Sons of Satan: VENOM

Heute geht es um Venom und um ihre drei Alben Welcome to Hell, Black Metal und At War with Satan, die zu Beginn der 80er Jahre ihr Höllenlicht auf die Erde warfen. Wenn ich von Venom spreche, dann wirklich nur in ihrer Urbesetzung. Ich bin im Bilde, was Venom mit Cronos heute machen und was Mantas mit seinen Venom Inc. heute macht, interessiere mich aber nicht groß für ihr modernes Schaffen. Das ist keine eigentliche Ablehnung und hat noch nicht mal was mit Qualität zu tun, aber bei beiden Bands ist der Geist verschwunden, der mal in der Band wohnte. Und selbst Venom könnten heute nicht mehr Venom sein, selbst wenn die Urbesetzung wieder zusammen käme, was nie der Fall sein wird. Die Musiker haben sich nichts zu sagen und es ist vielleicht zu vergleichen mit Pink Floyd, wo David Gilmore und Roger Waters sich wahrscheinlich nie wieder versöhnen werden, wobei ich immer davon ausgehe, dass es doch eines Tages möglich sein wird. Bei Venom allerdings ist es gar nicht notwendig, weil die zwei Venoms, die heute existieren, ja durchaus erfolgreich miteinander konkurrieren und viele jüngere Bands froh sind, vielleicht sogar beide einmal Live gesehen zu haben. Die können dann sagen: Ich habe Venom Live gesehen!

Und ich alter Snob sage dann: Nein, ihr habt nur einen Schatten von dem gesehen, was einmal war! Es reichen die Videos aus alten Tagen, um sich davon zu überzeugen. Ich hab die Band am 19. Oktober 1985 in Nürnberg in der Hemmerleinhalle gesehen, die man dort damals auch Behämmerten-Halle nannte, weil dort die kopfschüttelnden Kuttenträger eines ihrer Paradiese fand. Ein Jahr vorher waren sie mit Metallica als Vorband unterwegs, aber in dem Jahr waren Exodus dabei, die hatten gerade ihr verspätetes Debüt fertig.

Die schlechteste Band der Welt, sprich: die beste

Venom Poster

Venom mögen die Stagenames nicht erfunden haben, aber wenn ich von Conrad Lant, Jeff Dunn und Anthony Bray spreche, dann wissen die meisten erst mal nicht, wen ich meine. Sage ich aber Cronos, Mantas und Abaddon, dann sind das die legendären Namen, die wirklich jeder Metal-Fan parat hat und sofort mit Venom verknüpft. Wenn ich heute von Venom spreche, dann spreche ich nicht nur über eine Band sondern speziell über ein Phänomen, das damals keiner für möglich gehalten hätte. Heute kennen wir alles, wir haben musikalisch sämtliche Extreme ausgelotet und waren dabei, kurz gesagt: es haut uns diesbezüglich nichts mehr vom Hocker. Deshalb ist es schwer, sich eine Zeit vorzustellen, in der es Venom noch nicht gab, in der die härtesten Bands Motörhead und Judas Priest hießen. Als Motörhead 1977 auf der Bildfläche erschien, hat man sie als die schlechteste Band der Welt bezeichnet. Es sind also auch hier Parallelen zwischen Venom und Motörhead da. Und als im Dezember 1981 Welcome to Hell erschien, hatten Venom Motörhead als schlechteste Band der Welt abgelöst. Das lag natürlich an der Geräuschkulisse. Venom wollten gar nichts anderes als Lärm erzeugen – wir sprechen da von 1979. Wir sprechen noch nicht mal von der NWOBHM, die es da noch nicht gab, die sich da erst formiert hat. Viele Bands standen in den Startlöchern – und wir reden von Newcastle upon Tyne. Das ist die nördlichste englische Stadt, fast an der schottischen Grenze gelegen. Und da ist so ein spezielles Völkchen unterwegs, die werden Geordies genannt. Geordie ist einerseits der Dialekt, den man in Newcastle spricht, wird aber auch angewandt auf die Einwohner. Und Geordie sagt dem ein oder anderen vielleicht was in Verbindung mit Brian Johnson. Denn bevor der zu AC/DC ging war er Sänger der Band Geordie. Und Brian Johnson ist zum Beispiel einer der Berühmtheiten aus Newcastle. Ein anderer wäre Sting und dann gibts noch den Eric Burdon von den Animals. Nur um einige zu nenne, es gibt viel viel mehr. Und viele der NWOBHM Bands dann später – wie Raven, wie War Fare, wie Tygers of Pan Tang – wahrscheinlich die ruhmreichste Band aus Newcastle – die kamen alle aus dieser Ecke des Landes. Und Tygers of Pan Tang waren auch die erste Band der zukünftigen Bewegung, die 1979 bereits ihre Singel „Don’t touch me there“ veröffentlicht hatten. 1979 gab es auch das berühmte Neat-Records noch nicht, wurde dann aber im selben Jahr gegründet.

Die ursprüngliche Formation: Mantas, Cronos, Jesus Christ (Clive Archer), Abaddon

Manchmal muss eine Band zur richtigen Zeit am richtigen Ort sein, um den richtigen Impact zu haben. Anders kann man sich vieles nicht erklären. Es mag heute einige Bands geben, die sich anhören wie Venom, die dadurch aber heutzutage niemals die Aufmerksamkeit bekommen werden wie es damals – 1979, 1980 der Fall war. Die Zeit war reif. Das ist schon mal wichtig. Dann gibt da ein bestimmtes Völkchen in Newcastle. Da ist alles vielleicht ein bisschen rauer, da spuckt man eher, wenn man spricht – man muss sich nur mal die Interviews mit Cronos aus der Zeit anschauen. Das ist ein fast schon schottischer Dialekt, ein Küstendialekt eben. Alles in allem also ein etwas räudiges Klima. Man spricht ja gern von Birmingham und Liverpool, und in London von den Kunststudenten und dem Londoner Punk. Aber man vergisst dabei, dass es eben weitaus mehr Orte gibt, die besondere Spezifikationen ausprägen und die NWOBHM wäre ohne Newcastle mit Sicherheit wesentlich armseliger gewesen.

Sex Pistols und Kate Bush

Conrad Lant war, wie wir alle, bereits in jungen Jahren ein leidenschaftlicher Musikhörer und träumte davon, eine Band zu gründen. Dazu zählten natürlich die zu der Zeit üblichen Verdächtigen. Die Rolling Stones, Elvis Presley, eben das Zeug, das bei den Eltern vielleicht im Regal stand. Dann wurde das aber schnell ausgetauscht gegen T-Rex, gegen David Bowie, gegen Led Zeppelin; da kam dann schon die eigene Generation ins Spiel. Und dann bist du so ein Typ wie Conrad und hast eine Vision. Ein Großmaul, der sein Erweckungserlebnis fast schon folgerichtig durch den Punk bekam. Namentlich die Sex Pistols. Als die 1977 auftauchten – da wäre es fast schon ein Wunder gewesen, wenn jemand wie Cronos da nicht steil gegangen wäre. Die Sex Pistols haben gezeigt, dass man Rock ’n‘ Roll wieder zur Basis zurückführen kann und muss. Weg mit dem ganzen Artifiziellen und wieder rebellisch sein. Cronos schwärmte also von den Pistols. Aber obwohl Venom natürlich vom Punk beeinflusst waren, was Mantas immer verleugnet hat, weil er sich für Punk ohnehin nie interessiert hat, zeigte sich der Gitarrist als großer Judas Priest Fan und bevorzugt Alice Cooper und Kiss – während Cronos seine Vorliebe für Doc Martens als Beweis für sein Punker-Dasein ins Feld führt. Mantas sagt witzigerweise, dass er Cronos immer nur von Kate Bush hat sprechen hören und nie von Punk oder den Sex Pistols.

Es gibt unzählige Interviews mit allen Musikern. Da sind Fakten enthalten, aber da werden viele Dinge eben auch verzerrt dargestellt. Cronos nennt Mantas zum Beispiel gar nicht mehr beim Namen und nennt ihn nur „den Gitarristen“. In jedem Interview steht aufgrund der ganzen Streitigkeiten dann auch eine etwas andere Version der Dinge. Mantas sitzt gegenwärtig an einem Venom-Buch und wir können sicher sein, dass wir seine Sicht der Dinge bald auch in Druckform vorliegen haben. Tatsächlich ist es so, dass sich die Jungs an viele Dinge überhaupt nicht mehr erinnern.

Erste Gehversuche in der Kirche

Das Interessante an Venom ist, dass hier eine Band, die immer dazu herhalten muss, den Black Metal erfunden zu haben, ihre ersten Gehversuche in einer Kirche machten, und zwar in der Newcastle Westgate Road Church Hall. Davon gibt es auch grottenschlechte Aufnahmen noch mit ihrem Sänger Clive Archer. Venom waren überhaupt mal zu fünft, denn Cronos spielte da noch gar nicht Bass sondern Gitarre, während ein gewisser Alan Winston noch den Bass bediente. Clive Archer, der sich den Künstlernamen Jesus Christ zulegte, war zwar ein merkwürdiger Typ, aber gar kein schlechter Sänger. Das kann man auf dem „Demon“ genannten Demo hören, wo Songs wie „Sons of Satan“, „In League with Satan“. „Angel Dust“ oder „Live like an Angel, die like a Devil“ eindeutig noch die Hard Rock-Einflüsse der 70er Jahre erkennen lassen. Das bestätigt dann auch das, was Mantas in seinen Interviews sagt: Venom waren eine Rock ’n‘ Roll Band im Sinne von Motörhead.

Venoms Proberaum

Es ist also ausschließlich dem zweiten Album zu verdanken, dass sich ein ganzes Genre Black Metal nannte, wobei Euronymus von Mayhem die treibende Kraft dahinter war. Die Jungs von Venom waren damit nicht immer einverstanden, die sogenannten Väter des Black Metal zu sein, auch wenn Cronos es toll fand, was die jungen Leute in Norwegen zu Beginn der 90er musikalisch so trieben. Die legten nämlich in einer Welt, die da schon nicht mehr zu schocken war, noch eine Schippe drauf. Und es ist ganz klar, dass ohne die Kirchenbrände, Selbstmorde und Morde in Norwegen der Black Metal nie derart in den Fokus der Öffentlichkeit gelangt wäre. Wer hätte gedacht, dass durch einem verbalen Unfall von Cronos, der sich dagegen verweht hat, Heavy Metal zu spielen, solang ein Song wie Michael Jacksons „Beat it“ in den Metal-Charts des englischen Magazins Kerrang auf Platz 1 ist, nur weil Eddie Van Halen darauf Gitarre spielt, fast sämtliche Basis-Genres ihren Namen bekamen? Cronos sagte wörtlich:

„Wenn das Heavy Metal ist, dann sind wir etwas anderes, dann sind wir Power Metal, Speed Metal oder Black Metal, aber kein Heavy Metal.“

Aber natürlich ist es für Venom auch eine Ehre, sozusagen am Beginn des ganzen Extreme-Metal zu stehen, und es stimmt zumindest ein bisschen, dass Venom den Black Metal aufs Feld führten. Hätten Motörhead in den 70ern über Satan gesungen statt über Glücksspiele, Frauen und Whisky, dann wären wahrscheinlich sie die Erfinder des Black Metal gewesen, weil ja viele Genres oft nur von den Lyrics abgeleitet werden. Und tatsächlich sind Motörhead ja der eigentliche Beginn des Extreme-Metal, allerdings hatten Venom natürlich auch durch ihr martialisches Auftreten die Nase vorn.

Endlich teuflische Themen

Wenn ich vorhin sagte, dass man zur richtigen Zeit am richtigen Ort sein muss, dann dreht sich tatsächlich vieles um Cronos, der damals eine Ausbildung zum audiovisuellen Ingenieur bei Impulse-Studio machte, das dann später zu Neat gehören sollte. Dort bediente er die Bandmaschine und versuchte von Anfang an, seine damalige Band Dwarf Stars ins Studio zu schleußen, um ein Demo aufzunehmen. Von Anfang an spukten Cronos diese satanischen Themen im Kopf herum. Das kritisierte er etwa bei Black Sabbath, die ihm da zu wenig weit gingen. Solche Band blieben alle schön in diesem Hammer-Horror-Klischee, gingen aber eigentlich nie weiter. Das sieht man auch ganz gut an Alice Cooper mit seiner Horror-Show und an Arthur Brown, der ein bisschen unterhaltsamen Voodoo beimischte, aber alles in allem blieb alles doch recht harmlos. Und Cronos dachte daran, dass jemand dieses Korn aufnehmen könnte und die teuflischen Themen endlich mal wirklich aufs Parkett bringen sollte. Während seiner Zeit bei Impulse traf er auf viele Bands, die kein Interesse daran hatten, was eigenes zu machen, sondern immer nur klingen wollten wie eine andere Band. Lass uns klingen wie Iron Maiden, lass uns klingen wie Saxon. Solche Sachen waren für Cronos völlig unverständlich und er vermisste den Geist des wahren Heavy Metal. Und tatsächlich vermutet man, dass es über 500 Bands der NWOBHM gab, von denen es viele nicht mal auf ein Album brachten, und die meisten davon hören sich tatsächlich ziemlich austauschbar an und kommen auch über den 70er Hard Rock nicht hinaus, der vielleicht ein bisschen punkiger und stümperhafter gespielt wurde, aber auch nicht mehr.

Und wäre Cronos nicht bei Neat gewesen und wäre nicht so hartnäckig dran geblieben, dann wäre es auch mit Venom nix geworden. Vielleicht hätten wir dann nicht mal Bathory bekommen, oder alles erst ein paar Jahre später. Der Dickschädel aus Newcastle wurde zwar ständig ignoriert, aber er schob unzählige Überstunden und bequatschte die Tontechniker, ihn ein Demo aufnehmen zu lassen. Das kam für Neat allerdings überhaupt nicht infrage. Zeit war pures Geld in so einem Studio und man wollte den Launen eines Lehrlings nicht nachgeben.

Mit den Dwarf Stars wäre das auch ganz sicher nichts geworden, aber Cronos lernte auf einer privaten Party dann eben Jeff Dunn alias Mantas kennen und der Stein kam ins Rollen. Jeff erzählte von seiner Band Guillotine, von der Cronos behauptet, es sei eine Judas Priest Tribute-Band gewesen, was Mantas selbstverständlich leugnet. Aber die zwei könnten auch zusammen im Regen stehen und einer von ihnen würde behaupten, es scheine die Sonne. Klar hatte Mantas eine Flying V und hätte gerne gespielt wie KK Downing. Er sagte selbst, dass Guillotine mal versuchten hätten „The Ripper“ von Priest zu covern, was kläglich in die Hose ging, weil sie das Zeug einfach nicht spielen konnten. Das ist zumindest glaubhaft. Heute ist Mantas ein recht passabler Gitarrist, aber da liegt sicher harte Arbeit drin. Mantas war nie einer, dem das in die Wiege gelegt worden war – und er konnte garantiert damals keine Solis von Priest nachspielen.

Ein weiterer Meilenstein bei Venoms Erfolg war sicher Geoff Barton, der den Begriff der NWOBHM im Sounds Magazine zum ersten Mal verwendete und der später dann das erste Demo von Venom auf seinem Schreibtisch fand. Selbst sagte er, er konnte seinen Ohren nicht trauen. Alle Kollegen hätten fluchtartig das Büro verlassen, und zwar nicht aus Protest, sondern aus Angst um ihr Leben. So wörtlich Geoff Barton. So unglaublich es sich anhört: er war ein Befürworter von Venom, auch wenn keiner wusste, warum eigentlich. Das ging so weit, dass Neat Records glaubten, Venom hätten ihn bestochen, weil der ihr Demo im Sounds so hoch bewertete, nämlich mit 5 von 5 Sternen. Und in seiner Review hat er Neat indirekt dazu aufgefordert, mit Venom eine Platte zu machen.

Ihr seht also, da sind einige wichtige Faktoren zusammen gekommen. Erstens die richtige Zeit, man hatte die NWOBHM noch vor sich, die Plätze waren noch nicht alle besetzt. Man hatte eine eigene Idee, nämlich Chaos und Angst zu verbreiten und satanische Themen zu verwenden. Man hatte einen der größten Musikkritiker der damaligen Zeit auf seiner Seite, und man hatte jemanden, der in einem Studio arbeitete.

Am besten jagt man alles in die Luft

Schaut man sich alte Bilder der frühen Band an, als Clive Archer noch Sänger war, dann wird sofort jedem klar, wo die Kids der 90er ihre Inspiration her hatten, sich Schminke ins Gesicht zu tunken. Sicher, da sind auch Kiss, Arthur Brown und Alice Cooper nicht ganz unschuldig, aber besagte Bilder mit Venom als Vierer passen wie angegossen zur frühen BM-Bewegung in Norwegen. Vor allem, weil Clive auch noch gerne an einem Messer lutschte und es so aussehen ließ, als schneide er sich in die Zunge. Ausgestiegen ist er dennoch, weil ihm Venoms Ausrichtung nicht in den Kram passte. Zwar war er ein Horror-Film-Fan, aber er stand ebenfalls eher auf Judas Priest und ließ den Venom-Lärm links liegen, um in einer Blues-Band zu singen, wo er auch noch heute hobbymäßig zugange ist. Im Grunde speiste sich Venom aus drei Bands. Clive Archer war mit Schlagzeuger Abaddon befreundet und Sänger bei Oberon, Cronos hatte seine Dwarf Stars und Mantas Guillotine. Allerdings hatten sie den Namen Venom angenommen, weil ein Typ, der immer bei ihnen im Proberaum herumhing, ihn vorschlug. Keine große Sache also. Verewigt wurde das dann durch ein weißes Motorrad, auf dem Mantas auf dem Bild der Rückseite des Black-Metal-Albums sitzt. Diese Maschine gehörte also dem Namensgeber.

Clive hatte wohl endgültig die Schnauze voll, als die Band ausgerechnet in seinem Vorgarten ihre Pyrotechnik ausprobierte und quasi den ganzen Garten in die Luft jagte. Venom ohne Pyrotechnik sind ja ebenfalls überhaupt nicht zu denken. Die haben da eine Menge Schaden angerichtet und es ist geradezu ein Wunder, dass da niemand ums Leben kam. Vor allem, weil von Sicherheit überhaupt nie die Rede war. Weil sie kein Geld hatten, besorgten sie sich alte Landminen und füllten Eisenrohre mit allen möglichen Dingen. Oder sie besorgten sich auf Flohmärkten alte ausgediente Kanonen und derlei Späße. Die Sprengwirkung von diesen Dingen wirklich einzuschätzen war quasi unmöglich. Als sie mal in einem Gemeindezentrum probten, ist das Dach eingestürzt, als sie die Pyros zündeten. Und auch auf späteren Live-Auftritten ging regelmäßig was schief. Sie haben unzählige Löcher in die Bühnen gebrannt, Theatervorhänge standen in Flammen und Geschosse sind durch die Luft geflogen und in die Wand geknallt. Es war sicherlich ein absolutes Risiko, damals einen Auftritt von Venom zu besuchen, aber das war damals natürlich niemandem klar. Den Veranstaltern vielleicht, denn in England wollte Venom niemand auftreten lassen, nachdem sie die Demos gehört hatten. Also gingen sie den Weg über das Ausland. In Belgien zum Beispiel spielten sie einen Gig, wodurch ein Plattenverkäufer in Amerika auf die Band aufmerksam wurde. Der bestellte bei Neat einen ganzen Karton des ersten Albums. Und so passte wieder einmal alles zusammen.

Wäre dem nicht so, dann wären Venom nicht eine der 10 einflussreichsten Bands aus Großbritannien, und das muss man sich durchaus auf der Zunge zergehen lassen. Vor allem, wenn man weiß, was die Insel musikalisch hervorgebracht hat. Da sind die Beatles, The Who, The Rolling Stones, Queen, Led Zeppelin, Black Sabbath, Fleetwood Mac … eine schier unglaubliche Liste .. und dann sind da Venom.

Eine Demo wird zum Kultalbum

Welcome to Hell

Wirklich keiner konnte ahnen, was da geschah, als 1981 „Welcome to Hell“ auf der Bildfläche erschien. Der Witz an der Sache ist, dass Venom das Album gar nicht in dem Bewusstsein aufgenommen hatten, ein Album einzuspielen. Sie dachten, sie würden von Neat ins Studio geschickt, um ein Demo aufzunehmen. Die erste Single „In League with Satan“ war nämlich unerwartet so erfolgreich, weil Geoff Barton im Sounds nicht müde wurde, darauf hinzuweisen, dass es hier eine Band gibt, die völlig anders klingt als alles, was man je gehört hat und dass die Musiker auch völlig irre sind.

Das will man als Pubertierender doch hören: eine Band, die vom Satan singt und Live alles in die Luft jagt und nur Lärm fabriziert. Klasse! Das ist unsere Band! Neat fragte die Band also, ob sie noch mehr Songs hätten und das hatten sie natürlich und spielten alles innerhalb von drei Tagen ein. Wider erwarten pappten Neat dann auf diese Demos einfach einen Deckel drauf und brachten die Sachen als Album raus. Und auch wenn die Band natürlich zunächst entsetzt war, war es genau dieser rohe Demosound, der die Platte zum absoluten Kultobjekt machte. Was beim zweiten Album der Titel war, das war hier der unverhohlene Rumpelcharakter. Und natürlich sind beide Alben Klassiker, das steht außer Frage. „Black Metal“ klingt natürlich besser, aber „Welcome to Hell“ hat einen nicht zu überbietenden Charm, weil die Band völlig unbekümmert an die Aufnahmen herangingen.

Der Erfolg des Albums war überwältigend und für alle im Grunde unbegreiflich und ein Jahr später kam dann „Black Metal“. Man könnte fast sagen, der Rest ist Geschichte. Venom werden für alle Zeiten am Beginn einer neuen Musikrichtung stehen, auch wenn im Grunde fraglich bleibt, was Black Metal in seinem Kern eigentlich sein soll. Man darf eben nicht vergessen, dass Venom immer eine Rock ’n‘ Roll band waren, die alles mit einem Augenzwinkern taten, mit jugendlicher Unbeschwertheit eben, während der norwegische BM ja auch gerade dafür geeignet war, ziemlich gestörte Persönlichkeiten anzulocken. In der Zwischenzeit ist es dann doch darüber hinaus ein wahrhaft ernstzunehmendes musikalisch und künstlerisch wertvolles Genre geworden. Nimmt man es ganz genau, waren Venom sogar die erste Black ’n‘ Roll Band, ein weiterer Begriff, der sich im Laufe der Zeit für all jene BM Bands eingebürgert hat, die tatsächlich wieder mehr Back to the Roots gehen wollten.

Während allerdings Cronos und Abaddon das Rockstar-Leben in vollen Zügen genossen, distanzierte sich Mantas immer mehr von der Band. Er hatte überhaupt keine Lust auf Exzesse. Irgendwann in jungen Jahren mal in seiner Kotze aufgewacht, hatte er kein Interesse an einer Wiederholung. Aber das brachte natürlich den Spaltpilz in die Band und die Auswirkungen waren dann auf dem vierten Album „Possessed“ zu hören, das an sich keine schlechten Songs enthält, die aber kaum geprobt wurden und quasi von Cronos im Alleingang hingedudelt wurden. Mantas war da schon halb raus. Der Rest ist bekannt. 1987 kam „Calm before the Storm“, Mantas war raus, zwei Gitarristen kamen dazu: Mike Hickey und James Clare. Und 1989 ging das Spiel in die andere Richtung. Mantas war wieder drin, brachte Tony Dolan und Al Barnes mit rein und Cronos war draußen Die Truppe um Mantas war quasi schon die Version von Venom Inc. Und seitdem ist die Fangemeinde diesbezüglich gespalten, weil es ja immer auch darum geht, welche der beiden Bands das wahre Venom-Erbe verwaltet. Für mich tun das weder Venom mit Cronos noch Venom Inc. mit Mantas. Das hat alles nichts mehr mit dem zu tun, warum ich eigentlich ein Venom-Fan bin. Die damaligen Songs strotzen nur so vor Kreativität, auch wenn man sie aus einem gewissen musikalischen Snobismus heraus belächeln mag. Alles nur Lärm und Krach. Was anderes haben Venom auch nie behauptet. Aber es ist eben eine der kreativsten Arten, Krach und Halligalli zu machen. Der Charm, den die Band damals ausstrahlte, fängt auch den Zeitgeist hervorragend ein. Wenn man jetzt etwas weiter denkt, dann sind Bathory und Hellhammer direkt von Venom abhängig. Obwohl Quorthon einer der wenigen Musiker war, die behaupteten, nicht von Venom beeinflusst zu sein, was natürlich völliger Quatsch ist, wenn man sich die Sache mal genauer anschaut. Während Tom Warrior in die andere Richtung ging und Venom sogar übertreffen wollte, was ihm ja auch gelungen ist. Nicht nur mit Hellhammer, sondern spätestens mit Celtic Frost. Das war der gleiche Gedanke, den Cronos damals in Bezug auf Black Sabbath hatte und den Mayhem dann in Bezug auf den ganzen Rest hatten.

Wir müssen noch ein paar Worte über das dritte Album von 1984 verlieren: At War With Satan.

Im Laufe der Jahre wurde viel über Venoms chaotische und punkige Herangehensweise an die härteste Musik, die man sich vorstellen kann, gesagt, und ich habe heute meinen Teil dazu beigetragen, aber es lohnt sich, daran zu erinnern, dass „At War With Satan“ viel mehr zu bieten hat als einen dreiminütigen Auswurf voller hässlichem Lärm aus den Tiefen von Satans Rachen.

Einzigartig für die NWOBHM-Ära ist hier schon der Titeltrack des Albums, ein einziges, 20-minütiges Epos, das, obwohl es die technischen Fähigkeiten der Band hörbar bis an die Grenze ausreizte, eine kühne und innovative Erklärung der böswilligen Absicht dahinter darstellte: allen zu zeigen, dass man sich auch genüsslich im musikalischen Größenwahn zurecht findet. Das Album verwirrte sicherlich viele Venom-Fans der damaligen Zeit, und nach wie vor ist es das Album der klassischen Besetzung, das am meisten polarisiert. Dennoch ist es natürlich ein Klassiker, und für nicht gerade wenige das beste Venom-Album überhaupt, missverstanden vielleicht, das mag sein, aber ein Klassiker. Was viele Leute nicht mehr wissen, ist, dass Venom eine der ersten Bands in den 80ern war, die der Zensur angeblich besorgter Inquisitoren zum Opfer fielen. Dieses Album verärgerte all die richtigen Leute, während es gleichzeitig den Ruf seiner Schöpfer untermauerte, Heavy Metal in ein dunkleres, schmutzigeres und spürbar verrückteres Territorium zu führen, als es sich irgendjemand zu dieser Zeit auch nur erträumt hatte. Die Platte wurde überall aus den Regalen genommen und verkaufte sich deshalb auch nicht besonders, was aber – und dass muss ich betonen – nichts mit dem Ende von Venom zu tun hatte. Denen war sowas herzlich egal.

Der ausufernde Titeltrack ist natürlich das offensichtliche Herzstück: Seine oft unbeholfenen Übergänge von einem streitlustigen Riff zum nächsten zeigen die Grenzen der musikalischen Fähigkeiten von Venom auf, aber die schiere Kühnheit und Unbekümmertheit des Ganzen stellt sicher, dass At War With Satan 20 Minuten abenteuerliche, unausstehliche Brillanz bietet, es sei denn, man ist allergisch gegen Rohheit und lockere Angeberei.

Auch der Rest des Albums ist verdammt großartig – von der stampfenden Metal-Wut von „Rip Ride“ und „Genocide „bis hin zum absurden Thrash von „Women Leather And Hell“ und dem Tumult des treffend betitelten „Aaaaaarrghh“ mögen Venom die Geduld von Metal-Fans mit einer Vorliebe für ausgefeiltere, professionellere Kost mutwillig auf die Probe gestellt haben, aber bei Gott, sie haben einen erheiternden und freudig idiotischen Lärm gemacht. Mit dem Zusatz Satan.


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2 Gedanken zu „Sons of Satan: VENOM“

  1. Hallo Krempe,
    wie immer sehr informativ und mit sehr starken Bildern von den „Wahnsinnigen“ untermauert. Ich schätze deine Arbeit auf der Webseite sehr und die Sachen auf Youtube natürlich auch. Ich hoffe es wird immer mal was kommen.
    Beste Grüße aus dem Sauerland

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    • Danke für deinen Kommentar! In welcher Regelmäßigkeit es hier weitergeht, kann ich noch nicht sagen, aber ab und zu wird sicher was kommen. Die Seite ist ja nun bei weitem noch kein Publikumsmagnet. 🙂

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