Ein Werk, das Tausend Jahre überdauert (Negative Plane: The Pact)

Negative Plane haben nach über 11 Jahren, in denen manche Mitglieder der Band sporadisch andere Projekte verfolgten, ihr drittes Album über Invictus Productions in Dublin herausgebracht, und das ist ganz und gar erstaunlich – im Sinne eines „Next Level“-Anspruchs im arkanen Black Metal – und hat auch einige Zeit in Anspruch genommen, bis die Teile sich zu fügen begannen.

Das Ergebnis ist ein Werk, das auf natürliche Weise die Grenzen zwischen Black Metal, bösartigen Speed Metal und reinem Heavy Metal auf unheilige Art und Weise überschreitet und ständig und mit viel Finesse daran erinnert, dass der Teufel immer die Oberhand gewinnt, egal wie clever man ist. Es geht um die Geschichte des Teufelspakts, nicht eigentlich um Goethes Faust, sondern um das Paktieren mit dem Teufel ganz allgemein, und so heißt dieses Konzeptalbum dann auch The Pact…

Negative Plane wurden 2001 von Sänger und Gitarrist Edward Miller alias Nameless Void gegründet, bevor er Matthias Müller alias Bestal Devotion fürs Schlagzeug fand. Miller und Müller also. Müller deshalb, weil Bestial Devotion in Deutschland geboren wurde und in den 90ern nach Amerika auswanderte. Es gibt zwei Alben von Matthias Müller, die er in der Zeit, da Negative Plane auf Eis lag, unter Funereal Presence veröffentlicht hat, und das letzte – Achatius von 2019 habe ich in den Anfängen des Youtube-Kanals auch besprochen, allein schon deshalb, weil Funereal Presence definitiv meine absolute Lieblingsband im BM ist, wenn man da überhaupt von einer Band sprechen kann, wo Bestial Devotion doch fast alles allein gemacht hat. Geholfen wurde ihm nur hier und da von – und jetzt kommt die große Überraschung – Edward Miller von Negative Plane. Es ist jetzt nicht besonders verwunderlich, dass Negative Plane und Funereal Presence einen ähnlichen Ansatz im Songwriting und auch im Klang verfolgen, der sich aus Avantgarde, dem Okkulten und dem Psychedelen zusammensetzt.

Der Vorteil des USBM ist sicherlich, dass er keinen Signatur-Sound besitzt und deshalb viel freier und in der Regel überraschender ist als etwa die norwegische oder schwedische Variante, weil hier persönliche Einflüsse eine viel stärkere Betonung haben als anderswo. Sicher bilden sich regionale Kollektive auch hier aus, wie zum Beispiel in Cascadia oder den Appalachen, aber mittlerweile gibt es von Alaska bis Hawaii Black Metal Bands mit einer einzigartigen Handschrift, die so nirgendwo anders gehört werden kann.

Negative Plane gründeten sich mehr oder weniger in Florida, aber erst jüngst sind sie eine wirkliche Band und in New York ansässig. 2011 hatte noch Ignotus alias Diabolic Gulgata den Bass bedient, der jetzt an die Gitarre wechseln konnte, weil sie den kolumbianischen Bassisten David Cifuentes alias Lord Thammuz gefunden haben. Multiinstrmentalisten sind sie quasi alle – und in dieser Hinsicht gibt es kaum musikalische Probleme, auch wenn man sagen muss, dass Bastial Devotion schon ein ganz besonderes Schlagzeugspiel hat, das man unter Tausenden wiedererkennt und es deshalb schon ein Vorteil ist, dass er nicht an der Gitarre ist, die er ja ebenfalls spielt, wie er ja bei Funereal Presence hinlänglich bewiesen hat. Seinen wirklich seltsamen Schlagzeugstil führt er dann auch darauf zurück, dass er eigentlich wie ein Gitarrist denkt.

2006 veröffentlichten Negative Plane ihr Debüt namens „Et in Saecula Saeculorum“, dem 2011 „Stained Glass Revelations“ folgte. Diese beiden Alben machten Negative Plane zu einer Legende im USBM-Underground, und das aus gutem Grund, denn ihr Black-Metal-Stil, der sich – vereinfacht gesagt – mehr an der ersten Welle orientiert, ist völlig einzigartig und hat wenig zu tun mit der Wald-und Wiesen-Raserei auf der einen – oder einer modernen Produktion auf der anderen Seite. Für mich ist das ganze Umfeld von Negative Plane davon geprägt, wie sich der Black Metal hätte entwickeln können, wenn er nicht in die Krallen der Norweger geraten wäre. Zu diesem Punkt komme ich später noch mal zurück, weil ich euch dieses Umfeld noch mal gesondert zeigen will.

Nach „Stained Glass Revelations“ war für die Band ein Punkt erreicht, wo sie nicht wusste, wie es weiter gehen sollte. Nameless Void versuchte zwar, neues Material zu schreiben, kam aber nicht voran. Er spielte dann einige Jahre in der Okkult-Doom-Band Occulation, die es leider nur auf zwei Alben brachten und die zwar gar nichts mit Black Metal zu tun haben, aber sobald man sich die beiden Alben anhört, spürt man auch hier den eindeutig okkulten Charakter, den auch Negative Plane besitzt. Tatsächlich sind Occulation, die mit der Finnin Annu Lilja wie viele andere Occu-Doom-Bands ebenfalls eine Sängerin haben, nicht mit den üblichen Jefferson-Airplane-Ripp-Offs zu vergleichen, sondern wirklich okkult, aber dazu kommen wir sicher ein andermal.

2015 fing Void damit an, die südamerikanischen Sachen wie „I.N.R.I.“ von SARCÓFAGO und „Bloody Vengeance“ von VULCANO zu vermissen. Einen solchen Sound gibt es heute nicht mehr und Void wollte sowas wieder in der Musik haben, aber ein Thema hatte er noch nicht. Bei Negative Plane sind die Musik und das Konzept ja eng miteinander verwoben und Void zieht seine Songs immer von den Lyrics her auf. Ihm kam dann die Idee, ein Album mit verschiedenen Charakteren zu machen. Nicht im Stil von King Diamond, sondern über ihre Berufe. Einer könnte ein Schmied sein, ein anderer arbeitet wie ein Küster in der Kirche, ein anderer ist Architekt – und jeder von ihnen schließt einen faustischen Pakt ab.

Irgendwann besuchte Void eine Freundin in Regensburg und erst da begannen sich die Dinge zu fügen, als er nämlich vor der berühmten Steinernen Brücke stand, der ersten ihrer Art in ganz Europa. Und dort gibt es die berühmte Geschichte zwischen der Wette des Brückenbaumeisters und des Dombaumeisters, die darum ging, wer zuerst fertig wäre. Der Brückenbaumeister schloss diesen Teufelspakt und war dadurch natürlich als erster fertig, aber als der Teufel die versprochenen ersten drei Seelen forderte, trieb der Baumeister einen Hahn, eine Henne und einen Hund über die Brücke, wurde also betrogen.

Void hatte hier jetzt seinen Katalysator, allerdings wollte er lieber über die Kirche schreiben als über die Brücke, weil er dadurch mehr Möglichkeiten hatte. Es gibt zwar in jeder Stadt auch eine Brücke, aber bei Kirchen und ihren verborgenen Geheimnissen, Ketzerein, Mystizismen usw. ist die Anzahl der Geschichten nahezu unbegrenzt.

2019 entstand dann der erste Song, der auch der Opener auf dem Album ist:
„A Work to Stand a Thousand Years“. Und sofort merkt man dann auch, dass eigentlich die Musik um die Geschichten herum geschrieben wurde, denn ganz normale Lyrics sind das eben nicht. Die Atmosphäre des Albums ist mittelalterlich ohne irgendwie folkig zu sein. Das liegt am schwer zu benennenden Klang der Band und natürlich an Voids einzigartiger Stimme, der tatsächlich eher wie ein düsterer und prophetischer Erzähler fungiert und nicht etwa kreischt und gar singt. Das alles geht so gut zusammen, dass es auch gar keine andere Band machen könnte.

Ich meine, während „Stained Glass Revelations“ (2011) mit seiner weitaus chaotischeren und imposanteren Tracklist einen neuen Höchststandard erreichte, der sie bei vielen Fans von arkanem Black Metal, Avantgarde, Okkultismus und dem allgemein psychedelisch angehauchten Gefühl des neuen Jahrzehnts beliebt machte, weil es in Vereinigten Staaten zu diesem Zeitpunkt nur wenige Bands gab, sie solche Standards setzten, ist der Klang von „The Pact…“ vergleichsweise weniger mit Hall versetzt, abgesehen von der Andeutung eines Raums mit hohen decken, ähnlich wie bei „Achatius“ vor ein paar Jahren, aber mit mehr Definition für die Beckenarbeit, einem alten Bassgitarren-Ton und sehr wenig Klirrfaktor der verschiedenen Gitarrenspuren. Die Vocals hingegen schaffen es, eine etwa drei Fuß hohe Sinuswelle an Hall zu tragen, die nach jeder Aussage, manchmal nach jedem Wort, nachhallt, als ob sie durch ein eichenes Megaphon von der Größe eines Lastwagens gesprochen würden. Die Erzählung ist dennoch klar und direkt, wann immer man sich der Kanzel nähert. Die Darbietungen von Nameless Void sind nicht gerade Tony Dolan auf „Prime Evil“, aber auch nicht weit entfernt von der Black/Heavy Metal-Diktion, und das passt zu den bewundernswerten technischen Leistungen von Negative Plane, von denen vieles etwas verwirrend geflochten ist, um eine performative Art von Speed-Metal-Effekt zu erzielen, aber mit der Düsternis und dem wahnsinnigen Grinsen des Black Metal einen extremistischen Standard beibehält.


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6 Gedanken zu „Ein Werk, das Tausend Jahre überdauert (Negative Plane: The Pact)“

  1. Das Album ist, wie Floppy richtig sagt, mit gutem Wein zu vergleichen. Als Leidenschaftlicher Weintrinker darf ich mir das rausnehmen .
    Ich muß es unbedingt mal wieder hören und bin sicher ich entdecke auch diesmal wieder etwas neues. Nichts wo man sagt , wahnsinn ein ganz neues hörerlebnis, sondern kleine feine Nuancen die man vorher überhört hat.
    Das Album ist schon, für mich, ein wirkliches Meisterwerk das still und leise auf einem beschienenen Thron sitz.

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  2. ich kenne, habe und liebe dieses Album. Aber was ich besonders mag, wenn man nach längerer Zeit, über ein Album spricht. Ich bin zwar kein Weinkenner oder Freund, aber irgendwie muss wie ein Wein, ein Album erst mal „atmen“. Gerade in dieser heutigen Zeit, wird vieles voreilig bewertet oder schnell auf die Seite gelegt, da schon die nächsten Alben in den Startlöcher stehen.
    Durch diesen Beitrag allerdings, bin ich neugierig, was es mit den Nebenprojekten/Bands auf sich hat,…..

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    • Irgendwie ist das für mich eine runde Sache mit Occulation, Funereal Presence und Negative Plane. Als wäre dieser kleine Hot Spot eine geheimnisvolle Mini-Szene, die nur den Eingeweihten zur Verfügung steht, und den auch nur wirkliche Kenner zu schätzen wissen. Das mit dem Wein ist ein guter Vergleich.

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