Saitenhexer: Frank Marino

Willkommen Freunde draußen an den Radiogeräten zur ersten Ausgabe der „Saitenhexer“. Das soll künftig eine Rubrik werden, in der wir auf diese besondere Spezies eingehen, die die Fähigkeit besitzt, mit ihrem Instrument besondere Dinge anzustellen. Der Gitarrenheld, das ist eine Figur, die in der Vergangenheit – speziell in den 70er Jahren – stark an den Revolverheld des wilden Westens angelehnt war, der wiederum dem griechischen Mythos der unbezwingbaren Heldenfigur ganz allgemein entsprang. Man hat in ihnen oft keine gewöhnlichen Musiker gesehen, sondern Teufelskerle, die eine geheime Magie besitzen, ein Geheimnis, das sie nur durch ihre Musik weitergeben können, überirdische Wesen zuweilen, die sich weit hinauswagen und mit bis dahin ungeahnten Fähigkeiten in die Welt des Alltags zurückkehren, um uns allen einen musikalischen Schatz zu präsentieren. Oder zumindest diejenigen, die die erhabenen Klänge zu schätzen wissen, die ein Meister aus einer brennenden Fender Stratocaster hervorrufen kann. Die Anspielung versteht sich hoffentlich von selbst.

Da ich erst nach der Babyboomer-Generation geboren wurde, war ich zu jung, um die Legenden live zu sehen, aber einer meiner Onkels hatte am 6. September 1970 Jimi Hendrix auf seinem letzten Festival auf Sylt spielen sehen. Ich war da ein Jahr alt, profitierte aber später von seinen reichhaltigen Erzählungen. Es gab in meiner Jugend viele kleine Bausteine, die mich zu dem Musikhörer machten, der ich heute bin. Man wird geboren und alles ist von da an nur noch Erzählung, als würde man ein Bilderbuch von einem versunkenen Kontinent betrachten, vielleicht von einem Kontinent wie Atlantis. Nie ganz wahr, aber auch nie ganz erfunden.

In den 80er Jahren hatte das Spektakel der Rockshow seinen eigentlichen Höhepunkt erreicht, als das von Machismo geprägte Genre des Heavy Metal dominierte. Der Gitarrenheld hatte sich zu einer überlebensgroßen Sache entwickelt.

Die Virtuosen Ritchie Blackmore, Yngwie Malsteem und Michael Schenker hatten in ihren melodischen Kompositionen musikalische Elemente aus dem Barock, der Klassik und der Romantik zusammengeführt und dabei die Grenzen des technischen Könnens immer weiter verschoben. Die Texte berührten Themen von mystischem Ausmaß, aber es war eben nicht der Sänger, wegen dem die jungen Leute in Scharen kamen.

Auf der Bühne war der Gitarrist ein Gott, ein wahrer Herrscher über Tausende von begeisterten Menschen, die ihn anhimmelten. Er war vielleicht so nah an der Idee von Nietzsches Übermensch oder Superman, wie nichts anderes, was die populäre Musik der einfachen Jugend je bot. Denn im Gegensatz zu den talentfreien Stars der heutigen Musiklandschaft war er mehr als ein Hampelmann. Durch seine individuelle Leistung und Aufopferung hatte er sich einen besonderen Platz über und neben dem Rest der Band verdient… seiner Herde. Und er war sehr, sehr gut in dem, was er tat. Plötzlich war es cool, nach Großartigkeit zu streben. Es war cool, ein bisschen Größenwahn zu verkörpern.

Noch heute verwendet man gern den Begriff „neoklassisch“ zur Beschreibung eines Subgenres, das von genannten Virtuosen populär gemacht wurde, aber der Begriff ist wie so oft irreführend. Die Rockgitarre war nie eine traditionelle Verkörperung der klassischen Musik und hat auch nie den Anspruch erhoben, eine solche zu sein. Ihre Vertreter haben lediglich klassische Strukturen in ein populäres Genre integriert, wobei sie den Schwerpunkt auf Geschwindigkeit, Präsentation und technisches Können legten.

In dieser Rubrik werden wir also recht unregelmäßig und unchronologisch die jeweiligen Gitarrenhelden und ihr Werk etwas näher beleuchten, und wenn wir heute mit dem Kanadier Frank Marino beginnen, dann vor allem deshalb, weil sich sein Album „Juggernaut“ in diesen Tagen zum 40ten Mal jährt und damit kompatibel ist mit einer anderen Rubrik, die wir hier lose verfolgen. Heute vor 40 Jahren. Tatsächlich hätte Marinos Debüt „Maxoom“ von 1972 dann auch in „Heute vor 50 Jahren“ aufschlagen können, die beiden Rubriken laufen ja parallel hier durch, aber der erste Auftritt von Mahogany Rush, der Band von Marino, war dann doch nicht so überzeugend, als dass dieses Album zwingend für seinen Jahrgang gewesen wäre.

Es gibt eine Geschichte um Frank Marino, die gar nicht so weit entfernt ist von derjenigen Robert Johnsons. Doch wo Johnson einen Pakt mit dem Teufel abgeschlossen haben will, um seine Fähigkeiten als Gitarrist zu erlangen, war es bei Marino Jimi Hendrix, dessen Fähigkeiten in einer Vision auf den Kanadier übertragen wurden. Bereits in sehr jungen Jahren experimentierte er mit LSD, was später zur Definition seines Lebens werden sollte. Die Droge bescherte ihm eine so unglaublich eindringliche Erfahrung, dass er im Krankenhaus landete. Das war eine grundlegende Erfahrung für alles, was er von da an machen sollte. Es gibt zwei Alben, die sich an Marinos LSD-Rausch anlehnen: einmal das zweite Album Child of Novelty und das dritte „Strange Universe“, das eines der besten Plattencover aller Zeiten zeigt. Das sind also Bilder von Marinos Mahagoni-Rausch, gemalt von Ivan Schwartz, der Marino ganz genau bei seiner Beschreibung zuhörte.

In den 70ern gab es garantiert keinen Mangel an jungen Musikern, die Hendrix als ihr Vorbild betrachteten. Welchem Gitarristen sollte man zu dieser Zeit auch sonst nacheifern? Tatsächlich machten wenige von ihnen als Hendrix-Klon keine gute Figur. Manche von ihnen fanden entweder ihren eigenen Stil oder sie schmissen die Gitarre ins Korn. Frank Marino aber war von all jenen derjenige, der die Hörer tatsächlich davon überzeugte, der neue Hendrix zu sein, ohne es allerdings zu wollen. Die Legende hielt sich – quasi für immer – in der Presse, und es ist ja auch eine Geschichte für die Analen des Rock ’n‘ Roll, da werden solche Geschichten aufsaugen und immer weiter erzählen, ob sie nun wahr sind oder nicht.

Für die beiden Alben Juggernaut und Power of Rock N Roll legte Marino den Bandnamen ab und veröffentlichte sie unter seinem eigenen Namen, was aber nicht auf seinem Mist gewachsen war, sondern von Columbia in die Wege geleitet wurde, ohne Marinos Einverständnis zu haben. Die ganzen Querelen, die Marino mit Columbia hatte, sollen uns hier nicht weiter interessieren, aber sie sind der Grund, warum manche Alben unter Mahogany Rush, Frank Marini & Mahogany Rush und einfach nur unter Frank Marinis erschienen. Eine andere Bedeutung hatte das Ganze also nicht.

Juggernaut ist eines der Marino-Alben, das 1982 erschien, und auch wenn sie die Musik gegenüber Mahogany Rush nicht verändert hat, sind die beiden Alben, die unter Frank Marino erschienen, wirklich großartig, was nicht heißt, dass die anderen nichts taugen.

In den siebziger Jahren hatte er mit seinem Trio eine Reihe erfolgreicher Alben bei Columbia und trat jahrelang in ausverkauften Arenen im ganzen Land auf (manchmal mit aufstrebenden Acts wie Judas Priest und AC/DC als Vorgruppe) sowie an der Seite von Künstlern wie Aerosmith, Santana und Ted Nugent bei Mega-Festivals.

Sein Spiel enthält Elemente von Jazz, Psychedelia, Pop, Prog, Fusion und viel Blues, als Gitarrengott sah er sich allerdings nie, was kein Wunder ist, weil es wohl abgesehen von Yngwie Malmsteen kein Gitarrist gern zugibt.

Tatsächlich schreckt er schon bei der bloßen Äußerung dieses Begriffs zurück. Er sagte einmal, dass man entweder ein Gitarrengott oder ein Musiker ist, und er sähe sich als Musiker.

Was nicht heißen soll, dass viele andere Leute – einige von ihnen sind inzwischen selbst Gitarrengötter – die Dinge anders sehen. Ernstzunehmende Größen wie Marty Friedman, Joe Bonamassa und Steve Vai haben ihn in den höchsten Tönen gelobt, und als Marino Anfang der 2000er Jahre aus seinem selbst auferlegten musikalischen Exil zurückkehrte, war einer der ersten Künstler, die ihn auf Tournee einluden, der ehemalige Scorpions-Schredder Uli Jon Roth.

Und dann ist da noch Zakk Wylde, der mit seinen brennenden, halsbrecherischen pentatonischen Läufen und seiner langen, wallenden Haarmähne Marino in seiner besten Zeit vielleicht am nächsten kommt. In der Tat hat sich der Black Label Society- und ehemalige Ozzy-Musiker viel Mühe gegeben, um Marino zu unterstützen und seine Größe hervorzuheben.

Es ist ziemlich überraschend wie wenig Marinos Name heutzutage vorkommt, wenn es um die besten Gitarristen aller Zeiten geht. Aber das ist nur ein weiteres Kuriosum in einer Karriere, die von Kuriositäten nur so wimmelt. Darunter eben für die Widergeburt von Jimi Hendrix gehalten zu werden, oder nur eine Heavy Metal-Shredder zu sein (was er ja nie war, auch wenn er durchaus wilde Feuerwerke an der Gitarre abbrennen konnte), Musik für Kiffer zu machen (obwohl er seit den 70ern selbst überhaupt keine Drogen mehr nimmt), oder ein bloßer Interpret von Songs zu sein für Songs wie „All along the Watchtower“, Johnny B. Goode“ undsoweiter, obwohl er in seinem ganzen Leben wahrscheinlich nicht mehr als fünf Cover gespielt hat.

All das zusammen ergibt ein unkonventionelles Vermächtnis, um es vorsichtig auszudrücken. Tatsächlich wurde Marino von der Mainstream-Musikwelt stets unterschätzt, was ihn überhaupt nicht stört. Geld ist ihm scheißegal und um seine Geschäfte kümmert er sich überhaupt nicht. Er hat in der Jugendpsychiatrie von Montreal angefangen, Gitarre zu spielen, hatte immer einen Hippie-Background, der das Kommerzielle eblehnt.

Das mag ein Grund sein, warum man Marino außerhalb von Gitarristen-Kreisen unterschätzt.


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