Tarots „Glimpse of the Dawn“

Die Australier Tarot gründeten sich 2011, klingen aber wie aus dem Jahr 1974. Ihr zweites Album Glimpse of the Dawn, ist erst ihr zweites Album in einem Zeitraum von 8 Jahren. Das kommt heutzutage nicht gerade selten vor, aber wenn man acht Jahre braucht, um eine 70er-Metal-Reise dieses Kalibers zu formulieren, dann hat sich das Warten definitiv gelohnt.

Es bleibt natürlich nicht aus, Vergleiche zu Göttern von einst zu ziehen. Zum Beispiel kann man sagen, dass Glimpse of the Dawn stark aus der mystischen Quelle von Uriah Heep schöpft. In der Tat weisen Stücke wie „The Winding Road“ und „The Vagabond’s Return“ die druckvollen Gitarrenriffs, treibenden Orgeln und dramatischen Arrangements dieser Pioniere auf, wenn sie am bezauberndsten sind. Es gibt aber auch Anklänge an die pastorale Atmosphäre von Wishbone Ash („Leshy’s Warning“), an die schwer keyboard-brodelnde Ausrichtung von Rainbow aus der Dio-Ära („Dreamer in the Dark“) und an die progressive Theatralik von Genesis aus der Peter Gabriel-Ära (das gesamte Album). Wir wissen, ist es eine Sache, alles im Studio so zu arrangieren, dass sich die Platte wie eine dieser Bands anhört; es kommt ja nicht gerade selten vor (und wird meiner Meinung nach immer intensiver versucht), aber eine ganz andere Sache ist das Ausmaß, in dem Tarot das vermögen.

Das Songwriting, die Darbietungen und die Produktion auf diesem Album sind etwas ganz Besonderes und machen es zu einem absoluten 70er-Jahre-Metal-Wunder für die Ewigkeit. Tarots Verschmelzung von Metal, Hard Rock und Prog, die diese Ära so besonders machte, ist absolut makellos und muss gehört werden, um es zu glauben. Im Laufe eines jeden Songs, oder im Falle des gesamten Albums, kann man alles von proto-epischem Metal bis hin zu wunderbaren Folk-Rock erleben, manchmal sogar innerhalb desselben Songs (wobei die Band diese Songs „Suiten“ nennt, was gar nicht verkehrt ist! Das abschließende „Heavy Weighs the Crown“ bringt diesen abenteuerlichen Geist auf grandiose Weise zum Ausdruck und verwöhnt uns mit einigen rechtschaffenen Twin-Gitarren-Leads, die in die Geschichte eingehen sollten.

In der Tat, die Krone ist schwer zu tragen, aber Tarot trägt sie beispiellos gut. Wenn die „Rock ist tot“-Pessimisten jetzt noch irgendwo auftauchen sollten, dann haben sie schlicht nicht die geringste Ahnung von dem, was da draußen gerade passiert. Die 70er mögen nun schon fünf Jahrzehnte vorbei sein, aber die Magie der Musik und der Ära ist ungebrochen. Setzt eure Kopfhörer auf, und wenn „Sweet Leaf“ eure Ding ist, dreht euch einen fetten Joint. Ihr könntet ihn für diese Reise gut gebrauchen!


Entdecke mehr von Work of Sirens

Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.

4 Gedanken zu „Tarots „Glimpse of the Dawn““

  1. schöne Besprechung. Ich habe die Band 2016 entdeckt und besitze beide Alben. Jetzt seh ich gerade, es gibt ja auch einiges an EP’s. Da muss ich wohl auch mal reinhören.
    Ja was soll man noch dazu sagen, es wurde ja alles bereits gesagt. Ich hoffe nur, dass das diesmal nicht wieder 8 Jahre dauert. Statt Dröhntanne und Kopfhörer, geht auch eine lange Autofahrt, mit viel Landstrasse. So habe ich dieses Album zum ersten Male gehört.

    Antworten
    • Wenn die Welt halbwegs so wäre wie anno dazumal, wäre das hier ein absoluter Klassiker. Leider glaube ich, dass die meisten gar kein Ohr dafür haben werden. Die Kenner aber natürlich schon. Hoffen wir, dass es doch mehr davon gibt als ich glaube.

      Antworten
      • für die „Reflections“ habe ich ja noch im Freundeskreis „Werbung“ gemacht, könnte man sagen. Ich habe dieses Album rauf und runter laufenlassen, diesem und jener gezeigt, am Ende, „Was’n das fürn oller Kram“ oder „Floppy, du wirst alt“.
        Irgendwie finde ich die Antworten im nachhinein super….wobei das „Leckt mich Leute“, ganz deutlich im Hinterkopf bleibt.
        Die Meisten wollen eben Fastfood, für den Kopf, Blödsinn, den man mit 11 Bier noch mitgröhlen kann.
        Um es mit den Worten von Mozart zu beenden, „Leck mich im Arsch“

        Antworten

Schreibe einen Kommentar

Entdecke mehr von Work of Sirens

Jetzt abonnieren, um weiterzulesen und auf das gesamte Archiv zuzugreifen.

Weiterlesen