Nie wieder Seancen: Uriah Heep

Willkommen, Freunde draußen an den Radiogeräten, zu einer weiteren Folge von Work of Sirens – Heute vor 50 Jahren, die Klassiker-Besprechung. Heute dreht sich alles um Uriah Heep und ihr Album Demons and Wizards mit dem wunderbaren Cover von Roger Dean, der unter anderem auch die Cover für YES gezeichnet hat. Es war das vierte Album von Uriah Heep, das im Mai 1972 auf Bronze Records erschienen ist.

Uriah Heep ist eine dieser besonderen Bands, die jeder kennt und die auch immer erwähnt wird, wenn es um die Entwicklung im Heavy Metal geht, dem sogenannten Proto-Metal. Da stehen dann solche Größen wie Deep Purple, Led Zeppelin und natürlich Black Sabbath. Aber oft genug werden Uriah Heep dann auch weggelassen, denn irgend etwas machten sie dann doch anders als ihr Kollegen. Ihre ersten drei Alben waren bereits ziemlich gute Vertreter ihrer Art, aber mit Demons and Wizards bekamen sie erstmals die Aufmerksamkeit, die sie verdienten. Es gab ja viele Bands, die damals an Härte und Lautsärke zulegten und bei der Presse reichlich unbeliebt waren, allen voran wahrscheinlich Led Zeppelin und Black Sabbath, aber auch Grand Funk Railroad können ein Lied davon singen, wie es ist, regelmäßig zerissen zu werden, was den Fans aber immer schon reichlich egal war. Daran kann man erkenne, dass Musikjournallie und Musikliebhaber nicht immer aus dem gleichen Lager stammen. Die Musikmagazine der damaligen Zeit waren eine Katastrophe, hatten reihenweise katastrophale Fehleinschätzungen vorzuzeigen. Led Zeppelin waren langweilig, Black sabbath hörten sich angeblich an wie Cream, nur schlimmer. Und zum Debüt von Uriah Heep schrieb eine Kritikerin: Sollte diese Band es schaffen, muss ich mir das Leben nehmen. Ich frage mich, ob die Dame, die das damals geschrieben hat, noch lebt, denn Uriah Heep haben es nicht nur geschafft – was immer mit diesem Schaffen gemeint sein könnte – aber sie waren eine der größten Bands der 70er Jahre.

Trotzdem darf man nicht verschweigen, dass Uriah Heep dennoch eine der unterbewertetsten Bands überhaupt ist, sehr zum Verdruss ihrer Fans. Natürlich hat man heute eine ganz andere Draufsicht auf die Musikgeschichte, aber zu der Zeit, als Uriah Heep eben groß waren – und mit Demon and Wizards wurden sie groß – hieß Größe immer noch die zweite Reihe. Sie erreichten nie den Erfolg von Deep Purple oder von Led Zeppelin. Trotzdem war die Band natürlich in den Billboard Charts vertreten, bei den Fans beliebt, was ihre erfolgreichen Konzerte beweisen, aber es fehlte immer etwas zum ganz großen Deal, und das trotz der herausragenden Besetzung, die heute Kultstatus besitzt, und trotz des Einflusses auf das, was dann später Epic Metal oder zum Power Metal wurde, mit diesem operalen Gesang von David Byron, Mick Box an der Gitarre, der ja auch noch heute das Schiff über Wasser hält und sozusagen der letzte der alten Garde bei Uriah Heep ist. Ken Hensley, leider 2020 verstorben, an der Orgel und den Keyboards, der den klassischen Sound der Band maßgeblich kreierte, Lee Kerslake an den Drums, ebenfalls 2020 verstorben, und Gary Thain am Bass. Kerslake und Hensley hatten zuvor noch gemeinsam in der Band Toe Fat gespielt, die sozusagen einer der Vorläufer von Uriah Heep waren, deren selbstbetiteltes Debüt von 1970 ebenfalls absolut zu empfehlen ist.

Und wer jetzt denkt, Uriah Heep würden keine Musik mehr machen oder das ist so ein Fossil aus den 70ern, der irrt, denn Uriah heep waren nie weg und sie aber all die jahre hindurch herausragende Alben gemacht, und sie klingen nataürlich anders als zu ihrer Hochzeit, aber dieser klassische Hammondorgel-getriebene Heavy Rock, der ist immer noch da, und die Fans lieben das neue Material genauso wie sie das alte lieben. Ähnlich gehts ja Deep Purple, wobei ich persönlich der Meinung bin, dass die neuen Uriah Heep-Scheiben noch einen Ticken besser sind als die neueren Deep Purple-Sachen, aber das ist natürlich eine völlig persönliche Sache. Gerade was die Hammond-Orgel betrifft gab es ja immer schon einen direkten Vergleich zwischen den beiden Bands, Kensley gegen Lord. Und da haben Uriah Heep mit ihren vorausweisenden, epischen Momenten das Rennen für nicht gerade wenige Liebhaber dieser dröhnenden Orgeln für sich entschieden.

Auf Demons and Wizards war die klassische Heep-Besetzung zum ersten Mal komplett, zwei neue Musiker fanden Weg zur Band. Das war Gary Thain am Bass und Lee Kerslake am Schlagzeug, ein völlig neues Rhythmus-Fundament also, das ziemlich viel änderte. Plötzlich stand da ein absolut zuverlässiges Powerhouse hinter dem Rest der Band und es dürfte jedem zu dieem Zeitpukt klar geworden sein, dass sie hier ihre klassische Besetzung beieinander hatten. Sie tourten mit ihrem neuen Album durch die ganze USA und hatte dabei einige merkwürdige Erlebnisse.

Anfang der 70er Jahre wimmelte es in Amerika vor seltsamen Leuten, teils übrig geblieben von der gescheiterten Counter Culture, also den Hippies, Sekten hatten Hochkonjunktur und Mick Box erzählte einst dem Classic Rock Magazine, dass es in Detroit war, wo es eine ganz bestimmte Sekte gab, die sich The Jaggers nannte. Der Anführer dieser Jaggers lief mit weiß geschminktem Gesicht herum und mit einem schwarzen Mantel und gab sich mysteriös, was damals ja eh zum guten Ton gehörte, aber das besondere an diesem Typen war, dass er von Mick Jagger besessen war. Damals konnte man von allem besessen sein, von Persönlichkeiten, von seinem Hund, von Blumen. Mick Box bekam also in seinem Hotel in Detroit Besuch von diesem Jagger, der plötzlich ins einem Zimmer stand und ihn aufforderte, die Tür zu verschließen. Mach die Tür zu, die Leute dürfen nicht wissen, dass ich am Leben bin, die meisten Leute denken, ich sei tot. Eigentlich eine traumatisierende Geschichte, die damals aber gang und gäbe war. In jeder Stadt gab es eben diese mystischen Sekten, Rock N Roll Sekten, Leute mit kirschrot geschminkten Lippen, die versuchten, Geistreisen zu veranstalten und auf die Band zukamen und ihnen erklärten: Wir haben eure Botschaften verstanden.

Als okkulte Band galt damals zwar Black Sabbath, obwohl in Wirklichkeit Led Zeppelin die eigentlich okkulte Band war, allein schon wegen Jimy Page, der Bücher von Aleister Crowley sammelte und dann auch noch Crowleys Anwesen Boleskine in Schottland kaufte, um dort seine Rituale zu veranstalten – aber ende der 60er / anfang der 70er war diese große neue Spiritismus-Welle eng mit dem Rock N Roll Zirkus verknüpft. Schamanismus, Geisterreisen, Magie, das ganze alternative Leben war damals eine völlig normale Geschichte. Es war dieses ausgerufene Age of Aquarius, das Wassermannzeitalter, Esoterik und Okkultismus waren überall an der Tagesordnung und auf einem nie dagewesenen Hoch. Und man hat natürlich im Zuge dessen Rockmusiker dazu auserkoren, Träger von okkulten Botschaften zu sein, weil man die Künstler gar nicht für eigenständige Genies hielt, die einfach geile Songs schreiben können, sondern dachte, sie wären mit einer Botschaft auf die Erde gesandt worden. Eine völlig verrückte Zeit, in der man Dinge in die Lyrics hinein interpretierte, die da gar nicht standen.

Aber klar, das Album beginnt mit dem überragenden The Wizard, das allerdings weniger mit Hexerei zu tun hat, als im Grunde mit einer Friedensbotschaft, die direkt aus den 60ern hätte stammen können. Ein Gimmick des Songs ist sicher der pfeifende Wasserkessel, den sie im Studio hatten, um sich Tee zu kochen. Den nahmen sie einfach mit auf, stimmten ihn auf C und setzten ihn in den Hintergrund der ersten Strophe nach dem gesungenen Intro. Das was ihr da hört ist also kein Keyboard, sondern der Teekessel.

Das war eine der beiden Singles. Bei der anderen handelt es sich natürlich um den Millionenseller Easy Livin‘, ebenfalls ein Song, der gute Vibrationen rüberbringt. Alles in allem aber waren die Texte des Albums allerdings Fantasylastiger als auf den Vorgängern. Und auch wenn es sich hier nicht um ein Konzeptalbum handelt, hat es sich wunderbar ergeben, dass die Songs großartig zu Roger Deans Albumcover passen. Und allein, wenn man alle Alben, für die Roger Dean gemalt hat, sammeln wollte, hätte man ordentlich zu tun, es sind nämlich weit über 100, und hier sehen wir den Magier, der über die Felsen mehrerer kleiner Wasserfälle balanciert, wobei das Hauptaugenmerk bei Dean trotz der Figuren, die da manchmal auftauchen, auf den Fantasy-Landschaften liegt.

Es war auch die Zeit, in der Tolkiens Herr der Ringe ziemlich populär wurde, und man hat ihn nicht so wie heute als Entertainment gesehen, sondern auch hier und in anderen Fantasyromanen versucht, anderweltliche Botschaften herauszukramen. Im Grunde war die Welt damals noch aufregend und interessant und noch nicht das Scheißhaus, das wir heute bewohnen.

Zum Song Circle of Hands gibt es außerdem eine kleine Geschichte zur Entstehung. Die Band war in Italien und wurde dort von ein paar Mädchen eingeladen, an einer Seance teilzunehmen, wie gesagt, das war damals ein völlig normaler Zeitvertreib, dass man zu Seancen ging oder sich auf Friedhöfen getroffen hat. Das war also nicht allein den Grufties überlassen. Die Gesellschaft damals war eine völlig andere, man kann sie auch kaum beschrieben, da war eine große Neugier, die Bands konnten machen was sie wollten und viele von ihnen gingen zusammen ins Studio, um die Dynamik einer Liveatmosphäre einzufangen. Und dabei spielt es gar keine Rolle, dass nachproduziert werden musste. Das war das, was eine Band damals ausmachte und was heute nur noch sehr selten passiert. Man schickt sich die Files hin und her – und so viele Vorteile das auch bringen mag, da fehlt einfach die Chemie, die ältere Aufnahmen immer haben. Weil man damals grundsätzlich als Band ins Studio musste.

Das ist auch einer der Hauptgründe dafür, dass die Magie der 70er Jahre nie wieder erreicht werden wird, obwohl es immer noch gute Musik und überragende Musiker gibt, aber die Magie, die der Musik, die in den 70ern erschaffen wurde, innewohnt, die wird nie wieder zurückkehren. Aus den unterschiedlichsten Gründen natürlich, das ist vollkommen klar. Einer davon ist der Zeitgeist, und den kann man zwar versuchen zu beschrieben, aber im Grunde ist sowas unmöglich. Heute will man ihn ja hauptsächlich vermeiden, zumindest mir geht es so, das war in den 70ern und 80ern anders. Und wenn man sich schließlich fragt, warum auch keine Band, die heute noch aktiv ist, nicht an ihre Werke der 70er anschließen kann, dann ist es diese Magie, die auch diesen Bands natürlich abhanden gekommen ist.

Zurück zu Italien, an der die Band also an einer Seance teilgenommen hat, die dann wohl außer Kontrolle geraten ist. Was anfänglich noch ein Spaß war, muss so sehr schief gegangen sein, dass die Band fluchtarig das Haus verlassen und sich geschworen hat, nie wieder etwas mit Spiritismus und Seancen zu tun haben zu wollen. was das war, das sie so schwer beeindruckt hat, weiß ich leider nicht, aber das war der Grund, warum sie Circle of Hands geschrieben haben. Aus den Lyrics selbst wird man ebenfalls diesbezüglich nicht schlau, aber es ist wieder einmal ein ziemlich starker und kraftvoll poetischer Text.

In Rainbow Demon geht es dann um einen purpurnen Reiter, der von seiner Mission besesen ist, bevor dann in All my Life ein paar Led Zeppelin-Vibes auftauchen, die dann in die typischen Heep-Choräle eingebettet werden. Abgeschlossen wird dieses phänomenale Album mit dem Song Paradise, der nahtlos in The Spell übergeht. Auch hier haben wir das allesbeherrschende Thema der Magie. Jemand, der ein düsteres Herz besitzt ist auf der Suche nach Liebe und Erlösung. In The Spell ist das Thema ein Fluch, der nicht gebrochen werden kann.

Diese phantastischen Themen versuchte die Band auf The Magican’s Birthday noch einmal zu wiederholen, aber sie erreichten die Höhen von Demons and Wizards hier schon nicht mehr, was natürlich auch den beiden starken Singles zu verdanken ist.


Entdecke mehr von Work of Sirens

Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.

2 Gedanken zu „Nie wieder Seancen: Uriah Heep“

  1. Perfekt! Kann ich nur sagen. Tatsächlich habe die Folge noch nicht gehört.
    Ich hatte gestern, tatsächlich mal frei und war mit einer Freundin in Plattenläden und Künstlercafes bummeln (ja so etwas gibt es hier).
    Am Ende bin ich dann im Plattenladen gegenüber von mir gelandet und hab mir tatsächlich dieses Album auf Platte gekauft.
    Aktuell bin ich gerade am Emails für die Arbeit tippen und ähnlichen Stumpfsinn. Zuvor habe ich noch deine Gedanken beim Patreon angehört und ein paar Zeilen dazu abgeworfen und siehe da. Ich habe diesen Bericht hier, total übersehen. Umso mehr freue ich mich nun und lausche.
    Danke für diesen Beitrag.

    Antworten

Schreibe einen Kommentar

Entdecke mehr von Work of Sirens

Jetzt abonnieren, um weiterzulesen und auf das gesamte Archiv zuzugreifen.

Weiterlesen