Die Todeshymne | Bloodrock

Mit dem selbstbetitelten Album Bloodrock erschien Anfang 1970 das Debütalbum einer Band, die unter den härteren High-School-Kids Kultstatus erlangte. Bloodrock veröffentlichten drei weitere erfolgreiche Alben und hatten sogar eine Top-40-Single. Und dann, einfach so, im Sommer 1972 war Bloodrock verschwunden, zurückgekehrt in die Dunkelheit, aus der sie kamen. Für kurze Zeit waren sie ein hochkarätiger Vertreter dessen, was man damals Hard Rock nannte, heute manches vielleicht Proto-Metal. Aber wie immer bei solchen Begrifflichkeiten, versteckt sich viel mehr dahinter, das man damals wahrscheinlich besser begriff als heute.

Die 1960er Jahre waren das Jahrzehnt, in dem sich die Musik drastisch zu verändern begann. Die Öffentlichkeit bekam die Chance, die Geburt der härteren Musik und der Rockmusik im Allgemeinen zu erleben. Angeblich gründeten der Sänger und Schlagzeuger Jim Rutledge, der Gitarrist und Sänger Nick Taylor, der Bassist und Sänger Ed Grundy und der Gitarrist Dean Parks in Fort Worth in Texas 1963 bereits eine Band namens The Naturals. Allerdings gibt es dafür keinen einzigen Beleg. Die ihnen zugeschriebene Single von 1965 stammt zwar von einer Band mit dem Namen The Naturals, die aber war eine Doo-Wop-Kapelle mit ganz anderen Mitgliedern.

Wahr ist hingegen, dass sie zunächst den etwas komischen Namen Crowd + 1 trugen. An der Gitarre war hier Lee Pickens und an den Keyboards Stevie Hill, die Band war also zu fünft. Von 1966 bis 1969 veröffentlichten sie in dieser Besetzung drei Singles. Noch nicht ganz das Proto-Metal-Ding, aber sie waren auf dem Weg. Den letzten Ausschlag gab der Produzent und Manager Terry Knight, der gerade die ersten beiden Grand Funk Railroad-Alben auf den Weg gebracht hatte, und der schlug ihnen den Namen Bloodrock vor und im März 1970 brachten sie ihr erstes Album heraus. Terry Knight hatte jetzt zwei heiße Eisen im Feuer, die seiner Meinung nach die entstandene Lücke der nicht mehr existenten Cream füllen konnten.

Mit Grand Funk und Bloodrock konnte Knight acht Goldalben einheimsen, während er gleichzeitig einen Krieg mit dem Rolling Stone über die häufigen Verleumdungen der beiden Bands führte, denn wie wir wissen, ist der Rolling Stone das dümmste Musikmagazin aller Zeiten. Das war damals so und ist bis heute so geblieben.

Bloodrock

Kommen wir zum Album zurück. Einer der merkwürdigsten Momente auf diesem Album ist das Eröffnungsstück „Gotta Find a Way“ und die darin enthaltene versteckte Botschaft. Wenn man den Song nämlich rückwärts abspielt, gibt es einen Teil, in dem es heißt: „Jeder, der dumm genug ist, diese Platte rückwärts abzuspielen, verdient das, was er gleich hören wird“, worauf dann das Lewis Carroll Nonsens-Gedicht „Jabberwocky“ folgt.

Erste Strophe, nachgedichtet von Christian Enzensberger unter dem Titel „Der Zipferlake“

Verdaustig wars, und glasse Wieben
Rotterten gorkicht im Gemank;
Gar elump war der Pluckerwank,
Und die gabben Schweisel frieben.

„Gotta find my way“

Nach dieser Veröffentlichung und dem einstieg des Albums in die Billboard Charts auf Platz 160 leckte Bloodrock endlich Blut und sobald es ihnen möglich war, gingen sie zurück ins Studio und nahmen noch im selben Jhr ihr zweites Album auf. Im Oktober 1970 erschien „Bloodrock 2“. Schlagzeuger Rick Cobb stieß zur Band und Jim Rutledge konnte sich auf den Gesang konzentrieren. Jetzt waren sie also zu sechst. Und auf diesem Album wurden die Dinge wegen eines einzigen Songs noch einmal düsterer, obwohl sich das Album insgesamt mehr an den Charts orientierte als der Vorgänger. Die neue Single hieß „Death On Arrival“ und über die habe ich bereits im Podcast „Vom Downer Rock zum Heavy Metal“ gesprochen. Die Inspiration für diesen Song kam durch ein beunruhigendes Ereignis im Leben von Lee Pickens. Er erinnert sich folgendermaßen:

„Als ich 17 war, wollte ich Pilot werden. Ich war gerade mit einem Freund an einem kleinen Flughafen aus dem Flugzeug gestiegen und sah zu, wie er wieder abhob. Er stieg etwa 200 Fuß in die Luft, überschlug sich und stürzte ab.“

Zu diesem Zeitpunkt hatte er wahrscheinlich keine Lust mehr, Pilot zu werden, aber das hielt ihn nicht davon ab, einen Song über dieses unglückliche Ereignis zu schreiben. Die Originalversion von „D.O.A.“ war achteinhalb Minuten lang, und die Single-Version wurde im Grunde um die Hälfte gekürzt. Der Text des Liedes erzählt die Geschichte eines Paares, das einen Flugzeugabsturz überlebt, aber beide sterben schließlich auf dem Weg ins Krankenhaus.

Trotz seiner Länge erreichte der Song Platz 36 in den Billboard-Charts. Dies war jedoch nicht die einzige Auszeichnung, die sie erhielten, denn zahlreiche Radiosender weigerten sich, den Song zu spielen, nicht etwa, weil sie sich vor dem Inhalt fürchteten, sondern weil die Leute aufgrund der Sirenen am Straßenrand anhielten, den sie für einen Krankenwagen hielten, wenn der Song im Radio lief, was wiederum zu einigen unschönen Behinderungen führte. Da sieht man mal wieder, was da Radio einst für eine Macht besessen hat. Aber abgesehen von all dieser negativen Publicity war das Album einigermaßen erfolgreich und wurde schließlich in den USA mit Gold ausgezeichnet.

Bloodrock arbeiteten weiter hart und brachten 1971 ebenfalls zwei neue Alben heraus. Ihr drittes Album „Bloodrock 3“ war das letzte, an dem Terry Knight als Produzent beteiligt war. Irgendwie scheint es damals Sitte gewesen zu sein, die Bands zu betrügen, und Terry Knight war da wohl keine Ausnahme.

Nach der Veröffentlichung ihres vierten Albums „Bloodrock U.S.A.“ verließen Jim Rutledge und Lee Pickens die Band, und obwohl Bloodrock noch weitere Alben herausbrachten, war es das im Großen und Ganzen gewesen. Ihre chance hatten sie durchaus gehabt, genutzt haben sie sie – wie viele andere Bands aus dieser Zeit – nicht.


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