Vom Downer Rock zum Heavy Metal

Einer der ersten Ableger des frühen Metal war der sogenannte „Downer Rock“, ein Begriff, den der Schlagzeuger von Black Sabbath, Bill Ward, geprägt hat. Die Moll-Akkorde, die apokalyptische Weltanschauung und die unerbittliche Düsternis von Sabbath trafen den Nerv einer Generation, die von der Einberufung zum US-Militär, vom Ende der Ära von „Peace and Love“ und von der sich ausbreitenden politischen und finanziellen Instabilität geplagt war.

Und dann waren da noch die Drogen. Beim Downer Rock ging es um Quaaludes. Und die wurden umgangssprachlich „Downer“ genannt. Die Drogen gehörten dazu. Wein trinken, ein paar Quaaludes nehmen, Black Sabbath hören. Die Downer-Rock-Bewegung war die letzte Drogenbewegung, die auf einer Art spiritueller Suche beruhte. In diesem Fall war es eine dunkle, satanische Suche. Es war ein dunkler Rausch, angeheizt durch die Katastrophe des Altamont-Festivals und Charles Manson.

Sabbath gelten zwar als die unbestrittenen Pioniere des Downer Rock, aber die texanische Band Bloodrock definiert das Genre am besten. Bloodrock waren die absoluten Meister der Negativität, und ihr Initiator ist eine Legende des Texas-Rock.

John Nitzinger ist eine Legende des Texas-Rock. Seine lange und bewegte Geschichte umfasst eine kurze, aber ereignisreiche Solokarriere, die Anfang der 70er Jahre die düsteren Hits „Louisiana Cockfight“ und „LA Texas Boy“ hervorbrachte, sowie Auftritte mit Carl Palmer, Schlagzeuger von Emerson, Lake and Palmer und Alice Cooper. Am bekanntesten ist er jedoch als der Mann, der die Karriere von Bloodrock in Gang brachte, einer der nihilistischsten Proto-Metal-Bands, die es doch tatsächlich fertigbrachte, einen siebenminütigen Song über das Verbluten zu schreiben und damit durchzukommen. DOA ist auf dem Album Bloodrock 2 von 1970 zu bestaunen, ein düsterer, von einer Trauerorgel begleiteter Gruselsong mit einer heulenden Krankenwagensirene und einem hoffnungslosen Text wie: „Die Laken sind rot und feucht, wo ich liege, Gott im Himmel, lehre mich, wie man stirbt“. Wenn ihr auf der Suche nach dem düstersten Moment des 70er-Jahre-Rock seid, braucht ihr nicht weiter zu suchen. Hier ist er.

Sänger Jim Rutledge und seine Band wurden 1969 von Grand Funk Railroad-Manager Terry Knight handverlesen, der sich seine schmuddeligen jungen Leute als die fieseste, lauteste Heavy-Metal-Band vorstellte, eine Art Sex Pistols für die Freak-Generation. Und Nitzinger brachte ihnen bei, wie man überhaupt die Instrumente spielte und schrieb auch gleich ein paar Songs für die Band. Monatelang hat er mit den Jungs in Fort Worth gejammt und alles zusammengebaut.

Was den Song DOA betrifft und seinen unwahrscheinlichen Erfolg ein Jahr später, liegt das wie so oft an einer einfachen, aber genialen Marketingstrategie. Erstens kam er an Halloween heraus – eine Parallele zum Debüt von Black Sabbath an einem Freitag, den 13. lässt sich nicht verleugnen -, und zweitens enthält er Sirenen, so dass er für das Radio verboten wurde. Aber erst nachdem einige Autos, die den Song im Radio hörten, am Straßenrand anhielten. Und dieses Verbot wiederum trieb die Verkäufe in die Höhe.

Was den Ruf mysteriösen Ruf von Bloodrock angeht, so ist es zwar richtig, dass die Band gelegentlich die dunkle Seite hofierte, aber natürlich wurde das alles hauptsächlich von den Fans aufgebauscht. Bloodrock lieferten die Vorlage, weil sie der dunklen Seite wirklich auf den Grund gehen wollten. Die Band gab sich zwar geheimnisvoll, was aber eher zufällig geschah. Junge Leute, die ihr Ding machten. Der Rest erledigte – wie bei Sabbath auch – die Presse.

Der Downer Rock war nicht die einzige Richtung, in die sich der Metal entwickelte. Bis 1971 hatte er sich bereits in Dutzende verschiedener Mikrogenres aufgesplittert und war zu einem weltweiten Phänomen geworden. Plötzlich waren die Plattenläden voll mit wilden neuen Bands. Je verrückter, kontroverser und ausgefallener die Musik war, desto besser.

Zum Beispiel trennte sich der Bassist Lee Dorman von Iron Butterfly und gründete die bahnbrechende Psychedelic-Band Captain Beyond.

Sir Lord Baltimore, die oft als die Paten des Stoner-Rock“ bezeichnet werden und auf die wir in einer anderen Sendung zurückkommen, gründeten sich in New York. In Washington DC überflügelten Pentagram Sabbath an Ernsthaftigkeit und legten den Grundstein für den amerikanischen Doom Metal. In Deutschland mischte Tiger B. Smith knochenbrechenden Hardrock mit psychotischem Glam. Südafrika brachte den Acid-Punk-Metal von Suck hervor. Die japanische Flower Travelin‘ Band mischte nahöstliche Rhythmen mit krachendem Blue Cheer Power Rock.

Viele Bands brachten ein oder zwei Alben heraus und verschwanden dann im Äther: Bands mit düsteren Namen und schrillen Gitarren wie Antrobus, Iron Claw, Josefus, Necromandus, The Firebirds, Warhorse, Armegeddon, Epitath, Jamul, Primevil, oder Savage Grace. All diese Bands sind die vergessenen Pioniere des Heavy Metal. Es ist ein Wunder, dass sie überhaupt gehört wurden, denn sie wurden von keinem Label unterstützt und nur sporadisch vertrieben.

1972 gab es im Plattenladen keine Heavy-Metal-Abteilung. Man musste sich einfach die Platte ansehen und herausfinden, was es war.

Während die meisten Proto-Metal-Bands Mitte der 70er Jahre in der Disco, im Punk, in der Bedeutungslosigkeit untergingen, schafften es einige von ihnen zu überleben. Einige wurden sogar Jahrzehnte später von einem neuen Publikum wiederentdeckt. Drei dieser Bands sind JPT Scare Band, Leaf Hound und Bang.

JPT Scare Band war der Death Metal des Hard Rock der frühen 70er Jahre. Die 1973 in Kansas City, Missouri, gegründete Band ging mit ihrem fast freizügigen Psyche-Metal weiter als jede andere Band vor ihr. Mit ihrem treffenden Namen bauten sie gewaltige Wände aus furchterregendem, beschwörendem, drogenlastigem Gitarrenlärm, spielten aber hauptsächlich für gleichgesinnte Kiffer in ihrem Proberaum, so dass sie zu den obskursten Proto-Metal-Innovatoren gehören. Sie haben fast jeden Abend live gespielt, nur eben unten im Keller, wo nur ein paar ausgeflippte Freaks anwesend waren.

Wie ihre Vorgänger bei Sabbath und Bloodrock scheute sich die Scare Band nicht, die dunkle Seite ihrer Musik zu erkunden. Ihr erstes Album „Sleeping Sickness“ – aufgenommen zwischen 1974 und 1976, aber erst im Jahr 2000 veröffentlicht – klingt wie der Tod des amerikanischen Traums bei 150 Dezibel.

Eine andere Legende in den Annalen des Proto-Metal ist Peter French, da er von 1970-74 bei gleich drei bahnbrechende Bands mit mischte: Cactus, Atomic Rooster und seine eigene Kreation Leaf Hound. Das einzige Album der letztgenannten Band – „Growers Of Mushroom“ aus dem Jahr 1970, gilt heute als unbestrittener Klassiker des Heavy Riff’n’Roll und hat unzählige Bands beeinflusst, darunter fast alle wichtigen Vertreter der Stoner-Rock-Bewegung, von Kyuss bis Monster Magnet.

Aber die blattgrüne Symbolik der Band war eher eine Horrorshow als eine Dope-Show. Der Name Leaf Hound war nicht das, was einige Leute vermutet haben und immer noch vermuten. Die Idee für den Namen stammt aus einer kurzen Horrorgeschichte von Ray Bradbury namens „Der Bote“, in der es um einen Hund geht, der von den Toten zurückkehrt und mit Schlamm und Blättern bedeckt ist, den namensgebenden Blätterhund eben. Außerdem war das Image der Band, ebenso wie das von Bloodrock, größtenteils eine Erfindung revisionistischer Vorstellungen. Das drogenverrückte Image von Leaf Hound, das einige Leute anscheinend angenommen haben, könnte nicht weiter von der Wahrheit entfernt sein. Die Band war diesbezüglich völlig unbelastet, als sie das Album schrieben, spielten und aufnahmen.

Durch eine Reihe von undurchsichtigen Umständen wurden Leaf Hound am Vorabend der Veröffentlichung ihres ersten Albums von ihrem Label entlassen. Sie erfuhren zu ihrer großen Bestürzung, dass ihr Album nun doch nicht veröffentlicht werden würde. Die Band löste sich auf, nachdem sie das erfahren hatten. Ironischerweise erschien die Platte dann doch noch etwa ein Jahr nach der Auflösung, aber natürlich gab es jetzt keine Band mehr, die sie hätte promoten können.“

„Growers Of Mushroom“ wurde 1994 unter großem Beifall der Kritiker wiederveröffentlicht. French gründete Leaf Hound mit einem völlig neuen Line-up neu und veröffentlichte 2009 mit Leaf Hound Unleashed ein neues Album, gefolgt von Live in Japan drei Jahre später.

Und was ist mit der letzten Band unseres tödlichen Trios? Bang? Das dürfte die erste Band gewesen sein, die auf der Bühne Schrotflinten benutzt hat, um ihrem Namen alle Ehre zu machen. Da gab es immer einen schwarten Typen, der die Flinte auch abfeuerte.

Bang wurde zwei Wochen nach dem Woodstock-Festival 1969 gegründet. Ihr eigentliches Ziel war es, Black Sabbath zu spielen und zu verstehen, worum es dabei ging. Laute Musik und Rauch war so ziemlich ihr Ding.

Nachdem sie erfolglos versucht hatten, in ihrer Heimatstadt Fuß zu fassen, und mehr als nur einen Teil der seltsamen Ereignisse überstanden hatten, einschließlich eines Sängers, der verrückt wurde und in einer psychiatrischen Anstalt landete, machte sich der Schlagzeuger Tony Diorio mit Bang und einem Zelt auf den Weg nach Miami, um einen Plattenladen zu finden, der seine Band unter Vertrag nehmen sollte. Auf dem Weg dorthin ging ihnen das Gras aus und so hielten sie in Daytona an, um welches zu besorgen. An der Strandpromenade kamen sie dann tatsächlich an einem solchen Laden vorbei. Im Schaufenster hing sogar ein Schild für ein Battle of the Bands. Sie gehen rein und reden mit dem Typen, weil sie kurzentschlossen mitmachen wollen. Allerdings war der Bandwettbewerb schon vor einer Woche gewesen, aber der Typ will sie noch etwas demütigen und sagt: „Hey, Rod Stewart spielt drüben in Atlanta, warum geht ihr nicht hin und spielt mit ihm?“

Natürlich ärgerten sich die Jungs, aber dann sagten sie sich: „Scheiß drauf, wie fahren nach Atlanta und spielen mit Rod Steward.“

Als sie dort ankommen, suchen sie umgehend nach dem Promoter und machen ihm klar: „Wir sind Bang, aus Philly. Und wir möchten, dass ihr uns spielen hört. Wenn ihr uns mögt, spielen wir in der Show, wenn nicht, gehen wir wieder.“ Die Band baut also auf, spielt ihr Set für den Typen, und er liebt sie. Er sagt: „Ja, okay, ihr könnt die Show eröffnen.“ An diesem Abend waren es Rod Stewart & The Faces, Deep Purple, Southern Comfort und Bang. Sie bekamen ungefähr sechs Zentimeter vor der Bühne, um sich einzurichten.

Nach diesem schicksalhaften Abend begannen Bang, für große Bands wie Steppenwolf und Ike & Tina Turner zu spielen, und wurden schließlich von Capitol Records unter Vertrag genommen. Sie veröffentlichten vier Alben mit hartem, politisch aufgeladenem Rock, trennten sich aber 1974, als Heavy Metal in Ungnade fiel und die Plattenfirma sie fragte, ob sie einen feministischen Hit in Balladenmanier schreiben könnten.


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2 Gedanken zu „Vom Downer Rock zum Heavy Metal“

  1. Hallo Krempe,
    ich hab das früher nie verstanden wenn für die Leute alles nur mit Slayer angefangen hatte und sich keiner für die ganzen Bands die es davor gab interessiert hat oder es jedem egal war warum Slayer so spielten wie sie spielten. Es ging immer nur um schneller, härter, extremer.
    Lange Rede kurzer Sinn. Black Sabbath sind auf ihren ersten Ergüssen sehr heavy, Deep Purpel, Uriah Heep, Lucifers Fiend und Led Zeppelin auch. Dazu kann ich bangen. Das fasht mich.
    Es scheint dann jetzt meine persönliche Grenze erreicht zu sein wo ich noch „zurückhören“ kann.
    Egal. Ich kenne Metalheads die genau dieses Zeug suchen und gerne hören. Freue mich auf den nächsten Artikel. Alles immer sehr interessant.
    Beste Grüße

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    • Klar, wenn man noch in der Pubertät gefangen ist, sind Slayer das Maß der Dinge. Da will man nicht hören, dass die mit Led Zeppelin aufgewachsen sind. Später fragt man sich dann aber: Woher kommt das ganze Zeug? Und dann merkt man, dass es schon immer da war und nur den Möglichkeiten der jeweiligen Zeit unterworfen war.

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