt bei diesem merkwürdigen Aduld Oriented Rock angekommen, sozusagen der dritten Stufe im AOR-Verlauf.

Diese Bands und ihre Musik werden heute als Adult Oriented Rock bezeichnet, was sich vom Album Oriented Rock natürlich unterscheidet. Album Oriented Rock war also schließlich eine radiozentrierte Idee, eine Programmrichtung sozusagen; der Adult Oriented Rock bezieht sich auf Bands wie Boston und Asia, deren Sound, wie gesagt, freundlicher, vielschichtiger und synthesizergesteuert – kurz: gefällig ins Ohr ging.

Es ist wie so oft die Musikindustrie, die dem Kind einen Namen gibt, aber er kam eben nicht aus dem Nichts, sondern baute auf ein bereits bestehendes Kürzel auf, was die Sache natürlich leichter machte. Plötzlich fasste man alle immens populären, harmlosen, melodischen Rockbands zusammen, weil sie eben oft im Radio gespielt wurden. Es war gerade so, als schrieben sie ihre Songs geradezu fürs Radio. In den 80er Jahren wurden Bands wie Journey, Toto, Bon Jovi, Foreigner, Survivor und viele andere zum Synonym für AOR; alles, was letztlich Mainstream-Appeal hatte, aber doch noch Rock war.

Einige Alben, die wir erwähnen müssen, sind “Escape” von Journey, “Asia” von Asia, “4” von Toto, “Leftoverture” von Kansas, “Agent Provocateur” von Foreigner, “Vital Signs” von Survivor, “Hi Infidelity” von REO Speedwagon und viele andere ähnliche Blockbuster. Dieses Phänomen war übrigens in allen Genres und Musikrichtungen zu beobachten, nicht nur im Rock. In den späten 80er Jahren setzte sich dieser Trend mit Hair-Metal-Bands wie Europe, Cinderella, Poison, Slaughter, Bad English, Giant, Winger, Firehouse, White Lion und anderen fort. Es war die Zeit des Popcornkinos fürs Ohr.

AOR war also nie eine stilistische Gruppierung; die Aufnahme in die Playlist wurde immer durch Entscheidungen der Radiomacher bestimmt. Die Künstler, die in den AOR-Listen vertreten waren, repräsentierten ein breites Spektrum an Musikrichtungen. Dennoch haben Branchenbeobachter einige allgemeine Merkmale festgestellt, die man zunächst Hard Pop nannte. “Hart, weil der Sound die Konturen von Hard Rock und Heavy Metal ebgeleitet war, Pop, weil die formale Struktur sich an Popmelodien orientiert, das heißt, hier geht es nicht um ein ausuferndes und riffbasiertes Wechselspiel wie im traditionellen Heavy Metal. Ein heutiges Beispiel wäre da Ghost, die ganz ähnlich vorgehen. Die Unterhaltung steht hier ganz klar im Vordergrund, das bedeutet, das Entertainment ist in der Basis wichtiger als die Musik selbst.

Dass sich der Begriff des Aduld Oriented Rock in den 80ern durchgesetzt hat, das lag vor allem an den Konkurrenzformaten, die immer mehr Einzug in den Mainstream hielten, wie etwa Disco, Country Pop, Rock ‘n’ Roll Oldies, und College Radio – das dann später Alternative genannt wurde – beeinträchtigte seine Vorreiterrolle erheblich. Die Attraktivität des AOR wurde auch durch den Niedergang von großen Stadionrockbands der 70er – Doobie Brothers, Led Zeppelin usw. beeinträchtig.

Warum sich der Begriff Aduld Oriented Rock so hartnäckig hält – vor allem in Deutschland – obwohl die hier zu findende Musik in Wirklichkeit Soft Rock oder Melodic Rock meint, ist eben genau mit dieser ganzen Begriffsverwirrung zu erklären, denn auch Aduld Contemporary war mal ein Begriff für die aus dem Album Oriented Rock entstandene Mainstreammusik.

Es waren wieder die Radiostationen in Amerika, die Anfang der 80er einen neuen Begriff generierten: Classic Rock. Dieser Begriff sollte den Album Oriented Rock, den es im Radio jetzt nicht mehr gab ersetzen und gegen den immer mehr so genannten Aduld Oriented Rock abgegrenzt werden. Betrachtet man Classic Rock näher – der auch kein eigentliches Genre bezeichnet, dann meint das die Ära von 1965 bis etwa 1995. Alles was vorher oder danach war, zählt nicht mehr zum Classic Rock, weshalb auch keine Band von heute Classic Rock spielen kann, ob sie sich so anhören oder nicht.

(mehr im Podcast)

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Missing Link: Anvil – Metal On Metal | #19

Die unbesungenen Paten des Thrash und Speed Metal stammen aus Toronto in Kanada, einem Ort, der nicht gerade für seine Metal-Szene bekannt ist.
“Metal On Metal” liegt genau zwischen dem klassischen Heavy Metal und dem, was sich dann als Thrash Metal herauskristallisieren sollte und hat sogar Berührungspunkte mit Power Metal.
Heute geht es hier um die Band ANVIL und um ihr zweites Album von 1982.

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Die 20 härtesten Songs der 60er | #18

Willkommen zu Work of Sirens, dem Podcast mit den Schwerpunkten Hard Rock, Heavy Metal und Classic Rock. Wo immer ihr seid, ich hoffe, ihr habt eine gute Zeit mit Musik. Heute dreht sich hier alles um die 20 vermeintlich härtesten Songs der 60er Jahre. Ich hatte eine solche Sendung schon einmal gemacht, jedoch nicht im Podcast, und das Thema war mir doch einigermaßen wichtig, so dass ich schon lange mit dem Gedanken spielte, alles noch einmal zu überarbeiten. Und jetzt ist es soweit.

Allgemein ist man der Auffassung, die härtere Gangart der Rockmusik fing bei Black Sabbath an und habe sich dann Anfang der 80er Jahre in den lauten, ungestümen und schnellen Heavy Metal verwandelt. Tatsächlich aber kamen auch Black Sabbath nicht aus dem Nichts. Auch sie waren Kinder ihrer Zeit und beeinflusst von dem, was vor ihrem bahnbrechenden Debüt vor sich ging. In den 60er Jahren wurde die Rockmusik immer ungestümer und lotete ihre Grenzen bereits immer weiter aus. Was aber sind die härtesten Songs, bevor Black Sabbath kamen? Ich habe eine Liste mit 20 Songs erstellt, die den Heavy Metal vorbereiteten.

Was aber ist der Unterschied zwischen “Rock” und “Metal”? In einer kurzen Sequenz erkläre ich euch die wesentlichen Unterschiede.

Unser Intro wurde von transistor.fm erstellt.

Velvet Haze – Last Day On Earth / Bitter Creek – Plastic Thunder / Andromeda – Keep Out ‘Cause I’m Dying / Pink Floyd – The Nile Song / Arzachel – Leg / Astaroth – Satanispiritus / The 31 Flavors – Distortion Of Darkness / The Beatles – Helter Skelter / Led Zeppelin – Whole Lotta Love / MC5 – Kick Out The Jams / Stone Garden – Oceans Inside Me / Jimi Hendrix – Purple Haze / High Tide – Death Warmed Up / Cromagnon – Caledonia / Young Flowers – You Upset Me, Baby / The Stooges – I Wanna Be Your Dog / Crushed Butler – It’s My Life  / The Sound Of Imker – Train Of Doomsday / Jacula – Triumphatus Sad / Blue Cheer – Summertime Blues

Talk | Große Bands, die uns nicht interessieren (Crossroad Crew) | #17


Willkommen zur zweiten Ausgabe der CROSSROAD CREW in diesem Podcast! Heute sprechen wir über Bands, deren Erfolg wir nicht ganz nachvollziehen können, bzw., die uns persönlich eher kalt lassen. Natürlich gibt es davon sehr viele, deshalb grenzen wir das Gebiet etwas ein. Und selbst die Teilnehmer werden nicht verschont und müssen ertragen, dass der andere einer Band, die er mag, nichts abgewinnen kann.

Am Ende stellen wir euch noch kurz vor, was bei uns gerade auf dem Plattenteller liegt (oder im CD-Fach).

Befruchten wir die Göttin: Nightseeker – 3069: A Space-Rock-Sex-Odyssey | #16

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Heavy Metal. Lasst uns mal, bevor wir zum Thema kommen, über Heavy Metal reden. Einigen wir uns mal darauf, dass Heavy Metal in gewisser weise zeitlos ist. Das Genre steht abseits von Trends und Geschmacksschwankungen, ist entweder transzendent cool oder hoffnungslos lahm. Es ist eines dieser seltsamen Genres, in dem Bands alter und sich weiter entwickeln und in die Jahre kommen, ohne aber traurig und gebrechlich zu wirken, geschützt von einer Rüstung aus Denim and Leather, also Jeans und Leder. Es gab früher mal das Gerücht, dass picklige Teenager immer Led Zeppelin T-Shirts tragen. Dasselbe gilt aber auch für Iron-Maiden–Shirts, Black-Sabbath-Shirts, und über dem Bauchnabel abgeschnittene Motörhead-Shirts. Auf was ich hinaus möchte ist natürlich ein Klischee. Nachdem ist auch der Metalhead nicht in der Zeit gefangen. Er (oder sie, aber meistens er) trägt seine Garderobe bis ins Erwachsenenalter, wenn nicht sogar bis ins Grab. Und mit diesem Phänomen, das zunächst so ausschaut, als hätte es gar nichts mit dem zu tun, was wir heute in unserem Heavy Metal-Umfeld vorfinden, nähern wir uns unserem eigenen Thema eigentlich ganz gut an.

Was ich euch heute anbieten möchte verdient in gewisser Weise die Bezeichnung Kult. Es handelt sich dabei um das 2018 erschienene Album “3069 – A Space Rock Sex Odyssey” von der Band Nightseeker, erschienen auf dem kanadischen Independent-Label Royal Mountain Records, und ihr erkennt daran schon, dass es sich dann auch um eine kanadische Band handeln könnte, was tatsächlich der Fall ist. Um den angesprochenen Kultfaktor zu erklären, muss ich ein bisschen ausholen oder zumindest erst mal sagen, dass der Kult hauptsächlich Kanada und Nordamerika betrifft und auf einen Film von 2002 zurückgeht, mit dem Titel FUBAR, was ein Slang-Ausdruck ist für “Verarscht Jenseits aller Vorstellungskraft”. Mitschöpfer dieses mit billigsten Mitteln gedrehten Films war ein gewisser Paul Spence, der auch der Mann hinter Nightseeker ist – und darin geht es um zwei Typen namens Terry (gespielt von David Lawrende) und Dean (gespielt von Paul Spence), die ihre Zeit damit verbringen, verzweifelt zu versuchen, sich der Realität der Verantwortung als Erwachsene zu entziehen. Während ihre Freunde zur Ruhe kamen, zogen Terry und Dean durch die Straßen, johlten, heulten und soffen eine Dosen Old Style Pilsner nach der anderen im Stil des Dosenstechens. Das ist mittlerweile bei uns so vergessen wie vieles aus der guten alten Zeit, aber man nimmt dazu eine Dose, sticht unten ein Loch rein, legt den Mund über das Loch und reißt die Dose auf. Die Fließgeschwindigkeit erhöht sich dadurch immens – und im englischen Sprachraum wird dieses Ritual “shotgunning” genannt. Wenn ich das hier so ausführlich schildere, dann nur, weil es für die Haltung von Dean und Terry bezeichnend ist und ich später noch mal kurz darauf zurückkomme, wenn wir uns die Songs des Albums anschauen.

Fubar wurde von Lawrence und Spence während der Dreharbeiten komplett improvisiert und war ein krawallig komisches Porträt alternder Headbanger, das aber auf der ernsthafteren Seite auch etwas von der Belastung männlicher Freundschaften und der Zerbrechlichkeit der Männlichkeit einfing, vor allem weil Dean eines Tages Hodenkrebs bekommt. Das hört sich jetzt natürlich erst mal weniger lustig an, aber tatsächlich ist das ein entscheidenden Kriterium, um dem Film eine völlig durchgeknallte Richtung zu geben.

Vielleicht seht ihr schon, welchem Punkt wir uns nähern, nämlich Filmen wie Wayne’s World, Kings of Rock und natürlich und selbstverständlich This is Spinal Tap von 1984. Und wie letztgenannter Film handelt es sich bei FUBAR ebenfalls um eine Fake-Dokumentation oder besser, um eine Mockumentary.

Es gab dann 2010 sogar eine Fortsetzung, die einen bescheuerten deutschen Titel bekommen hat, nämlich “Beerfriends – zwei Prolos für ein Halleluja”. Deutsche Filmtitel sind ja immer wieder ein Thema für sich, aber völlig aus dem Zusammenhang gerissen und ohne Teil 1 war es eigentlich kein Wunder, dass den Film niemand kennt. Oder besser gesagt, niemand weiß, dass hier das Mastermind hinter der Platte, um die es ja eigentlich geht, steckt. Dean ist hier seit 5 Jahren krebsfrei, es gibt eine Menge cooler Songs etwa von Krokus, Black Sabbath mit Dio und Blue Cheer und ansonsten ist alles wie gehabt recht chaotisch.

2017 dann gab es eine TV-Serie mit dem Titel “Fubar Age of Internet” – und hier sind wir jetzt endlich bei der Band Nightseeker angekommen, deren musikalische Entwicklung hier im Mittelpunkt steht.

Terry und Dean bekommen hier mit 20-jähriger Verspätung einen Internetzugang. Das Konzept ist zwar einfach, aber irgendwie dann doch genial: Was wäre, wenn ein Headbanger ins Internet gehen würde? Für uns mag sich das alles irgendwie tatsächlich weltfremd anhören, aber es spricht einen wesentlichen Teil eines ganz bestimmten Klientels an. Diese Jungs kommen sozusagen aus einer Zeitschleife. Das Internet nämlich lässt Terry und Dean auf alles und jeden reagieren. Und Dean gibt dann auch auf Craiglist eine Anzeige für seine Band Nightseeker auf.

Aber während die Hauptprämisse der achtteiligen Serie Fubar: Age of Computer sicherlich amüsant war, hielt Spence sie für zu dünn, um die Serie zu tragen. Also rückte er Deans noch junge Musikkarriere als Bassist mit Falsettstimme in den Mittelpunkt, was ihn dazu veranlasste, eine Reihe echte von Songs für Nightseeker zu schreiben.

Die Songs auf 3069: A Space-Rock Sex Odyssey sind vielleicht nicht ganz so selbstbewusst albern wie die auf dem 1992er Album “Break Like the Wind” von Spinal Tap, aber sie haben doch einige Gemeinsamkeiten. Vor allem werden sie von Musikern mit herausragenden Fähigkeiten vorgetragen. Wie bei Spinal Tap rührt ein Großteil des Humors daher, dass ziemlich alberne Songs mit vollem musikalischen Können und großartigem Studioschliff präsentiert werden. Das Album klingt wirklich großartig und der Grund, warum es so lange gedauert hat, bis überhaupt etwas von Nightseeker zu hören war, lag genau daran, dass man ein gewisses Budget dafür haben wollte um eben nicht wie eine Garagenband zu klingen.

Die Handlung der Serie korrespondiert bereits mit der Story des Albums, auf dem es zusammengefasst um die Notwendigkeit geht, die Zukunft der Menschheit zu sichern, indem man die universelle Göttin mit Rock befruchtet und die Musik klingt wie viele klassische Konzeptalben der 80er Jahre. Viele Bands versuchen das derzeit, aber was vielen im Gegensatz zu Nightseeker fehlt, ist dieser ganz besondere Spirit, den man in sich tragen muss. Am Anfang beginnt alles mit diesem Typen, der ein katastrophales Ereignis in seiner Welt erlebt und plötzlich völlig allein ist, aber am Ende gegen einen Drachentöter kämpfen muss.

Weil er das nicht alleine kann, kommen seine Kumpels hinzu – das ist in diesem Fall die Band. Und dann trifft er diese Frau, die die Königin des Universums ist und am Ende geht alles gut aus. Alle Songs erzählen also ein Kapitel dieser Geschichte. In Fubar wurden Nightseeker als Garagen-Duo gegründet. Die Band macht auch einiges durch. Zum Beispiel sind die anderen drei Jungs in der Band alle Maurer; eines Tages stürzt bei der Arbeit ein Gerüst ein, als es sehr windig war, und sie hatten alle verschiedene Verletzungen und konnten ein Jahr lang nicht spielen, dann schlug auch noch ein Blitz in die Band ein. Aber irgendwann kam eben dieses Album heraus, das diesen ganz bestimmten Geist atmet, aber vielleicht ohne die Hintergründe gar nicht richtig einzuordnen ist.

Ich hatte am Anfang Spinal Tap erwähnt und hier schließt sich der Kreis.

Wie die meisten Musiker ist Spence ein besessener Fan des Klassikers This is Spinal Tap, wo es um eine desaströse Tour einer fiktiven britischen Heavy Metal Band geht, und es ist leicht zu erkennen, dass hier der Ausgangspunkt für Filme wie FUBAR zu finden ist.

(Interessant? Mehr von dieser Geschichte gibt’s im Podcast)

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Leise rieselt der Schnee: Black Sabbath 4 | #15

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Im letzten Jahr erschien das Volume-4-Boxset von Black Sabbath kurz vor dem 50ten Jubiläum und erinnerte so an das Album der Band, das einen großen Wendepunkt einleitete. Viele Fans glauben, dass dieses drogengespeiste Werk die beste Platter der Ozzy-Ära ist. Ich würde dem allerdings widersprechen. Ozzy Osborne ist die Hälfte der Zeit etwas unverständlich und der Mix ist eher miserabel, was daran liegt, dass die Band selbst produzierte.

Tony Iommi hat oft davon berichtet, dass die Produktion des Albums sich auf 65.000 Dollar belief, die Kokainrechnung aber auf 75.000 Dollar. Interessanterweise zaubert ihm das auch heute noch ein Lächeln aufs Gesicht. Schillernd war ja natürlich auch, dass sie dieses Album in Los Angeles in den dortigen Record Plant Studios aufgenommen haben, das einzige Album, das sie in Originalbesetzung dort aufgenommen haben. Die Band hatte sich im Frühjahr 1972 in einer Villa in Bel-Air eingemietet und es ging um nicht weniger als den Nachfolger ihres bahnbrechenden und im Grunde härtesten aber auch einfachsten Albums “Master of Reality” vom Vorjahr.

Die Adresse des Anwesens lautete 773 Stradella Road. Die Familie Du Pont hatte einst dort gelebt, eine der reichsten Familien Amerikas, die 1802 mit Schießpulver anfingen und später den größten Chemiekonzern der Welt betrieben, und später lebte die Sexbombe Jaclyn Smith aus Drei Engel für Charlie einige Jahre später dort. Es ist also ein illustres Plätzchen

Es ist ohnehin erstaunlich, welches Tempo die Bands damals hatten. Black Sabbath schufen innerhalb von 2 Jahren vier bahnbrechende Alben – und mit einem solchen Output waren sie damals nicht alleine. Allein das zeigt den gewaltigen Unterschied zu heute. Damals war der Rock ‘n’ Roll-Zirkus noch wirklich voller Leben und viel mehr Metal als der Metal heute. Wir haben heute eine etwas betuliche Art auf alles zu blicken, aber man hat eigentlich wenig zu erzählen. Das war früher ganz anders. Und ich meine hier nicht die ganzen Drogengeschichten und Exzesse, sondern das Leben an sich, die Grundhaltung dem Leben gegenüber, das noch irgendwie erobert werden wollte. Die letzten Ausläufer habe ich ja gottseidank mitbekommen, und um so älter ich werde, weiß ich, was ich da eigentlich für einen Schatz in mir trage.

Über Black Sabbath zu sprechen ist immer etwas schwierig, weil man davon ausgehen kann, dass jeder die Geschichte der Band hinlänglich kennt. Da wurde ja kein Stein auf dem anderen gelassen und in schöner Regelmäßigkeit Interviews und Hintergründe durch die Musikzeitschriften gepeitscht. Das Interesse ist auch nach ihrem vermeintlichen Schwanengesang 2013 gewaltig, was kein Wunder ist für eine Band, die als Erfinder der wohl gewaltigsten Musikrichtung neben Jazz und Klassik gilt – dem Heavy Metal. Einzelheiten darüber erspare ich mir jetzt, weil ich immer wieder auf diese Begrifflichkeit eingehe und es dazu auch schon einige Sendungen von mir gibt. Natürlich sollte ich gerade die Protometall-Sendung, mit der 2019 auf diesem Kanal alles begann, noch einmal überarbeiten und neu präsentieren, aber das mache ich dann zu gegebener Zeit.

Kommen wir also zum Album. Nach dem Vorgängeralbum erholte sich die Band, indem sie sich eine Auszeit gönnte und sich von den Trends der Zeit inspirieren ließ. Während es in ihrem Umfeld viele Bands gab, die nur Hardrock spielten, wuchsen die Sabbath-Mitglieder mit Künstlern auf, die stilistisch ziemlich weit von der Musik entfernt waren, die sie selber spielten. Es gab in der Welt des Heavy Rock nicht viel anderes, das sie hätte beeinflussen können, und so ist es nicht überraschend, wenn andere Einflüsse in das Songwriting einfließen.

Iommi mag zwar der Erfinder des Heavy Metal sein, aber er wuchs als Fan von Frank Sinatra auf. Denkt man sich die Verstärker weg, hört man die Einflüsse der damaligen zeit sogar ziemlich genau. 1972 gab es einen großen Trend an Funkmusik, also Musik, die auf ein flottes Tempo und glatte, perkussiv-lastige Songs setzte, die das Publikum mitreißen sollten; geradeaus, aber voller Energie.

Während Sabbath auf ihren beiden Vorgängeralben kalt und düster waren, knüpft dieses Album nicht nur an das Debüt an, indem es Bill Ward wieder aufleben lässt, sondern auch, indem es warm und verspielt ist. Selten wird einem der echte Doom um die Ohren gehauen, stattdessen wird man mit raffinierten Mustern zum Grooven verleitet. Das lange Zwischenspiel von Wheels Of Confusion oder die fesselnde zweieinhalbminütige Coda mit dem Titel The Straightener sind der Beweis dafür, wie groovig das Album ist.

Auf Vol. 4 veränderte die Band also ihren Stil. Das war ganz klar die experimentelle Phase der Band, die erkannte, dass sie ihren Härtegrad nach den drei vorangegangenen Alben nicht mehr so ohne weiteres steigern konnten. Das Ergebnis war zwar immer noch ein schweres Alben, aber mit wesentlich vielseitigen progressiven Elementen bestückt. Die Songs sind sehr abwechslungsreich und trotz ihrer Kürze ziemlich komplex, was auf den ersten Blick gar nicht so scheint. Mit dem nächsten Album “Sabbath Bloody Sabbath” und dem definitiven Proto-Prog-Metal-Opus “Sabotage” baute die Band später ihren progressiveren Sound sogar noch weiter aus. Es gab noch andere Veränderungen, zum Beispiel die Klavierballade “Changes” oder das Orchester auf der eindringlichen Kokshymne “Snowblind”, wie sie das Album zunächst nennen wollten. Aber das US Label Warner Bros. sträubte sich dagegen, ein ganzes Album nach Kokain zu benennen, also klebten sie einfach nur die 4 drauf, weil ihnen interessanterweise nichts anfiel einfiel. Dabei wäre “Supernaut” eine gute Alternative oder auch “Wheels of Confusion”. Nach “Master of Reality” also “Wheels of Confusion”. Und konfus war ihr Zustand ja allemal. Hier dürfte tatsächlich der Niedergang der Band begonnen haben, der Bill Ward und Geezer Butler zu Alkoholikern und Junkies machte.

Es gibt Kubanische Rhythmuseinflüsse bei “Supernaut”, einem Stück mit einem so ansteckenden, kraftvollen Groove, von dem John Bonham von Led Zeppelin sagte, dass es sein Lieblingsstück sei. Es gab natürlich auch weiterhin die für Sabbath typischen wilden Gitarren und Ozzys geisterhaften Gesang, der hier ziemlich verwaschen klingt, aber jetzt auch vermehrt rhythmische Kontrapunkte wie sie im Jazz üblich sind. Tony Iommis Idee war es oft, die Heaviness der Band dadurch zu erreichen, dass es eben auch zurückgenommene Phasen gibt, damit die Heaviness überhaupt wirken kann. Vor allem hat er dieses Wechselspiel auch von Bill Ward gefordert und auf diesem Album ist der Schlagzeuger tatsächlich der wesentliche Part, obwohl drei der zehn Stücke gar kein Schlagzeug haben und zwei weitere nichts anderes als Standard sind, aber er treibt diese Songs mit seiner perfekten Mischung aus harten Schlägen und einer gewissen Finesse an. Die beiden Vorgängeralben waren entweder stromlinienförmig (Paranoid) oder eher simpel (Master Of Reality), auf diesem Album jedoch merkt man Bill Ward an, dass die Kompositionen seinen Fähigkeiten besser entgegenkommen. Im Jazz zum Beispiel steht das Einhalten des Taktes nicht im Vordergrund, sondern die Dynamik durch künstlerische Freiheiten auf die Band zu übertragen. In den vier besten Songs des Albums kommt dieses Konzept zum tragen: Snowblind, Cornucopia, Under the Sun und Wheels of Confusion.

Warum diese vier? Was macht sie besonders? … Diese vier Songs machen insgesamt dreiundzwanzig Minuten aus und drei von ihnen kommen erst später auf dem Album. Nichts sagt mehr über die Qualität eines Albums aus, als wenn die besten Songs in der hinteren Hälfte zu finden sind. Die meisten Bands platzieren ihre stärksten Songs natürlich im vorderen Teil des Albums, Sabbath widersetzte sich diesem Trend, indem sie ihre progressivsten Songs weiter hinten gruppieren. Jeder der genannten vier Songs unterscheidet sich noch einmal stark voneinander und verfolgt nicht das gleiche Konzept.

Der Untertitel vom letzten Song – Under the Sun – zum Beispiel trägt den Untertitel “Everyday Comes and Goes”. Das scheint zunächst willkürlich zu sein, hat aber einen Grund. In der Mitte gibt es ein 75 Sekunden langes Zwischenspiel, das schneller und schlagzeuglastiger ist als das Hauptthema, aber nicht nur eine eingeschobene Brücke ist, sondern aus einem Anfang, einer Mitte und einem Ende besteht, also eigentlich ein eigener kleiner Song in einem Song. Solche Momente haben auf dem Vorgängeralbum gefehlt. “Cornucopia” ist ein weiterer Song, der buchstäblich aus fünf verschiedenen Abschnitten besteht, und wieder ist jeder von ihnen drastisch anders. Das Eröffnungsriff ist nicht nur bösartiger als jede Sekunde des Master Of Reality-Albums.

Genau wie beim Debüt zeigt Volume 4 in hervorragender Weise die Bedeutung von Bill Ward für das, was Sabbath so einzigartig machte. Ward ist sehr ausdrucksstarker und flüssiger Schlagzeuger, der es damals verstand, selbst seine Wiederholungen mitreißend zu gestalten. Denn egal, wie schwer und metallisch Iommi und Geezer einen Song gestalten, Ward spielt so, dass es unmöglich ist, nicht mitzugrooven. Zu Songs wie “St. Vitus Dance” und “Supernaut” kann man buchstäblich auf dem Parkett tanzen, beide sind eigentlich nur wegen der Verzerrung der Saiteninstrumente sowas wie “Metal”. Saint Vitus Dance hat sogar etwas von Cabaret oder einer Burleske.

Es mag auf den ersten Blick offensichtlich sein oder auch nicht, aber man merkt schnell, dass Ward bei vielen der schnellsten Songs auf dieser Platte eine größere Rolle spielt als Geezer Butlers Bass. Das soll nicht heißen, dass Butler als Texter oder Halbgott der tiefen Töne nachlässt, aber nicht viel von dem, was hier abläuft, zeichnet sich durch irgendwelche glatten Bassläufe von Geezer aus. Dies ist vielleicht sein zurückhaltendes Album der Ozzy-Ära.

Insgesamt zeigt die Platte, dass mit Black Sabbath mehr los war als nur diese tonnenschweren Riffs abzuliefern.

Vol. 4 wurde im September 1972 veröffentlicht und zeigt auch eines der ikonischsten Albumcover von Sabbath: ein gelb-monochromes Bild von Ozzy, der eines der Fransenhemden trägt, die er jahrelang bevorzugte, und seine Arme zu einem Friedenszeichen ausbreitet. Eine eigentlich interessante Wahl, denn auch wenn Ozzy der Frontmann der Band war, ist es doch unbestreitbar Tony Iommi, der hinter Black Sabbath stand.

Vol. 4 enthält zwar Songs wie “Supernaut”, die von Kennern als Klassiker angesehen werden, aber “man hat nicht wirklich … diesen durchschlagenden Hit. Snowblind kommt dem vielleicht am nächsten, weil er einfach diesen großartigen Groove hat und mit diesem Killer-Riff einsteigt, und natürlich singen sie da über etwas, das ihnen zu der Zeit sehr am Herzen lag. Schnupfen bis der Winter kommt.

Einige Berichte besagen, dass Sabbath ihr nächstes Album, Sabbath Bloody Sabbath aus dem Jahr 1973, ebenfalls in Los Angeles aufnehmen wollte, aber dazu kam es nicht.

Schließlich nahmen sie Sabbath Bloody Sabbath in einem Schloss in England auf. Das ist dann aber eine andere Geschichte.

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