The Watchers: Nyctophilia

Nyktophilie ist ein Zustand, der dazu führt, dass man spät in der Nacht ganz allein und hellwach im Dunkeln sitzen möchte.

Der klassische Heavy Metal steckt im Grunde in einer Art Dauerkrise. Die meisten Bands versuchen sich an einem Sound und an einer Skizze, die weit in die 80er zurückreicht. Sie tun das, weil sie keine Songs schreiben können. Die kalifornische Supergroup The Watchers hingegen versuchen erst gar nicht, sich wie eine Kopie anzuhören, sondern zimmern ihr eigenes Ding zusammen. Das haben sie schon auf ihrem Debüt Black Abyss von 2018 gemacht. Sechs Jahre hat es also gedauert, bis wir den Nachfolger Nyctophilia beim sich drehen zuschauen konnten und tatsächlich bestätigt die Band in vielerlei Hinsicht, dass sie mitunter die Speerspitze eines „neuen“ klassischen Heavy Metal ist. Selbstverständlich gibt es auch bei ihnen Versatzstücke, die sich durch die vielen Jahrzehnte der Musikgeschichte ziehen, aber sie orientieren sich nicht an dem, was war, sondern vielmehr an dem, was sein kann. Und manchmal muss man sich eben etwas bewegen, um einem Genre zumindest das Gefühl zu geben, dass es noch Musiker gibt, die sich damit auseinandersetzen wollen und die dann auch noch genug Kreativität besitzen, Songs schreiben zu können, die sich zu ihrem überragenden musikalischen Können hinzugesellen.

Da haben wir also Musiker von Spiral Arms, White Witch Canyon, Black Gates, Systematic und Vicious Rumours, die ein zukunftsweisendes Paket geschnürt haben, auch wenn einige nach ihrer Single „They Have No God“ vielleicht der Meinung sind, er höre sich etwas nach den 90ern an. Tatsächlich ist das nicht von der Hand zu weisen. Hätte es in den 90er Jahren so etwas wie klassischen Heavy Metal gegeben, hätte er sich zwangsläufig genau so anhören müssen. Und manchmal erinnern ganz kurze Momente an die frühen Soundgarden, aber das geht ganz schnell vorbei, weil das ganze Album eben wesentlich mehr zu bieten hat, als einen kurzen Augenblick festgehaltener Zeit. Manchmal nähern sie sich auch ein wenig dem Thrash an, überschreiten aber nie die Grenze. Sie lassen sich dort nur kurz sehen. Ähnlich verhält es sich mit der Prise Doom, die ebenfalls nie wirklich fassbar wird, aber durchaus vorhanden ist.

Vielleicht fängt das Album mit dem sich langsam aufbauenden Opener „Twilight“ etwas ungünstig an, bevor denn ein wirklich heißes Riff „I Am The Dark“ kennzeichnet. Der Song ist weitaus mächtiger als er zunächst scheint, und tatsächlich hätten die Gitarren vielleicht noch etwas mehr Punch vertragen können. Sänger und Gitarrist Tim Narducci führt sich hier gut ein, aber es ist eigentlich die bereits erwähnte Single, die das Album mit ihren Twin-Lead-Gitarren (Tim zusammen mit Jeremy von Epp) richtig starten lässt. Die Produktion von Max Norman, der die ersten Alben von Ozzy Osbourne, Power of the Night von Savatage und natürlich auch Megadeth unter seiner Fuchtel hatte, kommt hier so richtig zur Geltung und dürfte unterstreichen, wie wichtig der Band ihre zweite Veröffentlichung wirklich ist. Insgesamt bekommen wir neun Songs und es mag sein, dass das Album erst einmal wachsen muss und nicht beim ersten Mal zündet. Ich halte das aber für ein Qualitätsmerkmal, denn es gibt einige glorreiche Momente zu bestaunen. Manche dieser Höhepunkte sind den Solos der beiden Gitarristen zu verdanken, eigentlich so, wie es seit den frühesten Tagen der harten Rockmusik gedacht war.

Ja, die Hörer da draußen sind im großen und ganzen abgestumpft, aber ich wette, dass auch bei uns einige merken, dass Nyctophilia eine ziemlich gute Platte ist. Bassist Chris Lombardo und Schlagzeuger Nick Benigno geben allem dazu den nötigen Halt.


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